Gefallen (7)

Ich wurde ja gebeten mich zu beeilen, und ihr könnt jetzt entscheiden, ob ihr mir glaubt, dass ich das getan habe, oder nicht. Ihr wisst ja, ich lasse jeden gerne glauben, was er will…

Was ihr nicht glauben müsst, sondern wissen könnt, weil es ja schließlich geschrieben steht: Das neue Kapitel unseres Fortsetzungsromans ist jetzt da. Wo wir das letzte Mal nur eine lange Szene hatte, sind es diesmal gleich drei, aber dafür kurze. Viel Spaß und schönes Wochenende!

Was bisher geschah
Im ersten Kapitel wurde Prinzipal Janan von einer Eisernen Jungfrau entführt und durch die Höhlen des Hüters in das Unheiligtum gebracht.
Im zweiten Kapitel kehrte er mit der Eisernen Jungfrau zurück und beriet sich mit seinen… Ja, mit seinen Beraten, wem sonst? über die Bedrohung durch den Hüter.
Im dritten Kapitel lernen wir Mischa kennen, der Prinzipal entscheidet, dass er die Hilfe des Magistrats braucht, und seine Schwester Jasmi reist nach Nomren, um diese anzufordern.
Im vierten Kapitel spricht Jasmi mit dem Magistrat und seinem Ersten Magier, Mischa will von Gennard eine neue Hand, und die Mandurische Armee erleidet eine Niederlage.
Im fünften Kapitel besucht Jasmi das Monument von Yon-Gequl, Kara und Morgan werden von einem Boten aufgesucht, und Jasmi teilt sich eine Kutsche mit dem Gekreuzigten. Er ist ein bisschen schwierig.
Im sechsten Kapitel erwehren sich Kara und Morgan eines aufdringlichen Duellanten und lernen Sturm kennen.

Was heute geschieht

Während die beiden Ochsen mit den langen gezwirbelten Hörnern Gennards Wagen langsam aber stetig über die gepflasterte Straße zogen, blieb Mischas Blick an einem Schatten vor einem Felsen kurz vor dem Horizont hängen, weit, weit am anderen Ende der graubraunen Halbwüste, durch die sie reisten. Sie hob ihre Hand an ihre Brauen, um sich vor dem Licht der untergehenden Sonne zu schützen und kniff ihre Augen zusammen, während sie angestrengt in die Ferne spähte.

Ihre Hand. Die eine, die ihr noch geblieben war. Der Stumpf der anderen war inzwischen soweit verheilt, dass er nur noch selten weh tat, aber dafür eigentlich ununterbrochen furchtbar juckte.

Natürlich durfte sie sich davon nicht ablenken lassen, denn wenn sie sich kratzte, hatte sie jetzt keine Hand mehr für andere Tätigkeiten frei.

Mischa spähte angestrengt in die Ferne.

Es war nicht nur ein Schatten, oder? Zuerst hatte sie gedacht, es könnte nur der Schatten eines Felsvorsprunges sein, aber da war kein Felsvorsprung, und bei diesem Licht waren Schatten auch viel länger.

Was war das? War es ein Tier, ein Mensch, ein Strauch, oder vielleicht ein merkwürdig geformter Stein?

Es war gerade eben zu weit weg, als dass sie es wirklich hätte erkennen können, und gerade nah genug, um frustrierend sichtbar zu sein.

Sie räusperte sich geräuschvoll, beugte sich zur Seite und spuckte auf die Straße. Sie streckte ihre Hand in Gennards Richtung aus.

„Wasserflasche.“

Gennard seufzte, während er hinter sich griff und sie ihr mit einem tadelnden Blick über die Gläser seiner kleinen, weit, weit vorne auf seiner Nase sitzenden Lesebrille reichte.

