Warum Qualitätsmedien wichtig für die Lebensqualität sind

Heute Morgen wusste ich, dass dies nicht mein Tag wird. Ich weiß nicht, ob ihr das kennt, aber ich wachte schon mit diesem Gefühl auf, dass ich lieber liegenbleiben sollte, und auch wenn mir nichts so richtig weh tat, fühlte sich mein ganzer Körper irgendwie matt und kraftlos an. Ich hatte auf nichts Lust und merkte schon während der Fahrt ins Büro, das ich mich nicht richtig konzentrieren konnte. (Ich habe den Schalthebel am Bahnübergang auf „P“ geschoben, bevor das Auto ganz stand. Das gab einen heftigen Ruck und ein etwas unangenehmes Geräusch und das Gefühl, dass es wirklich nicht mein Tag ist.)

Aber jetzt ist das alles wie weggeblasen. Ich hüpfe beschwingt durch die Büros, umarme jeden Besucher und habe sicher für gesamten Rest des Tages ein breites, cremiges Grinsen im Gesicht.

Woran das liegt, fragt ihr? Was das Zaubermittel ist, das jede schlechte Laune verfliegen lässt und jedes Stirnrunzeln sofort in ein seliges Strahlen verwandelt?

Ich will es euch verraten: Wann immer ich mich nicht gut fühle, suche ich die Internetpräsenz der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ auf und suche nach einem dieser Internetversteherartikel, in dem die Redakteure von faz.net uns erklären, warum E-Book-Reader doof sind, wieso Scheidung gar nicht das beste ist, was einer Familie passieren kann, weshalb Facebook unsere Seelen zerstört, oder eben, warum Amazon uns zu dummen, bornierten Stubenhockern macht, die nur in ihrem eigenen Saft gären, statt sich auch mal der rauen Wirklichkeit zu stellen und sich überraschen zu lassen. Und dann lache ich, und lache, und freue mich, bis die letzte Spur von Weltschmerz getilgt ist.

Die Struktur dieser Artikel ist eigentlich immer die gleiche. Wir beginnen mit einem reißerischen Teaser, in dem idealer Weise der hohe Preis irgendeiner modernen Errungenschaft angeprangert wird:

Internetanbieter liefern uns Millionen Bücher per Mausklick. Doch die Bequemlichkeit hat einen hohen Preis: Wir entdecken nichts mehr außer unseren eigenen Vorlieben. Ein Hilferuf zum Beginn der Leipziger Buchmesse.“

Ein Hilferuf. Ich könnte das jetzt geschmacklos finden angesichts der Tatsache, dass es zurzeit einige Menschen auf der Welt gibt, die wirklich Hilfe brauchen, aber das überlasse ich anderen, dafür fühle ich mich moralisch nicht qualifiziert. Egal.

Der eigentliche Artikel beginnt dann mit einer kurzen Darstellung des Umsichgreifens irgendeines modernen Schnickschnacks auf Kosten irgendeines alten Schnickschnacks:

Im Jahr 2010 hatten E-Books einen Anteil von etwa zehn Prozent am Buchverkauf erreicht, und diese Zahl steigt rapide an. […] Der wachsenden Liste von Dingen, die es in der Welt unserer Kinder nicht mehr geben wird, können wir jetzt Buchläden hinzufügen.

Im nächsten Schritt wird der alte Schnickschnack so unsinnig idealisiert, dass man beinahe brechen möchte wie nach dem übermäßigen Genuss von rosa gefärbter Zuckerwatte:

[…]obwohl der Handel mit verbotenen Schriften unter Strafe stand, gab es Buchhändler und Leser, die das Risiko auf sich nehmen wollten, und diese Bücher wurden verkauft und gelesen. Mit anderen Worten, der Buchhändler war von Anfang an eine unabhängige Figur, wenn nicht per Gesetz, so doch im Geist. […]

[Die Buchhandlung] bietet dem Leser einen Rahmen. Innerhalb dieses Rahmens kann er entscheiden, was er mag und was nicht, was das Richtige oder das Falsche für ihn ist.

um dann am Beispiel einer völlig unsinnigen Anwendung des neuen Schnickschnacks zu demonstrieren, dass es nicht nur sinnlos und dumm ist, sondern eine monumentale Bedrohung für unsere Gesellschaft, unser Seelenheil und überhaupt die Welt, wie sir sie kennen:

Das Internet besitzt die seltsame Fähigkeit, dass es eine unermessliche Vielzahl versammeln kann und dem Anwender zugleich fast immer Ergebnisse auswirft, die seine schon bestehenden Interessen nähren und seine schon bestehenden Überzeugungen bestätigen. Es verweist auf ein Paradoxon, das vielleicht eines der heikelsten unserer Zeit ist: Durch den Zugriff auf alles bekommt man nichts Besonderes heraus.

