Gefallen (9)

Es hat mal wieder lange gedauert, aber ich hatte ja auch Urlaub. Der ist jetzt vorbei, und deshalb gibt es nun endlich ein neues Kapitel unseres aktuellen Fortsetzungsromans „Gefallen“.

Ich wünsche viel Vergnügen, und nur, damit ihr’s wisst: Wer nicht schön aufliest, bekommt nachher keine Steampunk-Engel.

Was bisher geschah
Im ersten Kapitel wurde Prinzipal Janan von einer Eisernen Jungfrau entführt und durch die Höhlen des Hüters in das Unheiligtum gebracht.
Im zweiten Kapitel kehrte er mit der Eisernen Jungfrau zurück und beriet sich mit seinen… Ja, mit seinen Beraten, wem sonst? über die Bedrohung durch den Hüter.
Im dritten Kapitel lernen wir Mischa kennen, der Prinzipal entscheidet, dass er die Hilfe des Magistrats braucht, und seine Schwester Jasmi reist nach Nomren, um diese anzufordern.
Im vierten Kapitel spricht Jasmi mit dem Magistrat und seinem Ersten Magier, Mischa will von Gennard eine neue Hand, und die Mandurische Armee erleidet eine Niederlage.
Im fünften Kapitel besucht Jasmi das Monument von Yon-Gequl, Kara und Morgan werden von einem Boten aufgesucht, und Jasmi teilt sich eine Kutsche mit dem Gekreuzigten. Er ist ein bisschen schwierig.
Im sechsten Kapitel erwehren sich Kara und Morgan eines aufdringlichen Duellanten und lernen Sturm kennen.
Im siebten Kapitel begegnen Mischa und Gennard einem Monster auf der Straße – oder zweien?, Hauptmann Bendow durchquert einen Sump, und Prinzipal Janan lernt den Gekreuzigten kennen.
Im achten Kapitel bringt Sturm Kara das Fliegen bei, und Doppelgänger führt Selbstgespräche.

Was heute geschieht

„Wer da?“

Hauptmann Bendow widerstand der Versuchung, auf die Knie zu fallen und den Boden zu küssen. Er hatte die Sümpfe zwar hinter sich gelassen, aber der Dreck zu seinen Füßen war immer noch dreckig genug.

„Wesnat Fischer Nistrej“, sagte er die Losung. „Hauptmann Bendow, und Ihr seid Korporal Mannert?“

„Einfach an der Stimme erkannt, Herr Hauptmann?“

„Wir Offiziere können so etwas. Wie viel für eine Flasche Olderaner?“

Der Korporal lachte.

„Das Geschäft läuft gut, seit wir wirklich Krieg haben“, antwortete er. „Ich weiß gar nicht, ob noch welcher übrig ist.“

„Sollte, wenn Ihr nicht die nächsten vier Tage weiter diesen Wachtposten bemannen wollt.“

„Für Euch nur ein einziges Silberstück, Hauptmann.“

Bendow nickte zufrieden.

„Möglichst bald, wenn es geht. Ich will ihn nicht erst bekommen, wenn jemand aus dem Stab auf dumme Gedanken gekommen ist.“

„Naja, Herr Hauptmann, ich habe hier diesen Wachtposten, von dem man mir gesagt hat, ich sollte gut drauf aufpassen.…“

„Ihr findet jemanden, der ihn Euch abnimmt. Wundert mich, dass Ihr noch keinen habt.“

„Ich sagte doch, das Geschäft läuft gut. Da muss man sparsam sein.“

„Hm? Naja.“ Wenn Bendow Talent zum Kaufmann hätte, wäre er kein Offizier geworden. Er fragte nicht nach. „Ihr regelt das sicher irgendwie.“

„Jawohl, Herr Hauptmann.“

Der freche Kerl salutierte noch schief.

Bendow beschloss, ihm doch einen zusätzlichen Tag Wachdienst zu geben, wenn er seinen Wein erst einmal hatte. Wegen versuchter Schmuggelei vielleicht.

Man musste solchen Leuten auch hin und wieder mal zeigen, wer das Sagen hatte.

