Plain Wrong

Ich lese gerade einen Roman über die Amish. Das ist eine christlich orientierte Gemeinschaft von sehr streng gläubigen Menschen, die viele Aspekten des technischen Fortschritts ablehnen (Elektrizität, Autos, und so weiter) und möglichst wenig mit Menschen interagieren, die nicht dazu gehören. Sie sind meines Wissens ausschließlich in den USA und in Kanada zu finden.

Soweit ich das beurteilen kann, stellt die Geschichte das Leben und die Bräuche der Amish sehr wirklichkeitsgetreu dar, und in gewisser Weise spricht es für sie, dass sie aus einer neutralen Perspektive erzählt wird, die weder die guten Seiten dieser Lebensweise verschweigt, noch die weniger guten. Die Autorin zeigt uns sowohl, wie zufrieden und glücklich die Amish mit ihrem Leben sind, als auch, wie sehr die Regeln sie einschränken, die ihre Religionen ihnen auferlegt.

Das ist einerseits lobenswert, aber andererseits stört mich die Haltung, die nach meiner Wahrnehmung nicht nur in diesem Roman, sondern in der Öffentlichkeit allgemein gegenüber den Amish vorherrscht: Sie sind zwar ein bisschen sonderbar, aber es ist schließlich ihre Entscheidung, und am Ende sind sie doch richtig gute Menschen, die niemandem etwas zuleide tun.

Nein! Es ist nicht einfach ihre Entscheidung, und sie schaden sehr wohl anderen Menschen. Ich erkenne an, dass die Amish in gewisser Weise sehr sympathische friedliche Leute sind, die es bestimmt gut meinen, aber ich finde ihre Lebensweise nicht nur ethisch inakzeptabel, ich finde sogar, dass sie ein Eingreifen des Staates erfordert.

Die Amish haben nämlich Kinder. Und diese Kinder wachsen in einer Gemeinschaft auf, die sie völlig von Menschen isoliert, die ihren Glauben nicht teilen. Sie werden nicht nur in ihren Familien, sondern auch in ihren Schulen religiös indoktriniert. Sie lernen nichts über Biologie oder sonstige aktuelle Wissenschaft, und es ist ihnen unter Strafandrohung untersagt, nach ihrer Amish-Schulzeit andere Bildungseinrichtungen zu besuchen.

Dawkins hat sich mit seinem bekannten Zitat weit aus dem Fenster gelehnt und Missverständnisse geradezu herausgefordert, aber ich gebe ihm Recht: Religiöse Indoktrination ist Kindesmisshandlung. Und die Gemeinschaft der Amish indoktriniert ihre Kinder ungefähr so gründlich, wie es möglich ist, ohne sie im Keller einzusperren, bis sie volljährig sind.

Jeder hat das Recht, auf Elektrizität und Verbrennungsmotoren zu verzichten. Jeder hat das Recht, zu glauben, was auch immer er glauben will. Und jeder hat das Recht, sich von anderen Menschen zu isolieren und nach seinen eigenen Regeln zu leben (solange er nicht anderen damit schadet). Ich persönlich finde das alles nicht richtig, aber es steht mir nicht zu, andere zu zwingen, nach meinen Vorstellungen zu leben.

Doch wer seine Kinder zwingt, dieses Leben mit ihm zu teilen, und ihnen dazu noch die Informationen vorenthält, die sie brauchen, um eine qualifizierte eigene Entscheidung darüber zu treffen, wie sie leben wollen, der misshandelt sie dadurch, egal, wie liebevoll er oberflächlich betrachtet mit ihnen umgeht. Und die Gesellschaft, die so etwas zulässt, macht sich mitschuldig.

Das bedeutet nicht, dass wir den Amish sofort ihre Kinder wegnehmen sollten, um sie zwangsweise in die US-amerikanische Mainstreamgesellschaft zu integrieren. Ich denke aber zum Beispiel, dass der Staat verpflichtet ist, Bildung für alle Kinder zu gewährleisten, und zwar nach rational entwickelten Standards, die für alle gelten: Für öffentliche Schulen, für private Schulen, und für Leute, die ihre Kinder zu Hause selbst unterrichten wollen. Und mehr als heute sollten diese Standards auch Epistemologie beinhalten, und Grundlagen der wissenschaftlichen Methodik, um Kindern Werkzeuge in die Hand zu geben, mit denen sie selbst herausfinden können, was wahr ist, und was nicht.

Die konsequente Durchsetzung solcher Standards wäre schon ein erster Schritt, um es (zum Beispiel) Amish-Kindern zu erleichtern, auf vernünftiger Grundlage zu entscheiden, ob sie gerne leben möchten wie ihre Eltern, oder ob sie lieber Zugang zu moderner Medizin haben wollen, zu moderner Technologie und zu modernen Medien und all dem Wissen, das sie uns zugänglich machen. Zugang zur Wirklichkeit.

