Gefallen (10)

Kein Wochenrhythmus, aber den hatte ich ja auch nicht versprochen. Insgeheim (Naja, jetzt ja eigentlich nicht mehr.) bin ich sogar durchaus stolz darauf, dass es diesmal nur etwas mehr als zwei Wochen gedauert hat.

Wie auch immer: Hier ist ein neues Kapitel unseres Fortsetzungsromans „Gefallen“, und auch wenn es diesmal wieder deutlich gemächlicher zugeht als beim letzten Mal, wünsche ich euch viel Spaß dabei!

Was bisher geschah
Im ersten Kapitel wurde Prinzipal Janan von einer Eisernen Jungfrau entführt und durch die Höhlen des Hüters in das Unheiligtum gebracht.
Im zweiten Kapitel kehrte er mit der Eisernen Jungfrau zurück und beriet sich mit seinen… Ja, mit seinen Beraten, wem sonst? über die Bedrohung durch den Hüter.
Im dritten Kapitel lernen wir Mischa kennen, der Prinzipal entscheidet, dass er die Hilfe des Magistrats braucht, und seine Schwester Jasmi reist nach Nomren, um diese anzufordern.
Im vierten Kapitel spricht Jasmi mit dem Magistrat und seinem Ersten Magier, Mischa will von Gennard eine neue Hand, und die Mandurische Armee erleidet eine Niederlage.
Im fünften Kapitel besucht Jasmi das Monument von Yon-Gequl, Kara und Morgan werden von einem Boten aufgesucht, und Jasmi teilt sich eine Kutsche mit dem Gekreuzigten. Er ist ein bisschen schwierig.
Im sechsten Kapitel erwehren sich Kara und Morgan eines aufdringlichen Duellanten und lernen Sturm kennen.
Im siebten Kapitel begegnen Mischa und Gennard einem Monster auf der Straße – oder zweien?, Hauptmann Bendow durchquert einen Sump, und Prinzipal Janan lernt den Gekreuzigten kennen.
Im achten Kapitel bringt Sturm Kara das Fliegen bei, und Doppelgänger führt Selbstgespräche.
Im neunten Kapitel findet Hauptmann Bendow ein süßes und ehrenvolles Ende, Schattentänzer und der Fremde stellen sich Mischa und Gennard vor, und der Gekreuzigte sagt, was Sache ist. Like a boss.

Was heute geschieht

Die Erleichterung durchströmte Kara wie ein heißes Getränk in einer kalten Winternacht, als sie bemerkte, dass sie langsam zu sinken begann.

Vor einigen Stunden hätte der Anblick der näher kommenden blitzdurchzuckten schwarzen Wolken unter ihr ihr vielleicht noch Angst gemacht, aber jetzt war die Freude darüber zu groß, endlich wieder festen Boden unter den Füßen zu haben und nicht mehr nur von den Armen einer wahnsinnigen Schwarzmagierin gehalten über einem endlosen Abgrund zu schweben, um irgendeinen anderen Gedanken zuzulassen.

„Sind wir da?“ fragte sie.

„Kara, bist du noch Jungfrau?“ raunte Sturm statt einer Antwort in ihr Ohr.

Kara konnte fühlen, wie ihre Wangen glühten.

„Was… Wieso… Was geht dich das an?“ fragte sie, im selben Moment, in dem sie sich selbst dafür hätte treten können, wie kindisch und hilflos das klang.

„Hast du schon mal daran gedacht, dass er dich vielleicht nur als eiserne Reserve dabei hat?“

Sie antwortete nicht.

Hatte sie daran schon gedacht? Hatte sie den Gedanken verworfen, weil er unsinnig war, oder weil sie ihn nicht denken wollte?

