Warum Qualitätsmedien wichtig für die Lebensqualität sind

18. März 2011

Heute Morgen wusste ich, dass dies nicht mein Tag wird. Ich weiß nicht, ob ihr das kennt, aber ich wachte schon mit diesem Gefühl auf, dass ich lieber liegenbleiben sollte, und auch wenn mir nichts so richtig weh tat, fühlte sich mein ganzer Körper irgendwie matt und kraftlos an. Ich hatte auf nichts Lust und merkte schon während der Fahrt ins Büro, das ich mich nicht richtig konzentrieren konnte. (Ich habe den Schalthebel am Bahnübergang auf „P“ geschoben, bevor das Auto ganz stand. Das gab einen heftigen Ruck und ein etwas unangenehmes Geräusch und das Gefühl, dass es wirklich nicht mein Tag ist.)

Aber jetzt ist das alles wie weggeblasen. Ich hüpfe beschwingt durch die Büros, umarme jeden Besucher und habe sicher für gesamten Rest des Tages ein breites, cremiges Grinsen im Gesicht.

Woran das liegt, fragt ihr? Was das Zaubermittel ist, das jede schlechte Laune verfliegen lässt und jedes Stirnrunzeln sofort in ein seliges Strahlen verwandelt?

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Hattrick

15. März 2011

Menschenwürde ist sicher irgendwie sehr wichtig, aber manchmal denke ich doch, dass sie als rechtliches Konzept völlig nutzlos ist. Deswegen ist nach meiner Erfahrung immer große Skepsis angebracht, wenn jemand sie als Begründung für irgendeine steile These heranzieht, ob es sich dabei nun um Bundesverfassungsrichter handelt, oder um Leute, die gerne Aufkleber an ihren Stoßstangen anbringen.

Heute geht es aber um einen (ehemaligen) Verfassungsrichter, der auf dem großen Menschenwürdelagerfeuer ein PID-Verbotssüppchen zu kochen versucht (Fragt mich nicht, wo diese bescheuerte Metapher herkommt, sie musste irgendwie einfach raus.) Er baut seine Argumentation in drei Stufen auf, von denen dankenswerterweise jede einzelne vollständig versagt, wenn man sie mal genauer betrachtet. (Am Anfang befürchtete ich noch, dass er einfach nur von einer einzigen falschen Grundannahme startet und von da an konsequent sein falsches Gebäude errichtet. Das hätte für einen Blogpost natürlich wenig Material hergegeben.)

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Von Kirchen und Dörfern, Teppichen und Füßen. Und Kernkraftwerken.

14. März 2011

Ich war früher einmal ein echter Fan der Kernenergie. Das lag ein bisschen daran, dass ich mich ausführlich mit dem Thema befasst hatte und die Argumente der Betreiber sehr einleuchtend fand. Es lag etwas mehr daran, dass ich damals noch ziemlich grenzenloses Vertrauen für Experten, Wissenschaftler, technische Systeme und große Konzerne empfand. Und es lag sehr, sehr viel daran, dass ich mich gerne mit den Vertretern der „Wenn ihr unser Leben nicht achtet, achten wir eure Gesetze nicht“-Fraktion streiten wollte, die ich bis heute als unerträglich selbstgerecht empfinde. Ich war damals natürlich kaum weniger selbstgerecht (Ein Schelm, wer jetzt Böses denkt!), aber das bisschen hat mir gereicht.

Ich bin heute immer noch davon überzeugt, dass es die richtige Entscheidung wäre, die bestehenden Kraftwerke weiter laufen zu lassen. Da aber der zweite oben genannte Grund inzwischen weitgehend weggefallen ist, ich den dritten etwas entspannter sehe und ich inzwischen ein bisschen was darüber gelernt habe, wie weit entfernt von allen marktwirtschaftlichen Prinzipien unsere Stromversorgung abläuft, würde ich mich heute aber nur noch zu den moderaten Unterstützern dieser Technologie zählen. Ich erkenne an, dass man mit guten Gründen Kernkraftwerke ablehnen kann.

Trotzdem war mein erster Gedanke in Bezug auf die drohende nukleare Katastrophe in Japan nicht Sorge um die potentiellen Opfer, sondern eher so ein prophylaktisch genervtes Stöhnen in Erwartung der hilf- argumenten- und nutzlosen Debatte, die dieses Ereignis hier in Deutschland entfesseln würde.

