Yours to keep – Episode 4

Tja… Ich weiß immer noch nicht, was ich nun davon halte, dass Guinan lieber Yours to keep lesen will als Gefallen, aber erstens ist es doch wohl ein gutes Zeichen, dass sich überhaupt jemand drauf freut, was von mir zu lesen, und zweitens wird man nur vorschnell alt und verbittert, wenn man zu lange über sowas nachgrübelt, deswegen jetzt ohne weiteres Lamento: Yours to keep – Episode 4.

Ach nein, halt, doch nicht ganz ohne Weiteres. Falls ihr neu hier seid oder aus anderen Gründen mit Episode 4 anfangen wollt: Ich glaube, das ist keine so gute Idee. Hier hilft es wirklich, wenn man zumindest den ersten Teil kennt. Natürlich darf man auch den zweiten und den dritten lesen, aber das ist optional.

04. März 2011, in der Präsidentensuite der „Villa Kennedy“ in Frankfurt

Eine lange Zeit vergeht, in der Daniel stumm auf dem Boden sitzt, auf den viel zu großen Ring an seiner Hand hinabstarrt und nicht wagt, zu Sheila aufzusehen, die ihm in ein paar Metern Entfernung gegenübersitzt.

Nur gelegentlich huscht sein Blick kurz in ihre Richtung, weil er auch nicht wagt, sie unbeobachtet zu lassen.

Aber er sieht sie nicht direkt an, aus Angst davor, was er sehen könnte.

Er hat keine Ahnung, wie lange es genau dauert, bis er sich genug beruhigt hat, um wieder darüber nachdenken zu können, wie es weitergeht. Es kommt ihm sehr lange vor.

Und doch… kommt es ihm eigentlich viel zu kurz vor. Wie viel Zeit ist genug, um den Tod eines Freundes zu vergessen?

Wie lang ist die angemessene Wartezeit, um so weiterzumachen, als wäre nichts geschehen, nachdem man erfahren hat, dass man die Schuld am Tod eines Menschen trägt?

„Ist… noch etwas von ihm übrig?“ fragt er, und weiß nicht, ob er lachen oder weinen soll, als ihm klar wird, wie ungeschickt er das formuliert hat.

„Seine Tasche liegt noch da hinten, und im Auto hat er ein benutztes Taschentuch verloren.“

Sie spricht sehr leise, ihre Stimmer höher als sonst, in leicht fragendem Tonfall.

Daniel seufzt.

„Wir sollten ihn… irgendwie beerdigen. Symbolisch. Und… Wir müssen seine Eltern informieren, oder? Und… Himmel, wie erkläre ich das seinen Eltern?“

„Das kann ich machen, wenn du willst!“ antwortet sie hoffnungsvoll. „Ich kann sie anrufen, oder ich besuche sie selbst—“

„Nein!“ schreit Daniel, und sieht aus den Augenwinkeln, wie sie zusammenzuckt. „Du… Ich kann dich nicht… Wie konntest du ihn einfach… auffressen?“

„Ich war hungrig“, murmelt sie kläglich.

Er stöhnt und reibt sich mit Zeigefinger und Daumen seine Nasenwurzel. Er war sowieso immer mehr der analytische Denker.

„Sheila“, sagt er schließlich, „Wir müssen irgendwie… Ich muss verstehen, was du bist und nach welchen Regeln dieser ganze Dreck hier funktioniert! Ich muss verstehen, womit ich hier hantiere!“

Sie antwortet nicht, aber als er zu ihr aufsieht, grinst sie ihn voller Vorfreude und Dankbarkeit an.

Na prima. Als hätte er sie das nicht schon gefragt. Als hätte sie sich da nicht gewunden wie ein Aal, um nicht antworten zu müssen.

Er atmet tief durch und stellt seine erste Frage. Es ist eine, deren Antwort er schon kennt, aber gerade deshalb hält er sie für einen guten Anfang:

„Wenn ich den Ring jetzt abnehme… Frisst du mich dann auf?“

Das Lächeln verschwindet, sie blickt abwechselnd zu Boden und in sein Gesicht, blinzelt verwirrt, hält schließlich inne und schüttelt ihren Kopf, während sich ihre Lippen langsam bewegen, ohne dass Worte herauskommen.

„Sheila?“

„Ich…“ beginnt sie, „Ich… Das könnte ich nicht… Glaube ich.“

Na gut. Vielleicht ist das doch keine so gute Frage. Er überlegt, noch einmal den Ring von seinem Finger abzuziehen, entscheidet aber schnell, dass es eine richtig dumme Idee wäre.