„Kara?“

„Das würde er nicht tun“, presste sie hervor. „Niemals.“

„Sicher? Was macht dich anders als die anderen?“

„Ich… Er kennt mich. Wir sind Freunde.“

Sie erreichten nun die Wolkendecke, und als Kara von der völligen Schwärze umfangen wurde, zerrissen nur hin und wieder von einem gleißenden Blitz, dem ein Donner folgte, der sie bis in die Knochen erschütterte, wurde ihr doch wieder flau im Magen.

„Seid ihr das?“ fragte Sturm.

Kara schwieg.

„Würdest du dich wehren, wenn er es versuchte?“

„Natürlich!“ antwortete Kara.

„Aber die anderen beschützt du nicht vor ihm?“

Sie zögerte.

„Er… Er muss das tun, um zu überleben. Er… rettet viel mehr Menschen, als er tötet, und… Er…“ Kara verstummte, als ihr klar wurde, wie armselig ihre Ausreden waren.

Sturms kehliges Lachen bestätigte ihren Eindruck.

„Hat er dir das gesagt? Musstest du es auswendig lernen?“

Sie verließen die Wolkendecke wieder. Der Unterschied war nicht sofort erkennbar, denn natürlich herrschte auch darunter tiefe Dunkelheit, aber die völlige Schwärze war nun dem gelegentlichen Funkeln eines Gewässers und Flackern eines Feuers gewichen.

„Ich…“ begann Kara, sehr aufgebracht, aber wieder verklang ihre Stimme, weil sie nicht wusste, was sie sagen sollte.

Das Schweigen kam ihr sehr lang vor, aber wahrscheinlich dauerte es nur ein paar Minuten, wenn überhaupt, bis sie schließlich landeten.

Kara sah sich um. Morgan war nirgends zu entdecken, und sie standen offenbar in einem Weizenfeld.

Sturm ließ sie los und drückte ihr etwas in die Hand.

„Das wird ihn aufhalten. Es könnte ihn sogar vernichten, aber ich glaube nicht. Er ist sehr, sehr stark. Setze es  rechtzeitig ein. Warte nicht zu lange. Wenn du dir ganz sicher bist, was er vorhat, ist es vielleicht schon zu spät.“

Kara hörte ihr gar nicht richtig zu, so groß war ihre Erleichterung, endlich von der Umklammerung der wahnsinnigen Gefallenen befreit zu sein.

Ein Geräusch hinter ihr ließ sie herumwirbeln, und da stand Morgan. Hastig stopfte sie den kleinen Talisman, den Sturm ihr gegeben hatte, in eine Tasche.

Es war zu dunkel, als dass sie erkennen konnte, ob ihr Lehrmeister die Bewegung bemerkte. Er sah im Dunkeln viel besser als sie.

„Alles in Ordnung?“ fragte er. Den argwöhnischen Unterton bildete sie sich bestimmt nur ein.

„Ja, klar“, antwortete sie, und fragte, wieder an Sturm gewandt: „Ist das unser Ziel?“

„Noch nicht ganz“, antwortete Sturm. Ihre Stimme hatte einen leicht zitternden, ungeduldigen Unterton angenommen. „Ich brauche nur… eine kurze Pause.“

Kara drehte sich wieder zu ihr um. Die Magierin nestelte am Ärmel ihres Kleids herum und zog eine kleine gläserne Phiole daraus hervor, deren Inhalt aus sich selbst heraus golden zu glühen schien.

„Was ist das?“

Die Magierin antwortete nicht und schien Kara nicht einmal zu beachten, während sie die Phiole entkorkte und mit leicht zitternden Fingern einen goldglühenden Tropfen auf ihren linken Handrücken schüttete.

Sie brauchte zwei Versuche, um den Korken wieder einzusetzen, bevor sie hastig ein Nasenloch mit der Rechten zuhielt, um die Linke an das andere zu führen und mit geschlossenen Augen tief einzuatmen.

„Ahhh…“

Heftig blinzelnd taumelte sie einige Schritte zurück. Sie schüttelte ihren Kopf und balancierte sich mit den Armen aus.

