Both Sides

Na gut. Es geht hier eigentlich um ein bisschen was anderes, aber ich denke, es ist ein Symptom derselben Krankheit:

Aus ideologischer Verbohrtheit in die Zahlungsunfähigkeit? Im amerikanischen Schuldenstreit verstärken Demokraten und Republikaner die Front mit Stacheldraht. Es kann ganz übel ausgehen und das nicht nur für Amerika.

Beide Seiten behaupten, dass sie den Kompromiss wollten, arbeiten aber nicht wirklich darauf hin

Tja. Naja… Wie soll ich sagen? Natürlich ist es immer schwierig, aus der Außensicht auf eine Verhandlung zu erkennen, wer wirklich auf einen Kompromiss hinarbeitet und wer nur so tut. Natürlich sind es irgendwie immer beide Seiten, die einige Einigung verhindern, denn jede Seite könnte ja jederzeit einfach allen Forderungen der anderen zustimmen, und schon wäre die Einigung da.

Aber in einer Situation, in der ziemlich offensichtlich eine Partei immer wieder Zugeständnisse macht und die andere Partei immer nur ablehnt und blockiert und fordert, davon zu sprechen, dass „beide Seiten“ nicht wirklich auf einen Kompromiss hin arbeiten und „die Front mit Stacheldraht verstärken“, das ist schon dicht an der Grenze zur Lüge.

Ich schreibe das nicht, weil mir die Position der Demokraten außerordentlich sympathisch wäre. Gerade in der Wirtschafts- und Steuerpolitik stehe ich den Republikanern manchmal viel näher. Ich will mir auch gar nicht anmaßen, abschließend darüber zu urteilen, ob die unflexiblen Forderungen der Republikaner vielleicht berechtigt und total vernünftig waren. Es ist ja nicht einmal immer was Schlechtes, sich auf keinen Kompromiss einzulassen. Die Wahrheit liegt manchmal komplett und vollständig und ausnahmslos auf einer Seite, und manchmal ist jeder Kompromiss inakzeptabel.

Aber das alles ändert nichts daran, dass in diesem Konflikt eine Partei immer wieder zu Zugeständnissen und Kompromissen bereit war, während die andere stur und unnachgiebig auf ihren Forderungen beharrte. Und wer etwas anderes berichtet, vernebelt die Wahrheit, verzerrt die Wahrnehmung der Öffentlichkeit und tut also genau das Gegenteil von dem, was Medien eigentlich tun sollten.

Sicher, man wirkt halt so schön objektiv und unvoreingenommen, wenn man beiden Seiten gleichermaßen die Schuld gibt. Ich kann das einigermaßen verstehen. Aber wie die Wahrheit, verteilt sich auch die Schuld nur selten gleichmäßig auf beide Seiten. Und gerade in einer Zeit, in der die traditionellen Medien zumindest so tun, als müssten sie um ihre nackte Existenz kämpfen, verstehe ich andererseits nicht, dass sie sich nicht ein bisschen mehr Mühe dabei geben, das zu tun, was ihr einziger echter Wettbewerbsvorteil gegenüber dem kostenlosen Internet sein könnte: Sie haben die Ressourcen, nicht nur detailliert zu recherchieren, sondern auch gründlich zu analysieren und ihren Kunden so zu helfen, die Welt besser zu verstehen. Ich verstehe nicht, warum sie sich damit nicht mehr Mühe geben.

Man müsste fast den Verdacht äußern, dass es an der Nachfrage fehlt.

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11 Responses to Both Sides

  1. Tim sagt:

    Hm, ich bin mir gar nicht so sicher, ob unsere Medien wirklich beiden Seiten gleichermaßen die Schuld an der festgefahrenen Situation geben. Sogar Regionalzeitungen haben inzwischen ja bemerkt, daß es so etwas wie die Tea Party und ihre radikalen Forderungen gibt, von denen ihre Vertreter keinen Zentimeter abweichen. Den Demokraten wird doch in der Debatte viel mehr Sympathie entgegengebracht. Oder habe ich da etwas versäumt?

    Andererseits finde ich, daß so mancher Journalist auch ruhig mal erwähnen könnte, daß in den USA eigentlich der einzelne Bundesstaat der Fixpunkt ist, weniger die Bundesregierung. Die hat in den letzten Jahrzehnten so viel Fett angelegt und Kompetenzen an sich gezogen, daß sie beinahe wie die Regierung eines europäischen Landes wirkt. Für viele Amerikaner ist das ein unerträglicher Gedanke. Die USA sind (von ihrer Verfassung her und in der Mentalität vieler Amerikaner) viel mehr Föderation, als die meisten Europäer es wahrhaben wollen. So absurd sind die Forderungen der Tea Party nun wirklich nicht, auch wenn das Personal der Bewegung vulgär und wenig gebildet ist.