Also eine andere Frage. Eine viel schwierigere. Für ihn. Für sie wahrscheinlich ganz leicht.

„Wenn ich es dir ausdrücklich verboten hätte, hättest du ihn dann nicht gefressen?“

„Natürlich nicht!“

Er seufzte

„Und wenn ich dir verbiete, irgendeinen Menschen zu fressen?“

„Dann… versuche ich mein Bestes?“ antwortet sie hoffnungsvoll.

Daniel stöhnt und vergräbt seinen Kopf in den Händen. Es hätte beinahe lustig sein können.

„Du bist wie das Monster in Wishmaster, oder?“ fragt er. „Wie ein böser Jin. Jeder Wunsch, den du erfüllst, verwandelt sich in einen Albtraum, richtig?“

„Ich mach das nicht mit Absicht“, antwortet sie leise.

Wieder herrscht eine lange Zeitlang Stille, bis Daniel sich schließlich mit einem resignierten Stöhnen hochstemmt und aufsteht.

„Lass uns rausfinden, ob es auch anders geht“, sagt er. „Schluss mit Limousinen, mit Geld und teuren Hotels. Lass uns sehen, wie wir dich dazu bringen können, etwas wirklich Gutes zu tun. Kannst du das?“

„Ich… Ich weiß nicht. Ich sollte noch nie was Gutes tun.“

Daniel schüttelt seinen Kopf und verdreht seine Augen. „Natürlich kannst du das“, sagt er, mit ein bisschen mehr Entschlossenheit, als er wirklich empfindet. „Du kannst mir einen Maybach verschaffen, dann kannst du doch bestimmt auch… Naja… Ich glaube, ich habe eine Idee.“

 

Viele, viele Jahre vor Beginn unserer Zeitrechnung, in der Nähe des heutigen Nemuro, Japan

Seht ihr sie?

Da drüben, neben dem Strauch mit den blauen Blüten. Ein junges Mädchen, nach heutigen Maßstäben, aber in ihrer Zeit schon ein bisschen zu alt, um unverheiratet zu sein. 21. Aber wenn wir etwas näher an sie heranschweben – schwerelos wie wir sind -, können wir leicht den Grund dafür erkennen, dass sie noch keinen Mann gefunden hat.

Das Mädchen heißt Haru. Einerseits wissen wir das natürlich noch gar nicht, aber andererseits wissen wir alles. Die Privilegien auktorialer Allmacht.

Haru hat eine sehr tiefe Hasenscharte, ihre viel zu großen oberen Schneidezähne stehen weit vor, und ihre Nase ist zu flach und zu breit. Ihre großen schwarzen Augen wären vielleicht reizend und könnten den Rest ihres Gesichts beinahe vergessen machten, stünden sie nicht viel zu eng zusammen, und schielten sie nicht.

Haru trägt außerdem einen großen Buckel an ihrer linken Schulter, der ihre Haltung stark verkrümmt hat.

Sie pflückt Blumen für ihre Mutter und summt dabei eine Melodie vor sich hin, sehr schief und sehr falsch und völlig unmelodisch.

Psss…

Hört ihr das?

Lärmendes, schiefes Singen, schwere, unregelmäßige Schritte und lautes Rülpsen kündigen eine Gruppe von fünf betrunkenen Vagabunden an, die sich dem Mädchen nähern.

Jeder Mensch mit auch nur etwas mehr als einem halben Verstand würde sich an ihrer Stelle nun verstecken, aber ach, Haru hat nicht mehr als einen halben Verstand. Sie hat vielleicht sogar ein bisschen weniger.

Deshalb erhebt sie sich vorsichtig und späht neugierig dem Lärm entgegen, ohne zu verstehen, dass er nichts als Leid und Elend für sie ankündigt.

Die fünf Vagabunden kommen näher, bemerken sie, bleiben stehen. Einer von ihnen lallt eine anzügliche Bemerkung, die anderen lachen.

Bricht euer Herz? Seht ihr, wie Haru schüchtern lächelt? Seht ihr, wie sie die Aufmerksamkeit der Männer genießt? Wie sie ungläubig grinst und sich geschmeichelt fühlt, weil jemand sich für sie interessiert.
Das arme, dumme Mädchen versteht nicht die Lage, und es versteht nicht, dass die fünf Männer ihr keineswegs Komplimente machen.

Mein Herz bricht, und falls ihr nicht ebensolche Schurken seid wie die fünf Männer, die laut lachend auf Haru zu taumeln, dann wendet ihr euch nun mit mir ab, um nicht zuzusehen, was sie ihr antun, nachdem sie begonnen haben, sie hier anzufassen, dort zu streicheln, und hier zu tätscheln.

