Sehr verhaltene Lektüreempfehlung

How to win friends and influence people“ von Dale Carnegie ist in gewisser Weise ein fürchterliches Buch. Sein Inhalt lässt sich recht vollständig zusammenfassen mit „Sei nett zu Leuten, dann kommst du besser mit ihnen zurecht, als wenn du fies bist“. Den größten Teil des Volumens nehmen kleine Anekdoten ein, die man freundlich als anschauliche Beispiele zur Anwendung der beworbenen Prinzipien bezeichnen könnte, und weniger freundlich als ziemlich durchschaubare Versuche, augenscheinlich plausible Thesen durch mehr oder weniger frei erfundene Best-Case-Szenarien zu belegen.

Man neigt ziemlich zügig zu weniger Freundlichkeit, wenn man zum fünfzehnten Mal liest: „But can these principles also help you with your personal goals and challenges? Well, let’s see. I was told recently…“ und dann kommt die Geschichte von einem Kerl, der regelmäßig eine alte Frau besucht und sich ihre Lebensgeschichte angehört hat und dafür ihren Sportwagen geschenkt bekam, oder die von dem Typen, der sich die Beschwerden eines schwierigen Kunden geduldig und freundlich anhörte und ihn dadurch so begeisterte, dass der gleich noch für $ 50.000 Ware bestellte und seitdem ein treuer Fan ist, oder die von der Frau, die mit ihrem Vermieter vor den Verhandlungen über sein Leben plauderte und seine Erfolge bewunderte und dadurch eine Mietsenkung erreichen konnte, oder…

Mir kommen solche Bücher beim Lesen immer fürchterlich nutzlos und dumm vor. Was wahr ist, ist trivial, und was nicht ganz trivial ist, ist zumindest nicht ganz wahr.

Aber doch lese ich solche Bücher hin und wieder, und manchmal denke ich auch, dass das vielleicht auch andere Leute tun sollte. Zum Beispiel, wenn ich am Flughafen zusehe, wie eine Passagierin mit der Mitarbeiterin der Fluggesellschaft Streit anfängt, weil die (zu Recht) ihr Handgepäck für zu sperrig befunden hat, um es in die Kabine mitzunehmen.

„This is impossible, I arrived with this, I was allowed to take it on the flight here! This is not too large!“

„You’re measuring it wrong! I took something out, and it fits now! You cannot do this!“

„You’re losing a customer!“

„I want your name! And your name, too. I’m going to file a complaint! You, over there! Do you have a business card?“

Wenn die Dame es darauf angelegt hatte, die RyanAir-Mitarbeiterin in ihrer Haltung bestärken und aber auch ganz bestimmt keine Ausnahme für sie zu machen, sie hätte es nicht besser machen können. Wer so angegangen wird, weil er nur seinen Job macht, hat nicht nur keine Lust mehr, kulant zu sein, er kann es auch gar nicht mehr, ohne vor den anderen Leuten sein Gesicht zu verlieren.

Ich glaube aber eigentlich, dass die Dame es auf gar nichts angelegt hat. Sie hatte keinen Plan. Sie war einfach nur verärgert und fühlte sich unfair behandelt, und genau das hat sie dann auch zum Ausdruck gebracht. Wenn sie jemand gefragt hätte, ob sie das für zielführend hält, hätte sie (wenn sie sich darauf eingelassen hätte) nach kurzem Nachdenken sicher sofort erkannt, dass es das nicht ist. Sie hatte kein Ziel im Auge, und keine Taktik, sondern einfach nur ihre eigenen Wünsche und Gefühle.

Andererseits tue ich ihr vielleicht Unrecht. Vielleicht wusste sie genau, dass sie direkt nichts erreichen würde. Vielleicht wollte sie nur den anderen Passagieren demonstrieren, dass man sich nicht alles gefallen lassen muss. Vielleicht rechnet sie damit, dass diese Gepäckprüferei irgendwann aufhört, wenn genug Fluggäste sich widersetzen. Oder sie hat die RyanAir-Mitarbeiterin bewusst provozieren wollen, weil sie Spaß dran hatte. Wer weiß? Je nachdem, was man erreichen will, kann es richtig sein, nicht freundlich zu bleiben.

Dale Carnegie liegt meiner Meinung nach falsch, wenn er behauptet, dass es nie sinnvoll ist, jemandem direkt zu widersprechen und die harte Konfrontation zu suchen. Ich denke, dass er Recht hat, wenn er sagt, dass es oft nicht der beste Weg ist, jemanden zu überzeugen.  Aber manchmal will man gar nicht die Person unmittelbar überzeugen, mit der man redet. Und manchmal kann man jemanden durch eine harte Konfrontation auch dazu bringen, dass er zumindest nach dem Gespräch mach infrage stellt, was er so denkt, auch wenn er während der Diskussion noch auf seinem Standpunkt beharrte.

