Gefallen (11)

Tja, was soll ich sagen? Jetzt hat es doch wieder ganz schön lange gedauert, und dann ist es sogar nur ein relativ kurzes Kapitel unseres Fortsetzungsromans „Gefallen“ geworden. Ich verzichte im Gegenzug auf jegliche dumme Ausrede und wünsche euch stattdessen nur viel Spaß.

Für berechtigte Kritik an der Geschichte, an mir, an den lange Pausen und der Welt an sich ist wie immer reichlich Platz in den Kommentaren. Für unberechtigte natürlich ebenso. Auch wie immer.

Was bisher geschah
Im ersten Kapitel wurde Prinzipal Janan von einer Eisernen Jungfrau entführt und durch die Höhlen des Hüters in das Unheiligtum gebracht.
Im zweiten Kapitel kehrte er mit der Eisernen Jungfrau zurück und beriet sich mit seinen… Ja, mit seinen Beraten, wem sonst? über die Bedrohung durch den Hüter.
Im dritten Kapitel lernen wir Mischa kennen, der Prinzipal entscheidet, dass er die Hilfe des Magistrats braucht, und seine Schwester Jasmi reist nach Nomren, um diese anzufordern.
Im vierten Kapitel spricht Jasmi mit dem Magistrat und seinem Ersten Magier, Mischa will von Gennard eine neue Hand, und die Mandurische Armee erleidet eine Niederlage.
Im fünften Kapitel besucht Jasmi das Monument von Yon-Gequl, Kara und Morgan werden von einem Boten aufgesucht, und Jasmi teilt sich eine Kutsche mit dem Gekreuzigten. Er ist ein bisschen schwierig.
Im sechsten Kapitel erwehren sich Kara und Morgan eines aufdringlichen Duellanten und lernen Sturm kennen.
Im siebten Kapitel begegnen Mischa und Gennard einem Monster auf der Straße – oder zweien?, Hauptmann Bendow durchquert einen Sump, und Prinzipal Janan lernt den Gekreuzigten kennen.
Im achten Kapitel bringt Sturm Kara das Fliegen bei, und Doppelgänger führt Selbstgespräche.
Im neunten Kapitel findet Hauptmann Bendow ein süßes und ehrenvolles Ende, Schattentänzer und der Fremde stellen sich Mischa und Gennard vor, und der Gekreuzigte sagt, was Sache ist. Like a boss.
Im zehnten Kapitel machen Morgan, Kara und Sturm eine Zwischenlandung, und der Erste Magier und der Magistrat werden befreit.

Was heute geschieht

„Buäh, das war scheußlich!“ sagte Mischa, und wenn Mischa etwas scheußlich fand, dann hieß das schon etwas.

„Ja“, stimmte Gennard ihr zu, und wenn Gennard ihr zustimmte, dann war das ein wirklich denkwürdiges Ereignis.

Es hatte beinahe seine ganze Willenskraft gebraucht, die Naht zwischen den beiden Wirklichkeiten auch nur anzusehen, die der Fremde aufgerissen hatte. Die Pferde hinein zu lenken und auf dem Wagen sitzen zu bleiben, während der auf diese widernatürliche Abscheulichkeit, auf diese eiternde Wunde in der Welt, zu rollte, war möglicherweise die härteste Prüfung seines Lebens gewesen.

Die Pferde hinein zu lenken und auf dem Wagen sitzen zu bleiben, während er immer näher an diese widernatürliche Abscheulichkeit heranrollte, war die wahrscheinlich furchtbarste Erfahrung seines Lebens gewesen.

Den Tieren hatte es merkwürdigerweise gar nichts ausgemacht, als hätten sie überhaupt nicht wahrgenommen, dass die Realität vor ihnen aufgerissen war. Vielleicht hatten sie das tatsächlich nicht. Nach Gennards Erfahrung nach waren Pferde neben Bienen und Handwerkern so ziemlich die dümmsten Viecher, die auf der Welt herumliefen.

