Gefallen (8)

Irgendwann während meiner Schulzeit habe ich mal jemanden sagen gehört, dass ein guter DJ einen Song zu Ende spielt, auch wenn er merkt, dass er nicht ankommt. Wer auch immer das damals sagte, sprach nicht mit mir, war kein DJ, und hatte auch sonst keinerlei Autorität auf dem Gebiet, aber der Spruch klang für mich so eminent plausibel, dass ich ihn als ultimative Lebensweisheit akzeptiert habe.

Nur, falls sich einige von euch sich fragen, warum ich Gefallen noch nicht aufgegeben habe. Wir von überschaubare Relevanz bringen zu Ende, was wir anfangen. Naja. Meistens.

Viel Spaß!

Was bisher geschah
Im ersten Kapitel wurde Prinzipal Janan von einer Eisernen Jungfrau entführt und durch die Höhlen des Hüters in das Unheiligtum gebracht.
Im zweiten Kapitel kehrte er mit der Eisernen Jungfrau zurück und beriet sich mit seinen… Ja, mit seinen Beraten, wem sonst? über die Bedrohung durch den Hüter.
Im dritten Kapitel lernen wir Mischa kennen, der Prinzipal entscheidet, dass er die Hilfe des Magistrats braucht, und seine Schwester Jasmi reist nach Nomren, um diese anzufordern.
Im vierten Kapitel spricht Jasmi mit dem Magistrat und seinem Ersten Magier, Mischa will von Gennard eine neue Hand, und die Mandurische Armee erleidet eine Niederlage.
Im fünften Kapitel besucht Jasmi das Monument von Yon-Gequl, Kara und Morgan werden von einem Boten aufgesucht, und Jasmi teilt sich eine Kutsche mit dem Gekreuzigten. Er ist ein bisschen schwierig.
Im sechsten Kapitel erwehren sich Kara und Morgan eines aufdringlichen Duellanten und lernen Sturm kennen.
Im siebten Kapitel begegnen Mischa und Gennard einem Monster auf der Straße – oder zweien?, Hauptmann Bendow durchquert einen Sump, und Prinzipal Janan lernt den Gekreuzigten kennen.

Was heute geschieht

Sturm erhob sich, und es war beinahe lustig zu sehen, wie jeder einzelne Gast im Schankraum sich bemühte, möglichst klein und unauffällig zu wirken und vor ihr zurückzuweichen, so gut es ging, ohne sich durch zu viel Bewegung zu verraten, als sie mit wiegenden Hüften in Richtung der Tür schlenderte.

Morgan folgte ihr, während Kara hastig in ihren Geldbeutel griff und zwei Silberstücke auf den Tisch legte. Sicher zu viel für ihr Abendessen und ein Glas Wein – Morgan hatte natürlich nichts bestellt -, aber sie bezahlte lieber zu viel als zu wenig.

Sie folgte ihrem Lehrmeister und der Gefallenen widerwillig nach draußen in den Regen. Kara hasste es, wenn die wattierte Unterkleidung nass wurde, die sie unter ihrem Kettenpanzer trug. Sie wurde dann immer so klebrig und schwer und fing an zu jucken.

„Was passiert jetzt?“ fragte sie, während sie missmutig und völlig vergeblich versuchte, die dicken Tropfen fortzuwischen, die die heftigen Böen in ihr Gesicht und ihre Augen trieben. „Wohin willst du uns überhaupt- Uaaah!“

Ein Windstoß packte sie, hob sie von ihren Füßen und wirbelte sie nach oben. Zumindest vermutete sie das, denn schon nach wenigen Augenblicken hatte sie jedes Gespür dafür verloren, wo oben oder unten sein mochte. Der heftige Wind brauste so laut in ihren Ohren, dass sie sich nicht einmal sicher sein konnte, ob sie schrie, während sie hin und her und vor und zurück geschleudert wurde wie die Blätter in den kleinen Windhosen, die sie als Kind so gerne beobachtet hatte.

Sie hatte nie daran gedacht, wie die Blätter sich dabei fühlen mussten.

