Ich wette, ihr hättet nicht erwartet, dass der erste Artikel aus meinem Urlaub ein weiterer informationsfreier Rant ist, der weder mit Edinburgh, noch mit Tim Minchin, noch mit Surfen oder Gran Canaria zu tun hat, sondern mit einem Monate alten Artikel von Alice Schwarzer. Tja, ich bin eben immer für eine Überraschung gut.

Ich glaube, ich habe hier noch nie was über Alice Schwarzer geschrieben. Das hatte einerseits Gründe, ist aber andererseits schade, denn Alice Schwarzer arbeitet hart daran, den Titel des widerwärtigsten journalistischen Stils in Deutschland zu erwerben. Das zeigt sich nicht nur in ihrer Dauerberichterstattung über den Kachelmann-Prozess in der Bild-Zeitung, sondern auch in ihren gelegentlichen Ausfällen, die die FAZ aus mir nicht ersichtlichen Gründen immer mal wieder veröffentlichen zu müssen meint.

Gerade beim Warten vor dem Gate habe ich einen Artikel gelesen, den Frau Schwarzer am 22. Juli 2010 in der FAZ veröffentlicht hat, der aber jetzt aus aktuellem Anlass noch mal auf die Startseite gerutscht ist. Es geht um das Burkaverbot, und weil sich das thematisch gerade so schön einfügt, will ich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, indem ich einerseits dieses symbolisch sehr wichtige Thema noch einmal aufgreife und andererseits endlich mal aufzeige, warum man Alice Schwarzers derzeitige Schreiberei unabhängig von eventuellen früheren Verdiensten eigentlich nur noch als abstoßend bezeichnen kann.

Frau Schwarzer ist natürlich für ein Verbot von Ganzkörperverschleierung, das ist nicht neu, das ist bekannt. Wer eine grobe Vorstellung von ihrer Person hat, wird auch ihre grundlegende Argumentation erraten können: Ganzkörperschleier sind frauenfeindlich, weil Frau Schwarzer das so sagt, und deshalb kommt es geradezu einer Entrechtung der Frauen gleich, wenn der Gesetzgeber ihnen die freie Wahl lässt, was sie gerne anziehen möchten.

Welche perfiden – und ich muss mich sehr zurückhalten, um keinen schärferen Ausdruck zu wählen – Schlangenlinien Frau Schwarzer im Rahmen dieser Argumentation fährt, hat mich dann aber doch so überrascht, das ich mir beim Lesen einige verwirrte Blicke der übrigen Wartenden zuzog. Das hier zum Beispiel schreibt sie über den Ehemann einer Frau, gegen die eine Geldstrafe verhängt wurde, weil sie mit Nikab Auto gefahren war:

Habbadj hat übrigens noch drei weitere Ehefrauen, mit denen er jedoch nicht nach französischem, sondern nur nach islamischem Recht verheiratet ist. Als die Justiz ihn wegen Polygamie anklagen wollte, ging der offenbar gut Geschulte cool an die Öffentlichkeit und erklärte, dann müssten aber auch die vielen französischen Männer, die Geliebte haben, der Polygamie angeklagt werden. 

Ja. Hm. Ich bin versucht, hier einen längeren Exkurs darüber einzufügen, warum es in meinen Augen ohnehin unerträglich ist, dass ein moderner säkularer Rechtsstaat Staat Polygamie bestraft, und dass es niemanden etwas angeht, wie Menschen ihre Beziehung untereinander zueinander gestalten, aber das lasse ich mal bleiben, weil dieses Flugzeug, in dem ich gerade schreibe, sicherlich irgendwann landen wollen wird. Also, der Pilot natürlich, und die anderen Leute hier. Dem Flugzeug wird’s egal sein. Naja, also was ich sagen will: Ich will nicht abschweifen.

Lies Habbadj ist also keineswegs ein naiver Gläubiger, sondern ein taktisch agierender Islamist, für den das Strafmandat seiner Frau vermutlich ganz in seinem Sinne war, da er auf Provokation des Rechtsstaates aus zu sein scheint.

Falls es euch beim Lesen nicht schon sofort selbst aufgefallen ist: Ja, Frau Schwarzer entlarvt hier jemanden als perfiden, abgefeimten Islamisten, weil er angesichts versuchter Strafverfolgung öffentlich wahrheitsgemäß darauf hinweist, keine Straftat begangen zu haben. Ein echter Teufel. Den sollte man schon mal prophylaktisch einsperren. Welche weiteren Beweise braucht man noch, dass der Kerl ein Terrorist sein muss?

