If I didn’t have you, I’d probably have somebody else.

Zu den Dingen, auf die ich nicht so stolz bin, gehören neben meiner Faulheit, meiner Neigung zur Besserwisserei und meiner nicht selten schlecht verborgenen Arroganz die Tatsache, dass ich Freude an der – nein, es ist keine Seifenoper, glaube ich, aber vielleicht rede ich mir das auch nur ein – US-amerikanischen Serie One Tree Hill habe.

Und damit ihr das schnell wieder vergesst und wir in den Kommentaren nicht lange über meinen Fernsehgeschmack diskutieren müssen, komme ich schnell zum eigentlichen Thema dieses Posts:

Wenn man zusieht, wie Menschen miteinander umgehen und wie sei ihre Beziehungen zu anderen managen, dann kann man kaum glauben, dass wir evolutionsbedingt auf sexuelle Fortpflanzung und Paarbildung ausgerichtet sind. Naja, das erste vielleicht schon noch, aber mit der Paarbildung klappt’s doch nicht besonders.

Ich komme drauf, weil in der gestrigen „One Tree Hill“-Episode eine Hochzeit anstand und deshalb viel von bedingungsloser Liebe gesprochen wurde, und von Ewigkeit, von Schicksal und dem Einen Richtigen Menschen, und so.

Und dieses dumme Geblubber regt mich immer maßlos auf, wenn ich es höre. Ich glaube, wenn ich mal an einer echten Hochzeit teilnehmen muss, nehme ich mir einen dicken Lederriemen zum Draufbeißen mit. Sollte jemand wünschen, dass ich dazu eine Rede halte (Nicht, dass ich damit rechnen würde, denn meine Freunde kennen mich ja, und die anderen werden wohl erst recht nicht wollen, dass ich auf ihrer Hochzeit eine Rede halte.), müsste ich wohl eine Entscheidung treffen, die bei mir immer in die falsche Richtung fällt: Einen guten Freund verlieren, oder eine Pointe.

Ganz ehrlich: Wie dämlich ist das, jemandem zu sagen, dass man ihn bedingungslos liebt, und ihm zu versprechen, dass man das auch für immer weiterhin tun wird?

Was ist überhaupt bedingungslose Liebe? Im wörtlichen Sinne kann ich mich damit vielleicht noch anfreunden. Wer wirklich Bedingungen stellt, bei dem kann es mit der Liebe nicht so weit her sein. Aber so ist es ja nicht gemeint. Diese Leute meinen wirklich, dass sie ihren Partner für immer lieben werden, egal, was er tut und was passiert. Und das ist gleich doppelt Blödsinn.

Erstens, weil das ungefähr so ist, wie jemandem zu versprechen, dass man immer gesund bleibt. Wir können zwar gewiss ein bisschen beeinflussen, wie unsere Beziehung zu einem Menschen sich entwickelt, aber wir können nicht einfach entscheiden, jemanden zu lieben. Genauso, wie wir nicht entscheiden können, ob wir ein bestimmtes Gemälde schön finden, oder ob wir gerne Wackelpudding essen. Und erst recht können wir nicht versprechen, dass wir nicht irgendwann mal jemanden kennenlernen, den wir genauso lieben. Oder noch mehr. Sowas kann passieren. Ob man deshalb dann unbedingt eine seit Jahrzehnten bestehende Beziehung aufgibt, ist natürlich wieder eine andere Frage, aber auch eine, die man kaum im Vorhinein entscheiden kann.

Zweitens, weil es doch nun wirklich niemand gesund finden kann, einem Menschen treu zu bleiben und ihn lieben zu wollen, völlig unabhängig davon, was er tut und wie er sich verändert. Um meinen Partner weiter zu lieben, wenn er anfängt zu trinken und mich regelmäßig zu schlagen und zu beschimpfen, brauche ich eine massive Persönlichkeitsstörung, Eheversprechen hin oder her.

Nun werdet ihr mit großem Bemühen um Höflichkeit leise hüsteln und sagen: Ja, Muriel, ähm… Weißt du noch, wie das war mit der Besserwisserei und der Arroganz und so? Warum erzählst du uns das? Das ist doch offensichtlich jedem völlig klar.

Nein, es ist eben nicht jedem klar, und diesen Eindruck entnehme ich nicht nur amerikanischen Seifenopern Dokumentationen über High-School-Soziologie, sondern auch persönlicher Erfahrung, nicht zuletzt auch in meiner eigenen Familie.