Ein Blitz hellte die Finsternis für einen Augenblick auf, und zusammen mit dem folgenden Donnerschlag erklang aus dem Sturm ein perlendes helles Lachen, und unvermittelt wurde Kara von zwei Armen umschlungen, und ihre Flugbahn stabilisierte sich ein wenig. Sie hörte auf, sich um mehrere Achsen gleichzeitig zu drehen und sah in der Ferne unter sich gerade noch die Lichter des Gasthauses verschwinden.

Sturm lachte immer noch, während ihre Hände über Karas Arme glitten und sie langsam ausbreiteten.

„Nimm auch die Beine ein wenig weiter auseinander“, hörte sie die Stimme der Gefallenen, „Und versuch, diese Position zu halten.“ Sturms Atem kitzelte an ihrem Ohr und Kara schüttelte unwillkürlich ihren Kopf.

Sturm verstand die Geste falsch.

„Doch, du kannst es“, sagte sie wie eine Mutter, die ihrem Kind das Schwimmen beibringt und korrigierte weiter mit sanftem Druck Karas Haltung.

Kara war versucht, sich zu ihr umzudrehen, um nachzuschauen, ob das dieselbe Person war, die gerade noch einen jungen Mann getötet hatte, weil er sie nicht ausreden ließ.

Stattdessen versuchte sie, sich auf ihre Haltung zu konzentrieren.

Für einige Sekunden wurde es um sie herum völlig finster, bis sie plötzlich von klarem Nachthimmel umgeben war, erfüllt von blinkenden Sternen und einem dreiviertelvollen Mond. Unter sich sah sie – sie musste zweimal hinsehen, bevor sie erkannte, dass es Wolken sein mussten. Sie flog. Und blickte auf die Wolken hinab. Ihr wurde ein bisschen mulmig.

Obwohl der Wind sie noch immer mit spürbar unverminderter Kraft vor sich her trieb, fror sie nicht, und es gelangte auch kaum eine Böe an ihre Ohren. Es herrschte beinahe Stille, abgesehen von einem leisen luftigen Rauschen, als wäre von einer schützenden Blase ruhender Luft umgeben.

„So ist gut“, raunte Sturm in ihr Ohr, „Jetzt versuch’s alleine.“

Sie ließ Kara los. Für einen Moment ging es wirklich gut, und Kara konnte ein breites Grinsen nicht unterdrücken. Sie flog. Sie flog tat-

„Ahh! Nein, ver-“

Durch eine unbedachte Bewegung kippte sie ein wenig nach links, versuchte, das durch heftiges Rudern mit den Armen zu kompensieren und verlor dadurch völlig die Kontrolle.

Bevor sie sich einmal ganz überschlagen hatte, umfingen sie wieder die Arme der Gefallenen. Sturms Körper schmiegte sich eng an sie.

„Das war schon sehr gut, für’s erste Mal“, schnurrte Sturm in ihr Ohr. „Aber wenn du einen Fehler ausgleichen willst, darfst du nicht zu heftig gegensteuern. Und versuch, nicht gegen die Strömung zu arbeiten. Geh mit der Strömung.“

Kara lachte auf. Wenn Morgan ihr was erklärte, klang es auch immer ganz einfach und selbstverständlich.

A propos.

„Wo ist Morgan eigentlich?“ fragte sie.

Für einen Moment huschte der Gedanke durch ihren Kopf, dass Sturm ihn nicht mitgenommen hatte, und sie fragte sich, ob dieser Gedanke ihr Angst machte, oder vielleicht sogar auf sonderbare Art aufregend war.

„Keine Sorge“, antwortete Sturm, „Dein Herrchen ist nicht weit.“

Einer ihrer Arme löste sich von Kara, um nach schräg unten rechts zu zeigen, wo Morgan sich etwas angespannt, aber ohne sichtbare Probleme in der Horizontalen hielt. Natürlich. Morgan konnte eben alles.

„Willst du’s noch mal versuchen?“

Kara zögerte.

Sie wunderte sich ein bisschen, dass sie nicht mehr Angst hatte. Vielleicht, weil sie so hoch flogen, dass es ihr vollkommen unwirklich vorkam, vielleicht auch, weil sie unter sich nur die wattig weichen Wolken sehen konnte, und nicht den harten steinigen Boden, der darunter auf sie wartete.

