Gefallen (6)

Na wer sagt’s denn? Hier ist endlich das neue Kapitel unseres Fortsetzungsromans „Gefallen“. Diesmal besteht das Ganze im Grunde nur aus einer einzigen Szene, aber die ist dafür auch ziemlich lang. Hoffentlich gefällt sie euch.

Was bisher geschah
Im ersten Kapitel wurde Prinzipal Janan von einer Eisernen Jungfrau entführt und durch die Höhlen des Hüters in das Unheiligtum gebracht.
Im zweiten Kapitel kehrte er mit der Eisernen Jungfrau zurück und beriet sich mit seinen… Ja, mit seinen Beraten, wem sonst? über die Bedrohung durch den Hüter.
Im dritten Kapitel lernen wir Mischa kennen, der Prinzipal entscheidet, dass er die Hilfe des Magistrats braucht, und seine Schwester Jasmi reist nach Nomren, um diese anzufordern.
Im vierten Kapitel spricht Jasmi mit dem Magistrat und seinem Ersten Magier, Mischa will von Gennard eine neue Hand, und die Mandurische Armee erleidet eine Niederlage.
Im fünften Kapitel besucht Jasmi das Monument von Yon-Gequl, Kara und Morgan werden von einem Boten aufgesucht, und Jasmi teilt sich eine Kutsche mit dem Gekreuzigten. Er ist ein bisschen schwierig.

Was heute geschieht

Vor langer Zeit

„Wie hast du eigentlich den Nullstein gefunden?“

„Das tut doch gar nichts zur Sache.“

„Das Ding macht mich eben nervös, da bin ich doch sicher nicht die einzige.“

„Sicher nicht. Unser fauliger Kamerad hier würde zittern, wenn er sich noch bewegen könnte.“

heute

Morgans Blick folgte der jungen Schankmagd, als sie ihren Tisch passierte, und es war weniger der kalte Luftzug von draußen, der Kara frösteln ließ, als der kalte, abschätzende Ausdruck im Gesicht ihres Lehrmeisters.

Sie hörte ein leises Prasseln an den Fenstern.

„Fängt es jetzt sogar an zu regnen?“ fragte sie. Sie wollte nicht unbedingt über das Wetter reden, aber sie wollte nicht länger diesen Ausdruck in seinem Gesicht sehen.

Er nickte langsam, ohne seine Augen von dem Mädchen abzuwenden. „Ja.“

Kara stöhnte, griff nach ihrem Weinglas, nippte daran und ließ ihren Blick durch den großen Schankraum schweifen, in dessen hinterer Ecke Morgan mit ihr Platz genommen hatte.

Ob aus Liebe zur Landwirtschaft oder aus reiner Sparsamkeit, der Wirt hatte sein Gasthaus fast ausschließlich mit landwirtschaftlichen Geräten dekoriert. Der große Leuchter in der Mitte des Raumes war eine ausgediente Egge und über dem Tresen hingen einige Hacken, Spaten und Schaufeln, von denen Kara vermutete, dass sie bei Bedarf auch dazu dienten, streitlustige Betrunkene zur Raison zu bringen.

Die Wand über dem großen Kamin schmückte ein Pflug, der an einigen Stellen durch Schnitzereien verziert zu sein schien. Kara konnte es von hier aus nicht richtig erkennen und nahm sich vor, ihn sich bei Gelegenheit näher anzuschauen.

Bis auf ihren Tisch waren alle anderen voll besetzt, und die vielen Gespräche erzeugten eine beachtliche Lautstärke. Dass sie den Regen trotzdem noch hören konnte, ließ sie vermuten, dass es draußen ordentlich schütten musste.

Viele der Gäste warfen gelegentlich Blicke zu ihr und Morgan, und manche gafften die beiden fremdartigen Gestalten mit ihren Schwertern und glänzenden Kettenhemden unverhohlen an, aber noch niemand erweckte den Anschein, dass er den legendären Helden des Reiches erkannt hatte.

Immerhin.