Er stapfte weiter ins Lager hinein und hielt den erstbesten Gefreiten an, der ihm über den Weg lief.

„Heda, wo finde ich den Wagen von…“

Das langgezogene Klagen eines Kriegshornes tönte durch das Lager.

„Da soll mich doch…“ knurrte Bendow. Immerhin hatte er den Wein noch nicht bezahlt.

„Dann bitte den Weg zur Vierten Kompanie, oder dem, was davon schon eingetroffen ist…“

Der Gefreite salutierte zackig. „Herr Hauptmann!“ rief er. Musste neu sein. „Ich kenne den Weg nicht, aber wenn Ihr den Quartiersmeister befragt, kann er Euch sicher behilflich sein.“

Hauptmann Bendow wartete kurz, bevor er die Augen verdrehte und fragte: „Wo finde ich den Quartiersmeister?“

„Dort entlang, Herr Hauptmann.“

Vielleicht hätte er doch Händler werden sollen. Er machte sich auf in die angewiesene Richtung, und hielt inne, als er hinter sich lautes Rufen hörte. Das war doch… Ja, genau, das war Mannerts Stimme.

„Alarm! Alarm! Feindkonstakt! Alarm!“

Auch aus anderen Richtungen erklangen Rufe, weitere Hörner, Schreie und Waffenklirren.

Wunderbar.

Bendow zog sein Schwert, vorsichtig, damit die Klinge nicht abfiel – er würde wirklich zusehen müssen, dass er es gelegentlich reparieren ließ -, und eilte in Richtung von Mannerts Wachtposten. Leute wie der Korporal mussten am Leben erhalten werden, sie waren wichtig für die Moral.

Er erfuhr nie, wer den Pfeil abgeschossen hatte, der seinen Hals durchbohrte. Nicht einmal, ob es der Feind gewesen war, oder einer seiner Kameraden.

********************************************

Mischa hielt auf einmal ein großes Beil in ihrer Hand, sprang vom Kutschbock herab und stürmte auf das Unwesen zu.

Sie hatte das Ding in der Hülle aus Lederflicken schon beinahe erreicht, als Gennard sich gerade erst genug gesammelt hatte, um überhaupt darüber nachdenken zu können, was er tun sollte. Falls überhaupt irgendetwas.

Er war sehr zuversichtlich, dass Mischa mit den meisten Monstern fertig werden konnte, die am Straßenrand Reisenden auflauerten, und dieses schien im Vergleich nicht einmal besonders gefährlich, falls es überhaupt eines war, und nicht nur ein Kerl in einem merkwürdigen Kostüm.

Jemand legte ihm eine Hand auf die Schulter und sagte in freundlichem Plauderton zu ihm: „Entspann dich, Gennard. Wir meinen es gut.“

Die Hand auf seiner Schulter war ihm natürlich keineswegs ein Anreiz, sich zu entspannen. Ganz im Gegenteil.

Andererseits war die Tatsache, dass jemand nah genug hinter ihm stand, um eine Hand auf seine Schulter zu legen, durchaus ein Anreiz, die Ratschläge dieser Person zumindest gründlich zu überdenken, bevor er sie verwarf.

Es sah auch gar nicht so aus, als würde Mischa dringend Hilfe brauchen. Sie schien mit vier Händen zu kämpfen statt mit nur einer. Irgendwoher hatte die Gestalt eine Waffe hervorgeholt, eine Art Kampfstab mit blitzenden Klingen an beiden Enden, den es ebenfalls mit erstaunlicher Geschicklichkeit einsetzte. Mischas Schläge folgten schneller aufeinander, als Gennards Auge ihnen zu folgen vermochte, und doch wehrte die Gestalt sie wieder und wieder mit dem Stab ab. Sie führte selbst keine Angriffe aus und beschränkte sich auf die Verteidigung. Gennard war beunruhigt von der Frage, woher der Kampfstab gekommen war. Er war bestimmt zwei Meter lang, und vorhin war er noch nicht da gewesen, ganz sicher. Wo hätte er versteckt sein sollen?

