Gefallen (5)

Na gut, was die Albernheit angeht, habe ich beim letzten Mal zu viel versprochen. Unbedacht von mir, der Gekreuzigte ist nun eher nicht so ein lustigen Typen. Aber dafür sind Kara und Morgan wieder dabei, die sind auch immer ein bisschen albern.

Viel Spaß beim neuen Kapitel unseres Fortsetzungsromans „Gefallen“!

Was bisher geschah
Im ersten Kapitel wurde Prinzipal Janan von einer Eisernen Jungfrau entführt und durch die Höhlen des Hüters in das Unheiligtum gebracht.
Im zweiten Kapitel kehrte er mit der Eisernen Jungfrau zurück und beriet sich mit seinen… Ja, mit seinen Beraten, wem sonst? über die Bedrohung durch den Hüter.
Im dritten Kapitel lernen wir Mischa kennen, der Prinzipal entscheidet, dass er die Hilfe des Magistrats braucht, und seine Schwester Jasmi reist nach Nomren, um diese anzufordern.
Im vierten Kapitel spricht Jasmi mit dem Magistrat und seinem Ersten Magier, Mischa will von Gennard eine neue Hand, und die Mandurische Armee erleidet eine Niederlage.

Was heute geschieht

Vor langer Zeit

„Warum strebst du plötzlich nach Frieden? Ich spreche doch sicher nur aus, was wir alle gerade denken: Du musst doch gesehen haben, dass du verlieren wirst.“

„Verlieren, gewinnen, alles gesehen, aber Schweigen, Schweigen, denn nichts sollt ihr wissen, die Zukunft verhüllt vor den Blinden.“

„Haben wir auch schon alle daran gedacht, dass sie auch gesehen haben muss, dass wir am Ende einverstanden sind?“

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Heute

Jasmi blinzelte und rieb sich die Augen, aber es half nicht.

„Hier drin wirkt alles so… irreal“, sagte sie. „Was ist das?“

„Irrealität“, antwortete der Magistrat. „Wenn Ihr es genauer erklärt haben wollt, Madame, müsst Ihr Skreineech fragen, aber hofft besser nicht, dass Ihr es danach besser versteht. Das Monument ist… eine Art Grenze der Wirklichkeit. Und wir sollten darauf achten, nicht zu tief in das Grenzgebiet vorzudringen. Es gibt keine physischen Hindernisse, es wäre nur einfach… nicht ratsam.“

Sie schüttelte ihren Kopf und sah sich staunend in dem riesigen Raum um. Drei schwarze Wände ohne Fugen, ohne Unebenheiten, ohne jedes sichtbare Merkmal. Und eine Wand, die von oben bis unten dicht mit winzigen, schwach schimmernden Schriftzeichen bedeckt war.

„Was ist das?“ fragte sie, „Die Zeichen?“

„Das Testament des Messias“, antwortete er. „Wir können es nicht lesen. Die meisten Magier könnten es auch nicht. Skreineech nennt es die Sprache der Toten.“ Er legte seine Stirn in Falten und presste seine Lippen zusammen. „Es ist kein schönes Gefühl, dass so gut wie mein ganzes Wissen über das Monument von ihm stammt. Er könnte mir alles erzählen.“

Jasmi lächelte. Ihr Bruder und sie kannten das Gefühl, völlig von Beratern abhängig zu sein.