Sie hatte schon oft mit Morgan darüber geredet, dass sie unauffälliger reisen sollten, aber er wollte davon nichts hören. Sie verstand es nicht, weil sie nicht den Eindruck hatte, dass er großen Wert auf Ruhm und Bewunderung legte, aber sie musste sich damit abfinden.

Ihr Blick blieb an vier jungen Männern am Tisch in der Mitte des Schankraumes hängen.

Die Unterhaltungen aller anderen und der Wind draußen waren zu laut, als dass sie sie hätte belauschen können, aber sie erkannte auch so schnell, dass sie die vier nicht ausstehen konnte.

Ihre seidenen Rüschenhemden und die Ringe an ihren Fingern wiesen sie unverkennbar als Söhne Adliger oder vielleicht reicher Händler aus, und sie warfen immer wieder vieldeutige Blicke in ihre und Morgans Richtung und lachten dabei wie Schuljungen, die sich heimlich über den Lehrer lustig machen.

„Sie sind sich uneins, ob wir es wirklich sind“, murmelte Morgan.

Sie konnte das Schmunzeln in seiner Stimme hören und drehte sich erleichtert wieder zu ihm um.

„Oder sie finden einfach deine Weißer-Ritter-Aufmachung albern“, erwiderte sie.

Er schüttelte seinen Kopf. „Eigentlich sprechen sie jetzt über dich. Der Rothaarige hat gerade gesagt, dass er…“

Sie stellte ihr Glas ab und wedelte abwehrend mit einer Hand vor seinem Gesicht herum. „Schon, gut, hör bloß auf, ich glaub dir ja, dass du sie hören kannst. Aufschneider!“

„Ein Held muss seine Sinne fokussieren können. Konzentration trennt nicht nur im Kampf Sieger von Toten.“

„Pffft!“ machte sie. „Du hast leicht reden, du schummelst ja! Wenn du-“

„Oh je, da kommt er…“

Sie sah sein verdrossenes Augenrollen und drehte sich nach der Ursache um. Der lauteste und hässlichste der vier, ein breitschultriger rotwangiger Bulle, dessen wildlederne Jacke sich über den Muskeln seiner Oberarme sichtliche spannte, war aufgestanden und stapfte auf ihren Tisch zu.

„Nicht doch“, murmelte Kara. „Hat er eine Wette mit seinen Freunden abgeschlossen?“

Morgan zuckte die Schultern. „Keine Ahnung, du hast mich abgelenkt.“

Das freute sie auf so vielen Ebenen, dass sie für einen Moment völlig aufhörte, sich über den Schwachkopf zu ärgern, der sich mit beiden Händen an seinem Gürtel vor ihrem Tisch aufbaute. Wo bekamen Männer diese schwachsinnige Geste her, als würden sie ihre Hose festhalten?

Die Gespräche im Schankraum verstummten nach und nach, und es war nur noch das Prasseln des Regens zu hören, und der anschwellende Wind, der an den Fenstern und Türen des Gasthauses rüttelte.

Gütige Geister, es musste ein echtes Unwetter da draußen toben. Wo war das so plötzlich hergekommen?

„Ich fordere Euch zum Duell“, spie der bullige Kerl Morgan entgegen. „Wählt die Waffen.“

Morgan schnaubte und schüttelte seinen Kopf, während er ungerührt weiter auf seinem Stuhl flegelte, die Beine lang unter dem Tisch ausgestreckt.

„Dein albernes Hemd wird ganz nass und knitterig, wenn du jetzt rausgehst“, sagte Kara, „Hast du dir das gut überlegt?“

Dem Duellanten schoss das Blut ins Gesicht, während er sich aufplusterte und versuchte, seiner gekränkten Ehre durch eine Mischung aus hilflosem Prusten und wütendem Grunzen Ausdruck zu verleihen. Morgan warf ihr einen leidenden Blick zu, als hätte es ohne ihren Spott eine Chance gegeben, die Sache vernünftig beizulegen. Er wusste genau so gut wie sie, dass der Schwachkopf sowieso nicht nachgegeben hätte.

Es war immer das Gleiche.