Kurz hören wir Haru noch lachen, kurz können wir noch sehen, wie sie die grabschenden Hände der Männer spielerisch zur Seite schlägt, doch es dauert nicht lange, bis das Lachen aufgebrachtem Wehklagen weicht, bis die rauen, schwieligen Hände nicht mehr nur tätscheln und grabschen, sondern packen, kneifen und schlagen.

Haru versucht, die Männer zu warnen, ihnen zu sagen, dass ihre Mutter eine Schwarzmagierin ist, eine gefürchtete Hexe, und dass sie sie besser in Ruhe lassen.

Aber die Männer hören ihr nicht zu.

Lasst mich euch ebenso schonen wie mich selbst, indem ich euch verschweige, was die fünf Männer mit Haru anstellen. Es soll genügen, zu wissen, dass jeder von ihnen es mehrfach mit ihr anstellt, und dass es dreien von ihnen nicht reicht, das arme einfältige Mädchen zu schänden. Dass sie sich erst dann männlich genug fühlen, als sie sie außerdem mit heftigen Schlägen und Tritten gefügig gemacht haben, als wäre das unschuldige, sanfte Wesen nicht ohnehin gefügig genug.

Ein kleiner Strauß aus blauen und gelben Blüten liegt im Schlamm und wird unter schweren Stiefeln achtlos zertreten.

Oh Verlust.

 

18. Mai 2011, in einem Vorort von Perth

Melissa ist eigentlich ein ganz normales zwölfjähriges Mädchen. Sie hat schulterlange dunkelblonde Haare, große braune Augen und eine kleine Stupsnase. Sie trägt gerne rosa Sachen, aber sie weiß, dass sie zu alt dafür ist. Sie hat eine beste Freundin, der sie alles erzählt, und sie liebt Mr. DeGras, der aus Kanada kommt und  Mathematik unterrichtet. Ihre Eltern haben viel Geld, und sie nehmen Melissa oft mit an exotische Orte. Am besten hat es ihr auf Island gefallen.

Melissa ist eigentlich ein ganz normales Mädchen, aber sie ist in einer ungewöhnlichen Situation.

Deswegen fürchtet sie sich. Sehr.

Die Furcht ist nicht mehr frisch. Sie hat sich abgenutzt. Vielleicht ist sie nicht schwächer geworden, aber sie ist doch ein wenig in den Hintergrund getreten, seit die Männer auf dem Weg von der Schule nach Hause gepackt und in ihren Lieferwagen gezerrt haben.

Melissa weiß nicht genau, wie viele Tage seitdem vergangen sind. Es gibt kein Fenster, und es scheint auch niemals Licht durch Spalten oder Ritzen in den Wänden. Sie vermutet, dass sie in einem Keller eingesperrt ist, denn die Luft ist kalt und feucht. Nicht so kalt, dass sie richtig gefroren hätte, aber doch genug, dass ihre Finger sich permanent unangenehm kühl anfühlen.

Ihre einzige Lichtquelle ist eine nackte Glühbirne, die Tag und Nacht brennt. Der Schalter muss außerhalb des Raumes sein. Natürlich hätte sie die Birne herausdrehen können, aber erstens kommt sie nicht dran, und zweitens ist die bestimmt heiß.

Eine richtige Glühbirne mit Wolffram-Draht. Bestimmt 100 Watt. Wenn die erwischt werden, denkt Melissa, sind sie dran.

Sie kann die Dauer ihrer Gefangenschaft nur ungefähr anhand der Zahl der Mahlzeiten abschätzen, die sie erhalten hat. Dummerweise hat sie nicht richtig mitgezählt, aber ungefähr drei oder vier Tage fühlt sich richtig an.

Immerhin hat sie ein Bett. Ein klappriges altes Feldbett mit kleinen Rostflecken und einer dieser scheußlich kratzigen Wolldecken ohne Bezug, dafür mit ein paar Löchern. Aber immerhin.

Melissa liegt auf diesem Bett, das in einer Ecke des ansonsten nackten kleinen Raumes steht, betrachtet die Betondecke über sich und sucht nach Mustern. Sie hat nicht viel gefunden. An einer Stelle sieht sie einen Abdruck der Verschalung, der ein bisschen an ein Schaf erinnert. Oder eine Katze.

Etwas weiter weg wirft eine Unregelmäßigkeit im Beton einen Schatten in der ungefähren Form des Batman-Logos. Mit viel Fantasie.