„Glaubt Ihr, dass die Gefallenen wirklich gelebt haben?“

Er nickte. „Ich bin sicher. Wir haben Berichte über sie und ihre Schlachten, wir haben Bauwerke, und wir haben hier in meinem Palast einige Schriftrollen, die möglicherweise von Doppelgängers eigener Hand stammen.“

„Moment“, sagte sie, plötzlich verwirrt. „Wie sind wir hier herein gekommen?“ Sie drehte sich um, und entdeckte keine Öffnung in den schwarzen Wänden des Raumes. Sie drehte sich noch einmal um sich selbst, und während sie versuchte, sich zu erinnern, wie sie hier gelangt war, kam ihr der Raum plötzlich viel kleiner vor, als kämen die Wände auf sie zu. Es war scheußlich. Weil weder der Boden, noch die Decke, noch die Wände irgendwelche sichtbaren Merkmale aufwiesen, war es unmöglich, Dimensionen und Entfernungen zu schätzen. Nur die eine Wand mit den Schriftzeichen bot einen Anhaltspunkt, und sie schien im Vergleich mit den anderen grotesk groß. Oder sehr nah. Sie blinzelte und kniff ihre Augen zusammen, und jedes Mal, wenn sie sie wieder öffnete, schienen die Wände näher. Und größer. „Wie kommen wir hier wieder raus?“ fragte sie, zu laut und zu schrill. Fühlte der Boden sich weich unter ihren Füßen an?

Der Magistrat legte eine Hand auf ihre Schulter, und dann noch eine auf ihre andere, und sah in ihre Augen.

„Denkt nicht darüber nach“, sagte er langsam und deutlich. „Beruhigt Euch, atmet tief durch, und denkt einfach nicht mehr drüber nach. Oh, und geht bitte näher an die Wand mit dem Testament. Dieser Weg führt tiefer in die Irrealität. Ich zeige Euch nachher schon, wie wir wieder rauskommen.“

„Ich glaube, ich möchte jetzt gleich gehen“, keuchte sie. Sie fühlte sich sonderbar atemlos, als stimme etwas nicht mit der Luft hier drin. Und warum auch nicht? Hier drin stimmte offenkundig einiges nicht.

„Seid Ihr sicher?“ fragte der Magistrat. „Ich werde Euch nicht wieder in das Monument führen. Dies ist Eure einzige Chance, das Grab der Gefallenen zu sehen.“

„Ich war mir noch nie so sicher. Das hier ist eine… eine…“

Sie unterbrach sich, als sie bemerkte, dass der Blick des Magistrats nicht mehr auf ihr ruhte, sondern auf etwas hinter ihr fixiert war, und das sich in seinem Gesicht keine Spur seines freundlichen Lächelns mehr fand.

„Was… Was ist da?“

Sie wusste nicht, ob sie es wissen wollte.

„Keine Angst, Madame“, hörte sie die pedantisch artikulierte Stimme des Ersten Magiers. „Ich bin es nur.“

Jasmi atmete erleichtert auf und drehte sich zu ihm um.

Sie erkannte Skreineech kaum wieder. Die Hose seines braunen Anzugs war mit Schlamm und Blut beschmiert, sein Jacket wies mehrere Brandflecken und einige handtellergroße Löcher auf, den schwarzen Binder hatte er verloren und der Kragen seines Hemdes stand schief und teilweise nach oben geklappt.

Er nickte ihr kurz zu und fixierte seinen Blick auf den Magistrat.

„Die Gefallenen sind unsere einzige Hoffnung“, sagte er, „Und ich werde sie jetzt wecken.“

„Skreineech!“

Jasmi wirbelte zu dem Magistrat herum, und ihr wurde ein bisschen schwindlig von der Bewegung, weil der Raum sich für einen Moment mit ihr zu drehen, dann aber nicht mit ihr stehenzubleiben schien, und weil sie sich kurz nicht mehr sicher war, wie weit und wohin sie sich gedreht hatte. Er starrte seinen Ersten Magier mit eng zusammengezogenen Brauen und weit geöffneten Augen an.

„Es ist mein Entscheidung“, sagte er bedrohlich ruhig.

„Magistrat, es gibt keine Entscheidung mehr“, hörte sie Skreineech hinter sich. Sie verzichtete darauf, sich zu ihm umzudrehen. „Wenn wir es nicht tun, wird der Hüter in wenigen Tagen vor Nomren stehen, und in ein paar Wochen wird er das ganze Reich in der Hand halten. Wir haben ihm nichts entgegenzusetzen!“

Der Magistrat seufzte.