Egal, wohin der Held des Reiches ging, es fanden sich immer ein paar idiotische Heißsporne, die damit prahlen wollten, mit Morgan selbst die Klingen gekreuzt zu haben.

Was wieder ein Argument dafür wäre, inkognito zu reisen.

Kara staunte immer wieder, dass die Leute offenbar nicht daran dachten, wie dieses glorreiche Abenteuer enden musste. Wie verblendet musste ein Mann sein, um zu glauben, dass er Morgan besiegen konnte?

„Ich habe eine Forderung ausgesprochen!“ rief der Dummkopf, „Wählt die Waffen, oder Eure Ehre ist verwirkt!“

Als würde das Wetter seiner Laune folgen, fuhr eine Windböe so heftig in die Fensterläden, das einige davon sich losrissen und unregelmäßig gegen Wand und Fenster zu schlagen begannen.

„Setzt dich wieder hin, Junge“, sagte Morgan ruhig und freundlich zu ihm. „Was glaubst du, wie viel Zeit mir noch für meine Arbeit bliebe, wenn ich für jeden lebensmüden Prahlhans gratis den Lehrmeister machen würde?“

„Ich bin nicht irgendein hergelaufener Schwertgeselle“, grollte der junge Mann, „Ich bin der zukünftige Junker von Elsbrück, und du wirst meine Forderung annehmen, oder ich lasse dich in den Kerker-“

Er stockte und wirbelte erschrocken herum, als ein lautes Krachen von oben davon kündete, dass der Wind einige der Dachschindeln abgerissen hatte.

„Setz dich wieder hin“, wiederholte Morgan, schon deutlich weniger freundlich. „Jetzt.“

„Du feiger Hurensohn!“ brüllte der Junge und setzte an, sich auf ihn zu stürzen.

Kara hatte darauf gewartet. Sie sprang auf, stellte ihm ein Bein und lenkte seinen Sturz so, dass er nicht auf ihren Lehrmeister fiel, sondern knapp neben dessen Stuhl zu Boden ging.

Sie ließ sich auf seinen Rücken fallen, ihr ganzes Gewicht auf ein Knie verlagert, und presste ein schmerzvolles Keuchen aus ihm heraus, während sie mit einer Hand sein Schwert aus der Scheide zog und in Richtung Kamin warf, und mit der anderen seinen linken Arm hinter seinem Rücken verdrehte.

Einige aufgebrachte Rufe erklangen, und zwei der drei Freunde des bulligen Kerls sprangen mit den Händen an ihren Waffen auf.

„Lass ihn los!“ brüllte einer von ihnen.

Erst als Kara sich in der Hoffnung auf einen anerkennenden Blick zu Morgan umdrehte, fiel ihr auf, dass er den Ereignissen um sich keinerlei Beachtung schenkte. Er hatte sich aufgesetzt und spähte angespannt in Richtung der Tür, an der der Wind wild rüttelte, als würde das Gasthaus belagert.

Kara erhob sich und versetzte ihrem Opfer noch einen kräftigen Tritt in die Gegend seiner Nieren, um sicherzugehen, dass sie sich gefahrlos auf seine Freunde konzentrieren konnte, als das Schloss der Tür schließlich brach und sie mit einem heftigen Knall aufschlug. Eine kräftige Windböe fuhr durch den Schankraum zum Kamin hinaus, versetzte den Eggenleuchter in heftige Schwingung und wirbelte eine schwarze Rußwolke aus dem Kamin auf, die ein halbes Dutzend Gäste aufspringen und hustend  von der Feuerstelle forttaumeln ließ.

Sogar die Freunde des Duellanten verloren nun das Interesse an Kara und Morgan und wandten zu der zunächst nur umrisshaft in der Finsternis erkennbaren Gestalt draußen zu.

Einige Sekunden stand sie nur da, während der Sturm den Regen in das Gasthaus trieb und einen dunklen nassen Halbkreis aus zahllosen Tropfen vor dem Eingang formte, dann trat sie schließlich unter dem verstörten Gemurmel der Gäste ein ein.