„Sturm?“ fragte Kara.

„Mmmm…“

„Geh nicht zu nah an sie heran!“ warnte Morgan sie.

Stturm schüttelte noch einmal heftig ihren Kopf, schnaufte und kniff die Augen zusammen. Als sie sie wieder öffnete, glühten ihre Augen in derselben goldenen Farbe wie die Flüssigkeit in der Phiole.

Mit einem unterdrückten Kichern wankte sie auf Kara zu.

„Schon besser“, murmelte sie.

Sie kniff noch einmal die Augen zusammen und schüttelte ihren Kopf. Das goldene Glühen war verschwunden, und ihre Pupillen waren wieder schwarz und gelb, wie zuvor.

„Es kann weitergehen. Ist nicht mehr weit.“

Es war nicht das erste Mal in dieser verfluchten Nacht, dass Kara sich einfach nur weinend zu einem Ball zusammenrollen wollte und sich wünschte, sie wäre Schneiderin geworden, oder Bäckerin, oder sogar Soldatin. Alles, nur nicht dieser Wahnsinn.

*********************************************************

Die Menschen draußen auf dem Vorhof des Palastes tauschten kurz verwirrte Blicke aus, als der Messias plötzlich seinen Redefluss unterbrach und mit blitzenden Augen kopfschüttelnd eine Hand vor seinen Mund hielt. Seine Schultern bebten für einen Moment, doch die Verwirrung war schnell beendet, als er die Kontrolle über sich zurückgewann, weiter sprach und erklärte, wie die Gefallenen den Hüter besiegen würden, bevor sie wieder in die Gefangenschaft zurückkehrten, in die sie gehörten.

Auch der echte Erste Magier und der echte Magistrat drehten sich überrascht um, als der uniformierte Gardist vor ihrer Zelle tief, tief unter dem Palast plötzlich in lautes, prustendes Gelächter ausbrach.

Aber ihre Verwirrung war von noch kürzerer Dauer als die der Menge auf dem Hof. Sie hatten sich sehr schnell abgewöhnt, sich zu wundern.

„Ist er auch einer von denen?“ flüsterte der Magistrat.

Skreineech nickte. „Ich denke schon. Und falls er es ist, kann er uns wahrscheinlich hören“, raunte er zurück.

Der Magistrat stöhnte und wandte sich kopfschüttelnd ab. Er fuhr mit einer Hand durch seine lockige Mähne.

„In meinem eigenen Palast… Wisst Ihr, Skreineech, mir ist gerade eingefallen, dass es nett wäre, einen Berater zu haben, der ein Experte auf dem Gebiet der Magie ist, damit er mich vor genau solchen Ereignissen beschützen kann. Ich könnte ihn… Ich weiß nicht, vielleicht Hofmagier nennen, oder so ähnlich… Die Idee ist noch nicht ganz ausgereift, aber meint Ihr nicht auch, dass er sich als nützlich erweisen könnte?“

Skreineech lächelte sein leidendes Lächeln, auch wenn der Magistrat es nicht sehen konnte.

„Geduld, mein Herrscher“, raunte er, „Ich bin dabei.“

Das Lachen des Wachmannes stockte, als er mit zusammengezogenen Augenbrauen den Ersten Magier musterte. Er öffnete den Mund, wie um eine Frage zu stellen, schloss ihn dann aber wieder, unverrichteter Dinge.

*********************************************************

Einige der Menschen auf dem Vorhof des Palastes begannen einander leise, besorgte Fragen zuzumurmeln, als der Messias abermals innehielt, diesmal nicht um zu lachen, sondern um sich misstrauisch umzusehen.

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Auch das Gelächter des falschen Ersten Magiers und des falschen Magistrats kam ins Stocken, und sie sahen einander fragend an.

„Was kann er tun, von da unten aus?“ fragte der falsche Skreineech.

Der falsche Magistrat zuckte seine Schultern.

