Boy fiction

Ich mag die New York Times irgendwie ein bisschen. Ich habe sie auf meinem Kindle abonniert und zwinge mich regelmäßig, sie zu lesen. Manchmal lohnt es sich. Alleine schon, weil die NYT in vieler Hinsicht ganz anders schreibt als unsere deutsche Presse.

Aber bei aller Liebe: Was denkt man sich dabei, die Review der Fernsehserie zu George R. R. Martins „Game of Thrones“ von einer Frau schreiben zu lassen, die offenbar Fantasygeschichten schon alleine deshalb nicht mag, weil sie Fantasygeschichten sind, sondern außerdem noch allem Anschein nach nicht mitbekommen hat, dass moderne Fantasy nicht nur aus Tolkien-Remakes besteht?

Ich kenne die Fernsehserie nicht, und vielleicht ist sie grottenschlecht, aber das würde nichts an der Dummheit dieser Review ändern, die eigentlich nicht mal eine ist, sondern nur eine Auflistung der Vorurteile ihrer Verfasserin:

The imagined historical universe of “Game of Thrones” gives license for unhindered bed-jumping — here sibling intimacy is hardly confined to emotional exchange.

The true perversion, though, is the sense you get that all of this illicitness has been tossed in as a little something for the ladies, out of a justifiable fear, perhaps, that no woman alive would watch otherwise. While I do not doubt that there are women in the world who read books like Mr. Martin’s, I can honestly say that I have never met a single woman who has stood up in indignation at her book club and refused to read the latest from Lorrie Moore unless everyone agreed to “The Hobbit” first. “Game of Thrones” is boy fiction patronizingly turned out to reach the population’s other half.

Was zur Hölle, Frau Bellafante? Was ist denn das für ein dummer SPruch? Haben Sie in Ihrem Leben schon viele Männer kennengelernt, die in einem Buchclub aufgesprungen sind und emphatisch forderten, The Hobbit zu lesen? Und wie borniert muss man eigentlich sein, um eine Geschichte nicht nur aufgrund ihres Genres dermaßen abzuurteilen, sondern auch noch frei von jeder Tatsachenkenntnis zu behaupten, sie wäre nichts für Frauen? Was würde Alice Schwarzer eigentlich wohl von der These halten, dass man perversen Sex braucht, um Frauen für eine Fernsehserie zu interessieren?

 If you are not averse to the Dungeons & Dragons aesthetic, the series might be worth the effort. If you are nearly anyone else, you will hunger for HBO to get back to the business of languages for which we already have a dictionary.

Ja, klar. D&D darf natürlich auch nicht fehlen. Wenn ich auch mal ein bisschen mit Vorurteilen werfen darf: Wenn jemand über Fantasy schreibt und dabei ausschließlich Tolkien und D&D erwähnt, dann hat sie keine Ahnung, wovon sie redet.

Ich kann mich über diese schwachsinnige Attitüde aufregen. Vielleicht, weil ich sie auch von meinem Vater kenne, der immer fragte, ob ich nicht langsam zu alt sei für Fantasy. Boah. Leute. Ich habe ja nichts dagegen, wenn jemandes persönlicher Geschmack eben keinen Zugang findet zu Geschichten, die in einer fremden Welt spielen. Wenn jemand nicht gut damit zurechtkommt, dass in einer Geschichte andere Regeln gelten als die, die er aus seinem eigenen Leben kennt, muss er keine Fantasy lesen, das ist in Ordnung.

Aber diese Leute, die so tun, als könne man Fantasyliteratur allein aufgrund ihres Genres nicht ernst nehmen, die sind überhebliche Dummköpfe, und sogar, wenn man das anders sieht, sollte man sie vielleicht wenigstens nicht anrufen, wenn man eine Fantasygeschichte rezensiert haben will, oder?

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14 Responses to Boy fiction

  1. madove sagt:

    Ui, ich habe gestern abend schon einen überzeugenden Rant gegen diesen Artikel gelesen, von irgendsoeinem Geek-Girl, die sich vor allem über das Frauenbild aufregt, das nicht vorsieht, daß wir selbständig Fantasy (auch ohne Sex) mögen könnten.
    Ich bekomme immer weniger Lust, Frau Bellafante’s Artikel zu lesen, und immer mehr, diese komische Serie zu sehen…