Ja, in Kernkraftwerken kann es bei geeigneten Rahmenbedingungen zu einer Kernschmelze kommen, und dabei können viele, viele Menschen sterben. Wer etwas anderes behauptet, ist entweder ein Lügner, schlecht informiert, oder sonst irgendwie neben der Spur, vielleicht auch alles davon. Das ist keine neue Information. Das ist keine Erkenntnis, die uns bisher beim Bau und der Planung von Kernkraftwerken fehlte. Sie ist der Grund, aus dem zum Beispiel das Kraftwerk Mülheim-Kärlich niemals ans Netz ging.  Inwiefern beeinflussen die Ereignisse in Japan, so furchtbar und traurig sie sein mögen, die Energiepolitik hier in Deutschland?

Ja, der Preis für den Betrieb von Kernkraftwerken lässt sich in Menschenleben messen. Aber wir machen uns etwas vor, wenn wir glauben, dass das nicht auch für den Preis von Frühstückseiern, Turnschuhen, oder den elektronischen Geräten gilt, die ihr gerade benutzt, um diesen Beitrag zu lesen. Menschen sterben beim Bau von Häusern, sie sterben bei Unfällen in Kohlebergwerken, sie sterben bei Zugunglücken, und sie sterben in Krankenhäusern. Sie sterben auf alle möglichen Arten und an allen möglichen Orten, aber früher oder später sterben sie alle. Gleichzeitig verlängern und verschönern Frühstückseier, Turnschuhe, Laptops, Smartphones und Kernkraftwerke aber auch Menschenleben, und wir hoffen, dass dieser Aspekt überwiegt.

Die (etwas angestaubte) Erkenntnis, dass Menschen auch durch Unglücke in Kernkraftwerken sterben, ist also per se kein Grund, deren sofortige Abschaffung zu fordern. Sie ist ein Grund, systematisch und rational zu analysieren, ob es eine gute Idee ist, weiterhin Strom aus Kernenergie zu gewinnen. Was ich kürzlich zum Bau von Kirchen und Pyramiden schrob, gilt auch für Kernkraftwerke: Wir müssen Kosten und Nutzen abwägen, und wenn die Kosten den Nutzen überwiegen, dann sollten wir es lieber lassen. Ich habe den Eindruck, dass diese Abwägung bei der Entscheidung über den Einstieg in die Kernenergie nicht richtig stattgefunden hat, aber das ist kein Grund, bei der Entscheidung über den Ausstieg wieder darauf zu verzichten.

Wahrscheinlich können wir Lehren aus dem Unglück in Japan ziehen. Jetzt ist es dafür zu früh, denn noch wissen wir nicht einmal, wie die Sache ausgeht, geschweige denn, wie man sie hätte verhindern können und was genau falsch gelaufen ist. Vielleicht ziehen wir zum Schluss die Lehre, dass wir keine Kernkraftwerke mehr betreiben sollten. Oder zumindest keine mit Siedewasserreaktoren, bei denen die Gefahr einer Kernschmelze meines Wissens erheblich höher ist. Vielleicht sind Druckwasserreaktoren in Ordnung. Vielleicht ziehen wir auch nur die Lehre, dass man in erdbeben- und tsunamigefährdeten Gebieten keine Kernkraftwerke bauen sollte, und dass in einem glücklicherweise sturzlangweiligen Land wie Deutschland weiterhin der Nutzen überwiegt.

Vor allem aber sollten wir endlich eine Lehre ziehen, nicht nur in Bezug auf Kernenergie: Wut und Angst sind genauso schlechte Ratgeber wie Technikeuphorie und der unreflektierte Rechtfertigungsdrang, der jetzt von manchen Kernkraftapologeten Besitz ergreift (Auch hier denken wieder nur Schelme Böses.).

kleiner Exkurs: Was ist das eigentlich für ein blöder Spruch, man dürfe nicht auf dem Rücken der Opfer Wahlkampf betreiben? Warum wollen immer irgendwelche Leute gerade die wichtigsten Themen aus dem Wahlkampf ausklammern? Was für ein Demokratieverständnis haben die denn? Exkurs zu Ende

Das menschliche Gehirn ist nicht besonders gut darin, in Wahrscheinlichkeiten und Risiken zu denken. Deshalb kommen uns Flugzeuge wahnsinnig gefährlich vor, deshalb ist Glücksspiel immer noch ein echt einträgliches Geschäft, und deshalb sind wir auch nicht in der Lage, die Risiken bestimmter Technologien intuitiv einzuschätzen. Und besonders schwer fällt uns diese Einschätzung angesichts erschütternd großer Zahlen, wie bei einem Flugzeugabsturz, einem Lottogewinn oder eben einer Kernschmelze.

