Hattrick

Menschenwürde ist sicher irgendwie sehr wichtig, aber manchmal denke ich doch, dass sie als rechtliches Konzept völlig nutzlos ist. Deswegen ist nach meiner Erfahrung immer große Skepsis angebracht, wenn jemand sie als Begründung für irgendeine steile These heranzieht, ob es sich dabei nun um Bundesverfassungsrichter handelt, oder um Leute, die gerne Aufkleber an ihren Stoßstangen anbringen.

Heute geht es aber um einen (ehemaligen) Verfassungsrichter, der auf dem großen Menschenwürdelagerfeuer ein PID-Verbotssüppchen zu kochen versucht (Fragt mich nicht, wo diese bescheuerte Metapher herkommt, sie musste irgendwie einfach raus.) Er baut seine Argumentation in drei Stufen auf, von denen dankenswerterweise jede einzelne vollständig versagt, wenn man sie mal genauer betrachtet. (Am Anfang befürchtete ich noch, dass er einfach nur von einer einzigen falschen Grundannahme startet und von da an konsequent sein falsches Gebäude errichtet. Das hätte für einen Blogpost natürlich wenig Material hergegeben.)

Herr Böckenförde beginnt gleich (ob nun beabsichtigt oder nicht) mit einem rhetorischen Taschenspielertrick in Bezug auf die Menschenwürde. Er fragt:

Ist es angängig, dass sie erst an einer bestimmten Stelle im Lebensprozess des Menschen einsetzt, dieser in den Stadien davor aber verfügbar bleibt, oder muss sie vom Ursprung an, dem ersten Beginn dieses menschlichen Lebens bestehen?

und kommt dann mit einigem Wortgefunkel zu dem Ergebnis, dass es nicht, ähem, angängig ist.

Man muss zu seiner Ehrenrettung zugestehen, dass er auch einigen Raum darauf verwendet, die eigentliche Frage zu bearbeiten, nämlich die, wo das (schützenswerte) menschliche Leben beginnt. Er macht das allerdings nicht besonders überzeugend:

Dieser erste Beginn des eigenen Lebens des sich ausbildenden und entwickelnden Menschen liegt nun aber in der Verschmelzung von Samenzelle und Ei, dem Abschluss der Befruchtung.

Andererseits versucht er schon recht nachdrücklich, so zu tun, als sei das gar keine Frage:

Das ist heute gesicherte naturwissenschaftliche Erkenntnis.

[…]

Das genetische Programm der Entwicklung ist fertig vorhanden, bedarf keiner Vervollständigung mehr oder eines qualitativen Sprunges, entfaltet sich vielmehr von innen her nach Maßgabe eigener Organisation. Hier, und nicht erst irgendwann später, setzt die Würde des Menschen ein und ebenso die Verpflichtung der Rechts- und Verfassungsordnung, sich schützend vor dieses Leben und seine Entwicklung zu stellen.

Ja… Und? Wer sagt denn, dass da ein „qualitativer Sprung“ sein müsste? Warum verdienen ein paar Zellen Schutz, bloß weil sie sich „von innen her nach Maßgabe einer Organisation“ entfalten? Ist es das, was uns von anderen Lebensformen unterscheidet, die nicht über Menschenwürde verfügen? Unser Genom? Warum denn das? Herr Böckenförde weiß es vielleicht, aber er verrät es uns nicht.

Ich verstehe durchaus das Bedürfnis, einen Punkt zu finden, an dem man eindeutig sagen kann: Hier fängt der Mensch an, davor ist es noch keiner. Das wäre so schön einfach. Aber dass wir uns eine einfache Lösung wünschen, gibt uns nicht das Recht, einfach eine zu erfinden.

Böckenfördes zweite Frage ist meiner Meinung nach wieder weit daneben:

Wenn also auch dem Embryo Menschenwürde zukommt, was folgt daraus für die PID? Ist sie – und wie weit – mit der Würde des Embryos verträglich, oder widerstreitet sie ihr?

Daneben, weil unnötig. Wenn wir der Meinung sind, dass der Embryo (um nicht zu sagen: die einzelne Zelle) ein Mensch ist, dann darf man ihn anschließend nicht mehr einfach so umbringen. Das ist eigentlich ein Selbstgänger, aber Herr Böckenförde schafft es souverän, sogar diese einwandfreie Vorlage nicht zu verwandeln, indem er mit diesem Selektionsquatsch anfängt, den die PID-Gegner immer nicht lassen können:

Die PID wird nicht in Gang gesetzt, um den Wunsch nach einem Kind zu erfüllen, dafür genügt die In-vitro-Fertilisation (IVF) als solche; sie wird in Gang gesetzt, um den Wunsch nach einem nicht mit bestimmten genetischen Defekten behafteten, insoweit gesunden Kind zu erfüllen.