„Nichts, denke ich. Wahrscheinlich will er uns nur verunsichern.“

„Andererseits ist er der Erste Magier.“

„Pfff“, machte der falsche Magistrat. „Nach allem, was wir wissen, ist er anscheinend der einzige Magier in diesem Reich. Traurige Zustände.“

„An denen wir nicht unschuldig sind“, sagte der falsche Skreineech schmunzelnd.

„Vor allem der Gekreuzigte“, sagte der falsche Magistrat, „Und der Tote Mann. Sie hatten diese fixe Idee mit den Säuberungen. Wir haben nur die getötet, die uns im Weg standen.“

„Ich meinte das neue Wir.“

„Oh. Na gut.“

„Vielleicht sollte ich mal einen Blick in das Labor unseres wichtigtuerischen Freundes nerven“, schlug Skreineech vor. „Haben wir nicht auch von seinem Kader gehört? Vielleicht ist ja einer dort, der seinen Plan kennt.“

„Es ist nicht so, als hättest du etwas Wichtigeres zu tun, das du nicht trotzdem gleichzeitig tun könntest.“

*********************************************************

Leslegum stellte den Kolben mit der der träge Blasen werfenden Tinktur vorsichtig zurück auf den von Brandnarben und tiefen Verätzungen gezeichneten Holztisch und verneigte sich, so tief seine arthritischen Gelenke und sein Stolz es zuließen, was nicht besonders tief war, als der Erste Magier das Labor betrat.

Bei einer zu tiefen Verbeugung fielen ihm ohnehin immer seine langen verfilzten grauen Haare ins Gesicht, was er als sehr unangenehm empfand. Außerdem hatte er Skreineech insgeheim immer verachtet.

Das lag natürlich nicht nur daran, dass es ihn stach, der Assistent von jemandem zu sein, der halb so alt war wie er selbst. Eigentlich lag es fast gar nicht daran. Wirklich.

Es lag vor allem daran, dass der Erste Magier es geradezu zu genießen schien, alle Traditionen der Zauberei nicht nur zu missachten, nicht nur zu brechen, sondern in den Staub zu treten und so lange darauf herumzutrampeln, bis nichts mehr davon übrig war als Scherben und Dreck.

Was noch vor zwanzig Jahren eine arkane Kunst gewesen war, etwas Mystisches, bestand nun zum großen Teil aus langen Listen von Zahlen und Formeln, aus akribisch geführten Protokollen und streng überwachten Experimenten.

Kein Wunder, dass die Magier des Reiches nach und nach ausstarben. An Langeweile.

Sogar die altehrwürdigen Trachten der Magierzunft hatte er verboten, weil die weiten Ärmen und Kapuzen und Verzierungen ihm zu unpraktisch waren. Nun trugen sie alle grobe Sackleinenhosen und –hemden und darüber dicke lederne Schürzen. Wie einfache Alchimisten liefen sie herum, ach was, wie Schlachter!

Leslegum wäre nicht bereit gewesen, den Ersten Magier anzuspucken, wenn Skreineech eines Tages Feuer fangen sollte und eine Chance bestand, dass sein Sputum ihn löschte oder auch nur einen winzigen Bruchteil seiner Schmerzen lindern könnte.

Er freute sich auf die Gelegenheit, zumindest symbolisch seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen, auch wenn dies natürlich nicht der echte Skreineech war und er nicht einmal die Freude haben würde, selbst Hand an ihn zu legen.

Man nahm, was man bekam. In Leslegums Alter hatte man sich daran gewöhnt.

„Leslegum, gut, dass Ihr da seid!“ rief Skreineech ihm entgegen.

Wer auch immer in Wahrheit vor ihm stand, er musste unglaublich stark sein. Er hatte Skreineechs Schutzvorrichtungen durchbrochen, als wären sie überhaupt nicht da. Dass er außerdem geschickt genug war, Leslegums Namen aus seinem Verstand zu lesen, ohne dass der erfahrene Magier es bemerkte, war angesichts so viel schierer Macht keine Überraschung mehr.