Sie nickte.

Sturm ließ sie wieder los. Und dann hatte Kara plötzlich doch Angst.

Es kam plötzlich über sie, völlig unerwartet. Aus dem Nichts traf sie plötzlich ein Gedanke: Was, wenn sie mich nicht wieder auffängt?

Sie hatte die Wolkendecke gerade eben durchquert und keinerlei Widerstand gespürt. Die Wolken würden sie nicht auffangen.

Kara stellte sich vor, wie sie fiel. Und fiel. Und fiel. Und den Boden immer näher kommen sah, bis sie schließlich…

Sie schrie, und verkrampfte alle ihre Muskeln, verlor völlig die Balance, doch bevor sie weiter ins Trudeln geraten konnte, war Sturm wieder da.

Kara gestand es sich nicht gerne ein, aber sie war so maßlos erleichtert, wieder die Arme der Gefallenen um sich zu spüren, dass sie beinahe geweint hätte.

Stattdessen hing sie nur keuchend in Sturms Griff, mit geschlossenen Augen, und versuchte, nicht mehr daran zu denken, wie nah der Tod war.

„Mach dir nichts draus. Das geht fast jedem so, beim ersten Mal.“

„Morgan nicht…“

„Morgan ist – eben Morgan“, sagte Sturm. „Außerdem weißt du nicht, ob es das erste Mal für ihn ist.“

So alt ist er auch wieder nicht, oder?“

Sturm lachte. „Ich meinte nicht mit mir! Es gibt noch andere Möglichkeiten, zu fliegen.“

„Ich hab’s mir ganz anders vorgestellt“, sagte Kara. „Schöner.“

Sie atmete tief durch, öffnete vorsichtig ihre Augen und schaute mit zusammengebissenen Zähnen nach unten.

„Wart’s ab“, erwiderte Sturm, immer noch lachend. „Man gewöhnt sich…“ Sie zögerte kurz, bevor sie in sehr ernstem, nachdenklichem Tonfall den Satz beendete: „Sehr schnell daran.“

„Ich nicht“, widersprach Kara. „Ganz bestimmt nicht.“

Sie wünschte sich an den Anfang zurück, als die Gefahr noch nicht zu ihr durchgedrungen war und sie nicht an die Tiefe hatte denken müssen, die unter den Wolken auf sie wartete.

„Du weißt, dass du ihn niemals haben kannst, oder?“ fragte Sturm in ihr Ohr.

Kara konnte dem plötzlichen Themenwechsel nicht sofort folgen. „Ich weiß nicht, was…“

Sturm machte ein Tsk-tsk-Geräusch, während Kara unter sich einen Blitz durch die dunklen Wolken zucken sah, unmittelbar gefolgt von einem Knall, so laut und so tief, dass er sich anfühlte wie ein Schlag in den Magen.

„Natürlich weißt du, was ich meine. Und du weißt, dass ich Recht habe. Er kann niemals das für dich sein, wovon du träumst.“

„Ich träume nicht-“ erwiderte sie, ein bisschen zu hastig, aber Sturm unterbrach sie.

„Kara, ich muss nicht einmal deine Gedanken lesen, um zu wissen, wovon du träumst.“ Sie konnte das Schmunzeln in der Stimme der Gefallenen hören.

„Was ich vorhin in dem Gasthaus gesagt habe, habe ich ernst gemeint“, raunte Sturm, während ihre Hände aufhörten, Kara nur in der richtigen Flugposition zu halten, und begannen, mit unverkennbarer Absicht an ihren Armen und Beinen entlang zu streicheln. „Ich mag dich, Kara.“

Kara versuchte verzweifelt, möglichst ruhig weiter zu atmen und nicht in Panik zu geraten, während sie darüber nachdachte, was sie tun sollte. Was sie sagen konnte.

