Voices in my head

Ich mag den Begriff Sommerloch ja nicht so, weil ich ihn für eine Ausrede halte. Wenn man wirklich will, findet man interessante Themen, über die man schreiben kann, die die Leser wirklich bewegen und brisante Erkenntnisse bereithalten. Wenn man wirklich will, kann man zu jeder Jahreszeit aufrütteln, Bewusstsein schaffen, für Probleme sensibilisieren und die Welt verbessern.

Ich will aber nicht.

Stattdessen nehme ich deshalb ein gerade gefundenes Beispiel für einen der vielen Aspekte an religiösem Glauben, die ich einfach immer wieder nicht fassen kann, wenn sie mir unterkommen: Die Sinnlosigkeit der Geschichten, in denen ein Gott angeblich eingegriffen hat, um seine Anhänger zu schützen. Ebenfalls zum Schutze der Unschuldigen verlinke ich die Quelle dieser Geschichte nicht und beschränke mich darauf zu versichern, dass sie echt ist. Die Geschichte ist kurz und geht so:

Jemand fährt regelmäßig Moped, aber in der Regel ohne Helm. Eines Tages, auf dem Weg zur Arbeit, hört er eine Stimme, die ihm sagt: „Halt an und setz deinen Helm auf!“ Er tut es, und wird wenig später auf einer Kreuzung von einer unachtsamen Autofahrerin gerammt. Der Helm wird dabei zerstört, aber er kommt mit leichten Verletzungen davon.

Merkt ihr, was ich meine? Und die Geschichten, die ich kenne, sind alle so. An was für einen Gott glauben denn diese Leute? Was für ein lächerlicher Harlekin und was für ein widerliches Ekel von einem Gott ist denn das, der das Opfer eines Verkehrsunfalls vorher bittet, einen Helm aufzusetzen, statt… Ich weiß nicht, zum Beispiel die Autofahrerin rechtzeitig zu warnen und so den Unfall ganz zu verhindern? Oder – falls die Frau im Auto eine dieser verstockten Atheistinnen ist, die ihr Herz gegen Jahwe Elohim verhärtet haben und ihn ignorieren, wenn er mit ihnen spricht – dem Mopedfahrer zu sagen: „Halt an, setz deinen Helm auf, und dann warte noch zwei Minuten hier.“? Das hätte auch gereicht. Er könnte die beiden Fahrzeuge auch einfach kurzfristig entkörpern und einander unberührt passieren lassen. Wir reden immerhin über den allmächtigen Schöpfer des Universums. Sowas dürfte buchstäblich kein Aufwand für ihn sein. Aber nein, er verhindert den Unfall nicht, obwohl er lange vorher davon weiß. Er bittet den Mopedfahrer stattdessen nur, seinen Helm aufzusetzen.

Und sogar, wenn wir den Aspekt der Idiotie mal außen vor lassen: Was denken wir gemeinhin über jemanden, der einen Verkehrsunfall kommen sieht und sich bewusst entscheidet, diesen nicht zu verhindern, obwohl er beide Opfer mühelos hätte warnen können? Staunen wir über die grenzenlose Liebe dieses Menschen, nennen ihn vollkommen in seiner Güte und beten ihn an? Manche Christen sehen das wohl so. Für mich ist so jemand ein unfassbarer Armleuchter. Und, ja, das ist irgendwie Kleinkram, aber ich kann mich immer wieder und wieder und wieder und wieder und wieder und wieder und wieder und wieder und wieder und wieder und wieder und wieder und wieder darüber aufregen, was Religion mit dem Verstand und der Moral und dem Selbstwertgefühl ihrer Opfer macht.

So.

Zurück zum Sommerloch.

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31 Responses to Voices in my head

  1. Muriel sagt:

    Und was ist das überhaupt für eine komische Idee, dass ich den christlichen Gott nicht hören kann, wenn ich mein Herz gegen ihn verhärte oder sonstwie gerade nicht in Stimmung bin?
    Ich kann zu Leuten reden, die mich nicht mögen, und sie können mich trotzdem hören, und sogar Leute, die bisher nicht an meine Existenz glauben, kann ich ansprechen, und noch nie hatte jemand Probleme, meine Stimme zu vernehmen.
    Und Jahwe kriegt das nicht auf die Reihe?
    Ach…

  2. TakeFive sagt:

    Das muss irgendwas mit der Willensfreiheit zu tun haben, die ja so wichtig ist. Also gegen die Entkörperung und das unberührte Passieren könnte man sich ja gar nicht wehren, das wäre ja ein viel zu großer Eingriff in die Schöpfung.
    Wenn man aber so eine Stimme hört, tja dann wird man auf die Probe gestellt! Und wenn man die Einflüsterungen des Allmächtigen dann ignoriert (a.k.a. chronische Herzverhärtung), dann hat man seinen freien Willen falsch benutzt und kommt ohne Helm unter die Räder: Selber schuld!