Magie wäre eine naheliegende Erklärung gewesen, und eigentlich die einzig plausible, denn das Ding konnte offensichtlich trotz der Lederflicken über seinen Augen sehen. Aber er trug den Nullstein in einer seiner Gürteltaschen bei sich.

Wenn es in so geringer Entfernung von ihm immer noch Magie wirken konnte, musste es…

Das Blatt des Beiles vergrub sich im Oberschenkel der Gestalt. Ein spitzes Kreischen ertönte, wie eine menschliche Kehle es nicht hervorzubringen vermochte. Es klang ein wenig wie das Geräusch stählerner Wagenbremsen, die bei voller Fahrt mit ganzer Kraft angezogen wurden.

Mischa zerrte, bekam ihr Beil aber nicht heraus, und ihr Gegner nutzte seine Gelegenheit, packte ihren Arm, zog sie näher an sich heran und wollte sie mit beiden Armen umfassen. Mischa entwand sie sich seinem Griff, nur noch ein Stück Stoff von ihrem Ärmel blieb in seiner Hand zurück, und schon zog sie ihr Schwert, während er das Beil aus seinem Oberschenkel zog und fallen ließ.

„Deine Gefährtin hat Temperament“, lachte die Stimme hinter ihm. „Schade, dass sie so hässlich ist, was?“

Gennard unterdrückte ein Schmunzeln.

„Wer seid Ihr?“ fragte er, „Und was wollt Ihr von uns?“

Mischa kämpfte weiter gegen die Gestalt in den Lederflicken. Die Wunde in ihrem Oberschenkel schien sie nicht sonderlich zu behindern, obwohl ein langsamer aber stetiger Strom einer dunklen zähen Flüssigkeit daraus hervorquoll.

Gennard blinzelte. Etwas hatte sich verändert. Unmerklich, unsichtbar, unterhalb seiner Wahrnehmungsschwelle, aber doch, wie der kleine Zeiger einer Uhr.

Die Schatten der Pflanzen am Wegesrand schienen ihm unnatürlich lang, und… dicht, und er war sich ziemlich sicher, dass das gerade eben noch nicht so gewesen war.

„Wir sind gekommen, um Euch zu holen“, antwortete die Stimme, und etwas wirbelte aus der Dunkelheit hinter Mischa hervor, was erst allmählich, während es ins Licht sprang, als verschwommen humanoide Form erkennbar wurde, dann aber schnell menschliche Konturen annahm.

„Das darf doch nicht…“ Gennard stockte der Atem. Er konnte es nicht glauben, aber ihm fiel trotz großer Anstrengung nur eine denkbare Erklärung für all das ein. Es gab nur eine Art von Magiern, denen er zutraute, in der nahen Umgebung des Nullsteins solche Kunststücke zu vollbringen.

„Ich habe ihm gesagt, dass ich vorgehen sollte“, sagte der Neuankömmling mit der Stimme, die vorhin in Gennards Ohr gesprochen hatte, „Aber es ist schwierig, mit ihm zu diskutieren.“

Mischa sprang zum Wegesrand und wirbelte herum, um nicht zwischen zwei Gegnern zu stehen, doch die verschwommene Gestalt war plötzlich nicht mehr da, wo sie gerade eben noch gestanden hatte.

Gennard suchte nach ihr, verwirrt blinzelnd, bis ein Aufschrei Mischas seine Aufmerksamkeit wieder zu ihr zog.

Jetzt stand die Form neben ihr und hielt ihr Schwert in der Hand.

Mischa hatte einen Kettenstab gezogen und stand in defensiver Haltung mit gebeugten Knien vor ihm, zum Sprung bereit, aber sie zögerte.

Anscheinend war ihr auch endlich aufgegangen, dass niemand sie angriff.

„Wer seid ihr?“ keuchte sie.

Die Gestalt in den Lederflicken hatte sich von ihr abgewandt und sich im Schneidersitz auf der Straße niedergelassen, um langsam und gleichmäßig mit einer Hand über die Wunde in ihrem Bein zu streichen.

