Missbrauch, Schaden, und Ersatz

Als Christina schrieb:

Außerdem finde ich es ein bißchen naiv zu glauben, dass die PID nicht irgendwann mißbraucht wird.

da hätte ich beinahe geantwortet, dass mir tatsächlich keine Möglichkeit einfällt, wie man Präimplantationsdiagnostik missbrauchen könne. Ich beschränkte mich dann aber doch lieber auf die Gegenfrage, wer das denn hier ihrer Meinung nach glaube, denn niemand hatte eine derartige Überzeugung geäußert.

Kurz nachdem ich meine Antwort veröffentlicht hatte, fiel mir eine eigentlich offensichtliche Missbrauchsmöglichkeit ein: Jemand könnte PID dafür verwenden, bewusst Embryonen auszuwählen, die eine schädliche Veranlagung in sich tragen.

Nachdem ich mich zu Ende gewundert hatte, dass ich für diese Idee so lange gebraucht hatte, stellte ich mir als nächstes die Frage, ob diese Anwendung meiner Meinung nach verboten werden sollte, und welche Konsequenzen sie haben könnte.

Und dann fiel mir auf, dass das eine schwierige Frage mit zahlreichen Facetten ist. Und ich dachte eine Weile drüber nach.

Wie gerufen kam mir dazu ein Artikel von CK bei L for Liberty, der freundlicherweise meinen Post zur PID verlinkt und vor allem klar Stellung zu meinem Problem bezieht:

Wo ich die Grenze bei der privaten, marktwirtschaftlichen Nutzung ziehen würde? Dort wo man bewusst behinderte Menschen erschaffen würde. So habe ich mal von einem tauben Paar gelesen, was sich unbedingt ein ebenfalls taubes Kind wünschte. Das finde ich so grotesk, dass mir die Worte dafür fehlen. Das sollte in der Tat verboten sein und ein so erzeugtes Kind sollte das Recht bekommen, seine Eltern später auf Schadensersatz zu verklagen.

(Wer an sowas Spaß hat, der möchte vielleicht auch gleich noch den ersten Kommentar lesen und leise kichern. Nicht, dass ich nachkarten wollte, aber… Ja, gut, doch, will ich. Aber ich arbeite an mir und meinem Charakter, Ehrenwort!)

Instinktiv war meine erste Reaktion ziemlich genau die gleiche wie CKs. Ich verstehe seinen Standpunkt gut und kann mich auch jetzt noch nicht von dem Gefühl befreien, dass er Recht haben sollte. Ich fürchte aber, er hat es trotzdem nicht.

Rechtssystematisch wäre es meiner Meinung nach schwer zu rechtfertigen, diese Nutzung von PID zu bestrafen. Wenn zwei Menschen unter Muskeldystrophie leiden und wissen, dass sie diese Krankheit an ihre Nachkommen weitergeben werden, dann bestrafen wir sie nicht, wenn sie trotzdem Nachkommen zeugen. Es wäre deshalb ungerecht, Menschen zu bestrafen, die auf andere Weise vorsätzlich Kinder mit einer Veranlagung für Muskeldystrophie zeugen.

Nun muss das nichts heißen. Man kann der Meinung sein, dass beide Varianten verboten gehören, und dass in beiden Fällen die Kinder Ansprüche auf Schadensersatz erwürben.

Kann man?

Ich fürchte, nicht so richig. Dem strafrechtlichen Verbot und den Schadensersatzansprüchen liegt die gleiche Frage zu Grunde: Wird durch das Verhalten der Eltern jemand geschädigt? Instinktiv antworten die meisten hier wohl – wie ich auch – mit „Ja, selbstverständlich!“, aber wer sollte das sein, und worin besteht der Schaden?