Der in vitro gezeugte Embryo wird nicht als solcher, als Subjekt und Zweck an sich selbst anerkannt und gewollt, sondern nur abhängig von bestimmten Anlagen oder Merkmalen, die er hat oder nicht hat.

Ich habe das so vollständig zitiert, weil da meiner Meinung nach klar wird, dass Herr Böckenförder IVF in Ordnung findet und nur mit der PID ein Problem hat.

Im Ernst? Ich meine… WTF? Embryonen sind Menschen, aber es ist trotzdem okay, sie dutzendweise zu vernichten, solange man auswürfelt, welche überleben dürfen? Problematisch wird es erst, wenn man abwägt und nach bestem Wissen rational entscheidet?

Was für ein Blödsinn ist das denn? Findet Herr Böckenförde es auch weniger verwerflich, wenn ich von 20 Leuten in einer Bar 19 zufällig erschieße, als wenn ich mir vorher überlege, welchen ich am sympathischsten finde?

Ich glaube, der Trugschluss dahinter geht ungefähr so: Es ist ethisch gesehen echt schwierig, aus einer Gruppe von Menschen auszuwählen, wer überleben darf und wer sterben muss. Es gibt keine einfache klare Entscheidung, keine eindeutig richtige. Herr Böckenförde will uns deshalb weiß machen, dass es per se unmoralisch ist, diese Entscheidung zu treffen, während es okay ist, die Sache dem Zufall zu überlassen. Ich finde, dass Herr Böckenförde in diesem Punkt anscheinend kein Verständnis davon hat, was Ethik überhaupt ist.

Beim dritten Punkt schafft er es nicht einmal mehr, überhaupt noch eine Frage zu formulieren:

Bleibt noch die Frage, ob mit einem strikten Verbot der PID nicht ein sogenannter Wertungswiderspruch in die Rechtsordnung hineingetragen wird.

Okay, nein, das war kindisch von mir, das nehme ich zurück. Es gibt auch wirklich genug Inhaltliches zu kritisieren:

Herr Böckenförde untersucht hier, ob es nicht komisch ist, dass man sich strafbar macht, wenn man einzelne Zellen aufgrund gewisser Defekte verwirft, während es total okay ist, entwickelte Embryonen mit Armen und Beinen und allem aufgrund derselben Defekte abzutreiben. Eigentlich eine berechtigte Frage, aber er findet natürlich zügig eine, wie soll ich sagen, einfache Antwort:

Bei Abtreibungsregelung und PID handelt es sich, wie auch Johannes Rau hervorgehoben hat, um zwei vollkommen unterschiedliche Sachverhalte.

Na, der muss es ja wissen. Ich weiß, ich bin schon wieder kindisch. Aber er hat angefangen!

Beim Schwangerschaftsabbruch besteht ein konkreter Konflikt zwischen der Schwangeren und dem in ihr heranwachsendem Kind, die beide in einzigartiger Weise („Einheit in Zweiheit“) miteinander verbunden sind

[…]

An dieser Beziehung und Konstellation fehlt es bei Anwendung der PID: Bei ihr geht es nicht um einen vorhandenen Konflikt, vielmehr wird durch die IVF mit PID ein möglicher Konflikt erst bewusst geschaffen und dann antizipiert, indem eine Zeugung auf Probe geplant und durchgeführt wird.

Noch mal so, wie ich es verstehe: Wenn der Konflikt akut besteht, darf man das Kind töten. Man darf aber nicht vorher nachsehen, ob ein Konflikt entstehen wird, und dann darauf verzichten, eine Eizelle einzupflanzen.

Und nicht zum ersten Mal frage ich mich: Meint der das wirklich ernst?

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16 Responses to Hattrick

  1. Dietmar sagt:

    Jetzt bin ich aber echt mal erleichtert: Nach den letzten Artikeln hatte ich schon Angst, hier den Konflikt-Kasper zu geben. Aber hier bin ich vollkommen Deiner Meinung, dass PID-Gegner (ich verallgemeinere mal frech) die Moralkeule schwingen, ohne schlüssig und konsequent zu argumentieren.

  2. Tim sagt:

    Ich glaube, der Bursche hätte im Zweifelsfall auch kein argumentatives Problem damit, einer Scheibe Mortadella Menschenwürde anzudichten.

  3. Muriel sagt:

    @Dietmar: Schön. Ich hatte auch schon Angst, dich hier über kurz oder lang zu vergraulen.
    @Tim: Nicht nur das. Ich bin außerdem auch immer wieder bass erstaunt, wenn Leute erst eine befruchtete Eizelle zum Menschen mit Würde und Rechten und allem drum und dran erklären, um dann im nächsten Schritt aber zu sagen, Abtreibung sei natürlich völlig in Ordnung, wenn die Mutter das eben so wolle, und IVF sei auch okay, weil man da ja keine Auswahl trifft, sondern einfach blind den Großteil der Embryonen vernichtet. Da sind mir beinahe die Katholiken noch lieber, die sind wenigstens konsequent.