„Haben deine Eltern dir nie beigebracht, wie man höflich-“

„Gennard, mein Vater war zu sehr damit beschäftigt, meinen Bruder und mich zu prügeln oder zu ficken, je nachdem, wonach ihm gerade war, und meine Mutter hatte genug damit zu tun, sich vor ihm zu verstecken, damit er nicht dasselbe mit ihr machte. Vielleicht hätte sie es versucht, nachdem ich den alten Sack erschlagen hatte, aber…“ Sie pausierte, um sich einen Essensrest aus den Zähnen zu puhlen. „Sie wusste eben schon immer, was gut für sie ist.“ Sie sog Luft durch die Zahnlücke, weil es sich immer noch so anfühlte, es würde das was festhängen. „Aber hey, vielleicht willst du mir ja Manieren beibringen, wie sieht’s aus?“

Gennard starrte sie für einige Sekunden mit offenem Mund an, bevor er mit einem hörbaren Laut seine Lippen wieder zusammenklappte und seinen Blickt auf die beiden Ochsen heftete, als wären sie die faszinierendsten Zugtiere der ganzen Welt.

„Dacht‘ ich mir.“

Mischa nahm einen tiefen Zug aus der Wasserflasche, dann streckte sie sich und verschränkte die Hände hinter ihrem Kopf.

„Warum baust du dir nicht bessere Zugtiere?“ fragte sie, als das Schweigen anfing, ihr auf den Geist zu gehen und sie genug davon hatte, sich Ochsenärsche anzusehen.

„Wie meinst du das, Zugtiere bauen?“ fragte er mit einem verwirrten Blinzeln.

„Na, so wie deine stinkenden kleinen Spinnenviecher. Warum baust du dir keine Metallpferde, oder sowas?“

„Wegen des Ersten Hauptsatzes der Thermodynamik?“

Sie sah ihn an. Er erwiderte ihren Blick, aber nicht für lange.

„Gennard, es gibt nur einen Grund, sowas zu mir zu sagen. Es gibt nur einen beschissenen Grund, Gennard, und weißt du, welcher das ist?“

„Weil es sich um die Antwort auf deine Frage handelt?“ fragte er.

Sie macht ein unanständiges Geräusch und zeigte ihm den Finger. „Weil du willst, dass ich mich dumm fühle! Weil du genau weißt, dass ich dich nicht verstehe. Ich geb dir’n Tipp, Gennard, du willst nicht, dass ich mich dumm fühle. Du willst das nie.“

„Wieso nicht?“ fragte er schmunzelnd.

„Wenn ich mich dumm fühle,  könnte ich in Versuchung geraten, was Dummes zu tun, du alter vertrockneter Bastard. Erklär’s mir!“

Er seufzte. „Das ist ein Argument. Ein Uhrwerk kann nur so viel Energie abgeben, wie man vorher hineingesteckt hat. Wenn ich Pferde wollte, die meinen Wagen einen Tag lang ziehen, bräuchte ich zwei Wochen, um sie aufzuziehen.“

Mischa runzelte ihre Stirn.

„Thermodynamik?“ fragte sie nach einer Weile.

„Thermodynamik“, antwortete Gennard. „Das heißt, dass Energie weder neu entsteht, noch…“

„Pssst!“ Mischa hob eine Hand und spähte wieder angestrengt in Richtung der Felsen. „Scheiße, was ist das?“

Da war schon wieder so eine Form. Ein bisschen näher, und diesmal ganz bestimmt kein Schatten. Ein Strauch? Ein Kaktus? Oder ein Mensch, der da reglos stand und sie beobachtete?

„Du hast doch bestimmt ein Fernrohr dabei, oder?“

„Wieso?“ fragte er, während er wie ein Uhu ins Licht der untergehenden Sonne blinzelte, in dem Versuch, ihrem Blick zu folgen. „Was siehst du, Mischa?“

Sie stöhnte und versetzte ihm einen gerade noch freundlichen Schlag gegen seine Schulter.

„Wenn ich das wüsste, bräuchte ich dein verhurtes Fernrohr nicht mehr, oder? Gib’s schon her!“

Er zügelte die Ochsen, bevor er sich umdrehte, ein goldglänzendes Fernrohr aus einem wattegepolsterten Erlenholzkästchen nahm und es ihr reichte.

Mischa zog es auseinander, hielt es sich ans Auge und stockte. Sie setzte das Fernrohr wieder ab. Die Gestalt war verschwunden.

„Halt den Wagen an, Gennard“, sagte sie aus einem Mundwinkel, während ihre Hand den Griff eines Wurfbeils an ihrem Gürtel umfasste.

Und dann stand es plötzlich vor ihnen, keine zehn Schritte entfernt, mitten auf der Straße.