„Ihr wart nicht dabei!“ fuhr der Magier fort, „Das war keine Schlacht, es war Schädlingsbekämpfung.“

„Wir sollten…“ Die Stimme des Magistrats verklang unschlüssig, und für einen Moment glaubte Jasmi, ein leises Flüstern zu hören.

Skreineech trat näher an ihn heran und hob beide Arme.

„Entscheidet“, sagte er. „Soll ich sie wecken, oder wollt Ihr anfangen, die Kapitulationserklärung für diese Abscheulichkeit aus den Höhlen vorzubereiten?“

Der Magistrat seufzte, senkte seinen Kopf und trat zur Seite.

Der Erste Magier ging auf die Wand mit den Schriftzeichen zu, und Jasmi konnte dem Drang nicht widerstehen, zu blinzeln und ihren Kopf zu schütteln, als sie ihn immer kleiner werden sah, ohne dass er der Wand näher kam, bis sie ihn schließlich nicht mehr sehen konnte, oder-

Sie zuckte zusammen, als der Magistrat eine Hand auf ihre Schulter legte.

„Wir sollten jetzt gehen“, sagte er tonlos, wie betäubt. „Schnell.“

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„Oohhh verflucht!“

Und wieder sank Karas Stiefel so tief in den verwünschten Schlamm ein, dass der Dreck über den Rand hineinlief und ihr Hosenbein, ihre Socken und ihre Füße durchnässte.

Natürlich hatte Morgan einen Gärtner, aber er sagte immer, dass Gartenarbeit die beste -da am wenigsten gefährliche- Art war, die Heldentugenden Geduld, Demut und Ausdauer zu lernen, sich an den Umgang mit scharfkantigen Gegenständen zu gewöhnen und körperlich in Form zu bleiben.

Kara hatte den ganzen Vormittag damit zugebracht, Rosen zu beschneiden, und ihre Knie schmerzten fürchterlich.

Mit Mühe hievte sie sich aus dem tiefen Schlammloch, in dem ihr linker Fuß verschwunden war und tat nun versuchsweise einige erste, staksige Schritte. Sie hasste dieses Gefühl von Wasser im Schuh, und das Geräusch bei jedem Schritt.

Kara ließ sich auf den Rasten fallen und zog an ihrem Stiefel, aber natürlich löste er sich nicht so einfach, nass wie er war.

Es wäre toll, wenn ihr jetzt jemand helfen könnte, das verdammte Ding loszuwerden, aber natürlich war Morgan nirgends zu sehen.

Überhaupt, sie hatte ihn noch nie selbst im Garten…

„Seid gegrüßt, meine Dame, ist dies das Haus des berühmten Helden Morgan?“

Natürlich. Wenn sie schlammbeschmiert und mit einem halb ausgezogenen Stiefel im Dreck lag, musste hier ein livrierter Bote auftauchen.

Sie setzte sich auf und versuchte, eine halbwegs würdevolle Haltung anzunehmen, so gut sie es eben konnte, während sie gleichzeitig weiter an dem verwünschten Stiefel herumzerrte.

„Ja, das ist es. Ich bin Kara Mjoikinnen. Wer schickt Euch?“

„Ich bin ein Gesandter des Magistrats.“

„Da wird er sich aber freuen. Von dem bekommt er so selten Post.“ Kara lächelte, und stöhnte erleichtert, als ihr Fuß endlich mit einem hörbaren Pflupp aus dem Stiefelschaft glitt. Sie hob ihn auf und humpelte auf Morgans Herrenhaus zu. „Kommt mit rein, ich hole ihn.“

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Eine halbe Stunde später saßen die drei an Morgans Schreibtisch, und der Bote hatte von der Bitte des Magistrats berichtet. Morgan verschränkte die Arme vor seiner Brust und schaute auf die Tischplatte herab, während Kara versuchte, nicht zu offensichtlich Art zu bewundern, wie dabei seine Muskeln hervortraten.