Uiuiuiuiui, wer hat das eigentlich zugelassen, dieses Internet? Ist da eigentlich die Sicherheit für die Bevölkerung gewährleistet? Wird es nicht vielleicht Zeit für ein Moratorium?

Nun stellen wir noch einmal die dümmstmögliche Anwendung des neuen Schnickschnacks der idealtypischen Anwendung des alten gegenüber:

Für eine Bestätigung ist das Internet genau richtig ausgelegt. Aber wenn wir uns verändern wollen, wenn wir die Herausforderung und Infragestellung suchen, brauchen wir eine Möglichkeit, uns auf den Weg des Zufalls zu begeben.

Ein Buchladen dagegen verlangt, dass Sie auf der Suche nach dem, was Ihnen vorschwebt, die Regale sichten. Sie gehen hinein, um Hemingway zu kaufen, und am Ende kommen Sie stattdessen mit Homer wieder heraus.

und belegen dann die Gefahren des neuen mit… naja, frei erfundenen Geschichten.

Neulich habe ich mir, nach vielen Jahren, den Film „Hannah und ihre Schwestern“ von Woody Allen noch einmal angesehen. Ich war verblüfft, wie viele Zufallsbegegnungen und Gespräche in Buch- oder Plattenläden stattfanden.

Donnerlittchen! Anscheinend werden wir ohne Buchhandlungen alle an Vereinsamung sterben, und außerdem:

Über New York hieß es immer: Schafft die Drogendealer ab, dann hören die Leute auf zu fixen. Man fragt sich unwillkürlich, ob auch der Satz gilt: Schafft die Buchläden ab, und die Leute hören auf zu lesen.

Ich frage mich gerade unwillkürlich auch ein paar Dinge, möchte die aber aus rechtlichen Gründen hier nicht niederschreiben.

Ohne einen Schuldigen kommt so ein Artikel natürlich auch nicht aus, und falls das tumbe Lesevieh ihn noch nicht selbständig gefunden hat, wird er auch noch explizit benannt:

Schuld ist ein digitales Zeitalter, das uns mit derart vielen schillernden Anregungen überflutet, dass dadurch unsere Fähigkeit zu ausdauernder Konzentration verkrüppelt.

Sicher kann man daran vielleicht ein bisschen rumkritteln, wenn man ein Pedant ist, zum Beispiel, weil das mal wieder eine freihändig aus dem Hut gezogene Behauptung ist, aber

Wie auch immer, der simultane Vorgang ist eine historische Tatsache: hier der Niedergang der Buchläden, dort der Aufstieg des Internets.

Und damit ist doch wohl im Grunde wirklich alles klar, oder nicht?

Wir sind deshalb alle aufgerufen, zu kämpfen für das Gute, die Gerechtigkeit, das Edle im Menschen, oder kurz: Für die Buchhandlungen, denn diese Dinge gehören nicht nur zueinander, sie sind im Grund identisch.

Wenn man ein E-Book herunterlädt, lohnt es sich, einen Augenblick innezuhalten und sich zu überlegen, wofür man sich da entscheidet und was diese Entscheidung bedeutet. Wenn genügend Leute aufhören, in Buchhandlungen zu gehen, werden die Buchhandlungen schließen – nicht einige, sondern alle. Und das wiederum bedroht eine Reihe von Werten, die uns begleitet haben, seit es Bücher gibt.

Übrigens habe ich mir kürzlich, nach vielen Jahren, den Film „Zombieland“ von Ruben Fleischer noch einmal angesehen. Ich war verblüfft, wie viele Zombies inzwischen durch die USA irren, hungrig auf der Suche nach den letzten verbliebenen Gehirnen. Der simultane Vorgang ist eine historische Tatsache: Hier der Niedergang der Buchläden, dort der Aufstieg der Untoten. Ich finde, darüber sollte man mal nachdenken, wenn man ein E-Book herunterlädt.

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13 Responses to Warum Qualitätsmedien wichtig für die Lebensqualität sind

  1. Tim sagt:

    Ja, die kleinbürgerliche Panikstimmung in der FAZ stört mich ebenfalls. Die Redaktion merkt, daß ihr Blatt stetig irrelevanter wird, weil sich die Welt draußen ändert. Sie reagiert darauf mit einer Art Festungsmentalität gepaart mit hilfloser Aggression, die dann in vielen Bereichen zu solchen Artikeln führt. Die Buchhandlungen, die Jugend, die öffentlichen Theater, die Museen, die Zeitungen – alles geht den Bach runter, wir werden alle sterben!

  2. Westrup sagt:

    Donnerlittchen! Wer hätte dieses schöne Wort je hier blühen gedacht. Ich mache mir keine Sorgen. Das Internet schmilzt eh irgendwann.