Es hatte die Gestalt eines kleingewachsenen Mannes von ungefähr 1,60m Höhe, weder besonders muskulös, noch außerordentlich hager.

Und es war vollständig eingehüllt in eine zweite Haut aus mit grobem Garn vernähten Lederflicken in verschiedenen Farben und Größen. Sogar das Gesicht der Gestalt war völlig mit Leder bedeckt, unter dem sich eine Nase, Augenhöhlen und sogar die Form der Lippen grob abzeichneten. Die Hülle schien jedoch keinerlei Öffnungen aufzuweisen, durch die das Unwesen atmen, sehen oder essen konnte.

Es stand einfach nur stumm und reglos da, die Beine etwa schulterbreit auseinander, die Arme an seinen Seiten leicht erhoben und die Ellenborgen etwas angewinkelt. Es war unbewaffnet, aber Mischa hatte den Verdacht, dass das kein Grund war, sich in Sicherheit zu wiegen.

Langsam zog sie das Wurfbeil aus der Schlaufe, so unauffällig sie konnte, denn sie hatte außerdem den Verdacht, dass das Wesen auf der Straße nicht blind war, auch wenn es so schien.

„Doch doch“, raunte eine helle Männerstimme direkt hinter ihr, von der Ladefläche des Planwagens „Entspann dich ruhig, wir sind harmlos…“

Mischa sprang auf, wirbelte herum, zog mit der freien Hand ihren-

„Arrrr verdammt!“ kreischte sie so schrill, dass Gennard beinahe von seinem Kutschbock gefallen wäre.

Nicht genug damit, dass ihr Armstumpf natürlich ins Leere griff, außerdem war da niemand auf der Ladefläche.

Wieso war da niemand? Sie hatte die Stimme doch gerade eben… Es musste ein Magier sein. Alle Höllen, wie sie Magier hasste.

„Nein wirklich“, sagte die freundliche Stimme wieder, abermals unmittelbar hinter ihr, also aus der entgegengesetzten Richtung wie zuvor. „Wir sind auf eurer Seite, wir können Freunde werden.“

Sie wirbelte wieder herum, war diesmal aber nicht mehr überrascht, nichts zu sehen außer der Straße, dem Lederwesen und zwei fetten Ochsenärschen.

„Also, ihr und ich, meine ich“, fuhr die Stimme unbeirrt in beschwingtem Plauderton fort. „Wir drei. Er eher nicht. Er ist ein bisschen komisch.“

Und dann breitete das in Lederflicken eingenähte Ding seine Arme aus, legte seinen Kopf in den Nacken und schrie.

************************************************************

Hauptmann Bendow keuchte. Er blieb stehen, fluchte leise, nahm seinen Helm ab und wischte sich den Schweiß von der Stirn, so gut er konnte.

Der Helm saß nicht besonders gut, aber wenigstens war er leicht. Das war wahrscheinlich kein gutes Zeichen, was seine Schutzwirkung anging, aber gute Rüstungen waren teuer, und Bendow hatte das Geld für seine Hauptmannsposition zu horrenden Zinsen leihen müssen.

Aus demselben Grund waren seine Stiefel auch völlig ungeeignet, um seine Füße auch nur ein bisschen vor Nässe zu schützen. Jemand hatte ihm mal gesagt, dass Füße in schlechten Stiefeln zu faulen beginnen konnten, wenn man mehrere Tage bei nassem Wetter darin marschierte, aber er hatte natürlich nie damit gerechnet, irgendwann einmal wirklich mehrere Tage marschieren zu müssen, erst recht nicht in solcher Nässe.

Es war ein Glücksfall, wenn er nach einem Schritt nur bis zu den Knöcheln einsank.

Er hatte seit langer Zeit nicht mehr gewagt, sein Schwert zu ziehen, weil es von Anfang an ein bisschen locker am Knauf gesessen hatte und er sich gefürchtet hatte, ein neues kaufen zu müssen. Jetzt wünschte er sich, er hätte das Risiko in Kauf genommen.

„Was haben wir in diesem geisterverlassenen Sumpf zu suchen, Hauptmann?“ fragte ihn sein Leutnant. Hannum hieß er, oder Hennum. Hennom? Bendow nannte ihn immer nur Leutnant. Sie waren schließlich Soldaten.