Die PID in ihrer heutigen Form beinhaltet nicht die Möglichkeit, erkannte Schäden zu heilen oder das Erbgut sonstwie zu manipulieren. Sie lässt uns nur die Wahl, ob ein Embryo mit einer bestimmten Veranlagung eingepflanzt werden soll, oder nicht. Der Schaden kann also nicht in der Behinderung an sich bestehen, denn zu keiner Zeit bestand die Möglichkeit, dass das betroffene Kind ohne diese Behinderung geboren wird. Der Schaden müsste in der schieren Existenz des Kindes bestehen. Und wenn ich an dieser Stelle angekommen bin, kann ich mich drehen und wenden, wie ich will, der Arsch bleibt immer hinten ich kann das Leben eines Menschen nicht als Schaden sehen, zumindest nicht für diesen Menschen selbst.

Oder um es mit den Worten von Winfried Hassemer (Richter am BVerfG) zu sagen:

Der Gedanke eines strafrechtlichen Schutzes potentieller Nachkommen vor genetischen Schäden setzt zudem die absurde Abwägung des mutmaßlichen Interesses potentiell gezeugten Nachwuchses an einem Leben mit genetischen Defekten einerseits mit einem mutmaßlichen Interesse an der eigenen Nichtexistenz andererseits voraus. Deshalb kennen wir aus guten Gründen eine Strafbarkeit des Beischlafs selbst dort nicht, wo die Wahrscheinlichkeit behinderten Nachwuchses höher ist und die erwartbaren Behinderungen massiver sind als beim Inzest. [um dessen Strafbarkeit es in dieser Entscheidung ging]

Ich bin mir meiner Sache nicht völlig sicher. Es könnte Fälle geben, in denen tatsächlich die Annahme gerechtfertigt ist, das Kind sei durch seine bloße Existenz geschädigt; zum Beispiel bei einer so schweren Behinderung, dass das Leben des Kindes im Wesentlichen nur aus einem langsamen, qualvollen Sterben besteht. Dann kann man unter Umständen vertreten, dass seine Eltern ihm Leid zugefügt haben, indem sie es sich haben entwickeln lassen. Darüber müsste ich noch nachdenken. Aber die meisten gängigen Behinderung wie die von CK beispielhaft genannte Taubheit reichen nicht aus.

Ich halte die These für absurd, es wäre für einen Menschen besser, gar nicht zu existieren, als es wäre, ein Leben ohne Gehör führen zu müssen. Und das sind derzeit die Alternativen, zwischen denen wir uns entscheiden können. Wenn die Eltern außerdem noch auf mögliche Heilung verzichten, sieht die Sache wieder anders aus. Aber wir reden derzeit nur von Diagnostik, und solange das so ist, kann ich mir nur in wenigen besonderen Fällen überhaupt vorstellen, dass man die vorsätzliche Erzeugung behinderter Kinder bestrafen könnte, oder dass sie einen Anspruch auf Schadenersatz begründen könnte. Wie solch ein Ersatz dann aussähe, wäre wohl auch keine ganz einfache Frage.

Ich fühle mich bis auf Weiteres damit überfordert, mich ganz festzulegen. Schon gar nicht will ich hier entscheiden, wo die Grenze liegen sollte. Hier wäre vielleicht sogar wirklich mal eine Ethikkommission sinnvoll eingesetzt. Die sollte dann übrigens idealerweise mit Leuten besetzt werden, die wirklich halbwegs qualifiziert sind, über die Sache zu entscheiden, zum Beispiel, weil sie dabei nicht nur auf die Meinung ihres unsichtbaren Freundes vertrauen. Aber das ist schon wieder ein anderes Thema.

Bleibt noch die moralische Frage. Finde ich es falsch, wenn jemand voraussichtlich gesunde Embryonen verwirft um stattdessen einen Embryo einzupflanzen, der voraussichtlich mit einer Behinderung zur Welt kommen wird?