Der Fremde hatte den Riss hinter ihnen wieder verschlossen, und so hatten immerhin die… Geräusche aufgehört. Nein, es waren eigentlich keine Geräusche, obwohl es sich zeitweise ein bisschen so angefühlt hatte wie die Vibrationen einer sehr, sehr tiefen Pauke. Aber es war etwas anderes. Etwas Größeres. Ein Erbeben der Wirklichkeit. Was auch immer es war, es war vorbei, aber dafür waren sie nun in dieser anderen Welt.

Gennard war kein sehr sensibler Mann, aber diese Welt verursachte ihm ein sehr, sehr profundes… Unbehagen, das nicht nur aus dem herrührte, was er sah, sondern zu großen Teilen auch aus dem, was er empfand. Aus der Stimmung, die hier auf dieser leeren grauen Ebene herrschte.

So weit sein Auge reichte, war nichts als Staub zu sehen. Staub und ein paar kantige Felsformationen, die teilweise hund-, teilweise manns-, und teilweise baumhoch aus dem über knöcheltiefen Staub emporragten, manche in aberwitzigen Formen, als wären sie die Wurzeln umgedrehter versteinerter Bäume.

Die Bewegung des Wagens fühlte sich holprig an, aber auf sonderbare Art gedämpft als lägen unter dem Staub nicht nur Felsen, sondern etwas… Weiches, etwas… Lebendiges?

Es war fast völlig windstill, und die Luft trug ein abgestandenes, subtil schimmliges Aroma. Am Himmel stand keine Sonne. Er war ebenso grau wie der Boden, wie die Felsstrukturen, wie alles hier. Es herrschte ein schummriges graues Licht, und die Temperatur war gerade so, dass er zwar schwitzte, seine Finger aber gleichzeitig unangenehm kalt waren.

Die Pferde schoben sich beharrlich durch den Staub voran, nicht ernsthaft behindert, wenn auch etwas langsamer als auf freiem Grund. Nur die aufgewirbelten feinen Partikel ließen sie niesen und schnauben in einem Fort.

Gennard und Mischa saßen auf dem Kutschbock hoch genug, um vom Schlimmsten verschont zu sein, doch auch ihm war das Atmen unangenehm, und schon nach wenigen Minuten hatte sein Hals begonnen, sich unangenehm rau und trocken anzufühlen.

„Glaubst du, die Gefallenen haben geschlafen?“ fragte Mischa. „Oder waren sie die ganze Zeit wach? Das muss schlimm sein, fünfhundert Jahre lang einfach… zu warten. Ich würde völlig ausrasten, glaube ich.“

Gennard wandte seinen Blick von der Landschaft ab und seiner Nachbarin auf dem Kutschbock zu. Es hieß schon etwas, wenn er den Anblick von Mischas Gesicht als erholsam empfand. So wie es auch etwas hieß, dass sie sich an Konversation versuchte. Es war eine denkwürdige Reise, so viel war sicher.

„Würde das irgendeine wahrnehmbare Änderung in deinem Verhalten bewirken?“

Sie schnaubte, und klang dabei fast wie eines der Pferde. „Wo sind die beiden überhaupt?“ fragte sie, und sah sich suchend in der kahlen staubigen Ebene um.

„Wir sind da“, antwortete Schattentänzers Stimme, von überall auf einmal, „Keine Sorge.“

Gennard zuckte zusammen, und Mischas Kopf ruckte hektisch herum. Es sah fast aus, als könnte sie ihn bis auf ihren Rücken drehen.