Die andere verschwommene Form verneigte sich tief vor ihr und streckte ihr ihr Schwert entgegen, mit dem Griff voraus.

Mit der freien Hand deutete sie auf den Vermummten.

„Mein Begleiter ist, eigentlich unschwer zu erkennen, der Fremde, und mich nennt man, auch das erratbar, üblicherweise Schattentänzer. Zusammen sind wir Die Zwei Gefallenen Die Euch Beide Zu Eurem Ziel Bringen Sollen.“ Er musterte den Wagen und die Kisten und kratzte sich am Kopf. „Allerdings wüsste ich doch zu gerne, wie der Messias sich das mit dem Nullstein vorgestellt hat. Möglicherweise hat mein Gefährte schon längst einen Plan, was das angeht, aber er ist nicht besonders eloquent, wie Ihr vielleicht bemerkt habt.“ Er kicherte. „Ich hoffe sehr, dass Ihr Mischa und Gennard seid, auch im Interesse meines Kameraden hier. Die anderen würden ihn bestimmt hänseln, wenn ihn eine gewöhnliche Fuhrmagd verprügelt hätte.“

„Wir… sind es“, murmelte Gennard.

Zu seiner Erleichterung schien selbst Mischa unsicher, wie sie mit den beiden Figuren umgehen sollte.

Sie starrte Schattentänzer mit offenem Mund und empört zusammengezogenen Augenbrauen an, während er vor ihr hin und her zappelte, offenbar unfähig, auch nur einen Moment stillzuhalten.

Seinen Bewegungen haftete etwas zutiefst Verstörendes an. Sie verschwammen vor Gennards Blick, und zeitweise wurde seine ganze Gestalt so unscharf, dass er den Drang verspürte, sich die Augen zu reiben. Außerdem schien er außerstande, eine Strecke einfach gehend zurückzulegen. Er sprang, wirbelte hier herum und dort herum, tänzelte und drehte Pirouetten.

Ebenfalls äußerst verstörend fand Gennard die Tatsache, dass er kein Gesicht hatte. War der Rest seines Körpers schon unscharf genug, so befand sich oberhalb seiner Schultern nur noch eine verschwommene Wolke aus Dunkelheit.

„Was wollt ihr zwei Komiker von uns?“ fragte Mischa. „Ihr seid wirklich der Schattentänzer und der Fremde? Die Gefallenen? Und ihr wollt uns zum Messias bringen?“

„Nicht ganz“, antwortete Schattentänzer kichernd. „Wir sollen euch für den Messias an einen bestimmten Ort-“

„Der Messias kann mich!“ unterbrach Mischa ihn, „Ich habe einen Auftrag des Magistrats angenommen, und ich erledige meine Aufträge, auch wenn du dich auf den… Ja, genau, trotzdem!“

„Keine Sorge, das passt uns gut“, erwiderte er. „Der Messias arbeitet für den Magistrat, und wir sollen Euch nur deshalb dorthin bringen, damit ihr euren Auftrag schneller erledigen könnt. Wir ziehen also alle am selben Strang, mehr oder weniger…“

Er kicherte wieder und begann, den Wagen zu umrunden, als wollte er ihn begutachten.

Bizarrerweise passte das Ergebnis seiner Bewegungen nur selten zu ihrem scheinbaren Ablauf. Nach einer Drehung um 180° schaute er wieder in die gleiche Richtung wie zuvor, und einmal sah Gennard ihn nach vorne springen und einige Schritte hinter seiner ursprünglichen Position landen. Das war der Zeitpunkt, zu dem er aufhörte, genau hinzusehen, um keine Kopfschmerzen zu bekommen.

Mischa schien es ähnlich zu gehen, aber sie hielt durch, bis er seine Wagenumrundung abgeschlossen hatte und vor dem Fremden stehen blieb, der immer noch auf der Straße saß und über seine Wunde strich.