Ich gebe nicht vor, die Antwort zu kennen. Aber ich fände es schön, wenn wir uns wenigstens auf einen vernünftigen Weg einigen könnten, sie zu finden. Jetzt gerade sind wir davon nämlich sehr, sehr weit entfernt.

Nachtrag: Den bisher ersten vernünftigen Blogpost zu diesem Thema habe ich gerade beim überhaupt äußerst lesenswerten Filterblog gelesen, dessen Autor übrigens aus meiner ehemaligen Heimat stammt. Und wer sich für technische Einzelheiten interessiert, findet diese sehr schön in diesem Artikel der New York Times erklärt.

Späterer Nachtrag:  Das Antibürokratieteam verweist auch diesen interessanten Blogpost, der sich ganz gut mit meinem Kenntnisstand deckt, auch wenn ich den Wahrheitsgehalt natürlich nicht bis ins Letzte beurteilen kann: Why I am not worried about Japan’s nuclear reactors


Gefallen (7)

12. März 2011

Ich wurde ja gebeten mich zu beeilen, und ihr könnt jetzt entscheiden, ob ihr mir glaubt, dass ich das getan habe, oder nicht. Ihr wisst ja, ich lasse jeden gerne glauben, was er will…

Was ihr nicht glauben müsst, sondern wissen könnt, weil es ja schließlich geschrieben steht: Das neue Kapitel unseres Fortsetzungsromans ist jetzt da. Wo wir das letzte Mal nur eine lange Szene hatte, sind es diesmal gleich drei, aber dafür kurze. Viel Spaß und schönes Wochenende!

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Ph’nglui mglw’nafh Cthulhu R’lyeh wgah’nagl fhtagn

11. März 2011

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Ich habe letztens in einer Diskussion leichtfertig bemerkt, dass ich Kirchen, Pyramiden und solcherlei Bauwerke zwar schön anzusehen und irgendwie auch bewundernswert finde, dass man aber andererseits bei ihrem Anblick auch durchaus mit Wut und Trauer (nur echt in dieser Kombination und Reihenfolge) daran denken kann, unter welchen Bedingungen sie gebaut wurden.

Auf Nachfrage ließ ich mich dann dazu hinreißen, irgendwelchen polemischen Schmonsens von hungernden Arbeitern zu erzählen und wurde völlig zu Recht darauf hingewiesen, dass zum Beispiel die Pyramiden nach allen Erkenntnissen von gut genährten Fachleuten errichtet wurden.

Schön und gut, das stimmte, und ich zog dieses Argument leicht beschämt zurück, blieb meiner eigentlichen These aber treu: Diese nutzlosen Prunkbauten wurden damals auf Anweisung privilegierter Personen (Pharaonen, Adlige, die Kirche etc.) mit enormem Aufwand errichtet, und man mag gar nicht darüber nachdenken, was man den Menschen damals hätte Gutes tun können, wenn man diesen Aufwand stattdessen für etwas Produktives betrieben hätte.

Meine Diskussionspartnerin hielt mir daraufhin entgegen, wie sehr phantastische Architektur wie der Kölner Dom, Angkor Wat oder das Taj Mahal unsere Kultur bereichern und dass sich doch wohl niemand wünschen könnte, diese Schätze wären niemals gebaut worden.

Hm.

Naja.

Doch.