„Ihr solltet euch das vielleicht auch für die Zukunft merken“, fuhr Schattentänzer fort. „Dass wir euch sehen können, auch wenn ihr glaubt, wir wären nicht da, meine ich. Wer weiß, vielleicht rettet es eines Tages euer Leben. Könnte ja sein, oder? Ich mein ja nur. Ihr solltet das nicht vergessen.“

„Ich erschlage ihn“, murmelte Mischa zwischen zusammengebissenen Zähnen hindurch. „Ich erschlage ihn ganz bestimmt, und dann beiße ich seinen Kopf ab und zieh sein Herz durch seinen Hals raus. Sobald ich rausgefunden hab, wie ich ihn erwische.“

Schattentänzer räusperte sich. Es war verwirrend, seine Stimme aus allen Richtungen gleichzeitig zu hören. „Ich kann euch auch hören.“

„Ich weiß“, antwortete Mischa, „Und wir dich auch. Kann man da nicht vielleicht irgendwas machen?“

„Tse. Du hast gefragt, wo wir sind.“

„Und ich bereue es. Es macht mich nur einfach nervös, dass ich keinen von euch beiden Spinnern sehen kann. Ihr seid die Einzigen, die uns hier wieder rausholen können. Wenn ihr uns hier einfach zurücklasst, müsste ich früher oder später Gennard schlachten und essen, und ich glaube, er würde einen ungenießbarer knochiger alten Kadaver abgeben.“

Ich kann euch hier ganz bestimmt nicht rausholen“, widersprach Schattentänzer. „Das kann nur der Fremde. Aber er macht es ganz sicher. Es wäre doch wirklich unsinnig, euch erst zu suchen und hierherzubringen, nur um euch dann wieder zu verlassen.“

„Und du willst damit worauf hinaus? Die ganze Aktion ist so oder so völlig sinnlos, und das überrascht mich auch gar nicht, wenn ihr beiden Witzfiguren sie euch ausgedacht habt.“

Schattentänzer kicherte. „Vielleicht hast du Recht, Mischa. Aber sieh es positiv: Wenn wir beschließen, euch hier zurückzulassen, kannst du ohnehin nichts dagegen tun.“

Gennard sah eine Bewegung hinter einer der Säulen.

„Warst du das, Schattentänzer?“ fragte er.

„War ich was?“ fragte der Gefallene zurück.

„Da hinten, bei dieser Felsformation!“

„Nein“, antwortete Schattentänzer, „Ganz bestimmt nicht. Was hast du gesehen?“

Er klang tatsächlich besorgt, und das machte Gennard große, große Angst.

„Ich weiß nicht genau. Einen… Schatten, eine verschwommene Bewegung. Ich konnte es nicht richtig erkennen.“

„Püppchen, was kann das sein? Lebt hier etwa noch irgendwas?“

Das langgezogene Heulen des Fremden hallte über die Ebene aus Staub und Fels, und einen Augenblick später erscholl ein schrilles Brüllen aus der Richtung, in der Gennard gerade die Bewegung gesehen hatte.

Etwas zischte und knurrte, und dann erklang ein scheußliches reißendes Geräusch, und wieder stieß der Fremde sein Heulen aus.

„Ich verstehe ihn auch nicht, aber ich glaube, die Gefahr ist beseitigt. Oder zumindest vorläufig gebannt. Oder außer Gefecht. Vertrieben. Möglicherweise auch nur gefangen.“

„Gefangen?“ fragte Mischa. „Sammelt er Ungeheuer aus anderen Welten?“

„In der Tat“, antwortete Schattentänzer, „Und wenn du nicht so hässlich, verbittert und stumpfsinnig wärst, würde er dir vielleicht eines Tages seine Sammlung zeigen.“ Er lachte auf. „Nein, das war ein Scherz. Ich glaube nicht, dass er jemals eine Beziehung zu einem Menschen hatte, die über Unterjochung oder Vernichtung hinausging.“

Mischa stöhnte. „Solange er uns weiterhin alles vom Hals hält, was hier herumkriecht, kann er meinetwegen einen Schneckenfetisch haben.“

„Hier kriecht sicher sonst nichts mehr herum“, sagte Gennard mit einem Blick über die kahle, trockene, lebensfeindliche Ebene, die sich gleichmäßig in alle Richtungen vor, neben und hinter ihnen ausbreitete.

