Der Kommentar eines Irrsinnigen

Ich habe für den von Stefan Niggemeier angeregten Wettbewerb um den dümmsten voreiligen Beitrag zu den Anschlägen in Oslo eine Ergänzung vorzuschlagen: Georg Paul Hefty hat auf faz.net einen Kommentar verfasst, der insgesamt wohl mit nutzlos und dumm noch ausreichend bewertet ist, aber aus zwei Gründen doch auf einen Spitzenplatz gehört:

Erstens ist es langsam zu spät, um noch die Ausrede eines voreiligen Beitrags zu nutzen. Zweitens bekommt Herr Hefty Bonuspunkte für die dämlichste Verrenkung aller Zeiten, um noch der offenbar ehernen Regel zu genügen, dass alle Mörder immer feige sein müssen:

Wie irrsinnig der Täter von Oslo und Utoya ist, zeigt mehr als sein Handeln der Schlusspunkt, den er zu setzte: er ließ sich von der Polizei festnehmen – ohne sich einerseits zu wehren und damit seine Erschießung zu provozieren oder andererseits sich selbst zu erschießen. Ein Mensch, der im Alter von 32 Jahren, also jenseits von kindischer Uneinsichtigkeit und diesseits von Altersverstocktheit, eine Stunde lang auf Mädchen und Jungen geschossen hat und dabei das Töten beabsichtigt und wohl auch wahrgenommen hat, bildet sich also ein, mit dieser Last fortan leben zu können – und zwar, da es die Todesstrafe in Europa nicht gibt, über Jahrzehnte bis zu seinem natürlichen Ableben.

Wenn sich nicht noch herausstellt, dass diesem Mann eine medizinisch aussichtslose Diagnose gestellt worden war, dann hat die Welt es hier mit einer Mischung aus unfassbarer Grausamkeit den Mitmenschen gegenüber und entlarvender Feigheit sich selbst gegenüber zu tun. 

Äh-hä-bä-dädä- Was?

Noch mal: Dass der Täter sich einfach widerstandslos hat festnehmen lassen, ist sein deutlichstes Zeichen von Irrsinn. Dass er eine Bombe in einer Großstadt gelegt und dann ein paar Jugendliche erschossen hat, ist natürlich auch ein bisschen komisch, aber es reicht offenbar bei Weitem nicht an den Irrsinn heran, danach nicht sterben zu wollen. Das ist der Teil der Tat, den Herr Hefty für wirklich krank hält.

Und die abwegige Vorstellung des Täters, mit der Schuld für all seine Morde weiterleben zu können, ist in Herrn Heftys Augen entlarvende Feigheit sich selbst gegenüber.

Obwohl ich ihm natürlich nicht im Ernst Irrsinn unterstelle, kann ich doch ohne jede Übertreibung behaupten, dass mir unbegreiflich ist, wie man sich so einen Quatsch zusammenfabulieren kann. Es ist jenseits meiner Vorstellungskraft, wie man denken muss, um auf die Idee zu kommen, dass der Wille, mit den Folgen seiner Taten zu leben, nicht nur irrsinniger ist als dutzendfacher Mord, sondern außerdem noch ein Zeichen entlarvender Feigheit.

Die vielen Narren, die hier im Internet so rumlaufen, machen den Hinweis wohl erforderlich: Ich schreibe das nicht, um damit den Täter zu loben. Ich nenne ihn übrigens absichtlich nicht beim Namen. Er ist ein erbärmlicher Idiot, ein Niemand, und ich will ihm nicht mal das vernachlässigbare bisschen zusätzlichen Ruhm verschaffen, das eine Erwähnung in meinem Blog wert wäre. Nennt es meinen Beitrag zu nutzloser Symbolpolitik.

Ich schreibe das, weil ich es für unsere Pflicht halte, der Abscheu gegenüber einem Mörder und seinen Taten nicht die eigene Urteilsfähigkeit zu opfern. Das beginnt bei der schon genannten, mir unverständlichen, Notwendigkeit, jeden Mörder „feige“ zu nennen, und geht weiter bei der Idee, dass es als Erklärung reicht, von Irrsinn zu faseln. Täter haben Gründe. Wahnsinn hat Ursachen, und oft genug Methode. Je besser wir diese Gründe, Ursachen und Methoden verstehen, je offener wir dem Irrsinn ins Gesicht sehen, desto besser können wir uns schützen. Und auch wenn Tim und ich schon wissen, was wir von Herrn Hefty und seinen Kollegen zu halten haben, gibt es doch immer noch Menschen, die die FAZ als Quelle von Weltanschauungen und Meinungen ernst nehmen. Erst wenn das aufhört, ist meine Aufgabe getan.