Aus heutiger Sicht wirkt das mit den Kulturschätzen vielleicht wie ein gutes Argument. Jetzt stehen diese wunderschönen Gebäude nun einmal da, wir wollen sie nicht missen, und es wäre natürlich auch eine Schande, sie nachträglich abzureißen, nur weil mir die Umstände ihrer Errichtung nicht zusagen. Aber man darf das nicht aus heutiger Sicht betrachten, wenn man sich die Frage stellt, ob sie damals hätten gebaut werden sollen. Man muss das aus Sicht der Menschen zur Zeit ihrer Erbauung betrachten, und dazu hätte ich einen Vergleich, der meinen Standpunkt ganz gut illustriert:

Was würden wir wohl davon halten, wenn Angela Merkel morgen in einsamer Entscheidung (vielleicht noch abgesprochen mit Herrn Westerwelle) neunhundert Milliarden Euro für einen riesigen Palast zu Ehren von Cthulhu einplant, und diese Summe durch Kürzungen bei Sozialleistungen und Schulen finanzieren will?

Sicher, in zweihundert Jahren würden vielleicht Leute das Gebäude sehen und sagen: Mal ehrlich, ohne dieses unfassbar imposante Cthulhu-Monument wäre Bielefeld ein unerträglich langweiliges Kaff, oder?

Aber heute wären wir uns wahrscheinlich alle ziemlich einig, dass es eine völlig bescheuerte Idee ist, und dass wir mit dem Geld stattdessen was Vernünftiges anfangen sollten. Oder was meint ihr?


Restebloggen, diesmal mit besonders überschaubarer Relevanz (66)

9. März 2011
  1. Ich verließ das AquaLaatzium, stieg in mein Auto, fuhr nach Hause, ging in meine Wohnung. Irgendwie habe ich es dabei geschafft, das Bündel aus meinem Handtuch, meiner Badehose und meinem MP3-Player zu verlieren, ohne es zu bemerken. Der menschliche Verstand ist schon was Sonderbares.
  2. Habe es deshalb gestern mal wieder mit Joggen versucht. Gleiches Erlebnis wie immer: Ich lief sehr beschwingt los und dachte, Mensch, warum mach ich das nicht öfter, eigentlich ist das doch wirklich nett. Irgendwann wurde es aber doch ziemlich mühsam und unschön und ich begann mich zu fragen, ob es wohl bald vorbei ist. Das war nach ziemlich genau zwei Minuten.
  3. Ich weiß nicht, wie ihr das seht, aber ich bin der Meinung, das ist in seiner völlig enthemmten Geschmacklosigkeit irgendwie gut. (Ich bin leider zu n00b, das Bild hier direkt einzubinden.)
  4. „Wer schreit, hat Unrecht.“ „Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.“ Sinnsprüche, aus denen man durchaus was lernen kann. Aber immer wieder stelle ich mit Erstaunen fest, dass viele Leute diesen Unfug wirklich für umfassend wahr und richtig halten.
  5. XKCD. Das ist der Wahrheit. (Hier klappts. Ich weiß auch nicht, warum. Sonst wäre ich ja auch kein n00b.)
    I remember the exact moment in my childhood when I realized, while reading a flyer, that nobody would ever spend money solely to tell me they wanted to give me something for nothing. It's a much more vivid memory than the (related) parental Santa talk.
  6. Gibt es eigentlich Telefonanlagen, bei denen man zwar eine Warteschleifenmelodie einschaltet, dabei aber den Leuten am anderen Ende weiter zuhören kann? Ich glaube, das wäre sehr aufschlussreich. Und ich hoffe, dass die Leute, die ich öfter anrufe, sowas nicht haben.
  7. Ich habe ganz sicher keine hohe Meinung von Boulevardmedien, aber über diese Dreistigkeit habe ich trotzdem gestaunt. Wer will, kann bei Stefan Niggemeier alles über die Affäre von Herrn zu Guttenberg lesen und erfahren, wer diese geheimnisvolle Frau ist, die dabei im Mittelpunkt steht. Ganz ehrlich: Wer kauft denn dieses Blatt noch einmal, nachdem er dermaßen verschaukelt wurde? Was für Menschen sind das? Wie denken die? Wie leben die?

Plain Wrong

8. März 2011

Ich lese gerade einen Roman über die Amish. Das ist eine christlich orientierte Gemeinschaft von sehr streng gläubigen Menschen, die viele Aspekten des technischen Fortschritts ablehnen (Elektrizität, Autos, und so weiter) und möglichst wenig mit Menschen interagieren, die nicht dazu gehören. Sie sind meines Wissens ausschließlich in den USA und in Kanada zu finden.