„Oh, täusch dich da nicht“, widersprach Schattentänzer. „Das Leben… Naja, hier könnte jedenfalls so einiges herumkriechen, so wie ich das verstehe.“

Mischa stöhnte abermals. „Warum mussten die beiden uns noch mal unbedingt hierher bringen?“

Gennard zuckte die Schultern. „Ich bin kein Magier, und deshalb mit der Terminologie nicht ganz vertraut, aber ich denke, dass Schattentänzer sagen wollte, dass diese… Ebene eine Art Abkürzung zu unserem eigentlichen Ziel darstellt.“

„Ich wollte das nicht sagen“, warf Schattentänzer ein, „Ich wollte etwas völlig anderes sagen, und deshalb habe ich auch etwas völlig anderes gesagt, nämlich dass die Intersektionen einer k-topologischen Bran wie dieser hier mit der Gamma-Bran intrasphärisch die Dimensionen der Gamma-Bran transzendieren können und deshalb eine geeignete planare Verschachtelung die Transformation einer raumartigen in eine zeitartige Topologie ermöglicht.“

„Und deshalb kommen wir schneller nach Nomren, als es sonst möglich gewesen wäre, richtig?“ fragte Gennard.

„Nicht ganz. Streng genommen…“

„Siehst du“, sagte Gennard zu Mischa, „Wenn ich dir heute Morgen noch gesagt hätte, dass eine Zeit kommen wird, in der du dir wünschst, dass ich dir etwas erkläre, hättest du mir geglaubt?“

Sie zeigte ihm ihren Mittelfinger, und Schattentänzer widersprach: „Der Ausdruck, eine Zeit wäre gekommen, ist auf dieser Bran dermaßen fraktal falsch, dass sie nicht ausreichen würde, um dir deinen Fehler zu erklären, Gennard, wenn es sie gäbe.“

„Kannst du’s nicht vielleicht einfach trotzdem lassen?“ fragte Mischa. „Ich würde im Gegenzug darauf verzichten, deine kopfartige Topologie in deine arschartige Topologie zu transformieren.“

„Naja, früher oder später werdet ihr euch von selbst merken, dass wir euch nicht nach Nomren bringen.“

„Was?“ riefen Mischa und Gennard gleichzeitig.

Schattentänzer lachte.

„Wohin bringt ihr uns denn?“ fragte Mischa.

Er lachte wieder. „Zum Hüter. Die ganze Sache ist ein bisschen eilig, und wir sahen keinen Sinn darin, euch erst nach Nomren zu schaffen, damit der Messias euch zum Hüter schicken kann, deswegen haben wir den Zwischenschritt übersprungen.“

„Aber…“ begann Mischa mit ungewohnter Unsicherheit. Es schien sie zu irritieren, dass sie niemanden vor sich hatte, den sie bedrohen konnte. „Wir haben uns noch nicht mal über den Preis unterhalten!“

„Oh, das ist schnell geklärt. Ihr dringt für uns in die Höhlen des Hüters ein, und wir befreien euch dafür aus dieser scheußlichen Bran, auf der ihr ohne uns keinen halben Tag überleben würdet. Abgemacht?“

Mischa sprang auf. „Ich lasse ihn seinen eigenen Darm runterschlucken, bevor ich-“

Ein grauenvolles Heulen schnitt ihre Worte ab, das möglicherweise das Lachen des Fremden war, oder vielleicht Ausdruck einer ganz anderen Emotion, denn er schien für alle seine Emotionen nur diesen einen Ausdruck zu kennen.
„Sie hat Spunk, das muss man ihr lassen“, murmelte Schattentänzer. „Ich verstehe trotzdem nicht, was der Messias mit ihr will. Sie hat nur eine Hand!“

„Wollen wir wetten, dass die reicht, um dir deinen ver…“

Mischa verstummte, als der Fremde vor ihrer Kutsche erschien und noch einmal diesen scheußlichen Laut ausstieß, der zu tierisch klang für einen Menschen, zu dämonisch für ein Tier, und zu menschlich für einen Dämon.