  3. Guinan sagt:

    Wenn ER wirklich will, dann verschaft er sich schon Gehör, und dann hört ihn auch ein Saulus. ER will aber nicht immer.

    OT: Ist Kreuznet eigentlich eine Satireseite oder sind die da echt so?

  4. Muriel sagt:

    @TakeFive: Das muss es wohl sein, ja. Und wir alle wissen, dass wir ohnehin viel Schlimmeres verdient haben als so einen mickrigen Unfall, und dass wir dem HERRN dankbar sein müssen, dass er uns unser eigentlich verdientes Schicksal erspart.
    @Guinan: Soweit ich weiß, gilt Kreuznet sogar unter den meisten Christen als ein Hort des Wahnsinns. Aber die meinen es ernst. Oder haben einen sehr subtilen Humor. Naja, eigentlich gar nicht so subtil, aber… Du weißt schon.

  5. Guinan sagt:

    @ Muriel: Wahnsinn, ja, das ergibt Sinn.

  6. DasSan sagt:

    Aber Leute, wie soll der Typ denn sonst lernen, dass er gefälligst einen Helm aufsetzen soll, weil das sonst zu gefährlich ist?
    Wenn der Unfall nicht stattfinden würde, wäre ja der Lerneffekt futsch, Gott hat uns doch alle lieb und will uns eine wohlmeinende Lehre erteilen.

  7. Chaim sagt:

    Kannst du mal bitte Jahwe Elohim aus dem Spiel lassen, du goj? Merci beaucoup.

  8. Muriel sagt:

    @Chaim: Warum denn?

  9. Chaim sagt:

    Weil Jahwe Elohim Ivrit ist, und das ist bekanntlich unsere Sprache, und nicht die der Christen. Ich fühle mich deswegen nicht in meinen nicht vorhandenen religiösen Gefühlen verletzt, aber ein bisschen beleidigt mich das schon.

  10. Muriel sagt:

    @Chaim: Naja. Das ist halt einer der Namen, unter denen der biblische Gott läuft, und ich sehe nicht, wieso es jemanden beleidigt, wenn man diesen Namen benutzt. Irgendeiner Sprache muss ich ihn ja zwangsläufig entnehmen. Ich bin doch auch nicht beleidigt, wenn jemand ihn in meiner Sprache „Gott“ nennt, oder „Herr“.
    Alternativ könnte ich den Gott der Bibel in Zukunft Gnampf nennen, oder sowas, dann würde ich wohl jede Beleidigungsgefahr ausschließen, falls ich nicht zufällig ein Wort erwische, das doch wieder in irgendeiner Sprache was bedeutet, aber das hätte wiederum den Nachteil, dass niemand wüsste, von wem ich rede.
    Hast du einen praktikablen Lösungsvorschlag für mich?

  11. Chaim sagt:

    Du hast glaube ich nicht verstanden, was ich mit „unsere Sprache“ meine. „Jahwe Elohim“ ist ein eindeutig jüdisch konnotierter Ausdruck für Gott – im Zusammenhang mit der eindeutig antisemitischen Hetzseite kreuz.net ist das also nicht nur falsch, sondern auch geschmacklos. Wenn du „Judenkirche“ statt „Synagoge“ schreiben würdest, wär das die gleiche Sache. Einfach inkorrekt.
    Und komm bitte nicht mit dem „dein unsichtbarer Freund im Himmel“-Ding. Darum geht es nämlich nicht.

    Andererseits: Was erwarte ich schon von einem potz, der in einem Beitrag über einen dummen Rebbe sich nicht einmal traut, das eklige Wort mit J zu schreiben.

  12. Chaim sagt:

    Und: Nein, *den* Gott der Bibel gibt es nicht. (Und Gott an sich vermutlich auch nicht.) Es gibt den Tanach, und es gibt diese andere Ding, mit Jesus als eigentlicher Hauptfigur.

  13. Sommerloch heißt ja nicht, dass nichts passiert. Vielmehr will es (mir sagen), dass die Leute im Sommer anderes zu tun haben, als sich mit dem rumzuschlagen, was es schon im Frühling, Herbst und Winter nicht wert ist.

    Bezüglich des Artikels empfehle ich Dario Pizzano, der könnte Dir was erzählen!

  14. whynotveroni sagt:

    @Chaim: Ich kenne mich mit dem juedischen Glauben ja fast gar nicht aus. Wie stellt ihr euch euren Gott denn so vor? Wie wuerde der denn bei der Sache mit dem Motorradfahrer ohne Helm vorgehen? (Ich bin christlich evangelisch aufgewachsen, kann diesen Glauben aber inzwischen nicht mit meinem wissenschaftlichen Weltbild in Einklang bringen.)

    Zum Post: Ich glaube an den Occam’s Razor: nimm das einfachstmoegliche Modell, das deine Welt erklaert. (Also kein unsichtbarer Pumuckl, sorry Muriel.) Und bisher hat mir noch niemand beim Radfahren (ich habe gar kein Motorrad 🙂 ) zugefluestert, ich solle einen Helm tragen. Ich kenne auch niemandem, dem das passiert ist. Einem Kollegen ist letztens der Sattel waehrend der Fahrt abgebrochen und er hat sich das Schienbein recht kompliziert gebrochen… (Er trug einen Helm.)