„Können wir… Freunde sein, Kara? Willst du mir gehören?“ fragte Sturm, während sie mit zwei Fingern über Karas Wange streichelte, bis die Fingerspitzen ihre Lippen berührten und dort leicht zitternd verweilten. Karas Atem stockte, als ein scharfer, alchimistischer Dunst von Sturms Händen in ihre Nase stieg. „Du brauchst ihn nicht mehr, weißt du? Wenn du mich hast, brauchst du ihn nicht mehr. Ich kann dich alles lehren, was er weiß, und noch viel mehr. Du hast sogar eine Spur der Gabe, Kara. Ich kann dich lehren, sie zu gebrauchen. Willst du mein sein, Kara?“

„Ich…“

Kara schloss ihre Augen wieder. Wie hatte sie sich nur so in Sicherheit wiegen lassen? Wie hatte sie vergessen können, dass sie es mit einer Wahnsinnigen zu tun hatte?

Andererseits… Was hätte sie anders machen können?

„Es tut mir Leid“, antwortete sie, „Ich… Ich habe mich Morgan verpflichtet. Ich kann nicht einfach… Es tut mir Leid, aber…“

Karas Stimme verließ sie, als die Hand an ihrem Kinn entlang stricht, ihren Hals hinab, über ihre Kehle.

„Du hast Angst vor mir, nicht wahr?“ schnurrte Sturm, und auch ihre Stimme klang ein wenig erstickt. „Das musst du nicht. Ich kann- ich bin…“ Sturms Stimme brach, und Kara spürte, wie der Körper der Gefallenen leicht bebte. Weinte sie etwa?

Karas Atem wurde schwer, als Furcht ihre Kehle zuschnürte.

Sturm musste nicht einmal einen Finger heben, um sie jetzt zu töten. Sie musste sie einfach nur wieder loslassen.

Wie viel Zurückweisung würde die Gefallene hinnehmen, bevor sie es tat?

Aber wenn Kara etwas von Morgan gelernt hatte, dann war es, dass ein Held nicht den einfachen Ausweg wählte. Dass ein Held nicht brach, wenn der Druck nur stark genug wurde. Dass ein Held nicht seine Feinde zählte.

„Es tut mir Leid!“ stieß Kara mit so etwas wie einem Schluchzen hervor. Ihr wurde abwechselnd heiß und kalt, und sie zitterte.

Aber sie brach nicht. Sie gab nicht nach.

„Bitte, Kara, ich möchte doch nur… ich brauche… Ich bin so… Du sollst es freiwillig tun. Ich will dich nicht zwingen!“

„Ich… Ich kann nicht- Sturm, lass uns das doch vielleicht zu Ende besprechen, nachdem wir gelandet sind, was hältst du davon? Wie wäre das?“

„Sturm!“ hörte sie Morgan rufen, „Lass sie in Ruhe!“

Sie schämte sich ein bisschen für die Geborgenheit, die sie beim Klang seiner kräftigen Stimme empfand. Sie hatte natürlich keine Ahnung, was er jetzt tun konnte, um sie zu retten, aber allein die Tatsache, dass er hier war, nahm ihr einen Teil ihrer Angst. Er war eben Morgan.

Sturm schniefte, bevor sie tief einatmete und mit einem schlecht gespielten trotzigen Lachen zurück rief: „Oder was? Fliegst du sonst zu mir rüber und ziehst mir die Ohren lang?“

„Lass mich fallen, wenn du willst“, antwortete er ohne Zögern mit seiner festen, tiefen Stimme. Manchmal hasste Kara ihn. Fürchtete er sich denn nie? Zweifelte er niemals? „Ich finde dich, Sturm. Lass sie in Ruhe.“

Sturm schnaubte, und Kara konnte spüren, wie sie ihren Kopf schüttelte. „Was meinst du, Kara?“ rief sie, laut genug, dass Morgan es hören konnte. „Soll ich dich in Ruhe lassen?“

Das konnte nicht ihr Ernst sein, oder?

Kara dachte kurz über eine diplomatischere Formulierung nach, bevor sie doch einfach antwortete: „Ja“, und unwillkürlich alle ihre Muskeln anspannte in Erwartung der Reaktion.

Aber nichts geschah.