Wenn man jetzt noch die Tatsache hinzunahm, dass dieser unfassbar mächtige Magier offenbar eine Gabe dafür hatte, Gestalten anzunehmen, war es für Leslegum nicht mehr schwer zu erraten, wer vor ihm stand.

„Ich freue mich auch, Euch zu sehen. Was führt Euch zu mir?“

So sehr Leslegum die bürokratische, kleinkrämerische, erbsenzählerische, pedantische, jeder Kreativität und Tradition und… astraler Ästhetik feindliche Art des Ersten Magiers verabscheute, musste er ihm doch mindestens eines lassen: Er hatte Recht behalten.

„Ich würde gerne mit Euch noch einmal meine Pläne für den Fall durchgehen, dass die Gefallenen sich gegen uns wenden. Es muss sichergestellt sein, dass auch ohne mich alles innerhalb der vorgegebenen Parameter verläuft.“

„Selbstverständlich.“

Einige Sekunden hing ein unangenehmes Schweigen zwischen den beiden, bis der falsche Erste Magier es brach:

„Bitte geht vor.“

„Wohin?“ fragte Leslegum, in genau demselben unschuldigen Tonfall, in dem er auch dem echten Skreineech immer seine dummen Fragen stellte, um ihn zu provozieren.

Dieser ließ sich zu seinem Bedauern genauso wenig aus der Fassung bringen wie das Original.

„Wollen wir uns hier im Stehen darüber unterhalten?“ fragte er.

„Selbstverständlich nicht. Lasst mich bitte nur kurz diesen Brenner hier löschen.“

Leslegum tat es, sorgsam darauf bedacht, seinen bauschigen grauen Bart von der dunkelblauen Flamme fernzuhalten, wandte sich um und führte Doppelgänger einen der zahlreichen Gänge des riesigen Laborkomplexes entlang. Wie alles an Skreineech war auch das ganze Gebäude schmucklos, langweilig, steril. Aber heute konnte das vielleicht immerhin ein taktischer Vorteil sein. Die blanken metallenen Wände des Labors machten es für ortsunkundige nahezu unmöglich, sich zu orientieren.

Er sah nicht nach, ob der verkleidete Gefallene ihm folgte. Er konnte ihn hinter sich spüren.

Es war bemerkenswert, wie vollständig Doppelgänger seine Macht verhüllen konnte. Seine Aura glich der des echten Ersten Magiers bis ins letzte Detail.

„Ich würde Euch auf dem Weg gerne eine kleine Geschichte erzählen“, sagte Leslegum.

„Eine Geschichte“, erwiderte Doppelgänger in neutralem Tonfall.

Leslegum zuckte seine Schultern. „Ich glaube, sie wird dem Verständnis der Situation zuträglich sein.“

„Welcher Situation?“ fragte die Stimme des Ersten Magiers hinter ihm.

„Unsere“, antwortete Leslegum.

Doppelgänger seufzte. „Erzählt Eure Geschichte.“

Leslegum nickte zufrieden.

„Erinnert Ihr Euch noch an die Zeit, bevor Ihr das große Laboratorium errichtet hattet?“ Er wartete nicht auf eine Antwort, bevor er fortfuhr: „In unserem provisorischen Labor, in diesem ehemaligen Abstellraum ganz oben im Westturm -ich brauchte eine halbe Stunde, bis ich oben war, und dann noch eine, bis ich wieder ruhig atmen und gerade stehen konnte- wohnte eine riesige braune Spinne, fast so groß wie meine Handfläche. Es gefiel mir, sie zu beobachten, und ich fürchte mich auch nicht vor Spinnen, deshalb unternahm ich nichts gegen sie.“

„Ich bin überrascht, Leslegum“, antwortete Doppelgänger in einer perfekten Nachahmung des spitzfindigen Tonfalls des Ersten Magiers. „Habt Ihr nicht daran gedacht, dass solches Ungeziefer meine Experimente kontaminieren könnte?“

Es war unheimlich. Beinahe zweifelte Leslegum daran, wirklich mit einem Imitator zu tun zu haben. Aber der echte Skreineech hätte nicht seinen eigenen Schutzzauber zerrissen. Der echte Skreineech hätte das nicht einmal so ohne Weiteres gekonnt, auch wenn er ihn selbst gewoben hatte.