Die Frau sah auf den ersten Blick nach einer Schönheit aus, wenn auch nach einer eher ungewöhnlichen. In ihren lockigen Haaren mischten sich blonde, rote, braune, schwarze und sogar einige silbergraue Strähnen zu einem lodernden Flammenvorhang, der bis über ihre Schultern herunterfiel. Sie trug ein schwarz rot geflammtes Kleid, das ihr zwar bis zu den Knöcheln reichte, dessen tiefer Ausschnitt aber genug von ihren eindrucksvollen Brüsten entblößte, um in Teilen des Reiches strafbar zu sein. Nass, wie es war, verhüllte es ohnehin kaum weniger von ihrer kurvigen Figur, als es sie betonte.

Die dunkle Farbe des Stoffes kontrastierte mit der edlen Blässe ihrer Haut.

Ihre großen Augen funkelten Morgan raubtierhaft an, das eine so schwarz, dass die Pupille sich nicht von der Iris abhob, das andere raubtiergelb. Ihr breites Grinsen und der geschmeidige Gang unterstrichen den Eindruck.

Doch während sie näher kam, fielen Kara immer mehr kleine Zeichen allmählichen Verblühens auf.

Unter den verschiedenfarbigen Augen zeichneten sich dunkle Ringe ab, die Krähenfüße waren nicht sehr tief, aber zahlreich, und ihre Haut wirkte bei genauerer Betrachtung auch weniger milchweis als käsig bleich. Die linke Seite ihres Halses war gerötet wie von einem juckenden Ausschlag, und auf der Hautpartie zwischen Nase und Oberlippe konnte Kara aus der Nähe kleine rote Schüppchen ausmachen, wie von nicht gründlich abgewischtem geronnenem Blut.

„Du musst Morgan sein!“ rief sie über das Pfeifen des Windes und das Rauschen des Regens, „Und du bist sicher seine Schülerin Kara!“

Als die Fremde sie direkt ansah, fiel Kara auf, dass ihr Grinsen nicht ganz die Augen erreichte und überhaupt vor allem aus mühselig hochgezogenen Mundwinkeln und leicht angehobener Oberlippe bestand. Es wirkte nun überhaupt nicht mehr selbstsicher und überlegen, sondern eher angestrengt und ein wenig befangen.

Morgan erhob sich und musterte sie sehr ausführlich von oben bis unten.

„Ganz recht, und wer seid Ihr?“ fragte er

Kara konnte richtig zusehen, wie die Fremde darum kämpfte, seinem abschätzigen Blick standzuhalten. Ihr Lächeln wirkte nun beinahe ängstlich.

Erst, als sie nach einem tiefen Atemzug erwiderte: „Nennt mich Sturm“, gewann sie ein wenig ihrer Contenance zurück, vielleicht unterstützt von dem sofort aufbrandenden erschrockenen Gemurmel und Gekeuche im Raum.

Auch Kara musste sich beherrschen, um nicht vor ihr zurückzuschrecken.

Sturm? Die Sturm? Die Gefallene? Unmöglich, aber – wer sonst, der auch nur halb bei Verstand war, würde es wagen, den Namen einer Gefallenen zu stehlen?

Andererseits schien zurzeit durchaus noch offen, zu wie vielen Teilen ihr Verstand noch intakt sein mochte.

„Sturm“, erwiderte Morgan mit einer gehobenen Augenbraue.

„Ja“, erwiderte sie, gefolgt von der plötzlich aufflackernden Helligkeit eines Blitzes und dem tiefen markerschütternden Donnerschlag.

Morgan neigte seinen Kopf und zog einen Stuhl für sie unter dem Tisch hervor.

„Nehmt doch bitte Platz.“

„Du verdammte Drecksschlampe“, grollte der bullige junge Mann, der noch neben Kara am Boden lag, und machte Anstalten, wieder aufzustehen. Anscheinend hatte er nicht ganz mitbekommen, was seit seinem Sturz geschehen war.

Seine Freunde waren klüger gewesen und hatten sich wieder friedlich um ihren Tisch versammelt. Etwas enger beieinander als zuvor beobachteten sie mit den anderen Gästen zusammen in stummer Anspannung die Ereignisse an Morgans Tisch.