„Die Angriffe des Hüters haben in mehreren Provinzen gleichzeitig stattgefunden?“ fragte er.

Der Bote nickte. „Genau. Als ich aufbrach, waren es Hessia, Ostlank und Olderan.“

„Hm… Kara, was wissen wir über Hüter?“

Sie seufzte.

„Sie sind nichtkörperliche bösartige Wesen, die in der Regel unterirdisch leben, Schätze sammeln und ihre Territorien von unterjochten dämonischen und monströsen Kreaturen bewachen lassen“, ratterte sie betont lieblos ihre Antwort herunter. „Typische Bewohner der Höhlen eines Hüters sind Orks, Eiserne Jungfrauen, Brasloi und Schwarzmagier. Besonders mächtige Hüter haben gelegentlich Drachen, Schwarze Engel oder Dämonen unter Kontrolle. Die Macht des Hüters ist konzentriert in seinem sogenannten Herzen, einem rötlichen Edelstein, der irgendwo im Zentralen Unheiligtum der Höhlen versteckt ist. Mmm…“ Sie legte einen Finger an ihre Lippen und widerstand der Versuchung, auf dem Nagel herumzukauen. „Der letzte organisierte Versuch eines Hüters, ein Territorium auf der Oberwelt zu erobern, liegt ungefähr 300 Jahre zurück und wurde vom damaligen Magistrat erst knapp vor Nomren zurückgeschlagen.“

Morgan nickte, und Kara versuchte, nicht zu breit zu grinsen. Es war ihr vor fremden Leuten ein bisschen unangenehm, wie sehr sie sich über seine Anerkennung freute.

„Was ist das Ziel eines Hüters?“ fragte Morgen weiter.

Kara presste ihre Lippen zusammen und warf dem Boten einen kurzen Blick zu. Er blickte mit einem unterdrückten Lächeln von Morgan von ihr zu Morgan und zurück.

„Naja“, antwortete sie, „Ich hatte ja schon gesagt… Sie sammeln Schätze, und… Soweit wir wissen, sind sie einfach bösartige Kreaturen, die Freuden daran haben, Reichtümer anzuhäufen und Zerstörung und Leid in die Welt zu tragen.“

„Sehr gut.“

Das Lächeln des Boten war nun kaum noch unterdrückt zu nennen. Kara spürte, wie sie errötete. Verdammt, Morgan…

Er wandte sich wieder dem Boten zu: „Hat Skreineech schon um Erlaubnis gebeten, die Gefallenen zu wecken?“ fragte er mit einem schiefen Lächeln.

„Ich bin mit den Beratungsgesprächen des Magistrats nicht vertraut“, antwortete der steif.

Morgan zuckte die Schultern. „Ist auch egal. Der Magistrat ist zu klug, um darauf einzugehen. Komm, Kara, wir brechen auf. Wir haben eine Mission.“

************************************************************

Der Gekreuzigte spielte auf seiner Violine, und die Welt versank in seiner Musik. Er spielte eine traurige Melodie, die in Jasmi Bilder von Winterlandschaften, von sterbenden Bäumen, von Verlust und Einsamkeit heraufbeschwor, aber es war eine wundervolle Art von Trauer, die sie jede Träne genießen ließ. Sie lauschte mit geschlossenen Augen und versuchte nicht einmal, ihre Wangen trocken zu tupfen, oder ihren Hals, und dachte nicht einmal daran, was ihre Mutter sagen würde, wenn sie die Flecken auf ihrem Kleid sah.

Sie fragte sich, ob ein wenig Zauberei in seine Musik floss, oder ob er wirklich solch ein unfassbarer Virtuose war. Konnte ein Mensch ohne magische Unterstützung in einer fahrenden Kutsche so vollkommen spielen?