„Was sagst du, Püppchen, schaffen wir das?“ Er wandte sich ihnen zu und erklärte mit einem Augenzwinkern in einem lauten Bühnenflüstern: „Insgeheim hoffe ich, dass es ihn ein bisschen ärgert, wenn ich ihn so nenne.“ Schattentänzer zuckte die Schultern. Zumindest sah es so aus, als hätte er mit ihnen gezuckt. Für einen Moment jedenfalls. „Man sieht‘s ihm ja leider nicht an. Aber ich rede mir eben ein, dass er innerlich kocht.“

Mischa stöhnte und stemmte ihre Arme in die Hüfte.

„Wenn du denkst, dass ich einfach mit jedem schattigen Spinner mitgehe, der vor mir auf der Straße auftaucht und erzählt, er würde für den Magistrat arbeiten, dann denk besser noch mal nach“, sagte sie. „Macht den Weg frei, bevor ich es mache.“

„Ooooohhh…“ machte Schattentänzer, ließ die Schultern hängen, und möglicherweise auch das, was als sein Kopf durchging, und wandte sich in einer nicht ganz verständlichen Bewegung dem Fremden zu. „Sie will nicht mit uns spielen! Was machen wir denn jetzt?“

Der Fremde hob seinen verhüllten Kopf zu ihm und sprang auf. Die Wunde schien ihn nicht weiter zu stören, aber Gennard konnte nicht erkennen, ob sie verheilt war. Der Schnitt in seinem Lederflickenanzug war jedenfalls noch da.

Der Fremde hob seine ledervernähten Arme, legte den Kopf in den Nacken und stieß wieder das unirdische Heulen aus.

Gennards Atem stockte, und Mischa taumelte ein paar Schritte zurück, bis sie gegen eines der Pferde stieß. Das Tier schnaubte pikiert und versuchte, zurückzuweichen, soweit das Zaumzeug es ihm erlaubte.

Erstaunlicherweise schienen die beiden Pferde sich weder am Geheul des Fremden zu stören, noch von dem, was es auslöste.

Untermalt von Schattentänzers Gelächter öffnete sich vor Gennards und Mischas Augen ein Riss in der Wirklichkeit, zuerst nur ein sehr kleiner, der sich aber schnell ausdehnte, bis er die ganze Breite der Straße einnahm. Hinter, durch, vor, neben, in, über, unter, in diesem Riss schimmerte so etwas wie eine andere Wirklichkeit, die an seinen faserigen Rändern…

Gennard schloss seine Augen, stützte sich auf die seitliche Armlehne seines Kutschbocks und lehnte sich hinaus, soweit er konnte.

Er war beinahe erleichtert, als er neben Mischs Würgen und Krächzen und dem Lachen Schattentänzers wieder das laute Heulen des Fremden vernahm.

Es war immer noch ein schauderhafter Laut, aber wenigstens übertönte es die Ungeräusche aus dem Riss.

********************************************

„Was soll das bedeuten?“ polterte Feldmarschall Hoggden. „Die Position, die Euch zusteht?“

Der Gekreuzigte drehte sehr langsam seinen Kopf, bis der Blick der zwei in seine Augen getriebenen Nägel auf dem Feldmarschall ruhte.

„Das bedeutet“, antwortete er, „Dass ich nicht für aufgeblasene kleine Männer Rede und Antwort stehen muss, die nicht gelernt haben, wann es besser für sie ist, zu schweigen.“

Er hob seine Hand nicht einmal, um Hoggden mit einer beiläufigen Geste durch eines der prachtvoll bemalten Fenster zu schleudern. Das Klirren und Scheppern der herabfallenden Scherben und metallenen Streben übertönte den Schrei des Befehlshabers der Mandurischen Armee.

„Falls noch jemand es nicht verstanden hat“, sagte er, nachdem wieder relative Ruhe eingekehrt war. „Es ist immer dann besser, wenn ich keine Frage gestellt habe. Benötigt einer der Herren noch eine nähere Erläuterung?“

Die Offiziere starrten den Riesen in seiner prunkvollen purpurroten Robe mit weit aufgerissenen Augen an. Viele hatten die Griffe ihrer Schwerter umfasst, aber niemand wagte, seinen Mund zu öffnen oder sich zu rühren.

Prinzipal Janan sah noch immer in Richtung des zerstörten Fensters, und seine Schwester Jasmi blickte zitternd zu Boden.