„Keine Angst, Kara“, schnurrte Sturm in ihr Ohr, „Keine Angst, ich halte dich.“ Leiser, kaum noch verständlich, fügte sie hinzu: „Aber wer hält mich? Wer hält mich, wenn ich Angst habe?“

*******************************************************

Der Magistrat beobachtete durch das Fenster seines Amtszimmers, wie der Messias im Vorhof des Palastes mit zu einer dicht gedrängten Menschenmenge sprach. Hunderte waren gekommen, um ihn zu sehen, weil sie Angst um das Reich hatten, oder weil sie einfach nur neugierig waren und den mythischen Magier, der die Welt von den Sieben Gefallenen befreit hatte, mit eigenen Augen sehen wollten.

Der Erste Magier stand hinter ihm, auch sein Blick auf den Messias gerichtet.

„Ich hatte ihn mir anders vorgestellt“, sagte der Magistrat. „Eindrucksvoller. Nicht so… harmlos.“

„Ja“, stimmte Skreineech zu.

„Wer die Gefallenen überwunden hat, sollte von einer güldenen Aureole umwabert werden, eine Handbreit über dem Boden schweben und mit einer Stimme wie Donner sprechen, zum Beispiel.“

Skreineech nickte.

„Er sollte nicht einfach nur ein lockiger junger Kerl mit blauen Augen in einer weißen Robe sein, oder?“

„Denke ich auch“, sagte Skreineech, „Aber das Volk scheint ihn zu mögen. Seht Ihr, wie sie an seinen Lippen hängen, wie seine Worte ihm Trost geben und seine bloße Gegenwart ihre Angst vertreibt?“

Der Magistrat nickte langsam.

„Ich sehe es. Er spielt seine Rolle gut. Aber etwas stimmt nicht an ihm, habt Ihr das Gefühl nicht auch?“

„Doch.“

Der Magistrat legte eine Hand auf eine der Glasscheiben, während er den Messias mit zusammengekniffenen Augen musterte, als könnte er so tiefer in ihn hineinsehen.

„Was sagt Eure magische Wahrnehmung über ihn?“

„Seine Gedanken sind mir genauso verborgen wie die der Gefallenen, aber die Signatur seiner Kraft ist… verdächtig.“

Der Magistrat drehte sich zu Skreineech um.

„Inwiefern?“

„Er ist nicht mächtiger als die anderen“, antwortete der Erste Magier. „Im Gegenteil, seine Aura scheint mir etwas weniger gleißend als die der Sieben, mit einer Ausnahme…“

„Wollt Ihr einen Heller für jede Antwort, oder erklärt Ihr es mir freiwillig?“ fragte der Magistrat.

Skreineech setzte das angestrengte Schmunzeln auf, das der Humor seines Herrschers ihm des Öfteren abrang.

„Doppelgängers Aura war ebenfalls weniger hell als die der anderen. Und während zwar alle Gefallenen durch die Linien des Bannes mit dem Messias und miteinander verbunden sind, ist mir aufgefallen, dass doch die Verbindung zwischen Doppelgänger und ihm… eine Besondere ist.“

Es klopfte an der Tür.

„Herein!“

Ein Bote trat ein, ein halbes Dutzend Schriftrollen unter seinen Armen.

„Magistrat, bitte vergebt mir die Störung, aber ich benötige dringend Unterschriften von Euch unter diesen Dekreten.“

„Selbstverständlich, tretet näher.“

Der Magistrat nahm hinter seinem Schreibtisch Platz und unterzeichnete die Dekrete, die auf Empfehlung des Messias verfasst waren. Eines gab den Streitkräften das Recht, Lebensmittel und Waffen zu konfiszieren, ein anderes entzog die Soldaten der Rechtsprechung der Reichsgerichte, ein anderes verlieh den Gefallenen denselben protokollarischen Status, der auch den Prinzipalen der Provinzen zustand.

„Das war das Letzte. Eilt Euch und verkündet die frohe Botschaft“, sagte der Magistrat lächelnd zu dem Boten.

„Wo waren wir, Skreineech?“ fragte er, nachdem die Tür geschlossen war.

„Bei der Verbindung zwischen Doppelgänger und dem Messias“, antwortete der Erste Magier, während er den Schreibtisch umrundete, um dem Magistrat gegenüber zu stehen.