„Wir sollen den Feind auf diesem Weg flankieren und seinen Marsch auf Callein zum Halten bringen. Befehl von Oberst Jaschek.“

Leutnant Hannum wischte sich ebenfalls über die Stirn, allerdings ohne seinen Helm abzunehmen und deshalb mit noch weniger Erfolg als sein Vorgesetzter zuvor.

„Weiß Oberst Jaschek, dass es Wahnsinn ist, solches Terrain mit zwei Regimentern schwerer Infanterie durchqueren zu wollen?“

Der Leutnant hatte eine formale Ausbildung an der Offiziersakademie Hohenhagen absolviert und ließ keine Gelegenheit aus, Hauptmann Bendow daran zu erinnern.

„Es steht uns nicht zu, die Befehle unserer kommandierenden Offiziere infrage zu stellen, Leutnant“, blaffte Bendow ihn an. „Wir sollten weiter… Wo ist eigentlich unsere Kompanie, Leutnant?“

Bendow drehte sich um, konnte aber in dem dichten Gewirr aus Wurzeln, herabhängenden Schlingpflanzen, Blättern und Sträuchern niemanden sehen. Zu hören war auch nichts, außer einem fremdartigen Quaken oder Krächzen oder Zirpen, das von irgendeinem widerlichen Frosch oder Vogel oder Insekt kommen musste, das hier im Sumpf heimisch war.

„Ich glaube, vorhin war noch… Korporal Lech!“ rief Leutnant Hannum. “Er war die ganze Zeit hinter mir. Korporal-”

“Hier, Herr Leutnant!” antwortete eine Stimme aus völlig unerwarteter Richtung.

„Zu mir, Korporal!“

„Jawohl, Herr Leutnant!“

„Und bringt den Rest Eures Zugs mit!“

„Herr Leutnant, es gibt da ein kleines Problem!“ erwiderte die näherkommende Stimme des Korporals. „Ich bin nicht sicher“

Der Leutnant runzelte seine Stirn.

„Wessen ist er sich nicht sicher?“ fragte Hauptmann Bendow.

„Wessen seid Ihr Euch nicht sicher, Korporal?“ brüllte der Leutnant.

Niemand antwortete.

Hauptmann Bendow griff nach seinem Schwert. Der Griff wackelte zwar natürlich immer noch, aber nicht so schlimm, wie er befürchtet hatte.

„Korporal!“ rief er.

Er hörte nichts außer dem leisen Schwappen von Wasser.

Zeitgleich zogen die beiden Offiziere ihre Schwerter.

„Es liegt mir fern, die Befehle vorgesetzter Offiziere infrage zu stellen, Hauptmann, aber vielleicht ist dies eine Situation, in der wir Eigeninitiative zeigen und aufgrund unerwarteter Entwicklungen eine neue Taktik entwickeln sollten?“

„Oberst Jaschek hat befohlen, den Feind zu flankieren“, antwortete Hauptmann Bendow, angestrengt in das Dickicht vor ihm starrend.

Er konzentrierte sich so sehr auf die Suche nach möglichen Gefahren, dass er beinahe das Platschen neben sich nicht wahrgenommen hätte. Er wirbelte herum und sah Leutnant Hannum im Schlamm liegen, mit einer Hand an dem Pfeil, der aus seinem Hals ragte, und empörtem Blick.

„Hhiiiiiiiiaaaa!“ schrie eine Kinderstimme, und als Hauptmann Bendow abermals herumwirbelte, sah er eine kniehohe Kreatur mit faltiger graugrüner Haut und einem weit offenen Mund voller überproportional großer spitzer Reißzähne auf sich zu rennen. Das Wesen trug einen Bogen in seiner linken Hand, einen leeren Köcher auf dem Rücken und einen langen schmalen Dolch in der Rechten, und als es noch drei Meter von ihm entfernt war, setzte es zum Sprung an und katapultierte sich in erstaunlich hohem Bogen direkt auf ihn zu.

Was war das?

Hilflos streckte Hauptmann Bendow sein wackeliges Schwert aus und sah fassungslos zu, wie die kleine faltige Kreatur direkt darauf landete und mit einem sehr nassen Geräusch von seiner Klinge der Länge nach durchbohrt wurde wie ein Truthahn vom Bratspieß.