Jeder im Raum zuckte zusammen, als einer der Offiziere – ein junger Major, dessen Namen Janan nicht einmal kannte – schließlich doch mit dem typisch schleifend-klingenden Geräusch sein Schwert zog und einen Schritt auf den Gekreuzigten zu tat.

„Ihr seid ein-“ begann er, aber er brachte den Satz nicht zu Ende.

Zuerst dachte Janan, der Major wäre einfach verschwunden, und er war beinahe erleichtert, bis ihm auffiel, dass die Männer um ihn herum samt ihren Uniformen einen Stich ins Rosafarbene abbekommen hatten, ebenso wie der Boden, auf dem er gestanden hatte, und der Stuhl hinter ihm.

Janan spürte subtile Kühle auf seiner Haut, als würde er durch einen leichten Nebel hindurchtreten. Er blickte auf seine Hände hinab und sah winzige hellrote Sprenkel darauf.

Er stützte sich schwer auf den nächstgelegenen Stuhl und tat sein Bestes, die Galle zurückzuhalten, die mit Macht seine Kehle hinaufstieg.

Seine Schwester sank schluchzend zu Boden, ihr Gesicht in ihren Händen vergraben.

Janans Blick zuckte zwischen ihr und dem blicklosen Gefallenen hin und her, und sein Mund öffnete und schloss sich, während er abwechselnd beschloss, dass er etwas sagen musste, und dass er es nicht wagen konnte.

Ihm wurde klar, dass er noch nie in seinem Leben wahren Hass empfunden hatte. Er hatte das Wort benutzt, sicher, aber er hatte niemals einen Menschen wirklich gehasst. Er hatte sich noch niemals danach gesehnt, einem anderen Menschen Schmerz und Leid zuzufügen.

Der Gekreuzigte drehte seinen Kopf langsam, als würde er seinen Blick durch den Raum schweifen lassen.

„Diese Provinz hat keinen Prinzipal mehr“, sagte er mit seiner tiefen Stimme, die sogar dann gewaltig klang, wenn er leise sprach.  „Diese Provinz hat keinen Feldmarschall mehr. Diese Provinz untersteht keinem Magistrat mehr. Diese Provinz hat nur noch einen Herrscher, nur noch eine Autorität. Ihr steht vor Eurem Gebieter. Kniet, oder vergeht.“

Die verbliebenen Offiziere wandten ihre Köpfe wie ein Mann Janan zu.

Er schloss seinen Mund und biss seine Zähne so fest zusammen, dass seine Kiefermuskeln zu schmerzen begann, während er seinen Blick auf das Gesicht das Gekreuzigten fixierte.

Die öligen schwarzen Locken. Die große leicht gekrümmte Hakennase. Die dicken schwarzen Augenbrauen über den schartigen Köpfen der Nägel. Die schmalen blassen Lippen.

Janan schwor sich, dass der Gekreuzigte bekommen würde, was er verdiente.

Eines Tages.

Er senkte seinen Blick und fiel auf seine Knie.

Er konnte buchstäblich das erleichterte Ausatmen der Offiziere hören, als sie es ihm gleich taten.

Nachtrag vom 6. Mai mit Dank an Guinan für die Erinnerung: Lesegruppenfragen

  1. Die erste Szene könnte man als ein bisschen sinnlos empfinden. Ich möchte damit die Situation illustrieren, habe aber auch meine Zweifel, ob sie die Geschichte großartig weiterbringt. Was meint ihr?
  2. Zwei neue Gefallene. Was meint ihr zu Schattentänzer und dem Fremden?
  3. Kommt euch die Reaktion (aller Beteiligten) auf den Gekreuzigten zu dünn vor, oder überzeugt euch die Szene?
  4. Wie wirkt der geplatzte Major auf euch? Zu albern?
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8 Responses to Gefallen (9)

  1. Guinan sagt:

    Wie, keine Fragen heute? Egal, ich antworte trotzdem.
    Du solltest öfter Urlaub machen, wenn danach sowas herauskommt. Endlich hat mir Gefallen mal uneingeschränkt gefallen.