„Richtig, ja. Ich wollte gerade einen Folterer rufen, um Euch eine Antwort abzupressen, wenn ich mich richtig erinnere…“

„Ich ringe nach Worten, Magistrat, bitte vergebt mir.“ Skreineech war ein Meister darin, seine Entschuldigungen in so unverschämtem Tonfall vorzutragen, dass sie problemlos als eigenständige Beleidigungen durchgingen. „Während die anderen Sechs nur durch den Bann mit dem Messias verbunden sind, besteht zwischen ihm und Doppelgänger eine stärkere Affinität, als wären die beiden… Eine Person.“

„Eine Person? Wie kann das sein?“

„Ich habe in einer der alten Schriftrollen eine Schilderung gelesen, die den Eindruck erweckte, Doppelgänger habe die Fähigkeit, mehrere Personen gleichzeitig zu verkörpern.“

„Aber das…“

„Ich habe es auch immer für eine Legende gehalten, aber was ich sehe, scheint es zu bestätigen.“

„Welchen Sinn würde das ergeben? Wenn Doppelgänger den Messias nur spielt, wer hat dann die Gefallenen besiegt?“

„Vielleicht überhaupt niemand.“

„Skreineech, ich rufe gleich wirklich die Gilde. Übrigens, würde es Euch etwas ausmachen, Platz zu nehmen? Ihr macht mich nervös.“

Der Erste Magier zog sich einen Stuhl heran und setzte sich.

„Ich habe eine Theorie, Magistrat… Stellt Euch vor, die Gefallenen hätten eines Tages erkannt, dass sie sich selbst erheblichen Schaden zufügen, indem sie fortwährend in ihren sinnlosen Kriegen gegeneinander das Land verwüsten. Stellt Euch vor, sie hätten gemeinsam einen Weg gesucht, sich die Herrschaft über das Reich zu teilen, aber keiner von ihnen hätte den anderen weit genug getraut, um ein Bündnis zu schließen.“

„Ihr meint, sie haben sich selbst mit einem Bann belegt? Um sicherzugehen, dass keiner die anderen zu seinem eigenen Vorteil verrät?“

„Genau!“

„Aber warum dann das Monument? Warum der lange Schlaf? Warum haben sie sich davon abhängig gemacht, dass wir sie befreien?“

Skreineech grinste. „Was meint Ihr?“

„Ich werfe gleich mit meinem Siegelring!“

„Das würde ich lieber nicht riskieren. Seht, Magistrat, es ist eigentlich alles sehr schlüssig: Der Bann muss stärker sein als die Gefallenen. Sie dürfen nicht in der Lage sein, ihn aus eigener Kraft abzuwerfen, deshalb weben sie einen Spruch, der sie in die Irrealität schleudert, und aus dessen Wirkung sie sich nicht selbst befreien können. Das Monument von Yon-Gequl.“

Lautes Jubeln der Menge draußen drang durch die Fenster. Der Magistrat konnte die Begeisterung seines Volkes nicht recht nachfühlen.

„Aber was, wenn niemand sie je befreit hätte?“

„Ein altes Artefakt, das jedem, der es öffnet, unvorstellbare Macht verspricht? Wie wahrscheinlich scheint es Euch, dass so etwas für immer geschlossen bleibt? Zeit bedeutet den Gefallenen nichts, erst recht nicht, solange sie in der Irrealität existieren.“

„Das würde bedeuten, dass sie jetzt völlig frei sind?“

„Genau, Magistrat“, antwortete Skreineech. „Wahrscheinlich sind sie schon dabei, die Herrschaft über das Reich zurückzugewinnen, während sie so tun, als wären sie unsere Verbündeten.“

„Das ist furchtbar“, sagte der Magistrat. „Sagt, könntet Ihr sie irgendwie aufhalten?“

Skreineech grinste ein Grinsen, das sein Gesicht beinahe zu halbieren schien.

„Ich könnte es versuchen“, antwortete er mit mühsam unterdrücktem Kichern, „Wenn ich selbst nicht auch Doppelgänger wäre!“

Der Magistrat starrte ihn ungläubig an.

„Ihr seid… auch…?“ fragte er, mit zuckenden Mundwinkeln.

„Genau.“

„Wie lange schon?“

Auch der Magistrat unterdrückte ein Kichern.