Ja, finde ich. Weil man damit unnötiges Leid verursacht, und weil es meiner Meinung nach keinen Sinn ergibt, ein Kind mit Erbschäden einem Kind ohne Erbschäden vorzuziehen. Da bin ich mit CK dann doch wieder auf einer Linie:

[Es] wird wohl niemand abstreiten können, dass Gesundheit und nicht Krankheit der erstrebenswerte Zustand im Leben eines jeden Menschen ist.

Nur dass wir diese unsere Überzeugung anderen rechtlich aufzwingen dürfen, das glaube ich eben nicht. Auch wenn ich es ein bisschen schade finde. Aber das Gefühl hat man oft als Liberaler. Hach…

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8 Responses to Missbrauch, Schaden, und Ersatz

  1. Dietmar sagt:

    Auf die Idee, per PID Behinderungen zu bevorzugen, wäre ich nie gekommen. Manchmal, wenn ich junge rauchende Schwangere sehe, wünschte ich, man könnte irgendetwas tun. Kann man aber nicht, wenn sie nicht zu überzeugen sind. Ich würde solch eine Anwendung für unethisch halten, weil potenzielle Gesundheit verwehrt wird. Niemand hat das Recht, gesund zu sein (oder schön oder reich). Aber vorsätzlich aus egoistischen Gründen Gesundheit vorzuenthalten, fände ich unverständlich; wie das Verhalten der rauchenden Schwangeren.

  2. Anna sagt:

    Meines Wissens nach ist eine der Befürchtungen, dass dieses Gesetz prinzipiell so ausgeweitet wird, wie es bspw. in der Pränataldiagnostik in den letzten Jahrzehnten geschehen ist. Angefangen hat die Pränataldiagnostik ganz begrenzt.

    Interessant ist dazu bspw. dieser Verein:
    http://www.gen-ethisches-netzwerk.de/
    „Das Gen-ethische Netzwerk e.V. (GeN) wurde 1986 von kritischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, Journalisten, Tierärzten, Medizinern, Politikern und anderen an der Gentechnik interessierten Menschen gegründet. Es vermittelt Informationen und Kontakte zum Thema Gentechnologie und Fortpflanzungsmedizin. Die Aufgabe des Vereins ist die kritische Auseinandersetzung mit diesen Techniken.
    Der Verein dient der Förderung des Dialogs zwischen Bürgerinnen und Bürgern und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Er stellt ein kritisches Gegengewicht dar zu den interessenorientierten Selbstdarstellungen aus Wissenschaft, Industrie und Politik“

    und die entsprechenden Ausführungen. Ich finde diese sehr gut, weil sie die Komplexität des Ganzen darstellen:
    „Von der Schwangerenvorsorge zur Menschenzüchtung – Pränataldiagnostik und Reproduktionsmedizin am Scheideweg“
    http://www.gen-ethisches-netzwerk.de/gid/2/wunder/schwangerenvorsorge-menschenzuechtung-praenataldiagnostik-und-reproduktionsmedizin-am-s

    Es wäre also denkbar, dass nach diesem Muster das Ganze auf alle (unter dieser Methode) angewandt wird, auch auf Eltern, die nicht zur eingegrenzten Zielgruppe gehören.
    Standard sozusagen.

    Fragt sich, was an einem solchen Standard schlecht sein kann?
    Für mich persönlich hängt alles an den Definitionen. Wie schon mal gefragt: Wann ist der Mensch ein Mensch?, aber auch: Was ist krank?, aber auch: Was ist gesund?, aber auch: Was ist menschliches Leben?, aber dann auch: Gibt es wertvolles und weniger wertvolles menschliches Leben? …
    diese Definitionen und Bewertungen sind in der Gesetzgebung sehr gesellschaftsabhängig.

    Wie sieht der Standard in der Pränataldiagnostik aus? Abtreibung, Tötung auf Wahrscheinlichkeitsaussagen hin? Das kann man gut selbst recherchieren. Pränataldiagnostik war sicher so nicht ausgelegt und was aus PID einmal wird, bleibt nun abzuwarten. Es ist aber nicht so, dass sich nur „Christen“ darum kümmern, wie obige Webseite durchaus zeigt.