„Na, wer sagt’s denn“, vernahmen sie Schattentänzers Stimme, „Wir sind da.“

Mit einem übelkeitserregenden Ungeräusch riss die Realität unmittelbar vor der Kutsche auf, und die Hinterteile der beiden Pferde fielen mit schwach zuckenden Hufen seitlich so weit um, wie das Zaumzeug es erlaubte.

******************************************

Kara wusste nicht, ob es einfach eine weitere von Sturms Stimmungsschwankungen war, oder ob es ganz oder größtenteils an der leuchtenden Flüssigkeit aus der Phiole lag, aber der Rest des Fluges war auf eine völlig neue Art die Hölle.

Zeitweise wünschte sie sich beinahe die wahnsinnige, unberechenbare, bedrohliche Sturm zurück, denn die war wenigstens originell gewesen.

Und nach mehreren Stunden voller Schluchzen, Schniefen, Betteln und Flehen („Ich liebe dich doch, Kara, bitte, komm mit mir, was glaubst du denn, was er dir geben kann? Ich kann dir alles geben, Kara. Bitte sag mir, was du willst, bitte, ich tue es für dich, ich tue alles, aber bitte komm mit mir. Warum liebst du mich nicht, Kara? Ist es, weil ich zu alt bin? Ich… Ich kann wieder jünger werden. Ich bin sicher… Bestimmt kann Doppelgänger irgendetwas für uns tun. Oder… Was… Warum, Kara? Ich liebe dich, weißt du das?“) erschien sogar der Sturz in die schwarze blitzdurchzuckte Tiefe unter ihr nicht mehr als die zwangsläufig schlechteste Alternative.

Sie war mehr als erleichtert, als schließlich das Gejammer einem peinlichen Schweigen wich, kurz bevor sie wieder zu sinken begannen, durch die Wolken, hinab auf ein Gebirge, das sich unter ihnen im schwachen Licht der allmählich einsetzenden Dämmerung ausbreitete.

Unter besseren Bedingungen wäre es ein atemberaubender, einmalig schöner Anblick gewesen, den Kara nie in ihrem Leben wieder vergessen hätte. Sie sah, wie vor ihr steil die Gipfel der Berge aufragten, teilweise bis in die Wolkendecke hinein, bedeckt von Schnee, der auch im schwachen Dämmerlicht funkelte und glitzerte, und wie schemenhaft erkennbare Flüsse aus den Höhen herab strömten und in der Eben davor ein dicht bewachsenes Delta bildeten.

Beinahe bat sie Sturm, noch etwas zu warten, damit sie länger herabblicken konnte. Beinahe.

Sie landeten auf einem schmalen Felsvorsprung, von dem aus ein schmaler Wildpfad in ein Wäldchen aus Krüppelkiefern, Sukkulenten und kleinen Büschen führte. In der anderen Richtung ragte der Vorsprung über einen tiefen, tiefen Abhang, dessen Grund noch im Schatten verborgen war. Es sah aus, als würde man Stunden brauchen, bis man unten anlangte, wenn man von hier aus fiel.

„Wo ist Morgan?“ fragte Kara.

„Nicht weit“, antwortete Sturm leise, ohne ihr in die Augen zu sehen. Die wahnsinnige Magierin nahm einen tiefen Atemzug und ergriff Karas Rechte mit beiden Händen und fiel vor ihr auf die Knie.

Himmel. Was jetzt?

„Kara“, begann sie, ihren Blick noch immer schüchtern nach unten gerichtet, und stockte, bevor sie nach einer Pause hinzufügte: „Ich schäme mich. Es… tut mir sehr Leid, wie ich mich aufgeführt habe. Ganz ehrlich. Kannst du mir vergeben, Kara?“

Kara öffnete den Mund, obwohl sie noch gar nicht wusste, was sie sagen sollte. Zum Glück kam Sturm ihr ohnehin zuvor.