  3. Dietmar sagt:

    Gebongt. Dies war mein letzter Kommentar, dann werfe ich den Computer aus dem Fenster. Teufelszeug.

    Mist: Parterre!

  4. TakeFive sagt:

    Danke für diesen Artikel & das cremige Lächeln ..

  5. Sanníe sagt:

    Traurig, das ist ja von Nicole Krauss! Ich hab gedacht, sie und ihr Gatte Foer sind ein ähnlich anbetungswürdig kluges Paar wie Hustvedt/Auster.

    Am lustigsten finde ich das mit den verbotenen Schriften, die es ja im Internet irgendwie auch gibt. Zu geleakten PDFs aus Ministerien und Botschaften sowie indizierten Büchern hat die FAZ dann aber sicher ane ganze andere Haltung.

    Nicht, daß ich ich Dir Dein cremiges Lächeln nehmen möchte, aber dieser Text von Frau Passig ist bekannt?
    http://anahato.posterous.com/das-buch-als-geldbaumchen-von-kathrin-passig

  6. Muriel sagt:

    @Sanníe: Nein, Frau Passig gehört nicht zu meinen üblichen Quellen.
    Ich sehe aber auch nicht, was ihr Text mit meinem Lächeln zu tun haben soll. Was meinst du?

  7. Guinan sagt:

    Wie man sich irren kann.
    Ich las erst deinen Post und hatte bei den Zitaten die ganze Zeit den Eindruck, das schrieb ein alter Mann, der mit den heutigen Medien nichts anfangen kann. Okay, das ist die FAZ, die sind da so. Das Problem erledigt sich bald von allein.
    Erst ganz zum Schluss bin ich dem Link gefolgt.
    Dass eine junge Frau diesen Blödsinn verzapft – ich bin fassungslos.

  8. Sanníe sagt:

    Na, ich hatte da so verstanden, daß Dich vor allem schlechte Texte zum Lachen bringen.

  9. Donny sagt:

    Wunderbar geschrieben, Muriel!
    Ich merke gerade, dass ich mehr FAZ lesen sollte. Wie toll ist bitte dieser Satz hier:

    „Über New York hieß es immer: Schafft die Drogendealer ab, dann hören die Leute auf zu fixen. Man fragt sich unwillkürlich, ob auch der Satz gilt: Schafft die Buchläden ab, und die Leute hören auf zu lesen.“

    Über Äpfel und Birnen heißt es immer, man soll sie nicht vergleichen. Man fragt sich unwillkürlich, ob auch der Satz gilt: Schafft logische Zusammenhänge ab, und die Leute fangen an zu schreiben. 🙂
    Die Zombiefilm-Rezension zum Ende hin greift diesen Aspekt wirklich gekonnt noch mal auf.

    In diesen schweren Zeiten bin auch ich, gedanklich bei unseren Bücherläden.

  10. juliaL49 sagt:

    Hm, ich bestelle gerne bei Amazon, weil ich da Sachen entdecke, die ich noch gar nicht kannte und weil die Auswahl so groß ist. In Buchläden gehe ich immer seltener, weil die immer dieselben Autoren und immer dieselben Bücher verkaufen.

    Und im Internet erfahre ich immer wieder von tollen Büchern, die so gar nichts mit meinen vermeintlich eingefahrenen Interessen zu tun haben. Wenn ich dann in den nächsten Buchladen gehe (was auch nur am Wochenende geht, weil die unter der Woche nicht lang genug auf haben), dann haben die das gar nicht da und ich muss bis zum nächsten Samstag warten, bis ich es abholen kann. Wenn es ich das Buch bei Amazon bestelle, halte ich es am nächsten Tag in den Händen.

    Wenn das Internet nicht wäre, würde ich ja viel mehr lesen, z.B. keine Blogbeiträge und Krimiromane von drei (!) verschiedenen Autoren.

  11. Rudi sagt:

    @juliaL49
    Also, dass die Läden nicht lang‘ genug auf hätten gehört wohl in einen anderen Blogg 🙂
    In meinem Einkaufszentrum kann ich nämlich beinahe so lange wie ich will…
    Aber ich stimme Dir zu, was das Internet angeht, denn was würde ich in DIESEM Augenblick wohl machen, wenn es das www nicht gäbe 😉

  12. […] habe seit einiger Zeit den Verdacht, dass es bei der FAZ irgendjemanden in einer Position nicht unbeträchtlichen […]

  13. […] hat es schon wieder getan. Wann immer ich mich nicht gut fühle, suche ich die Internetpräsenz der „Frankfurter Allgemeine Z…  faz.net hat auch heute wieder eine große Enthüllung für uns, die gewohnt übergeigt […]

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