Gastbeitrag von Carlos-Theodore de Bienmontaña zum aktuellen Stand der universitären Bildung

faz.net hat es schon wieder getan. Wann immer ich mich nicht gut fühle, suche ich die Internetpräsenz der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ auf, und dann lache ich, und lache, und freue mich, bis die letzte Spur von Weltschmerz getilgt ist.  faz.net hat auch heute wieder eine große Enthüllung für uns, die gewohnt übergeigt angekündigt wird:

Kommilitonen werden „Mitschüler“ genannt, die Universität auch manchmal „Schule“: Das Durchschnittsalter in den Masterstudiengängen sinkt. Dass die Beschleunigung des Studiums ungute Folgen hat, zeigt sich inzwischen deutlich.

Jeder Satz ein Hammerschlag, oder? Jeder Satz öffnet einem die Augen dafür, wie verkommen unsere Gesellschaft eigentlich ist. Jeder Satz eine Anklage.

Die Struktur dieser Artikel ist eigentlich immer die gleiche. Wir beginnen mit einem reißerischen TeaserDer eigentliche Artikel beginnt dann mit einer kurzen Darstellung des Umsichgreifens irgendeines modernen Schnickschnacks auf Kosten irgendeines alten Schnickschnacks:

An den Hochschulen werden sich in Zukunft nicht nur immer mehr, sondern auch immer jüngere Studierende einschreiben. Die frühe Einschulung, das verkürzte Abitur (G8), Fachabiturienten nach verkürzten Ausbildungen und der Wegfall von Zivil- und Wehrdienst beschleunigen die Karriere im Bildungssystem. In den Bachelor-Studiengängen verändert sich daher die Lehrkultur, aber inzwischen sind auch die Masterstudiengänge betroffen.

Im nächsten Schritt wird der alte Schnickschnack so unsinnig idealisiert, dass man beinahe brechen möchte wie nach dem übermäßigen Genuss von rosa gefärbter Zuckerwatte:

Im Unterschied zur Schule folgt die Universität der Idee, dass Lehrende und Lernende eine Gemeinschaft Erwachsener bilden, die zusammen ein Thema befragen und erschließen. Der Orientierungsüberschuss der Lehrenden bezieht sich auf das Fachwissen oder Feldkenntnisse und weniger auf die entwicklungspsychologische Reife. Wissens- und nicht Rollenhierarchien sind Kennzeichen der Universität. Bestenfalls arbeitet man auf Augenhöhe und etabliert eine Kultur gemeinsamen „forschenden Lernens“.

um dann am Beispiel einer völlig unsinnigen Anwendung des neuen Schnickschnacks zu demonstrieren, dass es nicht nur sinnlos und dumm ist, sondern eine monumentale Bedrohung für unsere Gesellschaft, unser Seelenheil und überhaupt die Welt, wie sir sie kennenNachdem man das gelesen hat, hängt man atemlos auf der Vorderkante seines Sitzes. Man weiß, dass man kurz davor steht, einen Blick zu erhaschen auf das Übel, an dem unsere Welt im Kern krankt:

Die jungen Masterstudenten sind aber sozialisiert durch die Schule, durch verschulte BA-Studiengänge, und ihnen fehlt oft jede ernsthafte Erfahrung mit der real existierenden Arbeitswelt. Sie wohnen noch im Kinderzimmer bei den Eltern, auch aus finanziellen Gründen. Viele Entwicklungskrisen des jungen Erwachsenenalters liegen noch vor ihnen. […] Junge Mädchen spielen mit ihrem iPhone, Zettelchen werden geschrieben und durch den Raum geschickt. Die Jungs surfen im Facebook. Die Dozenten bekommen Spitznamen. […] Einige wollen von den Dozenten gern geduzt werden, aber Siezen natürlich ihren „Lehrer“. […] statt von Männern und Frauen zu sprechen, sagen viele durchgängig „Mädchen und Jungen“. Die Mails beginnen mit der Anrede „Sehr geehrter Herr Dr.“ und schließen mit „Lieben Gruß, Anja“.

Uiuiuiuiui, wer hat die eigentlich zugelassen, diese jungen Studenten? Ist da eigentlich die Sicherheit für die Bevölkerung gewährleistet? Wird es nicht vielleicht Zeit für ein Moratorium?

Wir stellen also die dümmstmögliche Anwendung des neuen Schnickschnacks der idealtypischen Anwendung des alten gegenüber und belegen dann die Gefahren des neuen.