„Ha!“ rief der Hauptmann. „Haha! Wer sagt’s denn?“ rief er.

Er schüttelte das tote kleine Monster von seinem Schwert ab und sah angewidert zu, wie es langsam im Schlamm versank.

Er dachte, dass es durchaus etwas Gutes hatte, gegen Monster zu kämpfen, denn er war sich nicht sicher, ob es ihm ebenso leicht gefallen wäre, einen anderen Menschen zu töten. Er war kein sehr gewaltsamer Mensch.

Hauptmann Bendow wischte sein Schwert an den Blättern eines Strauches ab, so gut er eben konnte, und bemerkte verärgert, dass seine Hand beinahe sofort danach heftig zu jucken begann. Anscheinend hatte er sich den falschen Strauch ausgesucht. Nun gut, Krieg war eben kein Spaziergang.

Er machte sich auf, den Teil seiner Kompanie zu finden, der noch am Leben war.

************************************************************

Ein kräftiger Sonnenstrahl fiel durch eine der bunt bemalten Scheiben des Palastes und warf ein buntes Muster aus verschiedenfarbigen Flecken auf die Tafel, an der Feldmarschall Hoggden seine Strategie zu erläutern versuchte.

Es war dadurch unmöglich, Einzelheiten seines Plans zu erkennen, aber Prinzipal Janan hatte sowieso schon jedes Interesse an Plänen und Strategien verloren.

Bei dem Angriff des Drachens hatte ihn ein Gefühl von Hilflosigkeit, Schwäche und blinder Panik ergriffen, und es war seitdem eigentlich nie ganz verschwunden.

„Unsere Kavallerieeinheiten werden von Osten angreifen, während das Fünfte Schwere Infanterieregiment den Feind durch die Dorischen Marschen von Westen flankiert und die Reste der Zweiten und Siebten Kohorte den Zugang zu Callein sichern und die Stadtbefestigung verstärken.“

Es war sinnlos.

Janan hasste es, so zu denken, aber dieses Gerede von Verstärken, Flankieren, Angreifen, Verteidigen, alle Strategie, schien ihm so vollkommen unwirklich, seit er begriffen hatte, dass all seine Soldaten, alle Schwerter, Katapulte und Armbrüste Manduriens für die Ungeheuer des Hüters kaum mehr waren als lästige Hindernisse und Ungeziefer, das es zu zertreten galt.

„Nach unseren bisherigen Erfahrungen ist der Feind uns in direkter Konfrontation Mann gegen…“ Feldmarschall Hoggden zögerte nur kurz, während er weiter seine Schaubilder an die Tafel malte, „Mann überlegen ist. Deswegen werden unsere Truppen sich bemühen, den Nahkampf zu vermeiden und den Feind möglichst lange mit Schusswaffen zu dezimieren und durch kurze, überraschende Nadelstiche-“

„Wir könnten kapitulieren“, hörte Janan sich sagen. Er sprach langsam und nachdenklich, aber seine Worte klangen dennoch laut in der erschrockenen Stille, die ihnen folgte.

Hoggden hielt in seiner Bewegung inne und blieb einige Sekunden reglos stehen, bevor er sehr bedachtsam die Kreide zur Seite legte und sich umdrehte.

Er nahm einen tiefen Atemzug. „Prinzipal“, begann er, „Mit allem Respekt, ich empfehle dringend…“

„Kapitulation ist für Feiglinge.“

Die Worte, gesprochen mit tiefer, kräftiger, weit tragender Männerstimme, kamen vom Eingang des Raumes, hinter Janan, seinen Beratern und den Stabsoffizieren. Nur Feldmarschall Hoggden konnte den Sprecher sehen, und er starrte mit weit aufgerissenen Augen und offenem Mund an, wer auch immer es gewagt hatte, diese Ratssitzung zu stören.

Janan drehte sich in seinem Stuhl um und sah gegen das Licht eine Gestalt in der Tür stehen – und stutzte. Irgendetwas stimmte nicht. Die Gestalt war absurd groß, sie reichte vom Boden bis zur oberen Türkante. Er blinzelte und drehte den Kopf, weil er sicher war, dass ihm seine Wahrnehmung einen Streich spielte.