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14 Responses to Der Kommentar eines Irrsinnigen

  1. Tim sagt:

    Der FAZ-Sportteil soll sehr gut sein, aber leider interessieren mich die sportlichen Aktivitäten fremder Menschen nicht bzw. kaum …

  2. Joan sagt:

    Danke. Dieses Herumgewerfe mit Adjektiven bei der Berichterstattung (oder dem, was welche werden möchte) geht mir manchmal auch auf den Keks. Aber vor allem diese hilflosen Psychologisierungsversuche… und wenn er eine medizinisch aussichtslose Diagnose hat, dann ist es nicht mehr grausam und feige, oder wie?

  3. Muriel sagt:

    @Tim: Das Problem habe ich auch.
    @Joan: Ich will nicht behaupten, mich in das verworrene Gehirn von Herrn Hefty versetzen zu können, aber was ich mir grob zusammenreimen kann, geht ungefähr so, dass es feige ist, nach so einem Anschlag weiterleben zu wollen, also nicht den Mumm zu haben, sich dem Tod zu stellen.
    Wenn der Täter aber weiß, dass er sowieso bald stirbt, dann ist dieses Argument ja nicht mehr anwendbar.
    Himmel, jetzt hab ich Kopfschmerzen!

  4. Joan sagt:

    @Muriel: Das tut mir leid^^. Je länger ich über diesen Ausschnitt nachdenke, umso faszinierender finde ich die Frage, woher Herr H. das zu wissen meint, was er da so sicher von sich gibt… jetzt krieg ich auch Kopfschmerzen.

  5. Das ist ja fast so klasse wie die Behauptung von n-tv (am Freitag, kurz nach dem Bombenattentat in Oslo), im in die Luft gesprengten Zeitungsbüro seien die Mohammed-Karikaturen gepinselt worden: Dänemark, Norwegen – Hauptsache Skandinavien!
    Sie hätten auch gleich Argentinien sagen können, weil die ja auch Tango tanzen, wie die Finnen, und die sind schließlich auch Nordeuropäer.

  6. Thomas sagt:

    Hätte sich der Täter vor seiner Festnahme selbst erschossen, der Vorwurf hätte vermutlich gelautet, er habe sich „feige der Verantwortung für seine Taten entzogen“. Feige bleibt halt feige, und basta… 😦

  7. Dietmar sagt:

    Ich finde es ja schon sehr dankenswert, wenn auf berichterstattenden Seiten die Kommentarfunktion zu diesem Thema deaktiviert ist. Es ist nämlich schon oft genug schlimm genug, was die Autoren der Artikel da verzapfen. Ich meine, die wissen doch, dass sie etwas schreiben müssen. Warum ist da kein Gedanke zu blöd, um als durchdacht verkleidet seinen Weg in die Veröffentlichung zu finden?

  8. Muss einem ja nicht zusagen, was der FAZ-Mann schreibt. Aber ihn gleich als irrsinnig zu bezeichnen, halte ich für anmaßend.

  9. Muriel sagt:

    @Hermine Hagestolz: Nett, dass du vorbeischaust, willkommen bei überschaubare Relevanz.
    Mit deiner Einschätzung hast du wohl Recht. Vielleicht habe ich deshalb auch ausdrücklich geschrieben, dass ich Herrn Hefty nicht im Ernst für irrsinnig halte…

  10. Auch seinen Kommentar finde ich nicht irrsinnig. Er hat halt eine andere Sicht der Dinge als Du. Ein bisschen mehr Toleranz könnte Dir nicht schaden. Auch Du hast die Wahrheit nicht gepachtet.

  11. Muriel sagt:

    @Hermine Hagestolz: Ich toleriere die Meinung von Herrn Hefty ja. Aber ganz im Ernst: Ich finde, sein Kommentar ist mit „irrsinnig“ noch sehr freundlich umschrieben. Das kann natürlich daran liegen, dass ich ihn nicht verstehe. Vielleicht kannst du ja erklären, inwiefern zum Beispiel der von mir zitierte Absatz Sinn ergibt. Ich würde mich freuen.

  12. malefue sagt:

    @Hermine Hagestolz: wenn deine toleranz bedeutet nicht mehr seine meinung über andere sagen zu dürfen, dann will ich sie nicht haben.

  13. […] mich sind das Gegensätze. Aber wir wollen nicht vorschnell urteilen. Wir wollen nicht intolerant sein. Lassen wir ihn erkläen, was er meint: Norway does not allow for capital punishment, and the […]

  14. FDominicus sagt:

    Ich bin ja sowas von durch mit der FAZ, aber auch dem Spiegel und wie unsere schönen bunten Blätter alle heissen. Dazu noch ein „kranker“ Informationsapparat namens „öffentlich-rechtlicher Rundfunk“ und die Tage sind „gelaufen“.

    Man denkt irgendwo gäbe es keine politisch korrekte, sich empörende Zeitung und egal in welche Zeitung man schaut.

    „Lasst uns die Welt retten …“ Und in diesem Fall hat sich speziell der Spiegel selber „untertroffen“ und das ist wirklich eine stramme Leistung.

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