Die letzte klagende Note verklang, und Jasmi öffnete ihre Augen.

Während er gespielt hatte, hatte sie es beinahe geschafft, zu vergessen, mit wem sie den knappen Raum hier in der Kutsche teilte, aber nun wurde es ihr schlagartig wieder bewusst.

Der Gekreuzigte weinte nicht. Sie glaubte nicht, dass er es konnte. Er saß einfach nur da, die Violine noch an seinem Kinn, neben seinem jetzt etwas verbogenen gewachsten Spitzbart, den Bogen noch in seiner linken Hand mit dem daumendicken Loch in der Handfläche, aus dem langsam aber stetig dickflüssiges dunkelrotes Blut auf die Polster der Kutsche hinabtropfte.

Jasmi atmete ein wenig flacher als sonst, weil ihr Brustkorb sich wie zugeschnürt anfühlte. Sie saß nicht besonders bequem, aber sie versuchte, jede unnötige Bewegung zu vermeiden, und sie wusste nicht einmal genau, warum.

Er hatte ihr bisher nichts getan und tadellose Etikette gezeigt, aber sie konnte doch nicht anders, als ihn als bedrohlich zu empfinden.

Der Gekreuzigte war bizarr groß. Wenn er stand, maß er gewiss mindestens zweieinhalb Meter, vielleicht mehr, und auch jetzt im Sitzen wirkte Jasmi im Vergleich mit ihm wie ein Kind.

Ölig glänzende schwarze Locken fielen auf die Schultern seines aufwändig verzierten purpurroten Gewandes herab und verliehen ihm zusammen mit dem hohen Hut, den er zurzeit neben sich auf der Bank abgestellt hatte, den Anschein eines altertümlichen Priesterkönigs.

Das Schlimmste war sein Gesicht, in dem er anstelle von Augen die Köpfe zweier riesiger Nägel trug, an denen sie deutlich die Spuren der Hammerschläge erkennen konnte, die sie in seinen Schädel getrieben hatten. Sie mussten aus einem weichen Metall bestehen; Blei vielleicht.

Dennoch schien er nicht blind zu sein. Er trug einen Stab, aber er benutzte ihn nicht, um den Weg vor sich abzutasten, und er hatte keine Schwierigkeiten gehabt, in die Kutsche einzusteigen, oder zumindest keine, die mit seinem Augenlicht zu tun hatten.

Es war ihm nicht leicht gefallen, eine bequeme Sitzposition zu finden, obwohl der Magistrat schon einen besonderen Wagen für ihn ausgewählt hatte. Jasmi saß ihm schräg gegenüber neben der Tür, denn direkt vor ihm wäre kein Platz mehr für ihre Beine gewesen.

Langsam ließ er Bogen und Violine sinken sinken und zog aus einer Tasche seiner Robe eine Papiertüte mit Konfekt, aus der er mit zwei Fingern ein Stück herauszog, um es sich in den Mund zu stecken. Mit der anderen Hand strich er seinen Bart wieder in Form.

Er nahm ein zweites und hielt es in ihre Richtung, ohne seinen Kopf zu ihr zu drehen.

„Konfekt?“ fragte er mit seiner grollend tiefen Stimme.

Jasmi sah auf die sauber manikürten Finger hinab, auf das kleine Stück kakaobestäubter Schokolade, auf das Blut, das an seinem Handgelenk hinablief.

Sie schüttelte ihren Kopf. „Danke.“ Und weil sie nicht ganz sicher war, ob er die Bewegung sehen konnte, ergänzte sie: „Nein, danke.“

Er zog seine Hand zurück, zögerte kurz, und schob schließlich auch das zweite Stück in seinen Mund.

„Mögt Ihr keine Schokolade?“ fragte er kauend.