„Ich glaube, ich war nicht immer so. Ich möchte nicht mehr so sein, Kara, und ich glaube, wenn jemand mir hilft, wenn jemand wirklich für mich da ist, dann kann ich es schaffen. Ich möchte… wieder ein Mensch sein, Kara. Ich möchte wieder gesund sein. Ich will… das hier… alles nicht mehr. Und ich glaube, dass du mir dabei helfen kannst.“ Sie atmete noch einmal tief durch, bevor sie den Blick ihrer verschiedenfarbigen Augen zu Kara hob und sie direkt ansah. „Ich bitte dich, das für mich zu tun, Kara. Bitte. Ich flehe dich an. Hilf mir. Bitte, hilf mir. Ich brauche Hilfe.“

Wieder wusste Kara nicht, was sie sagen sollte, obwohl ihr Mund immer noch offen stand. Natürlich wollte sie helfen. Deswegen war sie ja überhaupt in diesem ganzen Schlamassel, weil sie Menschen helfen wollte. Natürlich rührte sie die Angst und die Trauer, und vor allem die herzzerreißende Hoffnung in Sturms Gesicht, in diesem jungen Gesicht mit den vielen kleinen Zeichen von Verfall und Auflösung.

Aber natürlich hatte sie nicht vergessen, dass diese Bettlerin, die jetzt vor ihr knieten und sie um Hilfe anflehte, dieselbe Frau war, die vor ein paar Stunden einen Mann getötet hatte, nur weil er sie unterbrochen hatte. Dieselbe Frau, die vor Kurzem noch gedroht hatte, sie in die Tiefe stürzen zu lassen, wenn sie ihr nicht zu Willen war.

Abermals nahm Sturm ihr die Entscheidung ab. Der Griff ihrer Hände um Karas Finger wurde fester, ihre Gesichtszüge härter, als sie ihre Kiefermuskeln anspannte.

„Du weißt, dass ich dich zwingen kann, wenn du es nicht freiwillig… Ahh!“

Kara packte Sturms linke Hand und verdrehte das Handgelenk. Sturm stieß ein erschrockenes Jaulen aus und blickte nun mit weit offenen Augen und Mund zu ihr auf, wie ein Welpe, den zum ersten Mal in seinem Leben ein Mensch getreten hatte.

„Aua!“ winselte sie, mit mehr Überraschung und Fassungslosigkeit als echtem Schmerz.

Kara zwang sie auf ihre Füße.

„Nimm deine verseuchten Finger von mir, du Hexe“, stieß sie hervor, „Und fass mich nie wieder an!“

Sie stieß Sturm von sich und hörte mit großer Befriedigung ein lautes Knacken dabei. Die Magierin taumelte wimmernd zurück und fiel auf ihr Hinterteil. Vorwurfsvoll blickte sie zu Kara auf, das gebrochene Handgelenk fest mit der rechten Hand umklammert.

Ihre weit aufgerissenen Augen, das schwarze und das gelbe, starrten Kara an, während sie mit hilflosen Bewegungen ihrer Füße auf dem mit Staub und Kies bedeckten Boden von ihr weg krabbelte.

Kara war sich nicht ganz sicher, woher sie die Dummheit genommen hatte, einer Gefallenen das Handgelenk zu brechen, aber sie vermutete, dass es sehr half, dass sie wieder auf ihren eigenen Füßen auf festem Boden stand.

Sie versuchte, sich ihre schnell aufblühende Angst nicht anmerken zu lassen, während sie dastand und zusah, wie Sturm unbeholfen vor ihr davon kroch.

Was nun?

Sollte sie ihr aufhelfen und sie um Entschuldigung bitten, bevor die Gefallene sie genauso mühelos auslöschte wie den Dummkopf in dem Gasthof? Kara erinnerte sich noch gut an dieses leise und doch durchdringende trockene Knacken, an diesen winzigen Lichtblitz, der von Sturms ausgestrecktem Zeigefinger zur Stirn des jungen Mannes gezuckt war, an seinen glasigen Blick, als er umfiel.