Sie summt leise die Titelmelodie von My Little Pony, während sie darüber nachdenkt, was passieren wird.

Am Anfang war sie sich noch ganz sicher, dass sie bald gerettet wird. Melissa sieht viel fern, und sie rechnete jeden Moment damit, dass schwarz kostümierte Männer mit Maschinenpistolen über der Schulter durch die Fenster springen, Schockgranaten werfen und ihre Entführer in Handschellen abführen. Sicher, ihr Kellergefängnis hat gar keine Fenster, und wie es oben aussieht, weiß sie nicht, aber ungefähr so hatte sie sich das vorgestellt.

Dann ging sie dazu über, sich darauf zu freuen, dass die Polizei die Entführer bei der Lösegeldübergabe austricksen würde, während Melissa von ihren weinenden Eltern umarmt und geküsst wird.
So stellte sie sich das vor.

Inzwischen glaubt sie das auch nicht mehr. Inzwischen hofft sie nur noch, dass ihre Eltern möglichst bald bezahlen und sie nach Hause zurück kann.

Sie hofft auch gar nicht mehr so besonders, dass ihre Entführer verhaftet werden.

Der dicke, der sie in den Wagen gezerrt hatte, war ziemlich grob zu ihr gewesen, aber seit sie hier eingesperrt war, hatte sie nur noch einen von ihnen gesehen, einen großen hageren, offenbar schon ein bisschen älter. Sie konnte unter seiner Skimaske seine grauen Augenbrauen sehen.

Er nannte sich Earnest, er hatte eine sehr freundliche und ruhige Stimme, und jedes Mal, wenn er ihr etwas zu essen brachte oder ihren Nachttopf auslehrte, sagte er etwas Nettes, Tröstliches.

Das mit dem Nachttopf war ihr am Anfang auch so schrecklich peinlich gewesen, aber sie hatte sich schnell daran gewöhnt, nicht darüber nachzudenken.

Earnest ist nett. Sie will nicht unbedingt, dass er ins Gefängnis kommt. Sie hat mal was vom Helsinki-Syndrom gelesen, oder so ähnlich. Dass Geiseln dazu neigen, sich mit ihren Geiselnehmern anzufreunden. Ist das hier so? Aber warum eigentlich Syndrom? Was ist denn krankhaft daran, Sympathie für jemanden zu empfinden, der nett zu einem ist, wenn man Angst hat? Das ist doch völlig normal.

Melissa versteift sich und reißt ihre Augen weit auf, als sie unter dem Bett ein Rascheln hört, aber ein sonderbares Rascheln. Nicht wie von einem Käfer, oder einer Maus, oder einer Ratte, sondern… größer. Wie von etwas, das sich langsam entfaltet.

Ihre Hände verkrampfen sich in der kratzigen Wolldecke.

„Pssst!“ flüstert jemand unter ihr.

Melissa schließt ihre Augen. Sie dachte immer, dass Zähneklappern nur so eine Redewendung ist, aber jetzt muss sie ihre Kiefer fest zusammenbeißen, damit sie nicht zu klappern anfangen.

„Da ist ein Monster unter deinem Bett“, flüstert die Stimme, „Aber sag’s nicht weiter. Es soll eine Überraschung sein.“

Melissa hört ihren eigenen panischen Atem. Sie weiß nicht, was sie tun soll. Sie will ihre Augen öffnen, aber sie fürchtet sich vor dem, was sie sehen könnte.

Sie will fragen, wer da zu ihr flüstert, aber sie fürchtet sich vor der Antwort.

Sie weiß genau, dass sie allein in diesem Raum war. Wie kann jetzt plötzlich jemand unter ihrem Bett sein?

Auch das mit dem Herzrasen und Bis-in-den-Hals-schlagen kannte sie bisher nur als Klischee.

Sie weint, und eine ihrer Tränen kitzelt sie ganz fürchterlich an ihrem linken Ohr, aber sie wagt nicht, sich zu bewegen, um sie fortzuwischen.

Als sie Schritte auf der Treppe hört, schluchzt sie vor Erleichterung.

„Earnest!“ stößt sie hervor. „Earnest!“

Erst als sie hört, wie er die Tür aufschließt, wagt sie, ihr Augen wieder zu öffnen.

Sie springt von dem Bett auf – sorgsam bedacht, ihr Füße möglichst weit weg von dem Schatten darunter aufzusetzen, läuft zu ihm und klammert sich an ihn wie eine Ertrinkende an ein Stück Treibholz.