Warum stellen wir an uns, unsere Partner, und an unsere Liebe zueinander so unsinnig hohe (oder teilweise nicht einmal hohe sondern einfach nur unsinnige) Erwartungen, dass wir unweigerlich bitter enttäuscht werden? Warum verleugnen wir nicht nur voreinander, sondern auch vor uns selbst die eigentlich selbstverständliche Tatsache, dass Menschen sich verändern, und dass wir heute noch nicht wissen können, ob wir einander in einem Jahr, in fünf, in zehn oder in fünfzig Jahren noch lieben werden?

Und warum reagieren wir dann, wenn sich herausstellt, dass es nicht geklappt hat, wenn die Liebe vielleicht sogar schon in Verachtung und Abscheu umgeschlagen ist, immer noch so, als hätten wir eigentlich einen Anspruch darauf gehabt, dass es anders läuft? Warum werden Menschen wütend und gehässig, wenn ihnen jemand sagt, dass er sie nicht mehr liebt?

Es geht mir nicht darum, langfristige Beziehungen zu verurteilen. Die sind toll. Ich bin dafür. Keoni und ich sind seit über zehn Jahren ein glückliches Paar, ich hoffe, dass wir es noch mindestens hundert Jahre lang bleiben, und ich fände es sehr traurig, wenn uns das nicht gelänge. Ich liebe nur einen einzigen Menschen, und das ist Keoni, und sie ist mein ganzes Glück. Wenn zwei Menschen sich ihr Leben lang lieben und einander treu bleiben können, ist das etwas Wunderschönes und etwas Großartiges.

Aber welchen Sinn hat es, so zu tun, als könnten und müssten alle Liebenden sich ein Leben lang treu bleiben? Welchen Sinn hat es, sich selbst und anderen eine moralische Verpflichtung einzureden, eine Beziehung weiter zu leben, an der man keine Freude mehr hat, und unter der vielleicht beide Partner nur noch leiden? Welchen Sinn hat es, etwas zu versprechen, das man kaum beeinflussen kann?

Und warum eigentlich sind sogar Paare mit Kindern so oft nicht in der Lage, mit ihrer verletzten Eitelkeit und ihrer Enttäuschung halbwegs anständig umzugehen und eine vernünftige faire Lösung für das Problem zu suchen, statt sich in gegenseitigen Vorwürfen zu ergehen? Verdammt noch mal, spätestens wenn man Kinder hat, gibt es eine moralische Verpflichtung, denn dann leidet nicht mehr nur man selbst unter dem eigenen unreifen, irrationalen, egoistischen Verhalten. Das heißt nicht, dass man auf Zwang zusammenbleiben muss, wenn man es nicht mehr miteinander aushält. Aber es heißt, dass man sich wie ein Erwachsener zu verhalten und die Probleme anzugehen hat, statt zu weinen, zu schreien und zu schimpfen.

Ich weiß, dass nicht jeder mit meiner sehr rationalen Art glücklich wird, mit zwischenmenschlichen Beziehungen umzugehen. Das ist okay. Es muss sich auch nicht jeder die schonungslose Ehrlichkeit angewöhnen, die Tim Minchin in seinem kleinen Song oben an den Tag legt. Wer gerne romantischen Unfug erzählt und darüber hinwegsehen kann, dass es eben Unfug ist, dem wünsche ich dabei viel Spaß. Aber ich glaube – wenn auch von jeder Art Fachkenntnis unberührt und nur aufgrund anekdotenhafter Erfahrungen -, dass es uns wahnsinnig gut täte, ein bisschen realistischer und sachlicher an Liebesbeziehungen ranzugehen und uns einzugestehen, dass wir Menschen sind, und dass wir uns deshalb unweigerlich etwas vormachen, wenn wir anfangen, von „für immer“ und „bedingungslos“ zu sprechen.

Oder was meint ihr?

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23 Responses to If I didn’t have you, I’d probably have somebody else.

  1. Dietmar sagt:

    „müsste ich wohl eine Entscheidung treffen, die bei mir immer in die falsche Richtung fällt: Einen guten Freund verlieren, oder eine Pointe.“

    Eine Pointe ist immer wichtiger. Immer! 🙂

  2. Muriel sagt:

    @Dietmar: Der Freund kommt vielleicht wieder, wenn man sich entschuldigt. Aber die Pointe ist für immer weg.