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17 Responses to Plain Wrong

  1. Anna sagt:

    Hallo Muriel,

    Du vergisst, dass die Amish-Jugendlichen auch eine „wilde“ Zeit haben, in denen Ihnen viel von dem erlaubt ist, was die religiösen Riten vorschreiben. Diese Zeit wird „Rumspringa“ oder so ähnlich genannt. Meines Wissens ist es auch so, dass man „vollständig“ Amish erst nach dieser Zeit wird, wenn man sich aber bewusst dazzu entschließt. Schau dir mal, wenn noch nicht getan, Devil’s Playground an, da sist eine Doku zu dem Thema.

  2. Muriel sagt:

    @Anna: Habe ich eigentlich nicht vergessen. Ich gebe zu, dass das ein sympathisches Konzept ist, aber ich denke nicht, dass es an meiner Argumentation etwas ändert. Die Rumspringa betrifft, wie du selbst schreibst, Jugendliche, bei denen die Indoktrination bereits seit Jahren läuft, und es ist meines Wissens auch nicht so, dass die sich in der Zeit bei einem College einschreiben oder nach Japan reisen dürften.

  3. Dietmar sagt:

    Hier kann ich wieder nur anerkennend Schulterklopfen: *Schulter klopf*

  4. Blues Lee sagt:

    Oh, Muriel fordert das Eingreifen des Staates; dann muss es ihm wahrlich ernst sein.

    Du hast natürlich recht, Kinder sollten alle Möglichkeiten und Mittel der Welt haben, um sich frei für oder gegen das eine oder andere entscheiden zu können – vor allem, wenn es um Religion und Glauben geht.
    Allerdings bin ich nun nicht überzeugt, dass „moderne Medizin, etc.“ oder der Zugang hierzu irgendeine Form von eigentlicher Wirklichkeit bilden. Ich bin nicht einmal überzeugt, dass es so etwas wie Wirklichkeit überhaupt gibt. Was du beschreibst, ließe sich denn auch eher mit Moderne oder Fortschritt bezeichnen.
    Zudem befürchte ich, du überschätzt den Sexappeal von Epistemologie und wissenschaftlicher Methodik. Ich hatte das Vergnügen mehrfach als Tutor für eine Methoden-Vorlesung arbeiten zu dürfen – und die meiste Zeit habe ich dafür aufbringen müssen, den Studenten zu erklären, was in der Klausur auf sie wartet und wie sie sich darauf vorbereiten können. Das beweist natürlich gar nichts. Ich hege allerdings den Verdacht, dass die Suche nach Wahrheit nicht zwingend oberste Priorität genießt. Eine mögliche Erklärung, die ich dafür habe, ist die triviale Erkenntnis, dass es auch in unserer säkularen „Wirklichkeit“ weniger auf Wahrheit, als darauf ankommt, was man daraus macht.

  5. Muriel sagt:

    @Blues Lee:

    Oh, Muriel fordert das Eingreifen des Staates; dann muss es ihm wahrlich ernst sein.

    Endlich sagt es mal jemand.

    Ich bin nicht einmal überzeugt, dass es so etwas wie Wirklichkeit überhaupt gibt.

    Erstaunlich viele Leute sagen sowas, ohne danach zu handeln. Ich weiß natürlich nicht, wie du dein Leben lebst, aber die Tatsache, dass du (nicht zum ersten Mal) Zeit für einen langen Kommentar aufgewendet hast, um mit mir zu diskutieren, indiziert doch schon, dass du Realität zumindest als Arbeitshypothese akzeptierst. Und ich vermute auch, dass du dafür einen Computer benutzt, statt einer Pampelmuse, und dass du deine Wohnung regelmäßig durch die Tür verlässt, statt durch die Wände.

    Zudem befürchte ich, du überschätzt den Sexappeal von Epistemologie und wissenschaftlicher Methodik.

    Keineswegs. Ich denke nur, dass wir es anbieten müssen. Wenn jemand kein Skeptiker sein will, können wir ihn nicht zwingen.

    Danke für den Kommentar!

  6. Blues Lee sagt:

    @ Muriel: Bitte, bitte.

    Allerdings: die Tatsache, dass wir (nicht zum ersten Mal) anderer Meinung sind, indiziert doch auch, dass sich unsere Realität wenigstens in einem Punkt unterscheidet – nämlich in der Wahrnehmung derselben.