„Mich deucht, dass dort oben alles so gründlich kontaminiert war, dass es auf eine kleine Spinne auch nicht mehr ankam.“

„War es nicht gerade noch eine riesige Spinne?“

Unheimlich. Aber Leslegum ließ sich nicht beirren.

„Also, diese riesige Spinne lebte in unserem Labor. Wisst Ihr, wovon diese großen Spinnen leben? Sie können wohl kaum Fliegen fangen, sie haben ja keine Netze. Vielleicht fangen sie Käfer, oder sie fressen Aas?“

„Die ganz großen fangen manchmal kleine Säugetiere oder Vögel, aber die hier heimischen Arten ernähren sich von anderen Gliedertieren“, antwortete Doppelgänger.

Leslegum war sich nicht sicher, ob der Erste Magier dieselbe Antwort gegeben hätte, oder ob Doppelgänger hier einen kleinen Fehltritt begangen hatte. Wahrscheinlich war er selbst oft genug eine Spinne, um es genau zu wissen.

Andererseits prahlte Skreineech so gerne mit seiner enzyklopädischen Bildung, dass es jedenfalls kein großer Fehltritt war.

„Hat diese Geschichte irgendeinen Sinn, oder wollt Ihr doch nur sichergehen, dass uns die Zeit nicht zu lang wird?“

Der echte Skreineech hätte Leslegum gefragt, warum er ihn ihm Kreis führte. Es war kein Zweifel möglich.

„Geduld“, mahnte Leslegum. „Also, die große Spinne im Labor. Eines Tages entdeckte ich an einer Ecke meines Schreibtisches eine viel kleinere grüne Spinne, die in einem filigran gesponnenen Netz hockte und darauf wartete, dass sich nichtsahnende Fliegen darin verfingen.“

„Eine zweite Spinne! Und immer noch hieltet Ihr es nicht für nötig, etwas zu unternehmen?“

„Ich wollte wissen, was geschehen würde. Ich fragte mich, ob die riesige braune Spinne die kleine grüne fressen oder sie einfach ignorieren würde. Damit wäre zumindest teilweise geklärt gewesen, wovon die großen ohne Netz leben. Ich wartete also ab. Ich war neugierig, wie lange es dauern würde, bis die kleine grüne Spinne entdeckt wurde.“

„Hm“, machte Doppelgänger. „Haltet Ihr hier in diesem Labor auch irgendwelche Schädlinge?“

„Ich würde es niemals wagen.“

„Und wo geht Ihr überhaupt hin? Mir scheint-“

„In das Thaumaturgium natürlich, wo Ihr das Artefakt aufbewahrt.“

Leslegum versuchte den Worten ‚das Artefakt‘ einen nicht zu plump, aber doch deutlich bedeutungsschwangeren Klang zu verleihen.

„Gut.“

Es gab keinen Raum mit dem Namen ‚Thaumaturgium‘.

„Was ist denn nun die Pointe Eurer kleinen Erzählung? Und habe ich eine Chance, sie zu hören, bevor mein Nachfolger mein Amt übernommen hat?“

„Gewiss, gewiss, sogleich. Da waren also die riesige Spinne, und die kleine, die ihr Netz spann. Könnt Ihr Euch meine Überraschung vorststellen, als ich eines Morgens in mein Labor kam und dort die braune Spinne im Netz der kleinen grünen Spinne entdeckte, zusammengekrümmt und offensichtlich tot? Sie hat sich wahrscheinlich recht sicher gefühlt in ihrer offenkundigen Überlegenheit. Bis sie die Fäden bemerkte.“

„Faszinierend. Ich nehme an… Oh.“

Leslegum spürte und hörte, wie Doppelgänger stehen blieb. Er tat es ihm gleich und drehte sich zu dem Gefallenen um.