Dann trat die Gestalt in den Saal – und richtete sich auf.

Die Ratsmitglieder und Offiziere keuchten und begannen, aufgeregtes Raunen auszutauschen.

Der Riese schritt durch den Saal in Richtung von Hoggdens Tafel, gefolgt von einer wesentlich kleineren Gestalt, die der Prinzipal als seine Schwester erkannte. Jasmi? Wie konnte sie jetzt schon wieder zurück sein, so schnell, und was hatte sie mit diesem Ungetüm von einem Mann zu schaffen?

War er ein weiteres Monster des Hüters?

Als der riesige Mann näher kam, konnte Janan weitere Details ausmachen.

Er war mindestens zweieinhalb Meter groß, vielleicht näher an drei, und er trug eine lange purpurrote Robe und einen ebenfalls roten hohen Hut, wie ein alter Hohepriester. In der linken Hand hielt er einen schlichten Stab aus Kirschholz mit einem dezent verzierten mattsilbernen Kreuz darauf. Die Hand selbst wies eine tiefe Wunde am Handrücken auf, aus der langsam zähflüssiges Blut ran.

Am auffälligsten waren aber die Augen des Riesen, die zwei große Nägel getrieben waren, deren schartige Köpfe die Welt mit stumpfem blicklosem Blick durchbohrten.

„Was habt Ihr hier zu suchen, Mann?“ bellte der Feldmarschall mit bewundernswerter Courage.

„Wer seid Ihr?“ fragte der Prinzipal, deutlich zurückhaltender. „Schickt Euch der Hüter?“

Der Riese zögerte kurz, während sein Gesicht mit den beiden Nägeln von links nach rechts schwenkte, als würde er sich umsehen. Konnte er wohl sehen?

„Ich bin der Gekreuzigte“, verkündete er mit seiner tiefen tragenden Stimme. „Euer Magistrat hat mich geschickt, um das Kommando über Eure Armee und diese Provinz zu übernehmen, bis die gegenwärtige Krise zu Ende ist.“

„Der Gekreuzigte!“ zischte einer der Offiziere,

„Ein Gefallener!“ ein anderer, und

„Sie sind erwacht!“ ein dritter.

„Sagt er die Wahrheit, Jasmi?“ rief Janan seiner Schwester zu, die mit gesenktem Kopf schräg hinter dem Riesen stand.

Sie atmete tief ein, als müsste sie erst den Mut sammeln, zu sprechen. Was war mit ihr geschehen? So kannte Janan sie gar nicht.

„Ich… war nicht dabei, als der Magistrat mit ihm und den anderen gesprochen hat“, antwortete sie, „Aber der Erste Magier hat die Gefallenen befreit, und der Magistrat wollte sie einsetzen, um den Hüter aufzuhalten.“

„Er hat mir auch diese Vollmacht mitgegeben“, sagte der Gekreuzigte, hörbar verärgert darüber, dass er sich um solche lästigen Details zu kümmern hatte, während er eine versiegelte Schriftrolle aus seinem Gewand zog.

„Der Magistrat ist nicht befugt, Provinzregierungen abzusetzen und neue Generale für unsere Streitkräfte zu ernennen“, widersprach Janan.

Die Schultern des Gekreuzigten hoben und senkten sich in einem unhörbaren Seufzen.

„Das ist er offenbar tatsächlich nicht. Dieses merkwürdige Reich scheint mir nach allem, was ich bisher weiß, vor allem auf der Schwäche seiner Herrschenden aufgebaut zu sein. Ihr seid ein hervorragendes Beispiel, Prinzipal.“

Der Gekreuzigte machte eine kurze Pause, in der er noch einmal seinen blicklosen Blick durch den Raum schweifen ließ.

Ein leises Gemurmel ging durch die Offiziere, aber niemand wagte, Genugtuung von dem riesigen blutenden Magier mit den Nägeln in seinem Schädel zu fordern.