  7. Rudi sagt:

    Darf ich noch, oder bin ich schon ‚raus‘ 🙂
    Also ich denke in diesem Zusammenhang an die sog. Zeugen Jehovas. Die hinterlassen nach aussen hin eigentlich (auch) keinen besonders ‚unterdrückten‘ Eindruck, aber hinter deren Kulissen geschaut danke ich meinen Eltern, mir den Glauben selber ‚ausgesucht‘ haben zu dürfen.
    Ebenso, wie die Art zu leben. (Jedenfalls nur eingeschränkt bis zur Volljährigkeit). In diesem Sinne finde ich die Amishphilosophie auch ‚problematisch‘.
    So wie ich gehört habe, ist die Einstellung der Amish derartig, weil sie ihre Leute vor dem ‚Bösen da draussen‘ fernhalten wollen, was immer das ist. Das könnte man dann aber fast schon als Fürsorge betrachten.
    Tja, es bleibt schwierig; das mit den Religionen…..

  8. Muriel sagt:

    @Blues Lee: Ich meine eher, dass das indiziert, dass unsere Wahrnehmung der Realität sich unterscheidet. Und möglicherweise stimmst du mir ja sogar zu, dass einer von uns Recht haben dürfte, und der andere nicht.

    @Rudi: Du darfst natürlich, und ich glaube auch, dass ich zum Beispiel an diesem Kommentar nichts auszusetzen habe.

  9. Blues Lee sagt:

    @ Muriel: Zustimmung.

  10. Stefan sagt:

    @Muriel:
    Ich bin grundsätzlich deiner Meinung, was den Artikel angeht. Ich komme jedoch ins Grübeln, wenn ich an Urvölker irgendwo im brasilianischen Dschungel denke, die bislang kaum oder gar keinen Kontakt zur Zivilisation haben.
    Findest du auch, dass man die (oder ihre Kinder) aus ihrer Umwelt reißen sollte?

  11. Muriel sagt:

    @Stefan: Den Gedanken hatte ich auch.
    Ich habe ja auch bei den Amish nicht vorgeschlagen, dass die Nationalgarde augenblicklich deren Gemeinschaft auflösen und die Kinder zu besseren Eltern deportieren sollte.
    Das Ziel, dass alle Menschen auf dieser Welt die Chance auf höhere Bildung (oder erst einmal überhaupt welche, die den Namen verdient) haben sollten, gilt meiner Meinung nach universell. Aber man muss natürlich bedenken, dass man ihm eventuell eher schadet, wenn man versucht, es unüberlegt und übereilt gegen den Willen der Beteiligten durchzusetzen.
    Die Amish leben auf dem Staatsgebiet der USA (und teilweise Kanadas), die sowohl die Ressourcen, als auch die rechtliche Möglichkeit hätten, einzugreifen.
    Bei Chilenischen Urvölkern ist das leider komplizierter.

  12. Westrup sagt:

    Das ist Quark. Gerade hier soll der Staat eingreifen und nicht bei den Homo-Freunden der Dingsbums-Church? Dann könnten man mit gleichem Recht fordern, der Staat soll egoistischen Arschlöchern, die ihre Kinder zu neo-liberalen Vollpfosten erziehen, die Kinder wegnehmen. Ich hasse z.B. Heidi Klum; Eltern die ihre Kinder ‚Topmodel‘ gucken lassen, Gören wech. Allen FDP-Wählern gehören sofort die Nachwüchse entzogen, damit das Pack sich nicht auch noch fortplfanzt.

    Wo soll denn das enden? Schon mal an die Inuit und die Aborigines gedacht, denen ein wohlwollender Staat die Kinder entzog, sie zu braven Westlern zu formen.

    Nein, hier hat Gesinnung kein Recht.

  13. Muriel sagt:

    @Westrup: Oh je, da ist dir ein Missgeschick passiert. Ich würde es einfach taktvoll ignorieren, aber ich möchte dir zumindest angeboten haben, dass ich die Schweinerei aufwische, damit du dich nicht mehr dafür schämen musst.

  14. Westrup sagt:

    Fortpflanzt Tippfehler? So schlimm ist das doch gar nicht. Trotzdem Danke. Ansonsten: non, rien de rien…

    PS Ich weiß natürlich, dass die Dingsbums-Church das pure Gegenteil von homophil ist. Zumindest offiziell. Dit nennt ma Pssücholochie.

  15. Westrup sagt:

    PPS Ich bin übrigens Konstantin Neven DuMont. Westrup ist ein Pseudonym.

  16. whynotveroni sagt:

    Wo wir bei Kindern ohne Zugang zu einer ordentlichen Ausbildung sind… Was ist dann mit denen hier?

    (Status in 2010 ab Minute 10:00, falls euch die Geschichte der Sioux in den USA nicht von Anfang an interessiert.)

    Die heutigen Sioux-Kinder kriegen offenbar auch keine ordentliche Ausbildung. Ok, Aaron Huey dramatisiert das ziemlich, aber objektiv gesehen haben die das noch viel noetiger als die Amish-Kinder…

  17. Muriel sagt:

    @whynotveroni: Danke für den Hinweis, du hast völlig Recht. Die natürlich auch.
    Die Amish waren nur ein Beispiel, weil ich eben gerade über die lese.

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