Oder sollte sie den Moment ausnutzen? Sollte sie die Magierin töten, solange Überraschung, Schmerz und Furcht sie noch davon abhielten, Kara wie eine Laus zu zerquetschen.

So ungerne Kara sterben wollte, konnte sie sich doch zu keiner der beiden Alternativen durchringen.

Sie stand einfach nur da, als die Magiern schließlich den Rand der Plattform erreichte und leise wimmernd versuchte, aufzustehen, ohne dabei ihr gebrochenes Handgelenk loszulassen. Kara musste beinahe lachen, so albern stellte Sturm sich dabei an. Sie hatte schon Menschen mit tödlichen Wunden gesehen, die weniger Schmerz zeigten.

Nachdem Sturm es geschafft hatte, sich wieder aufzurichten, stand sie schwankend vor dem Abgrund, warf Kara noch einen vorwurfsvollen Blick über ihre Schulter zu – und ließ sich mit einem Schritt nach vorne in die Tiefe fallen.

Für einen Moment hielt Kara es für möglich, dass sie sich wirklich das Leben nehmen wollte – was schien nicht möglich für eine unberechenbare Wahnsinnige wie Sturm? – doch dann sah sie die Magierin in einer Windböe aufsteigen und schnell in der Dunkelheit verschwinden.

Sie schluckte und bereute sofort, dass sie nicht versucht hatte, Sturm zu töten, als sie die Chance gehabt hatte. Wenn man überlegene Gegner überraschen konnte, dann verletzte man sie nicht nur. Und wenn man überlegene Gegner verletzte, ließ man sie nicht laufen. Das hatte Morgan ihr oft genug beigebracht.

Andererseits hatte sie keine Ahnung, ob sie überhaupt in der Lage gewesen wäre, Sturm zu töten. Vielleicht hätte sie die Magierin damit nur gezwungen, ernsthaft den Kampf gegen sie aufzunehmen, und so viel Kara auch schon von Morgan gelernt hatte, war sie doch alles andere als zuversichtlich, dass sie eine Gefallene hätte besiegen können.

Und nun stand sie hier, im Halbdunkel der Morgendämmerung, auf einem Gebirgsplateau weit weg von allem, was sie kannte, auf sonderbare Weise erschöpft, erleichtert und gleichzeitig immer noch erfüllt von den Resten der Todesangst, die sie über die letzten Stunden in wechselndem Maße permanent empfunden hatte, und versuchte, den Gedanken zu verdrängen, dass es eigentlich nichts gab, was Sturm davon abhalten konnte, jederzeit umzudrehen und zu der unverschämten Sterblichen zurückzukehren, die sie abgewiesen und beleidigt und ihr Handgelenk gebrochen hatte. Absolut nichts.

Sie nahm einen tiefen Atemzug und weigerte sich, sich einzugestehen, dass er sehr nah einem Schluchzen klang, und entschied sich, dem schmalen Wildpfad zu folgen, einfach weil es der einzige Weg zu sein schien, der von hier weg führte.

Sie war sich nicht sicher, ob sie hoffte, Morgan wieder zu finden, aber als sie schließlich seine Stimme hörte, fühlte es sich an, als wäre sie endlich wieder nach Hause gekommen.

Lesegruppenfragen

  1. Kommt für euch bei der Ebene in der ersten Szene irgendwie Atmosphäre rüber, oder nicht so?
  2. Wie steht ihr so ganz allgemein zu Mischa?
  3. Hättet ihr Sturms Bitte nachgegeben und versucht, ihr zu helfen? Warum oder warum nicht?
  4. Hat diese Szene euer Bild von Kara verändert?
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9 Responses to Gefallen (11)

  1. foster sagt:

    Dass in der Szene mit Mischa Doppelgänger „In der Tat“ sagt, und nicht Schattentänzer, ist aber nur ein Fehler im Text, oder? (Bei der Handlung weiß man nie…)

  2. Muriel sagt:

    @foster: In der Tat.