„Dieses Gebäude hier ist Skreineechs eigenes Netz, in dem wir auch Spinnen fangen können, die noch viel dicker und hässlicher sind als er selbst. Naja. Dicker jedenfalls.“

Skreineechs Augen verengten sich, als Doppelgänger ihn durch sie hindurch anstarrte.

Leslegum spürte, wie die Magie des Gefallenen sich gegen die astrale Struktur des Labors lehnte. Er schnappte nach Luft und taumelte ein Schritt zurück.

Er hatte nicht geahnt, wie mächtig die Gefallenen waren. Skreineech hätte mit seinem gesamten Kader nicht einen Bruchteil der schieren Kraft aufbringen können, die Doppelgänger ohne ein sichtbares Zeichen von Anstrengung ausübte.

Doch die Struktur hielt.

Doppelgänger schüttelte mit einem langmütigen Lächeln seinen Kopf.

„Ihr wisst, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis ich mich befreien kann.“

Leslegum erwiderte sein Lächeln. Er war 92 Jahre alt, und er wusste:

Alles ist nur eine Frage der Zeit, Doppelgänger.“

Und dann zog er die Fäden fest.

Der Messias hielt zum dritten Mal inne, und das verunsicherte Raunen der Menge wich bald ängstlichen Rufen, als die Zuhörer erkannten, dass er nicht nur verstummt, sondern vollständig erstarrt war.

Der Wachmann rührte sich nicht, als Leslegum die Tür zum Zellentrakt öffnete, auf ihn zu humpelte und die Schlüssel von seinem Gürtel nahm.

„Manchmal ist es wohl doch nicht besser, wenn man alles selbst macht“, höhnte er.

Der echte Skreineech nickte ihm zu und zog eine silberne Uhr aus der Innentasche seines Jacketts hervor.

„Zumindest geht es meistens schneller“, sagte der Erste Magier.

„Ihr wollt aber doch, das ich Euch herauslasse, oder?“

Skreineech schnaubte ein überhebliches Lachen, vollführte eine Geste mit seiner rechten Hand, und die Tür schwang mit einem leisen Knarzen auf.

„Kaum hat einer das Reich gerettet, schon meint er, sich jede Distanzlosigkeit herausnehmen zu können“, sagte er, dem Magistrat zugewandt.

„Ich empfehle Euch, großzügig darüber hinwegzusehen“, erwiderte der. „Vielleicht ist das der einzige Grund, aus dem er es überhaupt getan hat.“

Lesegruppenfragen:

  1. Da oben in der Kara-Szene, gleich im ersten Satz, der Vergleich – der ist Mist, oder?
  2. Ich glaube eigentlich, dass die Doppelgänger-Szene diesmal weniger verwirrend war als die letzte. Was meint ihr?
  3. Findet ihr die Einführung solcher Nebencharaktere wie Leslegum eher störend, oder interessant? Ich erinnere mich vage, dass mal Klagen wegen zu vieler Darsteller kamen. Was mich daran erinnert, dass ich gelegentlich das Dramatis Personae aktualisieren sollte.
  4. Hätte eigentlich jemand Interesse, den Entwurf einer ersten Szene einer kleinen Geschichte zu lesen, zu der Portal mich inspiriert hat, auf die Gefahr hin, dass es dieser ersten Szene bleibt und ansonsten nie was draus wird?
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10 Responses to Gefallen (10)