„Seit der Öffnung des Monuments.“

„Und ich habe es nicht bemerkt… Wie konnte ich das nur übersehen?“ stieß er prustend hervor.

„Ganz einfach“, antwortete Skreineech lachend. „Weil Ihr auch Doppelgänger seid!“

Die Menschen draußen auf dem Vorhof des Palastes tauschten kurz verwirrte Blicke aus, als der Messias plötzlich seinen Redefluss unterbrach und mit blitzenden Augen kopfschüttelnd eine Hand vor seinen Mund hielt. Seine Schultern bebten für einen Moment, doch die Verwirrung war schnell beendet, als er die Kontrolle über sich zurückgewann, weiter sprach und erklärte, wie die Gefallenen den Hüter besiegen würden, bevor sie wieder in die Gefangenschaft zurückkehrten, in die sie gehörten.

Auch der echte Erste Magier und der echte Magistrat drehten sich überrascht um, als der uniformierte Gardist vor ihrer Zelle tief, tief unter dem Palast plötzlich in lautes, prustendes Gelächter ausbrach.

Aber ihre Verwirrung war von noch kürzerer Dauer als die der Menge auf dem Hof. Sie hatten sich sehr schnell abgewöhnt, sich zu wundern.

 

Lesegruppenfragen

  1. Habt ihr Sturm die nette Tour abgekauft?
  2. Und wie wirkte der Wechsel auf euch?
  3. Kam der Twist am Ende der zweiten Szene überraschend für euch?
  4. Ja. Doppelgänger hat eben manchmal keinen besonders subtilen Humor. Wir müssen damit leben.
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16 Responses to Gefallen (8)

  1. madove sagt:

    Oh, schön!
    Vor allem, weil ich bei der Gelegenheit gesehen habe, daß ich eine Folge verpaßt habe, während ich krank war (und ich wollte schon maulen, weil Du so lange nichts dran weiterschreibst…)
    Kann noch ein paar Tage dauern, bis ich die Muße zum Lesen finde, aber danke schonmal!

  2. DasSan sagt:

    Also ich bin froh, dass du das zuende bringst, ich hab mich grad dran gewöhnt.
    Das mit Doppelgänger finde ich etwas verwirrend, das mit Sturm kaufe ich dir aber mal so ab, weil es nicht vollkommen abwegig erscheint, obwohl man es vielleicht auch nicht übertreiben sollte mit der weichen Seite.

  3. Muriel sagt:

    @madove: Ich dachte schon, auch du hättest mich verlassen. Jetzt geht’s mir schon wieder besser.
    @DasSan: Danke für die Rückmeldung, und ich sehe zu, mich an deinen Rat zu halten.

  4. DasSan sagt:

    Damit wenigstens einer noch regelmäßig mitliest? 😉

  5. Muriel sagt:

    @dasSan: Nicht die Quantität ist entscheidend.

  6. Guinan sagt:

    Ich freue mich immer noch maßlos über jedes neue Kapitel und lese dann sofort (Arbeit? Egal, ich bin gerade beschäftigt.), voller Hoffnung, dass es nicht ZU schräg sein möge.
    Mit manchen deiner Ideen kann ich nichts anfangen, Doppelgänger ist so eine. Die Sache mit dem Messias erschien mir noch plausibel, aber dass die Kopien von Magier und Magistrat nichts voneinander wussten und sich gegenseitig etwas vorspielen, nee, das irgendwie nicht. Am Ende stellst du es doch so dar, dass die Verbindung zwischen den ganzen Doppelgängern auch aus weiterer Entfernung funktioniert.
    Der erste Teil dieser Folge ist zum Glück mal wieder ganz in meinem Sinn. Klar nehme ich Sturm jedes Wort ab – ich schrieb ja neulich schon, dass ich sie für verrückt halte. Das wechselhafte Benehmen passt dazu.
    Mit großer Wahrscheinlichkeit bleibe ich also weiterhin dabei – und suche nach den Perlen, die du immer wieder einstreust 😉

  7. Muriel sagt:

    @Guinan: Danke!
    Ich möchte meine Geschichte damit nicht verteidigen, denn sie steht und fällt sowieso eigenständig und unabhängig von meinen Erläuterungen, aber vielleicht interessiert es dich, dass ich es mir auch gar nicht so gedacht habe, dass die beiden nichts voneinander wussten.