„Ich werd euch beide-“

Mit einem trockenen Knacken wie von einem zerbrechenden Zweig zuckte ein winziger Blitz von Sturms erhobenem Zeigefinger zur Stirn des Duellanten. Er hinterließ dort nicht mehr als einen kleinen dunklen Fleck, aber der junge Mann brach mit glasigen Augen zusammen und rührte sich nicht mehr.

Sturm seufzte, rieb ihre Hände aneinander und nickte zufrieden, bevor sie sich in einer langsamen geschmeidigen Bewegung auf Morgans Schoß setzte, halb ihm zu gewandt, mit einem Arm um ihn.

„Gerne doch“, schnurrte sie.

Morgan betrachtete ihr Gesicht ausdruckslos, als wäre es nicht nur zwei Finger von seinem entfernt und als riebe sie nicht gerade ihren ganzen Körper gegen seinen.

„Die Jahre im Monument waren nicht besonders gut zu dir, oder?“ fragte er.

Sturm presste ihre Lippen so fest zusammen, dass Kara sehen konnte, wie das Blut daraus wich, und der Blick, mit dem sie Morgan aus zusammengekniffenen Lidern bedachte, war so hasserfüllt, dass Kara schon sicher war, gleich das nächste trockene Knacken zu hören.

Aber ebenso plötzlich, wie Sturms Zorn aufgebrandet war, verschwand er. Sie atmete tief durch, setzte erneut ein Lächeln auf, und glitt hinüber auf den Stuhl, den Morgan für sie bereitgestellt hatte.

„Steh nicht nur so da, Kara, komm zu uns“, sagte sie so freundlich wie die Schlange zur Maus.

„Er ist tot, oder?“ fragte Kara, obwohl sie sich dabei ein bisschen dumm vorkam.

Sturm sah verwirrt zu ihr auf, als wüsste sie zunächst gar nicht, von wem sie sprach. Dann fiel ihr Blick auf den breitschultrigen Duellanten, und sie antwortete mit einer kurzen wedelnden Geste ihrer linken Hand: „Ja, natürlich. Komm, setz dich zu uns.“

Kara sah Morgan an und wartete darauf, dass er etwas unternahm, aber er saß einfach nur da und betrachtete die Magierin.

„Morgan“, begann sie, aber er bedeutete ihr mit einem Blick und einem Kopfschütteln, zu schweigen.

„Aber-“

Sturm lachte, und zum ersten Mal wirkte es wirklich ehrlich.

„Die ist süß“, schnurrte sie, „Verleihst du sie?“

„Morgan, wir können doch nicht einfach zusehen, wenn sie- sie- Ich meine, sie hat ihn einfach ermordet!“

Er seufzte, und sie konnte an seinem Gesichtsausdruck schon sehen, dass sie ihr nicht gefallen würde. „Was schlägst du vor, Kara?“ fragte er leise. „Er ist tot, und wenn du mich fragst, wollte er es so. Ich kann deshalb jetzt hier in diesem Gebäude voller unschuldiger Zivilisten einen Kampf mit einer Gefallenen anzetteln, aber rechnest du damit, dass er dann wieder lebendig wird?“

Kara senkte ihren Kopf. „Natürlich nicht“, antwortete sie, noch immer nicht zufrieden, aber ihrer moralischen Entrüstung über seine Untätigkeit beraubt. „Aber wir können ihn nicht einfach da liegenlassen und mit dieser… mit ihr plaudern, als wäre nichts geschehen.“

„Sie ist fantastisch!“ lachte Sturm. Dann stand sie auf, wandte sich den vier Freunden des Toten zu und klatschte in die Hände, als müsste sie noch ihre Aufmerksamkeit gewinnen. „Ihr da“, sagte sie, „Schafft euren Freund hier raus und…“ Sie zuckte ihre Schultern, „Tut mit ihm, was immer in dieser Gegend in solchen Fällen üblich ist.“

Die vier saßen einfach nur da und starrten sie mit offenen Mündern an.