  3. Guinan sagt:

    Du möchtest gern Kritik? Dein Wunsch ist mir wie immer Befehl…
    „…diese eiternde Wunde in der Welt…“ Ah nee…
    und dann „…waren Pferde neben Bienen und Handwerkern so ziemlich die dümmsten Viecher…“ Gennard ist doch im weitesten Sinn selbst Handwerker – und einige meiner besten Freunde…äh…du könntest da ja auch einen anderen Beruf einfügen. Irgendwas unpraktisches. Juristen?

  4. Guinan sagt:

    So, der Rest jetzt wieder ordendlich nummeriert:
    1. Welche Stimmung hattest du geplant? Anfangs unheimlich, erschreckend, als Mischa dann aufdreht eher lustig.
    2. Eine der interessantesten Figuren.
    3. Nein, sie macht mir zuviel Angst. Solche Unberechenbarkeit weckt bei mir nur Fluchtreflexe, kein Mitleid.
    4. Kara, nun ja. Bisher hatte ich den Eindruck, du hast sie nur aus optischen Gründen eingebaut. Vielleicht ist da ja doch Potential. Obwohl, sonderlich klug war das nicht gerade, oder? Da in der Einöde zu stranden?

  5. madove sagt:

    Oh, ich hatte dieses Update schion wieder fast übersehen!! *freu*

    1. Ja. Irgendeine Stimmung kommt sehr deutlich rüber. Man weiß natürlich nicht, ob es die ist, die Du trasportieren wolltest, aber ich fand sie gut und intensiv beängstigend.

    2. Mag ich sehr. Stark, komplex, und gegentlich auflockernd.

    3. Siehe Guinan. Wenn mich jemand einmal bedroht, kann er sich für den Rest seiner Tage Mitleid an den Hut schmieren, vor allem, wenn die Drohung glaubwürdig war.

    4. Immerhin macht sie mal was selbständig (Handgelenk brechen), auch wenn es was eher Dummes ist und sie danach schon wieder komplett handlungs- und entscheidungsunfähig wird. Trotzdem scheint sie halt als Hollywood-Mädchen im dämlichsten Sinne ausgelegt zu sein, die Arme.

  6. Muriel sagt:

    @Guinan: Gennard ist kein Handwerker. Ich bitte dich! Der Begriff bleibt.
    1. Passt gut. Ich plane ja nicht so viel, aber ich bin dann mit dem Ergebnis zufrieden.
    2. Freut mich. Keoni kann sie nämlich nicht leiden, und so war das eigentlich nicht… gedacht. Ähem.
    4. Ich habe noch was mit ihr vor. Ohne zu viel verraten zu wollen.
    @madove: Ich merke gerade, dass meine Antworten an Guinan auch gut zu deinem Kommentar passen.
    Vielen Dank!

  7. Ron sagt:

    Jaja, das mit dem „lange dauern“ kenne ich nur allzu gut … (zum Glück kommt Guinan dann ab und zu vorbei und gibt einen wohlmeinenden Motivationstritt :-))

    Zur Geschichte kann ich leider noch nicht so viel sagen, mir fehlt zwischendurch etwas …

  8. Guinan sagt:

    @ Ron: Immer wieder gerne 😀
    … und nachlesen lohnt sich

  9. Muriel sagt:

    @Ron: Meine Güte, bloß gut, dass du das geschrieben hast. Um offen zu sein: Ich hatte dein Blog nicht mehr in meinem Reader, weil der sowieso so voll ist und das Musikthema nicht ganz mein Ding ist. Deswegen hatte ich keine Ahnung, dass es da jetzt eine Geschichte gibt.
    Finde ich toll, und ich bin jetzt auch wieder dabei.

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