  3. juliaL49 sagt:

    Da kann ich dir eigentlich nur größtenteils zustimmen 🙂

    Vor einigen Jahren habe ich das mal einem indischen Freund versucht klarzumachen, der fest davon überzeugt war, dass jede Zwangsehe 50 Jahre halten kann. Nach einigen Monaten Überzeugungsarbeit hat er mir dann zugestimmt, dass das wohl nicht immer der Fall sein kann und Scheidung evtl. manchmal vielleicht doch die bessere Lösung sein könnte.

    PS: Wer hat geheiratet? Ich hab OTH nach der 3. oder 4. Staffel aufgegeben.

  4. David sagt:

    Ich weiß, eine Diskussion oder ähnliches wäre dir lieber, Muriel. Aber leider kann ich nur vorbehaltlos zustimmen.

  5. Muriel sagt:

    @JuliaL49: Du hast jemanden überzeugt. Sowas kommt selten genug vor, dass man stolz drauf sein darf.
    Nathan und Hailey erneuern ihre Ehe, und ich bin auch erst bei der vierten Staffel. Das hast du also wahrscheinlich sogar auch noch gesehen.
    @David: Ich freue mich auch über die Zustimmung. Ich hatte nämlich schon befürchtet, hier zumindest teilweise ziemlich unverständlichen Blödsinn geschrieben zu haben und bin nun erleichtert, dass es anscheinend doch größtenteils ankommt.

  6. madove sagt:

    Volle Zustimmung. Und ich mochte das Lied.
    Im Ernst: Ich denke, eine Menge Beziehungen würden explizit besser funktionieren, wenn weniger dieser absurden Erwartungen an die Liebe darin mitspielen würden.

  7. Tim sagt:

    Kann leider auch nur zustimmen.

  8. Guinan sagt:

    Da musste ich jetzt erstmal eine Weile drüber nachdenken. Könnte ich das so abgeklärt sehen? Ich hoffe, denn natürlich hast du absolut recht, zumindest so aus sicherem Abstand gesehen.
    Es käme wahrscheinlich auf die Art der Trennung und die Schwere der Verletzung an, denn eigentlich bin ich ohne rosa Illusionen in die Beziehung gegangen.

  9. Dietmar sagt:

    Nein, das geht nicht: Zu viel Zustimmung für meinen Geschmack. Da muss Rabatz her!

    Also:

    „Ganz ehrlich: Wie dämlich ist das, jemandem zu sagen, dass man ihn bedingungslos liebt, und ihm zu versprechen, dass man das auch für immer weiterhin tun wird?“

    Das ist nicht dämlich. Das ist verliebt. Hormone und so. Ich hab´s erlebt und jedes Wort ernst gemeint.

  10. Muriel sagt:

    @Guinan: Ich habe schon Verständnis dafür, dass man in solchen Situationen emotional reagiert. Es soll nicht so rüberkommen, als wünschte ich mir eine Welt voller Roboter. (Obwohl…)
    @Dietmar: Erich von Däniken meint (möglicherweise) auch jedes Wort ernst. Das macht es nicht weniger dämlich, oder?

  11. Dietmar sagt:

    @Muriel: Richtig. Aber man würde ganz sicher Freunde verlieren, wenn man ihnen sagte, ihr seid zwar verliebt aber dämlich.

    Ist kein Gegenargument … hm …

  12. Muriel sagt:

    @Dietmar: Ich sage jetzt mal, was Matt Dillahunty zu dem Thema auch immer sagt: Wenn ich etwas dämlich nenne, was jemand tut, dann urteile ich damit nicht über die gesamte Persönlichkeit dieses Menschen.
    Ich tue selbst auch reichlich dämliche Dinge. Gerade jetzt zum Beispiel schreibe ich für dich eine Erklärung, obwohl ich nicht nur ziemlich sicher bin, dass du sowieso nur meine Sockenpuppe bist verstehst, was ich sagen wollte, sondern außerdem noch eine Menge Arbeit auf mich wartet.

  13. Dietmar sagt:

    „obwohl ich nicht nur ziemlich sicher bin, dass du sowieso nur meine Sockenpuppe bist…“

    Ich vermisse den tränenlachenden, sich am Boden wälzenden Smiley … 😀

  14. Muriel sagt:

    @Dietmar: Den musst du dir dazu denken. Ich leide unter einer völlig irrationalen pathologischen Abneigung dagegen, Emoticons zu verwenden. Bei anderen stören sie mich merkwürdigerweise überhaupt nicht.