„Earnest“, schluchzt sie, „Da ist was… unter meinem Bett!“

Die Skimaske verdeckt seinen Mund, aber sie kann das verdutzte Lächeln auch in seinen Augen sehen.

„Was?“ fragt er.

„Da ist… Ich weiß nicht… Ich…“ Jetzt, wo sie nicht mehr allein ist und ihre Arme um ihn geschlungen hat, kommt ihr sehr, sehr dumm und kindisch vor, was sie gerade sagen wollte.

Andererseits will sie nicht, dass er einfach nur das Tablett mit dem Essen auf den Boden stellt und wieder geht. Sie weiß nicht, wie lange sie noch hier im Keller bleiben muss, und sie will nicht die ganze Zeit ängstlich zusammengekauert in der am weitesten vom Bett entfernten Ecke des Raumes verbringen.

„Ich weiß nicht“, wiederholt sie, „Ich… hab irgendwas gehört. Kannst du vielleicht nachsehen? Bitte?“

Sie hört ihn leise lachen, und er schüttelt seinen Kopf, aber er stellt das Tablett ab, schließt die Tür hinter sich, geht zu ihrem Bett und kniet davor nieder.

„Siehst du“, sagt er, noch während er sich vorbeugt, „alles in Ord…“ Er stockt.

Melissa weicht unwillkürlich einen Schritt weit zurück und stößt mit dem Rücken gegen den Türknauf. Es tut ein bisschen weh, aber sie spürt es kaum.

„Was ist das denn?“ murmelt er.

Er beugt sich noch ein bisschen weiter vor und kriecht unter das Bett.

„Wie kommt denn hier-“

Plötzlich verstummt er, und seine Beine strecken sich durch und beginnen, krampfartig zu zucken und zu zittern.

Melissa beginnt, laut zu schreien, während das Monster Earnest unter das Bett zieht. Es dauert nicht lange, bis nichts mehr von ihm zu sehen ist.

Melissa wendet sich von dem Bett ab und beginnt, heftig und laut gegen die metallene Tür zu trommeln. Sie schreit und kreischt mit sich überschlagender Stimme, und rechnet jeden Moment damit, dass etwas sie von hinten packt.

Sie wagt nicht, sich umzudrehen.

„Ruhe!“ brüllt eine für einen Mann sehr schrille Stimme von draußen, und jemand tritt so heftig von der anderen Seite gegen die Tür, dass Melissa einen Schritt zurückweicht, trotz ihrer Angst vor dem, was sie hinter sich wähnt.

Die Tür öffnet sich und ein schmächtiger kleiner Glatzkopf ohne Skimaske mit einer knochigen Nase und stark eingefallenen Wangen blinzelt sie verwirrt an. Er hat eine Pistole in der Hand.

„Wo ist denn Earnest?“ fragt er in seiner merkwürdig hohen Stimmlage.

„Ich weiß nicht“, antwortet Melissa. Sie muss sich zurückhalten, um nicht schnell an ihm vorbei die Treppe hinauf zu laufen. Er würde ihr bestimmt wehtun, wenn sie das versucht, aber andererseits fürchtet sie sich davor weniger als vor dem Ding unter ihrem Bett. „Er ist… Es hat…“

Ein, helles, mädchenhaftes Lachen erklingt hinter ihr.

Die Augen des kleinen Kerls weiten sich, und sein Kinn fällt herunter.

„Was zum…“ keucht er.

Jetzt dreht Melissa sich doch wieder um.

Mitten im Raum steht eine hochgewachsene, blonde, langbeinige, kurvige Frau, gekleidet in ein dunkelblaues enganliegendes Kostüm aus irgendeinem matt glänzenden Kunststoff, kniehohe schwarze Stiefel und ein dunkelblaues Cape. Die Umgebung ihrer Augen wird verdeckt von einer metallisch glänzenden schwarzen Halbmaske.

Der Glatzkopf taumelt einige Schritte zurück, bis er über eine der Stufen stolpert und unbeholfen auf sein Hinterteil fällt. Mit weit offenen Augen und ebenso weit offenem Mund starrt er die maskierte Frau an, die Waffe in beiden Händen und auf sie gerichtet.

„B-b-Batgirl?“ stammelt er.

„Nicht ganz“, haucht sie, während sie mit wiegenden Hüften auf ihn zu geht. Melissa huscht zur Seite, erleichtet, dass die Aufmerksamkeit der Frau nicht ihr gilt.

Der Glatzkopf schießt. Und schreit. Und schießt weiter, bis seine Waffe nur noch trockene, nach dem Gedröhne der Schüsse kaum hörbare Klicklaute von sich gibt.

