Taschentuch? (2)

Ich habe gerade diesen Artikel in der NYT gelesen. Er heißt „Police Lesson: Social Network Tools Have 2 Edges„, und es geht darum, dass manche Polizisten in sozialen Netzwerken Dinge veröffentlichen, die in Zusammenhang mit ihrem Beruf nicht so gut ankommen.

Da ist zum Beispiel der Polizist, der bei Facebook als Beruf „human waste disposal“ eingetragen hatte, was sich besonders schlecht machte, nachdem er im Dienst jemanden erschießen musste. Oder jedenfalls erschoss, was weiß ich, ob es nötig war?

Oder der Polizist, der bei eBay ein Video verkaufte, indem er lasziv seine Uniform auszog und dann masturbierte.

Oder der Polizist, der bei MySpace seine Stimmung als „devious“ beschrieb und auf Facebook erwähnte, dass er sich „Training Day“ ansah, „to brush up on proper police procedure“.

Dabei interessiert mich weniger die Frage, was diese Leute dazu gebracht hat, sich so dumm anzustellen. Ich kann mir das nämlich sehr gut vorstellen (Na gut, den zweiten Fall nicht so, aber jeder Jeck ist anders.), weil mir klar ist, dass Polizisten genau wie Soldaten, Staatsanwälte, Bundeskanzler und Minister, genau wie wir alle, keine hoheitliche-Aufgaben-Erfüllungs-Automaten sind, sondern Menschen mit Freunden, Freizeit, und einem mehr oder weniger und besser oder schlechter ausgeprägten Sinn für Humor.

Mich interessiert auch nicht so sehr, inwieweit der Arbeitgeber das Recht von Mitarbeitern beschneiden darf, sich öffentlich zu äußern. Das ist eigentlich eine ganz spannende Frage, aber nicht heute.

Mit geht es, wie ihr dem Nebensatz oben wahrscheinlich schon entnommen habt, um die Frage, wie unreif eine Gesellschaft ist, in der es eine Zeitungsschlagzeile wert ist, dass ein Polizist bei Facebook seinen Beruf mit „human waste disposal“ angibt. Ja, und?

Wenn er das wirklich so sieht, ist das natürlich inakzeptabel, aber wenn wir uns mal kurz bewusst machen, welche Aufgaben Polizisten zu erfüllen haben, und wie viele von ihnen es gibt, dann dürfte uns sofort klar werden, dass eine erhebliche Anzahl von ihnen abends, wenn sie nach Hause kommen, ihre Arbeit genau so beschreiben würden. Einige von ihnen vielleicht sogar nicht ganz zu Unrecht. Das ist nicht in Ordnung, und wenn sich das in ihrem dienstlichen Verhalten irgendwie ausdrückt, gehören sie diszipliniert, aber es ist nicht unbedingt Breaking News, oder?

Darüber hinaus befasst der NYT-Artikel sich auch ausschließlich mit dem Thema, dass manche Polizisten so etwas schreiben, dass das schlecht aussieht, und dass die Behörden deshalb nach Wegen suchen, es zu unterbinden. Das ist einerseits sicherlich ein pragmatischer Ansatz, denn unsere Gesellschaft ist nun mal so unreif, wie sie ist, aber andererseits kommt es mir doch reichlich verdreht vor.

Wenn jemand solchen Unfug schreibt, ohne es ernst zu meinen, gibt es eigentlich kein Problem. Polizisten müssen keine guten Komiker sein. Wenn jemand solchen Unfug aber im Ernst schreibt, dann ist die Statusmeldung auf Facebook nicht das Problem, sondern die Tatsache, dass da ein Polizist andere Menschen als Abfall empfindet, und seine Aufgabe darin sieht, sie zu entsorgen. In diesem Fall sollten wir dankbar sein, dass er das öffentlich schreibt, und unsere Ressourcen darauf verwenden, seine Meinung zu ändern oder ihn aus seiner Position zu entfernen, statt darauf, ihn davon abzuhalten, zu sagen, was er denkt.

Ja. Ähm. Was wollte ich eigentlich sagen? Ich schätze, mein Gedankengang war ungefähr der gleiche, der mich immer beim Lesen dieser aufgeregten „Das Internet nimmt uns unsere Privatsphäre und verführt unsere Kinder, peinliche Bilder zu veröffentlichen“-Artikel befällt: Meine Güte, wie lange dauert es eigentlich noch, bis unsere Gesellschaft sich daran gewöhnt hat, dass das Internet unsere Kommunikation verändert (Eigentlich so ein Spruch, den ich in seiner Pomposität überhaupt nicht leiden kann, der hier aber nun einmal hingehört.) und dass Äußerungen auch dann privater Natur sein können, wenn jeder sie lesen darf?

So. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob das jetzt irgendwie Sinn ergibt, oder ob es nur ein „Ich verstehe die ganze Aufregung nicht“-Post geworden ist. Was meint ihr?

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4 Responses to Taschentuch? (2)

  1. puregold sagt:

    Gestern hatte ich mit meinen Eltern eine Diskussion zum thema facebook und was man da alles posten sollte und was nicht. Habe selbst für mich noch keine klare Grenze gezogen, aber ich versuche nur das zu posten, was dem Bild, das die anderen von mir haben sollen, zuträglich ist. Ich versuche mich humorvoll zu geben, geschmackvoll, offen und auch ein klein bisschen menschlich. Ob das auch imemr so ankommt ist eine andere Frage.

    Ich kenne auch Leute, die vermutlich weniger drüber nachdenken, was sie posten. Das hat dann auch schon meine Meinung über sie beinflusst, nicht nur im Guten.

    Und warum ich überhaupt poste, weiß ich nicht. Vielleicht, weil ich Sehnsucht danach habe wahr genommen zu werden und das Gefühl stellt sich eher ein, wenn ich irgend nen provokativen Mist poste, als wenn ich gar nichts poste.

    pure

  2. Westrup sagt:

    „Oder der Polizist, der bei eBay ein Video verkaufte, indem er lasziv seine Uniform auszog und dann masturbierte.“

    Jetzt muß man schon masturbieren, um bei eBay was verkaufen zu können? Schröcklich. Ich glaub, ich behalte mein Video, in dem ich die einäugige Hosenschlange würge.

    Posto ergo sum, wat?

  3. Muriel sagt:

    @puregold:

    ich versuche nur das zu posten, was dem Bild, das die anderen von mir haben sollen, zuträglich ist. Ich versuche mich humorvoll zu geben, geschmackvoll, offen und auch ein klein bisschen menschlich.

    Das ist doch aber genau das gleiche Verhalten, das wir auch offline für den Umgang mit anderen anstreben, oder?

    @Westrup: Man muss nicht. Aber es hilft.

  4. puregold sagt:

    @muriel: Na klar! Nur lässt sich offline das, was andere von einem mit kriegen nicht so leicht steuern. Wenn jemand mit nem Vollrausch von der Kneipe heim kommt und dem Nachbarn vor die Haustüre kotzt ist es halt so… aber wer das dann auch noch auf facebook postet ist echt selber schuld. Es ist ich echten Leben nicht immer leicht, sich so zu geben, wie man gesehen werden will. Auf facebook schon viel eher. Aber manche schaffen es wohl nicht mal da.

    pure

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