  15. Rudi sagt:

    @Muriel
    …nun kann ich nicht mehr an mich halten 🙂

    Kann es sein, dass DU gerade eine Sinnkrise in DEINER Beziehung siehst und Dich nur nicht traust, es Deiner Keoni so knallhart ins Gesicht zu sagen, immer in der Hoffnung, SIE würde es per Zufall hier lesen, und gänzlich ‚zerknirscht‘ (hallo Dietmar!)zu Dir zu kommen, um zu sagen: ‚…aber Schatz, ich habe ja gar nicht gewusst, dass Du keine Kinder möchtest und dass Dich mein Klammern so verzweifelt…‘!
    Oder so ähnlich…

    Ja, ja, ich stimme Dir doch zu, dass solche Versprechen sagen wir ‚mal dümmlich sind und sie die Quintessenz jedes späteren Streits über die verlorene Beziehung sind, aber sie werden doch in einer gewissen Euphorie gesagt und ich glaube, dass die Menschen 1. sich solche Aussagen wünschen und sie sich 2. trotzdem nicht über deren Reichweite bewusst sind.
    Ein GEGENTEIL solcher Aussagen sind übrigens Eheverträge.
    DIE finde noch abscheulicher, als die dann nicht eingehaltenen Versprechen.
    Im Umkehrschluss sollte man dann also dafür plädieren, dass Eheverträge Pflicht werden, damit man solche Versprechen dann für hinfällig erklären kann (so sie nicht Vertragsinhalt sind)?
    Vielleicht kommt Deine Ablehnung gegen solche Aussagen: ‚für immer und ewig‘ ja auch aus der Ecke der Kirche, wo doch stets gesagt wird: bis dass der Tod euch scheidet…
    Naja, die Kirche ist ja nicht Dein Freund und auch ich halte diese Floskel für bedenklich, aber um mich hier nicht in einen Roman zu verirren:
    Zitat –

    die Ehe ist eine Einrichtung, in der man Probleme bearbeitet, welche man davor nicht hatte

    ICH habe mir in meiner Beziehung nichts anderes gesagt als:
    packen wir’s an 😉
    Und JETZT kommt etwas von Dir:

    Es geht mir nicht darum, langfristige Beziehungen zu verurteilen. Die sind toll. Ich bin dafür. Keoni und ich sind seit über zehn Jahren ein glückliches Paar, ich hoffe, dass wir es noch mindestens hundert Jahre lang bleiben, und ich fände es sehr traurig, wenn uns das nicht gelänge. Ich liebe nur einen einzigen Menschen, und das ist Keoni, und sie ist mein ganzes Glück. Wenn zwei Menschen sich ihr Leben lang lieben und einander treu bleiben können, ist das etwas Wunderschönes und etwas Großartiges.

    DAS fand ich an Deinem Beitrag noch das Lesenswerteste!
    Und daher füge ich auch nichts mehr hinzu.

  16. Muriel sagt:

    @Rudi: Und schon wieder ins Schwarze. Hau mich einer mit ’ner Schaufel, du durchschaust aber auch wirklich jedes meiner Täuschungsmanöver.

  17. Rudi sagt:

    PS.:
    ausser vielleicht, dass Du trotzdem nur mit DIESEM Absatz mindestens 1000 positive Antworten erhalten hättest!

  18. Rudi sagt:

    Oh, dann nehme ich das PS zurück.
    Vereimern kann ich mich nämlich selber.

  19. Muriel sagt:

    @Rudi: Ist mir auch schon aufgefallen.

  20. Rudi sagt:

    …DU mich auch!

  21. Rudi sagt:

    Ups, hab‘ ich MICH geschrieben, ich meinte natürlich MIR, womit ich ausdrücken wollte, dass Du MIR auch aufgefallen bist, mit Deinen sich manchmal widersprechenden Beiträgen. Nichts für Ungut.

  22. madove sagt:

    @Muriel
    Du bist schuld!!
    Hatte ich schon erwähnt, daß ich das Lied mochte…? Und warum habe ich jetzt den ganzen Abend mit Tim Minchin verbacht statt mit meiner Buchhaltung?!

  23. Muriel sagt:

    @madove: Wahrscheinlich ist er unterhaltsamer. Womit ich natürlich nichts gegen deine Buchhaltung sagen will, die ist sicher toll, aber Tim Minchin… ist eben was ganz Besonderes.

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