Die Frau steht immer noch da, als wäre nichts geschehen, und lächelt.

„In den Geschichten sind die Leute immer klug genug, eine Kugel für sich selbst aufzuheben“, sagt sie. „In Wirklichkeit habe ich das noch nie erlebt.“

„Was… Was bist du?“ keucht er. „Was zum Teufel bist du?“

Sie hebt eine geschlossene Hand und öffnet sie langsam. Nach und nach fallen seine zehn Kugeln auf den Boden, manche mehr, manche weniger verformt.

Sie schiebt nachdenklich ihre vollen, roten Lippen ein Stück vor und schaute schräg nach oben, bevor sie wieder breit grinsend die Schultern zuckt und antwortet: „Ach, was soll’s, ich glaube, Batgirl ist doch gar nicht so schlecht.“

Etwas an ihrem Grinsen stimmt nicht, denkt Melissa. Es ist ein bisschen zu breit.

Und dann öffnet die Frau ihren Mund. Und öffnet ihn weiter. Und noch weiter.

Melissas Entführer schreit.

 

Viele, viele Jahre vor Beginn unserer Zeitrechnung, in der Nähe des heutigen Nemuro, Japan

In einem völlig unangebrachten prahlerischen Einsatz von Spezialeffekten beginnen wir diese Szene aus der Perspektive des Mondes. Wir staunen, wie weit die Erde entfernt ist, denn die meisten von uns stellen sich seine Umlaufbahn viel enger vor, als sie tatsächlich ist. Wir sehen sie als eine kleine blaue Scheibe vor einem schwarzen Hintergrund, besäht mit Sternbildern, die uns vage bekannt vorkommen. Sie ist natürlich größer als der Mond von der Erde aus gesehen, aber das ist nicht leicht zu erkennen, denn es fehlt an Bezugspunkten wie Bäumen oder Häusern. Aber wir können uns hier nicht aufhalten. Wir erinnern uns daran, dass wir Wichtigeres zu beobachten haben.

Und dann schweben wir auf unseren Heimatplaneten zu. Oder fallen wir?

Jedenfalls kommt die Erde sehr schnell näher, bis wir die Kontinente unter den Wolken ausmachen können. Wir schweben – oder fallen – auf Japan zu. Unser Fokus richtet sich auf den östlichen Teil Hokkaidos, und wir nähern uns weiter dem Erdboden. Wir erkennen Berge, Bäume, einen Pfad, eine Gestalt, die daneben im Schlamm liegt, bis unser Blickfeld schließlich ganz ausgefüllt wird von den Überresten eines kleinen, achtlos zertretenen Straußes aus blauen und gelben Blüten.

Aus dem Off hören wir das leise Wimmern eines jungen Mädchens, und auch ohne zu sehen, was die fünf Männer ihr angetan haben, berührt uns ihr Leid.

Wir wollen sie in den Arm nehmen, sie trösten, sie heilen und ihr das Vertrauen in die Menschheit zurückgeben, das ihr auf so furchtbare Weise geraubt wurde, aber wir können nicht. Wir dürfen nicht.

Die Einschränkungen auktorialer Allmacht.

Haru versucht, aufzustehen, aber sie rutscht im Schlamm aus und fällt, und sie spürt kaum den äußeren Schmerz, denn er ist nichts im Vergleich zum inneren.

Haru versteht kaum, was geschehen ist, und warum. Sie fragt sich, ob sie etwas falsch gemacht hat, denn offensichtlich wurde sie bestraft. Was auch immer sie getan hat, es muss etwas sehr Schlimmes gewesen sein.

Sie versucht ein zweites Mal, sich aufzurichten, und diesmal klappt es besser. Bevor sie ganz aufsteht, greift sie nach dem Blumenstrauß, aber sie zuckt zusammen und saugt erschrocken Luft durch ihre Zähne.

Einer der Männer muss auf ihre Hand getreten sein. Vielleicht auch mehrere. Sie kann ihre Finger nicht mehr bewegen, und nach kurzem Zögern entscheidet sie, den Strauß liegen zu lassen.

Er ist ohnehin nicht mehr schön.

Haru schleppt sich nach Hause. Es ist ziemlich weit; weiter, als ihre Mutter ihr erlaubt hat zu gehen, aber nur hier wachsen die gelben Blüten, die sie besonders gerne mag, und Haru wollte ihr eine Freude machen.