Jasmi log nicht gerne, und weil ihr überhaupt nicht gefiel, wie verängstigt und unsicher sie sich ihm gegenüber fühlte, holte sie tief Luft und antwortete:

„Eigentlich doch, aber ich habe gerade… keinen Appetit.“

Nun wandte er seinen Kopf doch zu ihr um, als würde er sie mit dem Blick der zwei mattglänzenden Nagelköpfe fixieren.

Sie biss die Zähne zusammen und spürte, wie sich unwillkürlich ihre linke Hand um den Türgriff verkrampfte, auf dem sie lag. In diesem Moment bereute sie doch ihre Ehrlichkeit und schalt sich dafür, dass sie das verflixte Konfekt nicht einfach genommen und heruntergewürgt hatte.

Er lächelte.

„Ist es das Blut?“

„Vielleicht“, erwiderte sie vorsichtig.

Eine der Pralinen erhob sich aus der Papiertüte und schwebte bis kurz vor ihr Gesicht, um dort in der Luft stehen zu bleiben.

Das Atmen fiel ihr noch ein wenig schwerer. Sie konnte nicht einschätzen, wie sein Lächeln gemeint war. Der Ausdruck eines Gesichts ohne Augen ließ sich schwer deuten.

Ihr fiel auf, dass man unter den breiten Metallköpfen sehen konnte, wo die riesigen Nägel die Knochen seines Gesichts gebrochen und seine Augenhöhlen verformt hatten.

Sie konnte sich jetzt beim besten Willen nicht mehr vorstellen, etwas zu essen.

„Ich… Nein, danke, wirklich.“

Das Konfekt fiel mit einem leisen Klack auf den Boden der Kutsche.

Der Gekreuzigte seufzte und hielt ihr mit seiner blutenden Hand die ganze Tüte hin.

„Ihr könnt auch selbst eine nehmen.“

Sie wollte nicht.

Aber sie war nicht sicher, ob sie es wagte, ihm das zu sagen.

Es fühlte sich an, als würden stählerne Klammern ihren Brustkorb umfassen, und Jasmi begann sich zu fragen, ob es nur an ihrer Furcht und Unsicherheit gegenüber dem Gefallenen lag, oder ob er es verursachte, bewusst oder unbewusst.

Ohne ein Anzeichen von Ungeduld hielt er seine Hand mit der Konfekttüte in ihre Richtung. Sein Kopf war weiterhin in ihre Richtung gewandt, aber natürlich konnte sie nicht einschätzen, ob er sie ansah, oder ob er überhaupt sah. Es fühlte sich jedenfalls so an, als würden diese stumpfen unebenmäßigen Metallstifte sie anstarren.

„Habt Ihr… Schmerzen?“ fragte sie ihn schließlich.

Er lächelte milde. „Ich habe mich daran gewöhnt. Nehmt ein Stück Konfekt.“

Der letzte Satz war nun unmissverständlich keine freundliche Aufforderung mehr.

Der Atem stockte in ihrem Hals, und sie hustete. Er war es. Er musste es sein. Es war bestimmt nicht nur die Angst vor dieser grässlichen Gestalt, die ihr gegenübersaß, es war seine Zauberei, und wenn sie nicht die Süßigkeit von ihm annahm, konnte er sie einfach ersticken, ohne dass jemand die Möglichkeit hatte, ihn daran zu hindern.

Ihr wurde in diesem Moment schmerzlich klar, dass er tun konnte, was immer er wollte. Es reisten Ritter der Leibwache mit ihr, aber sie zweifelte nicht daran, dass er sie alle mit einem einzigen Gedanken in Flammen aufgehen lassen konnte.

Er war ein Gefallener.

Und sie entschied, dass ihre Abscheu vor seinem Konfekt es sicher nicht wert war, herauszufinden, wie weit er für eine kleine Zurückweisung gehen würde.

Sie streckte eine bebende Hand aus und griff in die Papiertüte, die er ihr anbot, ganz vorsichtig, darum bemüht, ihn nicht einmal durch das Papier hindurch zu berühren.