  2. Muriel sagt:

    @Tim: Unsere Medien sind da durchaus vielfältig. Eine oberflächliche Google-Analyse ergab, dass sich durchaus auch die meiner Meinung nach richtige Einschätzung findet, bei SpOn zum Beispiel. Aber in diesem FAZ-Kommentar klingt das eben ganz anders.
    Auch in den US-Medien gibt es diese Tendenz, und ich dachte, ich schreib mal kurz was dazu.

    So absurd sind die Forderungen der Tea Party nun wirklich nicht, auch wenn das Personal der Bewegung vulgär und wenig gebildet ist.

    Manche Forderungen schon, wenn ich zum Beispiel an Abtreibung und Ehe denke. Und ansonsten meine ich, wenn jemand im Ernst Barack Obama als eine Art sozialistischen Hitler darstellen will, dann verliert er damit jede Berechtigung, ernst genommen zu werden.

  3. DasSan sagt:

    Zum Thema absurde Forderungen – was ist mit der Forderung, für den finanziellen Ausgleich lieber Sozialleistungen zu streichen als die Steuern anzuheben?
    Mein Eindruck ist ja, dass bei den Sozialleistungen in den USA nicht mehr viel Luft nach unten ist, bei den Steuern aber noch Luft nach oben.
    Wie sieht es damit aus? Ich lasse mich da durchaus belehren.

  4. Tim sagt:

    Manche Forderungen schon, wenn ich zum Beispiel an Abtreibung und Ehe denke.

    Sind das Tea-Party-Forderungen? Ich hatte die immer hauptsächlich mit Steuerthemen in Verbindung gebracht. Die Tea Party ist ja längst nicht identisch mit den Republikanern.

    Und ansonsten meine ich, wenn jemand im Ernst Barack Obama als eine Art sozialistischen Hitler darstellen will, dann verliert er damit jede Berechtigung, ernst genommen zu werden.

    Diese Leute haben teilweise sehr starke Überschneidungen mit libertären Positionen. Wie würdest Du aus libertärer Sicht denn eine Pflichtkrankenversicherung bezeichnen? Ich finde, der Begriff „sozialistisch“ trifft es sehr gut.

    Mein Eindruck ist ja, dass bei den Sozialleistungen in den USA nicht mehr viel Luft nach unten ist,

    Die Sozialleistungen sind (wie in jedem westlichen Land) immerhin der mit Abstand größte Haushaltsposten der US-Regierung, also wird man hier auch am meisten kürzen. Das ist doch nicht anders als bei uns.

    Übrigens, hat die Tea Party inzwischen nicht auch Militärkürzungen zugestimmt? Findet Ihr das nicht bemerkenswert?

  5. Muriel sagt:

    @Tim:

    Sind das Tea-Party-Forderungen?

    Soweit ich weiß, ja.

    Ich hatte die immer hauptsächlich mit Steuerthemen in Verbindung gebracht.

    Ich weiß nicht, wie offiziell diese Seite ist, aber nach http://www.teaparty.org/about.php lauten die 15 nicht verhandelbaren (!) Kernforderungen:

    NON-NEGOTIABLE CORE BELIEFS OF THE TEA PARTY
    1. Illegal Aliens Are Here Illegally.
    2. Pro-Domestic Employment Is Indispensable.
    3. Stronger Military Is Essential.
    4. Special Interests Eliminated.
    5. Gun Ownership Is Sacred.
    6. Government Must Be Downsized.
    7. National Budget Must Be Balanced.
    8. Deficit Spending Will End.
    9. Bail-Out And Stimulus Plans Are Illegal.
    10. Reduce Personal Income Taxes A Must.
    11. Reduce Business Income Taxes Are Mandatory.
    12. Political Offices Available To Average Citizens.
    13. Intrusive Government Stopped.
    14. English As Core Language Is Required.
    15. Traditional Family Values Are Encouraged.

    Davon sind nach meinen Maßstäben die Nummern 1 bis 5, 12, 14 und 15 aus verschiedenen Gründen absurd. Das heißt natürlich weder, dass ich bei jedem davon schon die grundsätzliche Richtung verkehrt finde, noch, dass mit den übrigen sieben von mir aus alles rundum in Ordnung wäre. Als nicht verhandelbare Grundpositionen finde ich sie eigentlich alle ziemlich missglückt. Und welchen Sinn hat es eigentlich, in einem Katalog mit solchen nicht verhandelbaren Kernüberzeugungen noch so Ausdrücke wie „Mandatory“ oder „A Must“ zu benutzen? Na gut, egal, und vielleicht ist das ja auch wirklich keine offizielle „Tea Party“-Liste.