Sie kommt nur sehr langsam voran, weil sie kaum aufrecht gehen kann, sich immer wieder keuchend an Bäume anlehnt oder auf den Boden legt, und lange Pausen macht. Sie blutet aus vielen Wunden, und das macht ihr Angst. Besonders die eine Stelle. Sie hat vor Jahren gelernt, dass es normal ist, dass sie… da unten blutet, aber so stark war es noch nie.

Haru weiß, dass man sterben kann, wenn man zu viel blutet, und sie fürchtet sich.

Aber sie weiß, dass alles gut wird, wenn sie nach Hause kommt. Ihre Mutter ist eine Magierin, sie spricht mit Geistern und Dämonen, und sie wird ihr helfen.

Haru ahnt bereits, dass etwas nicht stimmt, als sie sieht, dass die Tür zur Hütte ihrer Mutter offen steht. Sie lässt die Tür sonst nie offen.

Was für eine sanfte, selbstlose Seele Haru ist, können wir daran erkennen, dass erst der Anblick des verstümmelten Körpers ihrer Mutter in ihr so etwas wie Zorn erweckt.

Ihr eigenes Leid hat sie noch ertragen. Zwar mit dem Gefühl, dass ihre Strafe vielleicht doch nicht ganz gerecht war, aber doch in dem ergebenen Bewusstsein, dass sie oft nicht versteht, was andere Menschen tun, weil sie… verzaubert ist, wie ihre Mutter immer sagt.

Erst jetzt, als sie sieht, was die fünf Männer – sie müssen es gewesen sein – ihrer Mutter angetan haben, beißt sie ihre Zähne zusammen, und ballt ihre Hände zu Fäusten. Jedenfalls so weit, wie sie es schafft, bevor der Schmerz in ihrer zertrümmerten Rechten unerträglich wird.-

Eine Träne rinnt aus ihrem rechten Auge ihre Wange hinab. Man sieht sie kaum unter den vielen anderen, aber diese ist für ihre Mutter.

Kopfschüttelnd humpelt sie zum zerstörten Körper der Frau, die ihr nicht nur das Leben geschenkt hat, sondern Liebe, und Freundschaft, und so viel Wissen, wie eben in ihren verzauberten Kopf passen wollte.

Sie kniet neben ihr nieder – legt ihren eigenen Kopf an den der Leiche – und schreckt zurück. Die Wange des lieben Gesichts ist kalt wie das Wachs der Kerzen, die Harus Mutter für ihre Rituale benutzt hat.

Haru richtet sich umständlich wieder auf. Sie versteht nicht viel, aber sie versteht, dass ihre Mutter nicht mehr da ist. Und dass die Männer Schuld daran sind. Dass die Männer nicht nur ihr alles genommen haben, was sie hatte, sondern dass sie auch den einzigen Menschen zu Tode gequält haben, der jemals gut zu ihr war.

Haru presst ihre Lippen aufeinander und schlurft hängenden Kopfes in die Ritualkammer ihrer Mutter.

Sie durfte die Kammer nie betreten, und sie tut nicht gerne, was sie nun tun wird, aber sie weiß keinen anderen Rat. Sie kniet in dem Schutzzeichen nieder, und sie vergießt ihr Blut darin. Sie hat ja keine Wahl.

„Sie haben mir weh getan!“ schluchzt sie, „Und sie haben meiner Mama weh getan! So sehr!“

Haru weiß nichts von Zauberei, aber sie ist sehr verzweifelt, und sie vergießt viel Blut, und damit kann man vieles ausgleichen.

Es dauert eine Weile, bis die Stimme antwortet, aber sie antwortet.

„Willst du ihnen auch wehtun?“ fragt sie.

Es ist die tiefe, knarrende Stimme eines alten Mannes.

„Ja!“ antwortet Haru.

„Was bist du bereit, dafür zu geben?“ fragt die Stimme.

Haru schweigt, enttäuscht und verwirrt. Sie hat nichts zu geben, oder zumindest denkt sie das. Aber die Stimme weiß es besser, und sie versteht die Antwort, auch wenn Haru sie nicht ausspricht.

Alles.

 

 

Besonders würde mich eure Meinung zur dritten Szene interessieren, mit der bin ich selbst nämlich am wenigsten zufrieden, und Keoni hat mir gesagt, dass sie diesen Stil bei mir am wenigsten mag. Wie seht ihr das?

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6 Responses to Yours to keep – Episode 4

  1. Günther sagt:

    Ok, da gibt es also einen Hinweis darauf, wie der Dämon entstanden ist, und warum. Eine Art Racheengel oder sowas. Aber wer ist nun wieder dieser alte Mann? Jede beantwortete Frage wirft direkt neue auf…

    Helsinki-Syndrom, haha! Jedesmal wenn ich das Wort höre/sehe, muss ich erstmal wieder bei Wikipedia nachlesen, welches denn nun der richtige und welches der falsche Name war.