  2. Muriel sagt:

    @Guinan: Ach verdammt, ich wusste doch, dass ich was vergessen habe. Vielen Dank, und ich schaue mal, ob ich noch Fragen nachliefere.

  3. Guinan sagt:

    Also, dann wieder ordentlich durchnummeriert:
    1. Baut Stimmung auf und bringt mal wieder etwas mehr Humor mit. Macht gar nichts, wenn das für die Geschichte nicht wichtig ist. Und du weißt ja, ich mag gerne viel Hintergrund und drumherum.
    2. Genau so irre wie der Rest. Waren die immer schon so oder wirkt das lange Wegsperren noch nach?
    3. Für mich ist das nachvollziehbar. Nur die eine Zeile (Was hatte er Jasmi angetan?) finde ich etwas überzogen.
    4. Wenn jemand explodiert und sich komplett in der Gegend verteilt ist albern nicht gerade ein Wort, das mir dazu einfällt.

  4. madove sagt:

    1.) Ich verstehe immer noch das Konzept von Geschichte weiterbringen nicht. Ich meine, die Geschichte ist spannend, aber wenn ich was erfahren will, les ich ein Sachbuch. Atmosphäre ist IMMER gut.

    2.) Der Fremde ist mir moch sehr, äh, fremd.
    Schattentänzer finde ich sehr schön und vorstellbar ausgedacht und beschrieben.

    3.) Ist okay so. Ich mochte das erleichterte Ausatmen am Schluß.
    4.) Nein, überhaupt nicht albern. Das ist die erste Splatter-Szene irgendwo, die ich irgendwie NEU (wahrscheinlich mangels Erfahrung mit Splatter)und beklemmend und überzeugend fand.
    …Ich hatte mir allerdings die Umsetzung einer „Duschszene mit dem Gekreuzigten“ geringfügig, äh, romantischer vorgestellt. Trotzdem danke… 😛

  5. foster sagt:

    1. Schöne Szene. Bin überrascht, dass Bendow nochmal auftauchte.

    2. Ziemlich schräge, die beiden. Und besonders Schattentänzer ist wohl etwas albern drauf.

    3. Passt.

    4. Überhaupt nicht albern. Ich fand gut, dass es so schnell ging, dass man erst das Resultat sah, und der Prozess selbst der Phantasie des Lesers überlassen blieb. Sehr böse. Der Satz zu Jasmi ist mir aber auch rätselhaft geblieben.

  6. Haukules sagt:

    Hallo Muriel,

    Du hast echt Talent und habe ich dieses Kapitel mit Humor und Spannung im Bauch gelesen. Ich werde mir auch noch die ersten Kapitel Deines Romans durchlesen…

    Ich hoffe, der Gekreuzigte wird noch bluten… 🙂

    Du bist einer der sympathischsten Atheisten die ich kenne.

    Wenn Du Zeit hast, schau mal auf meinem neuen Blog vorbei… (WordPress rulez!) http://www.haukules.com

  7. Muriel sagt:

    @Guinan, foster: Danke! Ich glaube, ihr habt Recht. Mit dem Satz habe ich zu viel gewollt, oder das falsche. Ich streiche den.
    @madove: 4. Ich muss gestehen, dass ich die Idee von Abercrombie gestohlen habe. Aber schön, dass sie dir gefällt.
    @Haukules: Vielen Dank für all die freundlichen Worte. Ich werde mir dein neues Blog gewiss ansehen.
    (Wenn du die übrigen Kapitel liest, wird dir übrigens auffallen, was ich in dieser Szene nun gerade nicht explizit erwähnt habe: Der Gekreuzigte blutet bereits.)

  8. DasSan sagt:

    zu 4. – Es kam mir etwas komisch vor, dass von einem geplatzten/explodierten Menschen nur so feine Tröpfchen übrigbleiben und keine …äh… Stückchen?
    Ansonsten hat mir das Kapitel gut gefallen und die neuen Gefallenen sind ganz interessant, ich versuche mir immernoch Schattentänzers Bewegungen vorzustellen 😉

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