Sturm hob ihre rechte Hand und krümmte langsam drei Finger, sodass nur noch der Zeigefinger aufragte.

„Wird’s bald?“ fragte sie leise.

Die vier jungen Männer fielen beinahe übereinander, als sie hastig aufstanden und die Gliedmaßen der Leiche ergriffen, um sie ausgesprochen unkoordiniert und pietätlos hinauszutragen.

„Kannst du dann jetzt endlich zu uns kommen?“ fragte Sturm und klopfte mit einem hoffnungsvollen Lächeln auf ihren Schoß.

Als Kara sich widerwillig auf einen Stuhl setzte, sah sie so etwas wie echte Enttäuschung über Sturms Gesicht huschen, bevor das falsche Lächeln zurückkehrte.

„Na gut“, seufzte sie mit gespielter Nonchalance, „Bleibe ich eben heute Abend alleine.“

Kara schauderte bei dem Gedanken, dass eine solche Person über die Macht verfügte, Menschen mit einer Geste eines Fingers zu töten.

„Warum bist du hier?“ fragte Morgan.

„Ich habe dich mir anders vorgestellt“, sagte sie statt einer Antwort. „Ganz anders.“

Morgan schob seine Lippen ein Stück vor, und zögerte kurz vor seiner Antwort.

„Wie?“ fragte er schließlich resigniert.

„Hm…“ machte sie, als würde sie nachdenken. „Zum Beispiel… sterblich.“ Kara saß plötzlich stocksteif auf ihrem Stuhl und starrte die Magierin mit weit aufgerissenen Augen an. Wie konnte sie das erfahren haben? „Weiß sie es?“ fragte Sturm mit einem Blick zu Kara.

„Ich weiß es“, zischte Kara ihr zu, „Sonst niemand. Und das sollte auch so bleiben.“

Sturm zuckte mit den Schultern und wandte sich wieder Morgan zu. „Tre dás en tow“, sagte sie. „Mi him, pet tow en zui hjk can de ptot lach.“

Kara verstand die Sprache der Toten nicht, aber die typische monotone Singsang-Aussprache war unverkennbar und ließ einen kalten Schauer ihren Nacken hinab laufen.

Immerhin antwortete Morgan nicht, sondern fuhr in der Hochsprache des Reiches fort.

„Ich hatte mir dich auch immer ganz anders vorgestellt“, sagte er. „Du bist wirklich die Sturm, ja? Die Gefallene?“

Sie nickte und breitete ihre Arme in einer „Tada“-Geste aus. Kara bemerkte, das Sturm darauf verzichtete, nachzufragen. Sie erinnerte sich sicherlich noch an Morgans letzte Bemerkung zu ihrem Äußeren.

„Sind die anderen sechs auch wieder da?“ fragte er weiter.

„Ja. Wir sind alle dem Ruf des Magistrats gefolgt, wie ihr“, sagte sie grinsend, „Wir kämpfen für dieselbe Sache!“

„Ich bezweifle das.“

Sturm zwinkerte Kara zu. „Helden“, sagte sie. „Sind immer noch dieselben alten Miesepeter wie früher, oder?“

Kara ertappte sich dabei, dass sie Sturms Lächeln erwiderte, aber es verschwand schnell wieder aus ihrem Gesicht und wich mühsam unterdrückter Angst, als die Gefallene aufstand und zu ihr herüber kam.

„Deswegen bin ich übrigens auch hier.“ Sie legte eine Hand auf Karas Schulter und ließ sie langsam ihren Arm hinabgleiten. Kara erschauderte und widerstand der Versuchung, den Arm nicht wegzuziehen.

Sturm beugte sich zu ihr vor, und Kara drehte unwillkürlich ihr Gesicht zur Seite. Der Atem der Gefallenen brannte regelrecht in ihren Augen, so beißend war der Geruch, der Kara an ein alchimistisches Labor erinnerte.