Es ist wie so oft im Leben, dass der einfache Rat nicht der beste ist, und dass man für jede Situation das jeweils richtige Werkzeug finden muss.

Darauf will ich hinaus: Das Gute an der Lektüre solcher Bücher wie „How to win friends and influence people“ oder „Getting to yes“, all dieser halbtrivialen Ratgeber eben, ist nicht unbedingt, dass man danach genau weiß, wie man mit anderen Menschen umgehen muss.

Das Gute an solchen Büchern ist, dass man sich daran gewöhnt, vor und in so einem Gespräch zu überlegen, was man will und wie man es am besten erreicht. Und dass man sich angewöhnt, nicht nur auszudrücken, was man selber will und fühlt, sondern auch zu überlegen, was der andere will und wie es ihm geht, und sich zu fragen, was man daraus machen kann. Ich glaube schon, dass vieles einfacher wäre, wenn sich das mehr Leute angewöhnen könnten.

Und so komme ich zu dem vielleicht etwas ungewöhnlichen Ergebnis, dass ich „How to win friends and influence people“ für ein schlechtes Buch halte, aber trotzdem für lesenswert. Wer mag, kann die blöden Anekdoten ja überspringen.

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12 Responses to Sehr verhaltene Lektüreempfehlung

  1. Guinan sagt:

    Zumindest kann man mit solchen Büchern sehr, sehr viel Geld verdienen.
    Bitte nimm dir trotzdem kein Beispiel daran.

  2. Muriel sagt:

    @Guinan: Keine Sorge. Jedenfalls nicht mehr als bisher auch.

  3. Guinan sagt:

    Gibt es denn Ratgeberbücher, die dich persönlich oder schriftstellerisch ernsthaft beeinflusst haben?

  4. Haukules sagt:

    Welchen Lohn hat denn Jesus mit seiner Offenbarung des Neuen Testaments bekommen? Ob er das wirklich wollte? Überlege Dir mal Dich will einer wegen Deines Wortes umbringen? Hat jemand schon mal versucht ein ausgesprochenes oder niedergeschriebenes Wort zu töten?

  5. Muriel sagt:

    @Guinan: Schriftstellerisch ja, aber mir fallen leider die Titel nicht ein. Eines hieß auf Deutsch „Wie man einen verdammt guten Roman schreibt“.
    Persönlich vielleicht auch, aber ich weiß nicht, ob die als Ratgeberbücher zählen. Wohl eher nicht. Martin Gardner hat mir zum Beispiel sehr viel über Skeptizismus beigebracht. Übrigens ein Christ, soweit ich weiß. So kann’s gehen.
    @Haukules: Bevor ich das beantworte, würde ich gerne verstehen, worauf du hinauswillst und was du meinst. Ich komme nämlich leider gerade nicht dahinter. Magst du es mir erklären?

  6. Haukules sagt:

    Hallo Muriel,
    mir ging es um den Bestand der Wahrheit… Was ist der Lohn für das, was man sagt oder schreibt. Ich denke, wenn ich zu allen nur freundlich wäre, würde mein Wort in der Bedeutungslosigkeit eines charakterlosen Nichts verschwinden.

  7. hujikohujiko sagt:

    Welchen Lohn hat denn Jesus mit seiner Offenbarung des Neuen Testaments bekommen?

  8. Muriel sagt:

    @Haukules: Ich bin zwar immer noch nicht ganz sicher, ob ich dich richtig verstehe, aber ich denke schon, dass man auch bedeutungsvolle und kontroverse Dinge auf freundliche und verträgliche Weise sagen kann. So ganz würde ich dir da also nicht zustimmen.
    @hujkohujiko: In der biblischen Geschichte ist er am Ende Herrscher des Universums geworden. Mehr geht eigentlich nicht, insofern vielleicht ein geeignetes Vorbild. Ich kann die Figur aber trotzdem nicht leiden.

  9. Haukules sagt:

    @Muriel Du hast schon Recht. Der Grundton sollte freundlich sein. Nur manchmal muss man auch Tacheles reden.

  10. Muriel sagt:

    @Haukules: Da kann ich nicht widersprechen.

  11. Guinan sagt:

    @Muriel: „Übrigens ein Christ, soweit ich weiß. So kann’s gehen.“ Eine christliche Einstellung oder überhaupt Gläubigkeit ist ja nicht unbedingt etwas Schlechtes für einen Wissenschaftler. Die meisten Menschen können die verschiedenen Facetten ihres Wesens ganz gut getrennt halten.

  12. Muriel sagt:

    @Guinan: Ist auch meine Erfahrung. (Obwohl ich natürlich zu der Auffassung neige, dass es für jeden etwas mehr oder weniger Schlechtes ist, aber grundsätzlich gebe ich dir schon Recht.) Merkwürdig finde ich es aber trotzdem.
    Gardner hat meines Wissens immerhin offen eingestanden, dass er für seinen Glauben eine Ausnahme von seinem Skeptizismus macht.

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