    Die dritte Szene, also die von dem Mädchen in seinem Verlies, wenn ich richtig gezählt habe… der Stil, hm, daran habe ich jetzt eigentlich grundsätzlich nichts auszusetzen. Ich finde aber, dass der Tonfall eines zwölfjährigen Mädchens in einer solchen Situation (wie ich ihn mir vorstellen würde) vielleicht nicht optimal getroffen ist. Insgesamt 1-2 Nummern zu analytisch… Ich würde mir vorstellen, dass ich in dieser Lage wohl eher gedacht hätte „Ich will zu meiner Mama!“ als ob die Verwendung des Wortes Syndrom im Helsinki-Syndrom denn nun korrekt ist oder nicht. Um es mal zu überspitzen.

    Aber insgesamt wieder spannend zu lesen. Versteht sich von selbst, dass ich wieder sehr gespannt auf weitere Teile bin. Ich muss ja noch wissen, wovor der Dämon sich fürchtet, wer der alte Mann ist, und ob sie nun irgendwie erlöst werden kann. Falls der Herr Autor geneigt sein sollte, seine Leserschaft in dieser Hinsicht aufzuklären…

  2. Guinan sagt:

    Stimmt, Grübeln ist ungesund. Kannst ja einfach fragen…
    Bei Yours to keep hast du mich, bei Gefallen noch nicht so richtig. Da ist der Funke noch nicht übergesprungen. Wenn es schon ein komplettes Buch wäre, dann eines der Sorte, die ich problemlos zur Seite legen kann, um mal eben meine Steuererklärung oder sowas zu machen.
    Hier sieht das schon anders aus. Eigentlich wollten wir schon längst weg sein. Ging aber nicht, ich musste unbedingst erst noch lesen und jetzt noch meinen Senf dazu abgeben.
    Etwas Vorgeschichte, und wie es weitergeht, sehr schön.
    Im zweiten Teil stört mich der letzte Satz (oh Verlust). Das ist übertrieben theatralisch.
    Der Stil im dritten Teil ist für mich ok. Allerdings sollten 12-jährige Kinder nicht unbedingt wissen, wie solche Polizeiaktionen ablaufen und was es mit dem Helsinki-Syndrom auf sich hat, aber das wird wohl nicht in allen Familien so gesehen.
    Ich bin sehr gespannt, was jetzt weiter passiert. Könntest du nicht vielleicht erstmal auf dieser Baustelle weiterarbeiten?

  3. madove sagt:

    Okay, jetzt hast Du mich auch.
    Nach dem ersten Teil (Yours to keep 1) fand ich bei aller Neugier eigentlich, man soll es in seiner magischen Abgeschlossenheit nicht kaputtreden.
    Aber die Verschiedenheit im Stil der nachfolgenden Teile und wie Du die Spannung hälst, find ich ziemlich gelungen und werde mich über weitere Teile freuen.
    Was das Mädchen und Günthers Zweifel angeht, so denke ich, daß ich als Zwölfjährige in einem ganz ähnlichen „Stil“ gedacht habe (, allerdings mit weniger Fernsehbildung). Ob das verallgemeinerbar ist, weiß ich allerdings nicht…

  4. Muriel sagt:

    @Günther: Vielen Dank. In Wahrheit bezeichnet „Helsinki-Syndrom“ natürlich die pathologische Unfähigkeit, sich den Begriff „Stockholn-Syndrom“ zu merken.
    @Guinan: Du findest nur diesen einen Ausruf übertrieben theatralisch? Naja…
    Was die Baustelle angeht, rechne ich derzeit damit, dass Gefallen als Nächstes wieder dran ist, aber so genau weiß man das natürlich nie.
    @madove: Schön, dass es dir auch gefällt. Und noch schöner, dass dir die analytische Zwölfjährige gefällt. Ich finde, man sollte Kinder auch nicht immer so kindlich schreiben. (Hat natürlich überhaupt nichts damit zu tun, dass ich dafür zu faul bin…)

  5. Guinan sagt:

    Der Rest passt zur auktorialen Allmacht. Bodenständiger Stil wäre da unangemessen.
    Und eine Vergewaltigungsszene so hinzukriegen, dass man nicht weiß, ob man kichern oder heulen soll, das hat auch schon was.

  6. Muriel sagt:

    @Guinan: Danke sehr.

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