Sturm legte sanft die leicht zitternden Finger einer Hand an Karas Kinn und drehte ihr Gesicht wieder zu sich, um ihr tief in die Augen zu sehen, während sie schnurrte: „Ich bin gekommen, um euch zu holen.“

Lesegruppenfragen:

  1. War die Szene zu lang?
  2. Hat sich euer Bild von Kara oder Morgan verändert? (Hinweis: Wenn ihr in Bezug auf Morgan mit „Nein“ antwortet, seid ihr entweder echt verdammt abgebrüht, oder ihr habt nicht aufgepasst…)
  3. Wie hat euch Sturms erster Auftritt gefallen?
  4. Noch mal konkreter: Ich habe versucht, in Sturms Beschreibung einerseits deutlich einen bestimmten Eindruck zu vermitteln. Sie ist natürlich als ein extremer Charakter angelegt, ich wollte aber andererseits auch nicht zu sehr mit dem Holzhammer arbeiten. Hat das einigermaßen geklappt?
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16 Responses to Gefallen (6)

  1. madove sagt:

    1. Nein. Nie. Immer eher zu kurz.

    2. Kara kann ich noch nicht so richtig einordnen, immer noch hin- und hergerissen zwischen der Heldencoolness, die sie manchmal schon an den Tag legt, und dem unsicheren Gefallenwollen gegenüber Morgan. Aber das ist wohl so bei Azubis.
    Naja, und Morgan hatte ich mir …sterblich vorgestellt. Krassss.

    3. Gut. Auch wenn ich den Gekreuzigten noch einen Ticken besser fand. Die Gefallenen fangen ja gut an, also man könnte sagen, sie gefallen mir… äh …

    4. Ich fand sie schön kontrastreich; etwas mitgenommen, aber SEHR gefährlich… sehr bildhaft beschrieben.

  2. Guinan sagt:

    1. Wie Madove schon sagte, eher zu kurz. Ich hätte gern noch etwas von Janan und/oder Jasmi gehört.
    2. Kara ist entwicklungsfähig, aber Morgan mag ich immer noch nicht. Was hätte sich daran jetzt ändern sollen? Meinst du, weil er nun plötzlich unsterblich ist oder was? Dann ist er eben ein unsterblicher arroganter *hier bitte geeignetes Schimpfwort einsetzen*. Ansonsten ist mir nichts aufgefallen.
    3/4. Mir erschien sie komplett irre. Wolltest du diesen Eindruck erwecken? Zumindest nicht so unheimlich wie der Gekreuzigte.
    Du hast anscheinend schon den Verkauf der Filmrechte geplant – immer mal wieder was für’s Auge dabei, um die Jungs bei Laune zu halten 😉
    99. ich lasse dich lasse dich in den Kerker-“?

  3. Muriel sagt:

    @madove: Danke, freut mich alles sehr!
    @Guinan: 2. Ich wollte gar nicht darauf hinaus, dass er jetzt sympathischer sein sollte. Nur teilweise anders. Aber ich gehe nicht ins Detail, dafür ist die Geschichte da.
    3./4. Komplett irre ist ein weites Feld, aber tendenziell ja.
    Was die Verfilmung angeht, hast du mich durchschaut. Dann würden wir natürlich auch Karas Kleidung noch ein bisschen anpassen. Kettenhemden sind so unvorteilhaft…
    99. Danke!

  4. Guinan sagt:

    4. Kommt auf die Kettenhemden an.
    Da fehlt jetzt natürlich noch was knackiges mit schönen langen Haaren für die Damenwelt. Was da bis jetzt so an Bildern bei mir hochkam, das war alles noch nix.

  5. Muriel sagt:

    @Guinan: 4. Jetzt bist du aber wirklich nicht oberflächlich genug. Morgan ist ein Bild von einem Mann. Wenn du das nicht zu schätzen weißt, bloß weil dir sein Charakter nicht gefällt, ist das doch wohl dein Problem.
    Glaubst du, wir Männer lassen uns bei Sturm davon aufhalten, dass sie eine mörderische Wahnsinnige ist?