  1. Guinan sagt:

    1. Ja. Dafür kommt der Rest aber gut.
    2. Stimmt, diesmal war es verständlich, was die vorherige Episode nur noch verwirrender macht.
    3. Ich wiederhole mich: Ich mag viel Drumherum und Hintergrund- und Nebengeschichten. Und wenn ich ein Personenregister brauche, um die Geschichte zu verstehen, dann läuft da etwas falsch.
    Ürigens gab es nicht zuviele Nebendarsteller, es war nur nicht so ganz klar, wer denn nun Hauptdarsteller sein soll.
    4. Klar, immer her damit. Mit Portal bin ich zwar nicht zurechtgekommen, aber das besagt ja nichts.

  2. madove sagt:

    1.) Ich hatte ihn eher für …extravagnat gehalten. Nein, im Ernst, so ählich fühlt sich Erleichterung aber doch an? Ich bin aber trotzdem drüber gestolpert.

    2) Ja. Ich weiß noch nicht, was ich besser finde. Verständlich oder nicht.

    3) Siehe Guinan.

    4) Au ja!

    5) Ich mochte besonders die Stelle, in der der Magistrat sich sowas wie einen Hofmagier wünscht. Und die ganze Szene mit Leslegum.

  3. Muriel sagt:

    @Guinan und madove:
    1. Ich glaube, der kommt weg. Danke.
    3. Habt ihr schon mal versucht, Hauptdarsteller und Nebendarsteller nicht mehr als Gegensätze, sondern als aufeinander angewiesen zu begreifen und miteinander ins Gespräch zu bringen, in einen echten Dialog, der disziplinäre Grenzen behutsam überwindet, ohne in kulturimperialistischer Weise den Beitrag der jeweils anderen Art, die Welt zu sehen, zu missachten?
    Haupt- und Nebendarsteller sind keine konzepthaften figurenartigen Elemente einer Geschichte, keine in Büchern (lokal verstanden) handelnden Personen, sondern ein allgegenwärtiges Sein, das sich zugleich in Differenz (nicht Distanz) und in Einheit (nicht Gleichheit) zum Sein der Welt verhält.
    Versteht ihr?
    4. Na gut, dann schaue ich mal, wie ich’s mache.

    @Guinan: 4. Muss ich betonen, dass du was verpasst hast? Gewiss muss ich. Du hast was verpasst! So.
    @madove: 5. Das freut mich. Ich hatte Angst, dass wäre zu viel Slapstick.

  4. Guinan sagt:

    3. *kicher*
    4. Jaja, mach mich nur fertig. Du bist ja sooo gemein. Ich bin einfach zu blöd für diese Spiel, ich schaffe nicht mal das erste Level. *schluchz* Und mein Sohn sagt, das ist total einfach…

  5. Muriel sagt:

    @Guinan: 4. Der erste Raum war wirklich nicht so schwer, glaube ich… Aber ich hatte auch ein paar Punkte, an denen ich eine Weile gebraucht habe, bis die richtige Idee kam.
    Tut mir Leid, dass ich deine Gefühle verletzt habe.
    Kuchen?

  6. Guinan sagt:

    @Muriel: Schnöder Kuchen, pah. Nichts Materielles kann mich trösten.

  7. Muriel sagt:

    @Guinan: Aber er ist so lecker und saftig!

  8. madove sagt:

    @Muriel 3. (Ich habe gerade etwa 12 verschiedene Versuche gestartet und wieder gelöscht, meiner Begeisterung Ausdruck zu verleihen – Deinem Stil angepaßt, oder mit Smilies, oder Erikativen, oder… paßt nicht, reicht nicht. Ich geb auf und machs jetzt Meta.)

  9. Muriel sagt:

    @madove: Zu freundlich, aber die Ehre gebührt natürlich eigentlich jobo72, nicht mir.

  10. […] habe angeboten, und ihr habt angenommen. Alle beide. Und deshalb ist es nun hier: Der Entwurf der ersten Szene […]

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