  8. Guinan sagt:

    Also wieder so ein Witz, den ich nicht verstehe. Ach Mensch.

  9. madove sagt:

    1./2. Sturm ist mir unglaublich unheimlich, und ich wäre keine Sekunde lang entspannt in ihrer Gegenwart. Ich würde ihr abkaufen, daß sie die nette Tour ernst meint – bis sie eine andere genau so ernst meint. Wie Guinan schreibt: jeder Wechsel ist bei einer Verrückten glaubwürdig.

    3. Ja, völlig, und ich hab es auch noch nicht komplett logisch sortiert, insbesondere hatte ich mich auch gefragt, ob der DG-Magistrat und der DG-Skreineech voneinander wissen.
    Wenn nein, fände ich das seeehr seltsam, und wenn ja, für wen haben sie denn dann den Dialog aufgeführt? Nur für uns?
    Aber bisher ist es noch diese Art Rätsel, hinter der ich einen phantastischen Masterplan vermute und keinen logischen Fehler – macht keinen Scheiß, Jungs 😉

    4. Kann ich.

    5. Ich glaube, ich finde Kara doof. Die kommt bei mir so Bella-aus-Twilight-mäßig rüber, soweit ich das beurteilen kann, ohne Bücher und Filme geles/sehen zu haben.

    6. WEITER!!!

  10. Muriel sagt:

    @madove: 1./2. Danke, das ist natürlich fantastisch für mich, dass das auf dich so wirkt.
    3. Wenn die Macher von Lost mit sowas durchkommen, müsst ihr mir auch schon ein bisschen Rätselhaftigkeit um der Rätselhaftigkeit zugestehen… (Ja, ich weiß, dass das so ziemlich die dümmste Ausrede ist, die man in dem Zusammenhang bringen kann.)
    5. Hmmm… Mal sehen.
    6. Ich bin dabei. Es ist mir selbst auch unangenehm, dass Gefallen sich so schleppt. Liegt zurzeit daran, dass dieser Urlaub mir ungewohnt wenig Freizeit bietet, so schön er auch ist, und daran, dass ich parallel Nimmermehr für meine Lektorin überarbeite und dummerweise noch eine dritte Geschichte angefangen habe, die mir einfach nicht mehr aus dem Kopf ging. Aber ich bin dran, und es geht weiter, auch wenn ich keine Fristen setzen will…

  11. madove sagt:

    Dritte Geschichte?! WO?!

  12. Muriel sagt:

    @madove: Das hättest du wohl gerne! (Was mich sehr freut. Aber trotzdem.)
    Bevor der nächste Fortsetzungsroman losgeht, muss der aktuelle erst einmal abgeschlossen sein. Und ob es dann die Geschichte wird, die ich gerade skizziere, ist auch noch nicht abzusehen.
    Es wäre in diesem Fall wohl so eine Art Steampunk, aber wirklich nur im allerweitesten Sinne. Und mit Engeln.

  13. Guinan sagt:

    Steampunk mit Engeln? Wow. Ich will auch!
    Das Ende von Gefallen? Schaffst du locker in zwei bis drei Kapiteln. Dass du einen Hauruck-Schluss mit einem groben Knoten in allen lockeren Enden kannst hast du ja leider schon bewiesen.

  14. madove sagt:

    Neineineinein, Guinan… Ich will zwar auch Steampunk mit Engeln (geil), aber jetzt machen wir das hier schööön in Ruhe fertig, gell?
    Ich habe ja noch nichtmal angefangen, mich richtig an die Leute zu gewöhnen.

  15. Guinan sagt:

    @madove: Das ist eins meiner Probleme mit der Geschichte – mir wird nicht klar, an welche Leute ich mich gewöhnen soll.

  16. Muriel sagt:

    Keine Sorgen. Der Hauruck-Schluss soll weder zur Gewohnheit werden, noch kommt er jemals so früh.
    Und die Engel-Steampunk-Geschichte kommt, wenn sie bereit ist. Noch ist sie das ganz sicher nicht.

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