  2. Ron sagt:

    Ich glaube, dass dies ein grundsätzliches Problem für das Fantasy-Genre ist. Irgendwie sind es für viele halt „nur Kindergeschichten“ oder „Geschichten, in denen sich Männer toll fühlen können weil sie ganz super Sachen machen“. Diese Menschen sehen dann halt einfach nicht die tieferliegenden Ebenen. Um mal bei Tolkien zu bleiben (von dem ich ein erklärter Fan bin, aber natürlich nicht nur seine Werke lese): es ist immer wieder sehr spannenden zu sehen, wieviel persönliche Biographie in seine Erzählungen eingeflossen ist. Das ist für mich auch ein wichtiger Teil bei solchen Geschichten. Bei anderen Fächern der Literatur ist es doch auch völlig selbstverständlich, dass die Werke interpretiert und analysiert werden. Aber ich vergaß: Fantasy ist ja keine Literatur …

    Ich jedenfalls fühle mich auch in meinem (leicht fortgeschrittenen) Alter sehr wohl in der Fantasy-Welt und möchte ebenfalls Ms. Bellafante für die Serienempfehlung danken. 😉

  3. Günther sagt:

    Ah, es gibt doch nichts schöneres als einen berechtigten Rant am Nachmittag, um den Kreislauf wieder in Schwung zu bringen 😉
    Die Kritik ist ja an Ignoranz und Borniertheit kaum zu überbieten. Ich schließe mich meinen Vorrednern an, eine schlechte Kritik von einer dermaßen unsympatischen Person animiert direkt dazu, sich die Serie mal anzuschauen…

  4. Ron sagt:

    Nachtrag: das Special zu „Game Of Thrones“ lässt sich schon mal ganz interessant an … 😉

  5. whynotveroni sagt:

    Also ich hab‘ saemtliche Baende von George R R Martins „Game of Thrones“ gelesen nein verschlungen – als Frau 🙂 (… bis auf „A Dance with Dragons“, das ewig auf sich warten laesst). Keine Ahnung, worueber Frau Bellafonte da schreibt, meint sie die gleiche Serie oder hat sie sich da vielleicht vertan?

  6. Guinan sagt:

    Also, angucken lohnt sich. FSK 12 ist das zwar nun nicht gerade, nach europäischem Maßstab eher ab 16, für eine prüde Amerikanerin aber wahrscheinlich FSK 21 oder gehört komplett verboten. Dabei kommt aber nicht mehr Sex und Gewalt vor als in einem beliebigen Historienschinken von Iny Lorentz oder Sabine Ebert. Gruselig (eher so Steven King-mäßig) fand ich nur den Vorspann.
    Es ist zwar schon einige Jahre her, dass ich das Buch gelesen habe, aber nach meiner Erinnerung hält sich zumindest die erste Episode sehr eng an die Vorlage. Die Charaktere sind treffend besetzt, nur Daenerys finde ich enttäuschend. Nur unglaublich schön sein und traurig ins Nichts starren, das reicht für mich nicht. Da sollte sich zumindest etwas Power andeuten.

  7. Muriel sagt:

    @Guinan: Komisch. Wenn sie wirklich so dargestellt ist, finde ich sie sehr gut getroffen.
    Ich kann Daenerys nicht ausstehen.

  8. Ron sagt:

    Ich kann es auch nur empfehlen. Wirklich gut besetzt und sehr stimmungsvoll. Ich bin auch überrascht, dass so eine Serie in den USA möglich ist (die Darstellung von Gewalt und Sex ist für deren Verhältnisse doch sehr explizit). Und was Daenerys angeht muss man mal abwarten, wie sich die Figur in der Serie noch entwickelt, bisher ist sie noch etwas „blass“ …

  9. Guinan sagt:

    Daenerys muss man nicht unbedingt mögen, sie ist ja eher ein komplizierter Charakter. Meine Helden sind auch mehr Arya und natürlich Jon Snow *hachz*, aber ich habe sie zumindest als selbstbewusst, klug und durchsetzungsstark in Erinnerung. Oder kam das erst in den späteren Büchern so rüber? Hier steht sie nur elfengleich leuchtend, meist ziemlich unbekleidet, in der Gegend herum und erduldet was auch immer.

  10. Muriel sagt:

    @Ron: Einfach, weil ich es nicht lassen kann: Blass. Akkurat umgesetzt also.
    @Guinan: Ich stehe ja auf den Kingslayer, und natürlich auf Tyrion, aber der ist mir zu offensichtlich. The Hound mochte ich auch, aber mit dem ist’s ja nun vorbei.

  11. Guinan sagt:

    Tyrion könnte ich ja noch verstehen, aber Jaime? Puh, das ist hart…

  12. Guinan sagt:

    Das läuft ja nun schon eine Weile. Guckst du das eigentlich inzwischen?

  13. Muriel sagt:

    @Guinan: Die feste Absicht ist vorhanden.

  14. […] einigen Wochen bin ich bei Überschaubare Relevanz in einem Beitrag auf die neue Serie „Game of Thrones“ gestoßen, deren erste Staffel jetzt vor Kurzem […]

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