    Diese Leute haben teilweise sehr starke Überschneidungen mit libertären Positionen. Wie würdest Du aus libertärer Sicht denn eine Pflichtkrankenversicherung bezeichnen? Ich finde, der Begriff „sozialistisch“ trifft es sehr gut.

    Ich habe schon bewusst noch den Hitler dazugeschrieben. Darüberhinaus habe ich auch einige sehr starke Überschneidungen mit libertären Positionen und halte trotzdem Leute, die in Obama im Ernst einen sozialistischen Diktator sehen, entweder für Armleuchter oder für ernsthaft in ihrer Wahrnehmung der Realität gestört. Und das, obwohl ich dir zustimme, dass eine Pflichtkrankenversicherung eine ziemlich sozialistische Idee ist.

    Übrigens, hat die Tea Party inzwischen nicht auch Militärkürzungen zugestimmt? Findet Ihr das nicht bemerkenswert?

    Ich weiß nicht, inwieweit man wirklich sagen kann, die Tea Party hätte dem zugestimmt (Das ist kein Widerspruch, sondern wirklich nur die Mitteilung, dass ich es nicht weiß.), aber falls sie es hat, ist das wirklich bemerkenswert in Anbetracht von unverhandelbarer Grundüberzeugung Nr. 3.
    @DasSan: Ich fürchte, ich weiß zu wenig über das Steuer- und Sozialsystem der USA, um fundiert zu der konkreten Situation dort Stellung zu nehmen. Tendenziell bin ich zwar der Meinung, dass zumindest die westlichen Industriestaaten besser über Ausgabenkürzungen nachdenken sollten als über Steuererhöhungen, aber wie genau man das in den USA austarieren sollte, kann ich nicht beurteilen.

  6. Muriel sagt:

    @Tim, Nachtrag: Falls noch Zweifel bestehen:
    (Yes, We Are A Christian Nation)

  7. DasSan sagt:

    Ja, ich habs befürchtet, es ist kompliziert. Sieht ganz so aus, als müsste ich mich noch selbst in die wirtschaftliche Materie einlesen.
    Ich bin ja eher pro-demokratisch, aber seid ihr der Meinung, dass die (gemäßigten) Republikaner die überzeugenderen und potentiell erfolgreicheren politischen Ansätze haben und wenn ja, warum?

  8. Muriel sagt:

    @DasSan: Ich muss da sehr vorsichtig sein, weil ich wenig über die Republikaner weiß.
    Dass ich generell eher befürworte, dass der Staat sich möglichst aus dem Leben seiner Bürger heraushält, dürfest du ja wissen, und da scheinen wirtschaftlich eben die Republikaner die liberalere Partei zu sein. Sie lehnen staatliche Eingriffe in die Wirtschaft generell ab und sind tendenziell eher für Einschnitte auf Seiten der Ausgaben und für Steuersenkungen.
    Wie ich sie derzeit wahrnehme, sind mir die Demokraten trotzdem erheblich sympathischer. Sie sind mir zwar wirtschaftlich und sozial zu weit links, aber das empfinde ich gegenüber dem Bild, dass die Republikaner derzeit abgeben, als das bei Weitem kleinere Übel. Schon vor der Tea Party war mir deren unaufrichtiges Gehabe, die christliche Politik und diese konservative Gängelei in Bezug auf Abtreibung, Homosexualität und andere gesellschaftliche Fragen zuwider.

  9. Tim sagt:

    Ich bin ja eher pro-demokratisch, aber seid ihr der Meinung, dass die (gemäßigten) Republikaner die überzeugenderen und potentiell erfolgreicheren politischen Ansätze haben und wenn ja, warum?

    Puh, gute Frage. Sowohl Republikaner als auch Demokraten vertreten ja Positionen, die bei uns in vielen Punkten deutlich rechts von der CSU stünden. Bei den Republikanern müßte man wohl sehr viele Quatschpositionen entfernen, bis ich sie für eine halbwegs plausible Partei halten könnte. Die Demokraten sind aus meiner Sicht viel heterogener und immer ein bißchen Wischi-Waschi, eigentlich habe ich keine Meinung zu ihnen … Immerhin haben sie in einem konsequenten Akt ihren Ober-Wischi-Waschi ins Präsidentenamt gehievt. 🙂

  10. Tim sagt:

    Sorry, war @ DasSan.

  11. DasSan sagt:

    Danke für eure Meinung!
    @muriel: Du hast völlig recht, solche Auffassungen zum Thema Homosexualität und Abtreibung und diese seltsame Waffenobsession finde ich auch abstrus, damit disqualifizieren sich diese Leute für mich.

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