„Danke“, sagte sie, und schämte sich dafür, wie sehr ihre Stimme dabei zitterte.

Der Gekreuzigte nickte und ließ lächelnd die Tüte sinken. Sein Kopf wandte sich langsam in Richtung des Fensters.

„Der Schmelzpunkt von Schokolade liegt nur knapp unter der menschlichen Körpertemperatur“, sagte er beiläufig, als hätte er sie nicht gerade beinahe getötet. Er schmunzelte, während er fortfuhr: „Stellt Euch nur vor, was uns entginge, wenn er knapp darüber läge.“

Lesegruppenfragen

  1. Ich bin gerade ein bisschen knapp an Zeit und wollte euch trotzdem nicht zu lange auf das neue Kapitel warten lassen. Merkt man das sehr?
  2. Die „Vor langer Zeit“-Abschnitte sind eigentlich nur nervig und wirr, oder? Ich hatte mir das eigentlich ganz nett vorgestellt, aber gerade neige ich dazu, diese Übung abzubrechen.
  3. Kommt die Stimmung im Monument für euch ausreichend rüber?
  4. Wie findet ihr den Gekreuzigten? Und weiß zufällig jemand, wo ich die Idee mit den Nägeln in den Augen geklaut habe?
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7 Responses to Gefallen (5)

  1. madove sagt:

    1) In meiner Eigenschaft als der doofe Fan: Ich hätte es nicht gemerkt… 🙂

    2) Seh ich ähnlich. Ich fand es auch eine coole Idee, daber weil ich es so überhaupt nicht einordnen kann, bringt es auch nicht so viel.
    Aber vielleicht wird es ja Spaß machen, sie nochmal zu lesen, wenn die Geschichte fertig ist und man sie in den Kontext setzen kann.

    3) In der letzten Szene mit dem Gefallenen sehr. Und am Anfang, im Monument, hat die Beklemmung für mich sehr gut funktioniert. Kara und Morgan war atmosphärisch auch okay… Ja.

    4) Der Charakter gefällt mir. Ich grusel mich die ganze Zeit wegen der Wunden und der Nägel, aber ich fürchte, das soll so. Woher: keine Ahnung.

  2. Guinan sagt:

    1. Ist mir nicht aufgefallen.
    2. Bis jetzt hatte ich die stille Hoffnung, dass sich mir der Sinn irgendwann erschließt. Wenn es keinen gibt – weg damit. Später nur deshalb noch einmal nachlesen würde ich nicht.
    3. Ja, beängstigend. Die kleine Erholungspause mit der Szene um Kara und Morgan war danach sehr angenehm. Morgans Spruch am Ende ist gut, tja, man sollte sich nie zu sehr auf die Klugheit der Obrigkeit verlassen.
    4. So gern ich auch Schokolade mag – ich hätte auch keine gewollt. Sehr schön böse, diese Nettigkeit.
    Ist das aus irgendeinem Horrorfilm? Ich kenne nichts in der Richtung.

  3. S. A. Mahr sagt:

    1. Qualitativ überhaupt nicht, im Gegenteil. Vielleicht tut dir Zeitmangel gut? 🙂 Bis auf die Szene mit Kara, Morgan und dem Boten, die hätte ich mir länger gewünscht. Morgan ist für meinen Geschmack etwas zu schnell mit der Frage rausgerückt, ob der Magier die Gefallenen wecken will. Das Verhältnis zwischen Kara und Morgan finde ich jedenfalls interessant, da wünschte ich mir mehr.

    2. Ich würd’s bei wirr belassen und nicht nervig dazu sagen. Ich schliesse mich madoves Meinung an: Vielleicht kommt der Kontext ja später, wenn’s fertig ist.