  6. Guinan sagt:

    Dann hapert es bisher an der Beschreibung. Ich habe da nur sowas Bruce Willis-mäßiges vor Augen. Da müsste schon etwas mehr kommen.
    Das wäre übrigens auch ein Kettenhemd:

  7. Muriel sagt:

    @Guinan: Das Kettenhemd findet natürlich meine volle Zustimmung, aber wenn du hier jetzt behaupten willst, Bruce Willis wäre nicht sexy, dann weiß ich auch nicht, wie ich dir helfen kann.
    (Ganz abgesehen davon, dass ich nicht sicher bin, wie man bei „Der hünenhafte Krieger mit dem langen glatten blonden Haar“ auf Bruce Willis kommt. Ich gebe aber immerhin zu, dass ich ihn noch ein bisschen ausführlicher beschreiben könnte. Vielleicht kann ich im nächsten Kapitel ja irgendwie eine Morgan-Dusch-Sequenz unterbringen. Bei Lost hat das umgekehrt doch anscheinend gezogen.)

  8. Guinan sagt:

    Hach, ich lechze nach der Forsetzung. Gib mal etwas Gas, bitte.
    Ja, die Frisur war mir nicht mehr geläufig, stimmt. Aber ansonsten – verbraucht, leicht runtergekommen, sehnig, das sind so meine Bilder. Und das finde ich nicht wirklich sexy.

  9. Muriel sagt:

    @Guinan: Womit habe ich denn den Eindruck erweckt, er wäre verbraucht und runtergekommen? So sehe ich ihn gar nicht. Ich hatte ihn eher als typischen langhaarigen Fantasy-Buch-Cover-Helden.
    Ich muss da wohl wirklich mal was nachholen.
    Tatsächlich schreibe ich übrigens gerade an der Fortsetzung. Zwar an einer Szene mit Mischa und Gennard, aber wenn nicht noch mehr Wünsche kommen, bringe ich für dich auch noch eine Janan-und-Jasmi-Szene unter.

  10. Guinan sagt:

    *freu*

  11. madove sagt:

    Herren-Dusch-Szene klingt gut 😉 Aber wenn wir gerade bei den Bestellungen sind: könnte ich noch einen etwas weniger hünenhaften Helden haben? Langes Haar ist prima, im Zweifel lieber dunkel.

    (Bruce Willis? Sexy? Das muß mir entgangen sein, oder Du hast einen komischen Männergeschmack.)

  12. Muriel sagt:

    @madove: Naja, Gennard und Janan sind beide kein bisschen hünenhaft, aber dir unter Umständen nicht heldenhaft genug, wohingegen Kara wahrscheinlich zu weiblich ist…
    Ich werd mal schauen, was sich machen lässt.
    Und Bruce Willis ist der Mann. Chuck Norris trägt Bruce-Willis-Pyjamas, wenn er schlafengeht. Wie kann man den denn nicht sexy finden?

  13. madove sagt:

    Hm, stimmt, Janan ist zu verpeilt… aus Gennard könnte man was machen, ich habs eh nicht so mit Helden, aber Tüftler…mmmh
    Oh, achso, das Chuck Norris-Argument reißt es natürlich raus :o)

  14. Muriel sagt:

    @madove: Ich fürchte, Gennard ist als Charakter nicht besonders attraktiv angelegt…
    Vielleicht kannst du dich ja für einen der Gefallenen erwärmen? Der Gekreuzigte ist auch eher groß, aber es kommen ja noch ein paar.

  15. madove sagt:

    Hm, stimmt, der Gekreuzigte klang aber durchaus vielversprechend.
    Es ist weniger die Größe als mehr die Breite, also das Muskulöse, das ich an einen Hünen dran-denke, das mich stört.
    Aber so sehr ich Humor und Absurdität schätze, möchte ich doch nicht Deinen Roman komplett zerstören, indem ich eine Dusch-Szene mit dem Gekreuzigten einfordere… wobei… ich trau Dir alles zu….

  16. Muriel sagt:

    @madove: Ich fühle mich davon sehr geschmeichelt, aber ich fürchte doch, dass wir tatsächlich ohne diese Szene auskommen müssen. Vorerst zumindest.
    Ich werde auf jeden Fall die Augen offen halten nach geeignetem Material für dich.

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