Er nickte und fügte hinzu: „Sei dem, wie dem sei. Es wird sich ohnehin in Kürze ändern, wenn wir Euch alle unterworfen haben, um wieder die Position einzunehmen, die uns zusteht.“

 

Lesegruppenfragen

  1. Ich weiß, das mit der Duschszene ist nichts geworden. Ich behalt’s aber im Hinterkopf. Wer weiß, vielleicht ergibt sich noch was.
  2. Will jemand raten, welchen oder welche Gefallenen oder Gefallene Mischa und Gennard da gerade treffen?
  3. Kommt der Humor in der mittleren Szene bei euch an, oder schadet er der Stimmung?
  4. Und wo ich mit einer Entschuldigung angefangen habe, höre ich auch mit einer auf: Die Janan-und-Jasmi-Szene, um die Guinan gebeten hatte, leidet möglicherweise unter einem gewissen Mangel an Janan und Jasmi. Ich bitte um Verständnis für diese Unzulänglichkeit. Es hat sich dramaturgisch so ergeben.
  5. Weil diesmal gleich zwei Fragen keine waren, gibt es noch eine fünfte als Bonus: Wie wirkte Mischas Jugenderinnerung auf euch?
  6. Und da fällt mir gleich noch eine ein: Wenn ich so ganz offene Fragen stellen, wie gerade bei der fünften, juckt es mir immer in den Fingern, ein paar Alternativen zur Antwort anzubieten. Ich denke, dass es einerseits besser vermitteln hilft, worauf ich hinaus will, euch aber andererseits vielleicht auch subtil beeinflusst und in eine Richtung lenkt, die die Antwort sonst möglicherweise gar nicht genommen hätte. Sollte ich das tun, oder eher lassen?
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4 Responses to Gefallen (7)

  1. foster sagt:

    2. (rot13-kodiert, damit andere nicht versehentlich durch meinen Lösungsversuch beeinflusst werden)
    Refg jbyygr vpu Qbccrytnratre fntra, nore qn rf qerv „fvaq“, gvccr vpu qnaa qbpu rure nhs Fpunggragnramre.

    3. Dreht die Szene komplett von umheimlich auf Slapstick. Passt imo nicht so richtig, es sei denn, Bendow spielt noch eine Rolle und seine Charakterisierung ist wichtig.

    5. Ausgehend von Mischas Charakter, wie ich ihn einschätze, habe ich das eher als puren (und passenden) Sarkasmus gewertet. Nach deiner Frage bin da nicht mehr so sicher.

    6. Bitte kein Multiple-Choice.

  2. Guinan sagt:

    2. Deine Inspirationsquelle sagt mir nichts, daher keine Ahnung. Der wandernden Stimme wegen vielleicht Doppelgänger?
    3. Die zweite Szene fand ich ziemlich albern. Aber damit hattest du ja schon anfangs gedroht.
    4. Es sei dir verziehen.
    5. Das hatte ich nicht als echte Jugenderinnerung eingeordnet, eher so als Langform von „Nerv mich nicht!“
    6. Wenn du Möglichkeiten vorgibst, kriegst du nur die Antworten, an die du selbst gedacht hast. Und bei offenen Fragen macht mir das Antworten mehr Spaß.

  3. DasSan sagt:

    Humor find ich gut, aber du hast dich schon beeilt beim schreiben oder? mit „blicklosem blick“ klingt irgendwie etwas holprig 😉
    Mischas jugenderinnerung macht mich übrigens sehr betroffen, weil so etwas leider auch harte realität sein kann, ist vielleicht etwas zu schwerwiegend für deine geschichte.

  4. madove sagt:

    Oh, gerade ist mir wieder eingefallen, daß ich ja noch was zu lesen hatte *freu*

    1. Ich bin geduldig 😉
    2. Ich rate nicht. Nie.
    3. Natürlich mochte ich ihn wieder total. Ich schalte auch leicht zwischen Dramatik und Humor hin und her, das kommt meiner Wahrnehmung der Realität auch ziemlich nahe.
    5. Hm. Heavy. Ich habe ziemlich geschluckt. Aber es paßt zu ihr, und wenn’s halt so war…?
    6. Ich bin selber nicht soo kreativ und antworte lieber eng an einer klar vorgegebenen und durch Beispiele erläuterten Frage. Aber natürlich wachse ich dann auch nicht drüber hinaus. Aber andernfalls ja auch nicht… 😉
    7. Ich mochte diesen Dialog mit der Thermodynamik. Also Mischas Reaktion. Die muß ich mir merken.

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