    3. Ja. Na ja. Nicht ganz. Etwa: „Hier drinnen wirkt alles so irreal. Was ist das?“ – „Irrealität.“ Zu versuchen, etwas aus sich selbst heraus zu erklären, läßt keine Bilder entstehen. Unter der Beschreibung des Monuments habe ich mir etwas vorstellen können, aber das Gerede drumherum war Wischiwaschi. Das geht präziser … also gut, ich hole doch aus. 🙂 Jasmi sagt in der Situation nicht: „Das wirkt irreal.“ Wenn sie erstmals in dieses Monument geht, dann löst das ein bestimmtes Gefühl aus: Überwältigung, Beklemmung, Angst, vielleicht sogar Verlassenheit. Irgendwas in der Richtung oder auch eine Mischung davon. Und das sagt sie. Irreal hingegen ist nur die pragmatische Bewertung eines Beobachters. Des Magistrats Antwort auf ihre Frage kann dann ruhig „Irrealität“ sein, das passt dann schon.

    4. Hier hast du mich voll und ganz – davon will ich mehr! Überhaupt der Schlusssatz: „Stellt Euch nur vor, was uns entginge, wenn er knapp darüber läge.“ Hach … 🙂 (BTW, der Nebensatz: ‚[…], als hätte er sie nicht gerade beinahe getötet.‘, wäre gar nicht notwendig gewesen. Der Eindruck entsteht ohnehin aus dem Kontext bzw. aus Jasmis Empfinden. Weniger ist oft mehr, du darfst da deinen Lesern schon vertrauen.)

    Bei (konkret) Nägeln fällt mir gerade nichts ein, aber … Coraline?

  4. madove sagt:

    @S.A. Mahr
    Ich kenne Jasmi noch nicht gut genug, aber ich bin zB ein Mensch, der definitiv sagen könnte „Das wirkt …irreal“, also diesen „pragmatischen“ Abstraktionsschritt vor dem Sprechen machen (also während der drei Punkte). Auch wenn ich überwältigt und beklommen bin.

  5. Muriel sagt:

    Vielen Dank für die Kommentare!
    2. Natürlich haben diese Stellen schon einen Sinn, der mit der Zeit auch ersichtlich wird. Aber ich fürchte inzwischen, dass es das nicht wert ist… Ich denke noch mal drüber nach.
    4. Die Inquisitoren in Brandon Sandersons „Mistborn: The Final Empire“ haben auch solche Nägel. Eine durchaus gelungene Geschichte, glaube ich. Mir hat sie nur so lala gefallen, aber ich glaube, dass das mehr an meinem persönlichen Geschmack liegt, und sie eigentlich fein geschrieben ist.
    @S.A. Mahr: Was die Irrealität angeht, verstehe ich deinen Einwand, aber mir ging schon immer nichts über einen dummen Witz, deswegen bleibt’s erst mal drin.

  6. DasSan sagt:

    Wegen der Augen würde ich auch Coraline sagen.
    Mir hat dieser Teil bis jetzt übrigens am besten gefallen, den Raum im Monument konnte ich mir ziemlich gut vorstellen, besonders die Schrift an der Wand.

  7. S. A. Mahr sagt:

    @madove:
    Das kommt wohl sehr auf den Moment an, auf die Situation und auf den Menschen selbst. Im RealLife ist es gewöhnlicherweise egal, ob du unmittelbar dein Gefühl zum Ausdruck bringst oder erst diesen Abstraktionsschritt machst. In Erzählungen, Romanen etc. wirken die Figuren authentischer, wenn sie ihre Emotionen unmittelbar mit dem Leser teilen. Kommt aber auch drauf an, was man (der Autor) erreichen will, denn:

    @Muriel:
    Du bist der Autor, und letztlich behältst du immer recht, auch wenn andere dich bekriteln. 😉

    Die Mistborn-Trilogie kenne ich nicht, ich kenne Sanderson nur als den, der „Das Rad der Zeit“ zu Ende schreibt.

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