Soweit ich das beurteilen kann, stellt die Geschichte das Leben und die Bräuche der Amish sehr wirklichkeitsgetreu dar, und in gewisser Weise spricht es für sie, dass sie aus einer neutralen Perspektive erzählt wird, die weder die guten Seiten dieser Lebensweise verschweigt, noch die weniger guten. Die Autorin zeigt uns sowohl, wie zufrieden und glücklich die Amish mit ihrem Leben sind, als auch, wie sehr die Regeln sie einschränken, die ihre Religionen ihnen auferlegt.

Das ist einerseits lobenswert, aber andererseits stört mich die Haltung, die nach meiner Wahrnehmung nicht nur in diesem Roman, sondern in der Öffentlichkeit allgemein gegenüber den Amish vorherrscht: Sie sind zwar ein bisschen sonderbar, aber es ist schließlich ihre Entscheidung, und am Ende sind sie doch richtig gute Menschen, die niemandem etwas zuleide tun.

Nein! Es ist nicht einfach ihre Entscheidung, und sie schaden sehr wohl anderen Menschen. Ich erkenne an, dass die Amish in gewisser Weise sehr sympathische friedliche Leute sind, die es bestimmt gut meinen, aber ich finde ihre Lebensweise nicht nur ethisch inakzeptabel, ich finde sogar, dass sie ein Eingreifen des Staates erfordert.

Die Amish haben nämlich Kinder. Und diese Kinder wachsen in einer Gemeinschaft auf, die sie völlig von Menschen isoliert, die ihren Glauben nicht teilen. Sie werden nicht nur in ihren Familien, sondern auch in ihren Schulen religiös indoktriniert. Sie lernen nichts über Biologie oder sonstige aktuelle Wissenschaft, und es ist ihnen unter Strafandrohung untersagt, nach ihrer Amish-Schulzeit andere Bildungseinrichtungen zu besuchen.

Dawkins hat sich mit seinem bekannten Zitat weit aus dem Fenster gelehnt und Missverständnisse geradezu herausgefordert, aber ich gebe ihm Recht: Religiöse Indoktrination ist Kindesmisshandlung. Und die Gemeinschaft der Amish indoktriniert ihre Kinder ungefähr so gründlich, wie es möglich ist, ohne sie im Keller einzusperren, bis sie volljährig sind.

Jeder hat das Recht, auf Elektrizität und Verbrennungsmotoren zu verzichten. Jeder hat das Recht, zu glauben, was auch immer er glauben will. Und jeder hat das Recht, sich von anderen Menschen zu isolieren und nach seinen eigenen Regeln zu leben (solange er nicht anderen damit schadet). Ich persönlich finde das alles nicht richtig, aber es steht mir nicht zu, andere zu zwingen, nach meinen Vorstellungen zu leben.

Doch wer seine Kinder zwingt, dieses Leben mit ihm zu teilen, und ihnen dazu noch die Informationen vorenthält, die sie brauchen, um eine qualifizierte eigene Entscheidung darüber zu treffen, wie sie leben wollen, der misshandelt sie dadurch, egal, wie liebevoll er oberflächlich betrachtet mit ihnen umgeht. Und die Gesellschaft, die so etwas zulässt, macht sich mitschuldig.

Das bedeutet nicht, dass wir den Amish sofort ihre Kinder wegnehmen sollten, um sie zwangsweise in die US-amerikanische Mainstreamgesellschaft zu integrieren. Ich denke aber zum Beispiel, dass der Staat verpflichtet ist, Bildung für alle Kinder zu gewährleisten, und zwar nach rational entwickelten Standards, die für alle gelten: Für öffentliche Schulen, für private Schulen, und für Leute, die ihre Kinder zu Hause selbst unterrichten wollen. Und mehr als heute sollten diese Standards auch Epistemologie beinhalten, und Grundlagen der wissenschaftlichen Methodik, um Kindern Werkzeuge in die Hand zu geben, mit denen sie selbst herausfinden können, was wahr ist, und was nicht.

Die konsequente Durchsetzung solcher Standards wäre schon ein erster Schritt, um es (zum Beispiel) Amish-Kindern zu erleichtern, auf vernünftiger Grundlage zu entscheiden, ob sie gerne leben möchten wie ihre Eltern, oder ob sie lieber Zugang zu moderner Medizin haben wollen, zu moderner Technologie und zu modernen Medien und all dem Wissen, das sie uns zugänglich machen. Zugang zur Wirklichkeit.