  4. Tim sagt:

    @ Muriel

    Besitzt eine befruchtete Eizelle eigentlich die Befähigung zum Richteramt?

  5. Muriel sagt:

    @Tim: Nur vor der Nidation, wenn ich das richtig verstehe…

  6. whynotveroni sagt:

    Ich find’s eh immer lustig, dass Leute staendig versuchen, Dinge/Daten zu kategorisieren, die eigentlich kontinuierlich sind, in dem nahezu willkuerlich irgendwelche Schwellwerte festgelegt und dann ebenso nahezu willkuerlich bei Bedarf angepasst werden…

  7. Muriel sagt:

    @whynotveroni: Kann man bei den Kreationistenvereinen insbesondere in den USA auch gut erkennen. Die, die immer sagen, es gäbe keine Übergangsformen. Schön finde ich auch diese Idee, „Mikroevulotion“ wäre natürlich gar kein Problem, nur „Makroevulotion“ fände nicht statt.
    Hat natürlich eigentlich nichts mit PID zu tun, fiel mir dabei aber gerade ein.

  8. Rudi sagt:

    Wovor hat man eigentlich Angst?
    Oder spielen Ängste hier gar keine Rolle?
    Evolution? Nun; ICH wurde noch fern ab von solch medizinischer Errungenschaft gezeugt ( 🙂 ) und auch geboren.
    Schaue ich mir die Schicksale der Familien an, welche Kinder mit z.B. Downsyndrom haben, mache ich mir schon Gedanken über PID. Mit diesen Eltern aber könnte man sich wohl kaum leidlich konfliktlos unterhalten…
    Komme ich zur Angst zurück, würde ich glauben wollen, dass die Leute Angst vor Elitemenschen haben.
    Aber es ist natürlich anders, denn den Embryonen werden nicht besondere Fähigkeiten eingepflanzt und auch die dann ‚fertigen‘ Menschen werden dereinst eines natürlichen Todes sterben.
    Aus Sicht eines Christen, oder sonstwie angehauchten Menschen könnte man im Zusammenhang mit der PID noch auf den Vorgang der Euthanasie kommen. Für dieses Wort gibt es mehrere Erklärungen; möge jeder hier sich das zutreffendste heraus suchen und sich fragen, ob das ‚passt‘.
    Bleibt aber noch die Frage, wann das Leben anfängt.
    Wir sind zwar alle dabei gewesen, können aber leider nicht darüber berichten.
    Ich bin hin und hergerissen, könnte aber MIT der PID gut leben, denn ich richte mein Hauptaugenmerk auf Gefühle und (leider auch) Kosten.
    Gefühle der Eltern und Folgekosten für Pflegebedürftige.
    So, und nun dürft ihr alle auf mich einschlagen.

  9. Muriel sagt:

    @Rudi: Ich glaube, da wirst du enttäuscht. Ich könnte zwar jetzt darauf hinweisen, dass es weniger um die Frage geht, wann das Leben anfängt, als um die, wann es als menschliches Leben schützenswert wird, aber ansonsten finde ich an deinem Kommentar wahrhaftig nichts, was Prügel verdienen würde.

  10. Rudi sagt:

    Das glaubte ich nur, weil ich das ‚böse‘ Wort benutzt habe…
    Man kann ja nicht vorsichtig genug sein 😉

  11. Dietmar sagt:

    „Das glaubte ich nur, weil ich das ‘böse’ Wort benutzt habe…“

    Evolution?

  12. Rudi sagt:

    @Dietmar, den Suppenkasper, oder wie heisst das Ding noch?
    …ja, dieses Wort darf man wohl heute auch nicht mehr in den Mund nehmen… D-)
    Gruss an Dich, Du Untoter

  13. Rudi sagt:

    d minus ) funktioniert hier wohl nicht 😦
    dann also vielleicht 😀

  14. Rudi sagt:

    …geht doch…

  15. Rudi sagt:

    nochmal @Dietmar
    Ich weiss, es passt gerade nicht so richtig, aber hier einmal etwas vom ‚wirklichen‘ Leben:
    Mit sechzehn habe ich in den Spiegel geschaut und mich gefragt, wie ich wohl mit 30 aussehen würde.

    Zwischenspiel:
    Mein Bruder, der etwas älter ist, bekam mit vierzig einen ledernen, kleinen Sack zum Geburtstag… Es sollte den ‚alten Sack‘ darstellen, welcher er nun war.

    Weiter:
    Heute; ixundpflipzig Jahre später weiss ICH nicht mehr, wie ich mit sechzehn aussah….

    Gruss Rudi

  16. […] [Ich habe über dieses Thema schon mal geschrieben, und zwar das und das.] […]

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