Vielleicht müssen wir uns […] der Idee öffnen, als Eingangsvoraussetzung für die Masterstudiengänge eine gewisse Zeit außerhalb des Bildungssystems zu verlangen. Andernfalls entlassen wir fachlich überqualifizierte, aber vom Reifegrad unterentwickelte Absolventen in eine Arbeitswelt, die sich nicht an Schülern und jugendlichem Verhalten, sondern an Erwachsenen orientiert.

Fällt euch auf, was die Argumente dieses Artikels gemeinsam haben? Richtig! Sie sind alle Bullshit.

Man mag sowas für eine Kleinigkeit halten, aber für mich ist es ein Symptom einer durchaus ernstzunehmenden Krankheit. Sogar zweier Krankheiten: Erstens brauche ich keine Journalisten, wenn ich eine freihändig aufgestellte Mutmaßung will, sowas kann ich selbst. Zweitens sollte nicht nur ein Journalist, sondern jeder Mensch wissen, dass Anekdoten keine Belege sind.

Der Artikel von Frank Berzbach ist vom Niveau her ein Rant. Die können toll zu lesen sein, weil sie (fast) immer voller Leidenschaft und meistens auch noch lustig sind. Darunter leidet ihre Ausgewogenheit ein bisschen, aber das nimmt man in Kauf. Dieser hier schafft leider keins von beidem, weil er so tun will, als wäre er eine sachliche Analyse, und ist deshalb am Ende einfach nur dumm.

[Quellenangaben wurden nachträglich von der überschaubare-Relevanz-Redaktion eingefügt, und einige gravierende handwerkliche Fehler wurden vor der Veröffentlichung noch korrigiert. Dank für den Namen in der Titelschlagzeige geht natürlich an den Postillon, auch wenn der keine Ahnung von Banken hat.]

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8 Responses to Gastbeitrag von Carlos-Theodore de Bienmontaña zum aktuellen Stand der universitären Bildung

  1. Dietmar sagt:

    Das ist lustig:

    „Vielleicht müssen wir uns … der Idee öffnen, als Eingangsvoraussetzung für die Masterstudiengänge eine gewisse Zeit außerhalb des Bildungssystems zu verlagen.“

    Erst will man durch die Schulreform den Bildungsweg verkürzen, dann wird er künstlich verlängert? Ja, macht Sinn …

  2. Muriel sagt:

    @Dietmar: Es muss einfach werden wie früher, als jeder Universitätsstudent noch endlos praktische Erfahrung hatte und eine abgeschlossene Ausbildung als KFZ-Mechaniker und 30 Jahre Berufserfahrung, bevor er dann im reifen Alter von 48 sein Philosophiestudium anfing, bereit und offen für eine Kultur gemeinsamen „forschenden Lernens“.
    Der wäre nie auf die Idee gekommen, während einer Vorlesung mit seinem iPhone zu spielen.

  3. Stefan S. sagt:

    Jetzt fällt’s mir erst auf! Dr. Carlos-Theodore de Bienmontaña, wenn ich bitten darf. Dr.!

  4. Muriel sagt:

    @Stefan S.: Dein Hinweis ist in gewisser Weise zutreffend, aber da wir hier bei überschaubare Relevanz den Traum einer klassenlosen Gesellschaft schon lange verwirklicht haben, existieren Titel hier genausowenig wie gesehschlechtsindikative Vornamen.
    So sind wir eben hier in der Silberstreifkommune.

  5. TakeFive sagt:

    @Muriel/klassenlose Gesellschaft: Ich finde wir sollten den Vorsitz der Kommune im Wochenturnus wechseln. Und überhaupt, bist du überhaupt demokratisch legitimiert? Vielleicht sogar nur ein Strohmann der Amerikaner? Es fällt mir wie Schuppen von den Augen!

  6. Muriel sagt:

    @TakeFive: Das mit dem Turnus halte ich für keine gute Idee. Ich bin total demokratisch. Und legitimiert erst recht. Ähem. Fang hier bloß keine Konterrevolution an. So reaktionäre Elemente wie dich sehen wir hier nicht gerne, im Arbeiter- und Bauernblog überschaubare Relevanz.

  7. TakeFive sagt:

    Seht, seht wie er mich unterdrückt!

  8. Muriel sagt:

    Blöder Bauer!

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