Bei aller gebotenen Vorsicht gegenüber Vorurteilen: Bin ich böse, wenn ich einen Zusammenhang zwischen Frau Schwarzers Tätigkeit für die Bild-Zeitung und ihrer Neigung sehe, Leuten übel zu nehmen, wenn sie sich gegen strafrechtliche Verfolgung verteidigen?

Ganz wie einst die Deutsch-Afghanin Fereshta Ludin, die für das Recht von Lehrerinnen auf das Kopftuch in der Schule über acht Jahre lang bis zum höchsten Gericht klagte. 

Klar. Dass eine Frau ihr Recht, ein Kleidungsstück zu tragen, auf dem rechtsstaatlich vorgesehenen Weg verteidigen möchte, ist dann konsequenterweise ein genauso zwingender Beleg dafür, dass sie nicht weniger als den gewaltsamen Umsturz und die Errichtung einer islamischen Theokratie plant.

Himmel. Erwähnte ich schon, wie sehr dieser Artikel mich anwidert?

 Burka und Nikab sind zutiefst menschenverachtend. Nicht nur für die in ihren Stoffgefängnissen eingeschlossenen Frauen, sondern auch für die Männer, denen ja unterstellt wird, sie würden sich auf jede Frau, von der sie auch nur ein Haar oder ein Stück Haut erblicken, wie ein Tier stürzen.

Sehe ich das eigentlich falsch, oder müsste man auf Basis dieser Argumentation Frauen generell verbieten, Kleidung zu tragen? Ich meine, zum Beispiel die Bikinis, die ich demnächst am Playa del Ingles sehen werde: Isolieren die nicht ihre Trägerinnen, schließen sie sie nicht regelrecht in Stoffgefängnissen ein? Verletzen sie nicht auch meine Menschenwürde, indem sie mir zumindest implizit unterstellen, ich würde wie ein Tier sofort über jede Frau herfallen, die ganz nackt vor mir in der Sonne liegt?

Na gut, vielleicht übertreibe ich ein bisschen. Vielleicht sollte das Tragen von Bikinis nicht gleich strafbar sein, obwohl ich es schon als grobe Unhöflichkeit empfinde. Aber bei Rollkragenpullovern und langen Röcken ist wirklich eine Grenze überschritten, oder? Die sind wirklich nur noch menschenverachtend, und da ist eine Geldbuße von 150 Euro doch beinahe noch zu milde.

Himmel. Erwähnte ich schon, wie unbegreiflich mir ist, dass dieser Stuss in einer als seriös geltenden Zeitung erscheint?

Ganz anders tönen hingegen europäische linke Menschenrechtsorganisationen. So warnte Human Rights Watch vor einer „Stigmatisierung“ der Burka-Trägerinnen durch ein Verbot; erklärte Amnesty International, ein Burka-Verbot verletze „die Grundrechte von Frauen“; und gab Sozialistenführerin Martine Aubry der Sorge Ausdruck, damit „isoliere“ man die Burka-Trägerinnen nur noch stärker. […] Dieser Paternalismus der Linken ist nicht neu.

Boah. Also, jetzt aber. Ich bin ja eigentlich immer dabei, wenn Linke angegriffen werden, aber es als Paternalismus zu bezeichnen, wenn jemand sich gegen ein staatliches Verbot ausspricht, ist so unverschämt, dass es beinahe schon wieder… Nein, doch nicht. Es ist einfach nur eklig.

Die Gründe für diese scheinbare „Fremdenliebe“, die eigentlich nur die Kehrseite des Fremdenhasses ist, scheinen vielfältig zu sein. 

Was? Spinne ich, oder steht da, dass Leute, die nicht wollen, dass Burkaträgerinnen bestraft werden, Ausländer hassen? Oder wie soll man das sonst verstehen? Und was hat das ganze Thema überhaupt mit „Fremdenliebe“ zu tun?

Ein Burka-Verbot sei nur symbolische Politik und das Problem der Unterwanderung durch den schriftgläubigen Steinzeit-Islamismus damit nicht gelöst, argumentieren die ganz Schlauen. Das stimmt. Aber symbolische Politik ist auch Politik. Und ein Verbot wären ein erster Schritt und ein sichtbares Zeichen – nicht nur für die unsichtbaren Frauen.

Auf ungefähr diese Art der Argumentation bin ich ja in meinem letzten Artikel grundsätzlich schon eingegangen, aber dies ist so ein hervorragendes Beispiel dieses Irrsinns, dass ich es gerne wiederholen möchte:

Manche Frauen werden von ihren Männern gezwungen, sich zu verschleiern.