    Wer möchte sich schon den eigenen Lebenswert von der Gesellschaft oder durch Mehrheitsbeschluss bestimmen lassen?
    Eigentlich kann ich keinen anführen.
    Das Problem ist eher: Meine eigene Meinung dazu kann ich nur mitteilen, wenn ich bereits geboren wurde und mittelungsfähig bin. Bin ich nicht mitteilungsfähig, dann können Andere auch nur entsprechend ihrer Einschätzung für mich bestimmen und jeder Mensch heute hier war nach biologischer Auffassung einmal ein „undifferenzierter Zellhaufen“ und andere mussten entscheiden. Haben wir überhaupt das Recht diese Anderen für unsere Existenz haftbar zu machen?

  3. CK sagt:

    Danke für den interessanten Text, Muriel! Ist nachdenkenswert. Vielleicht habe ich mich rechtlich in der Tat zu schnell festgelegt, aber moralisch hege ich keine Zweifel, dass es falsch wäre, absichtlich Behinderte zu zeugen. Denke fast alle Ärzte würden sich einem solchen Anliegen auch freiwillig verweigern.

    Interessante Frage fällt mir da übrigens grad ein: wäre die absichtliche Zeugung von Behinderten und/oder Kranken nicht ein Verstoß gegen den hippokratischen Eid? In etwa vergleichbar wie wenn ein Feuerwehrmann selber Feuer legen würde. Demnach wäre dann aber der Arzt zu bestrafen, nicht die Eltern.

  4. Anna sagt:

    CK.: „Interessante Frage fällt mir da übrigens grad ein: wäre die absichtliche Zeugung von Behinderten und/oder Kranken nicht ein Verstoß gegen den hippokratischen Eid? In etwa vergleichbar wie wenn ein Feuerwehrmann selber Feuer legen würde. Demnach wäre dann aber der Arzt zu bestrafen, nicht die Eltern.“

    Ist sehr interessant, weil ja unter dieser Methode gerade solche Ergebnisse erwartet werden – neben anderen. Man sucht aber
    gerade die anderen Ergebnisse.

  5. Muriel sagt:

    @CK: Danke für deinen Kommentar. Ich freue mich, dass mein Post bei dir nicht als Angriff rüberkam, so war er nämlich auch nicht gemeint.
    Was den hippokratischen Eid angeht: Der wird heute ja ohnehin nicht mehr abgelegt und ist rechtlich sowieso unerheblich. Davon abgesehen stellt sich die Frage nach derzeitigem Recht ja deshalb nicht, weil PID ohnehin nur in ganz wenigen Ausnahmefällen zulässig ist und ansonsten auf jeden Fall strafbar wäre, ob man nun ein Kind mit roten Haaren selektiert, oder eins mit Mukoviszidose.
    Ich meine natürlich, dass auch der Arzt nicht bestraft werden sollte. Aber mich fragt ja keiner.
    @Anna: Ich bin nicht ganz sicher, worauf die hinaus willst, aber danke für deinen Kommentar.

  6. CK sagt:

    @Muriel: Ich bin eher froh, auch angesichts der hitzigen Debatte bei mir heute auf dem Blog, dass es ausser mir noch andere radikalliberale Befürworter von PID u.ä. gibt. (Radikal verglichen zur eher moderaten Befürwortung des Bundestages und der FDP-Fraktion.) Man kommt sich ja schon so einsam vor und wundert sich über manche seltsamen Stellungsnahmen Andersdenkender.

  7. Muriel sagt:

    @CK: Man darf sich natürlich als Liberaler nicht an einer sozialdemokratischen Partei wie der FDP orientieren…

  8. Christina sagt:

    @ Anna
    Der Artikel ist wirklich gut und macht einen gleichzeitig sehr betroffen!!!

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