Deswegen ist es ein angemessener Weg, diese Frauen dafür zu bestrafen, wenn sie öffentlich verschleiert erwischt werden.

Frau Schwarzer erkennt dabei zwar an, dass die Maßnahme nicht wirksam ist, aber weil sie meint, dass man der Symbolwirkung halber irgendwas tun sollte, hält sie sie trotzdem für erforderlich. Um die Menschheit zu beschützen.

Ihr könnt das nicht sehen, aber ich sitze hier immer noch mit offenem Mund kopfschüttelnd da, erschüttert und fassungslos im Angesicht von so viel selbstgerechter Dummdreistigkeit. Meine Fassungslosigkeit ist in der Tat so überwältigend, dass mir kein vernünftiger Abschluss für diesen Post mehr einfällt.

Tut mir Leid.

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8 Responses to Ich wette, ihr hättet nicht erwartet, dass der erste Artikel aus meinem Urlaub ein weiterer informationsfreier Rant ist, der weder mit Edinburgh, noch mit Tim Minchin, noch mit Surfen oder Gran Canaria zu tun hat, sondern mit einem Monate alten Artikel von Alice Schwarzer. Tja, ich bin eben immer für eine Überraschung gut.

  1. Tim sagt:

    Du hast es ja schon angedeutet: Auch Schwarzer tritt in der Öffentlichkeit in der Regel ja zu 90-95 % verschleiert auf, nur Hände und Kopf läßt sie frei. Wenn man ihrer Argumentation folgt, können wir das ja nur als halbfaschistoide Symbolik verstehen.

  2. Dietmar sagt:

    „Auch Schwarzer tritt in der Öffentlichkeit in der Regel ja zu 90-95 % verschleiert auf,…“

    Ich erlaube mir in diesem Falle die komplett sexistische Bemerkung: Es ist auch besser so.

  3. Muriel sagt:

    @Dietmar: Danke, dann muss ich das jetzt nicht mehr tun.

  4. Rudi sagt:

    Eigentlich macht Alice nichts falsch. Sie ist ein(e) moderne Saulus. (oder müsste sie dann zuerst Paulus genannt werden…?, egal)
    Früher hätte sie die Bild bestenfalls zum Feuer machen genutzt, heute schreibt sie für dieses Blatt. Als trojanischer Gaul bekäme sie dafür heute sicherlich die Ehrenbürgerschaft Griechenlands, wenn es dort jemanden interessieren würde, was diese Frau so macht. Wer weiss, welche Mythen diese Frau noch so alles in sich trägt.
    Ach, und was MICH schon immer interessierte:
    Welche moderne FRAU interessiert sich eigentlich für Alice Schwarzer?

  5. […] verabscheue einerseits so ziemlich alles, was mir bisher von Alice Schwarzer untergekommen ist. Von ihren […]

  6. […] Das Argument durfte ja nicht fehlen. Ist ja auch klar. Wie sonst könnte ich minderjährige Mädchen davor schützen, dass jemand sie unter Druck setzt, als indem ich ihnen Vorschriften mache, wie sie sich anzuziehen haben, und ihnen vorwerfe, sie würden sich isolieren wollen und die Kommunikation unmöglich machen, wenn sie sich nicht dran halten? Und wie sonst könnte man junge Frauen vor Isolation schützen, als ihnen anzudrohen, sie aus unseren Institutionen rauszuschmeißen, wenn sie sich nicht so anziehen, wie wir es für richtig halten? […]

  7. […] Zusammengefasst auf Deutsch: Frankreichs Vertreter meinten, dass die Franzosen eben einen Anspruch darauf haben, die Gesichter anderer Menschen zu sehen, und nicht wünschen, an öffentlichen Orten Praktiken oder Haltungen zu sehen, die die Möglickeit zwischenmenschlicher Beziehungen fundamental infrage stellen, und weil Burkas das tun, halten nicht nur das französische Parlament und die französische Regierung es für legitim, Leute zu bestrafen, die anderen lieber nicht ihr Gesicht zeigen möchten. (Und darüber hinaus will Frankreich natürlich die armen Frauen nur vor Unterdrückung beschützen und befreien, indem es sie zwingt, sich so anzuziehen, wie die Franzosen das für richtig halten, und sie sonst bestraft. Isjaklar, ne?) […]

  8. […] weiß, ich hab schon öfter über das Verbot der Verschleierung geschrieben. Aber solange die Süddeutsche Zeitung noch an […]

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