    Wenn mir sowas wie dem Motorradfahrer passieren wuerde, wuerde ich mir halt denken „Gut, dass du heute den Helm aufgesetzt hast.“ Und wenn ich in ’ner ekligen Situation ist, muss ich mich anstrengen, da rauszukommen oder das beste draus zu machen. Und sehr oft bin ich an solchen Situationen auch irgendwie selbst Schuld. (Nein, ich glaube nicht, dass das Pruefungen sind, wenn ich ’ne Eselei begehe, hohe Risiken eingehe, mich nicht informiere oder das falsche esse. Das hat alles meist recht weltliche Ursachen, auch wenn ich die ausloesenden Faktoren nicht komplett uebersehe oder beherrsche…)

    Auch mal OT:
    Ich suche ja immer noch den Physiker, der Homoeopathie mit quantenmechanischen Ansaetzen erklaeren kann… wenn sich die Wellfunktionen der Teilchen irgendwann mal begegnet sind, vielleicht aendern sie sich dann irgendwie subtil, so dass eine Wirkung entsteht, auch wenn das verursachende Teilchen die Loesung/Medizin schon laengst verlassen hat…

  15. Chaim sagt:

    @veroni: Unser Gott würde den Helm verstecken und, wenn der Motorradfahrer dann im Sterben liegt, sagen: Ich hab dir doch gesagt, du sollst nicht ohne Helm fahren.

    Nehme ich an.

  16. Muriel sagt:

    @Chaim: Du scheinst ein Freund offener Worte zu sein. Das kommt mir sehr entgegen. Es gibt eine Grenze für das Maß an Unverschämtheit und Dummheit, das ich in einem Gespräch akzeptiere. Die hängt unter anderem davon ab, wieviel Zeit ich gerade habe, wie sympathisch mir der Gesprächspartner ist und wie ich gerade gelaunt bin. Insofern war das für dich schwer im Vorhinein einzuschätzen, aber du hast sie jedenfalls überschritten. Der Dialog ist also von meiner Seite zu Ende. Falls du alleine oder mit anderen weiter rumtrollen möchtest, darfst du aber gerne. @Matthias Schumacher: Wie immer viel Weisheit. Aber Dario wer?

  17. Chaim sagt:

    Mit dem Juden spricht man nicht, man spricht nur über ihn. Hält auch der Herr Silberstreif so. Oj vej. Bitch.

  18. whynotveroni sagt:

    Nicht ganz OT… kam gerade ueber google plus:
    http://twitpic.com/60cyvb

  19. Na Dario Pizzano. Im Grunde ein Netter. Google den mal… gibt nette Filme und eine Website. Dario wurde erweckt, ER kam über ihn… oder über ihm? Wie sagt man gleich?

  20. notizn sagt:

    @ whynotveroni

    Ich glaube an den Occam’s Razor: nimm das einfachstmoegliche Modell, das deine Welt erklaert.

    Ich fand Ockhams Gedanken nie sonderlich einleuchtend, denn das einfachste Modell der Welterklärung ist: Alles ist so, weil der Klabautermann es so will.

  21. Tim sagt:

    Äh, notizn = Tim. Was ist denn hier los?

  22. malefue sagt:

    @notizn: das erklärt gar nichts.

  23. Tim sagt:

    @ malefue

    Richtig, denn der Wille des Klabautermanns ist unergründlich.

  24. Dietmar sagt:

    Ein Klabautermann als Erklärung wäre aber schon gewaltig kompliziert. Im Ernst jetzt.

  25. Muriel sagt:

    @whynotveroni: Dieses Schreiben von dem Pfarramt ist interessant. Ich habe gerade mal bei denen angefragt, ob es echt ist.
    Über deine quantenmechanischen Ideen zur Homöopathie sollten wir uns übrigens unbedingt mal ganz ernsthaft unterhalten…
    @Matthias Schumacher: Danke für den Hinweis. Auf solchen Schweinkram steh ich.
    @Tim: malefue und Dietmar haben Recht.

  26. Dietmar sagt:

    Nächtens lugte ich in eine dieser Kriminal-Fall-Sendungen aus USA rein. Da sagte ein Angehöriger, dessen Familienmitglied brutal ermordet worden ist, dass der Täter nach Jahrzehnten (wenn ich das richtig erinnere und verstanden habe) gefasst wurde, sei Gott zu verdanken, weil er dafür gesorgt habe, dass der Täter bestimmte Spuren zurückgelassen hat. Ist ja logisch. Da hat der Gute in die Zukunft gesehen und sich gedacht, in 20 Jahren gibt es DNA-Analyse-Verfahren, die können dann mit diesen Spuren etwas anfangen, damit dieser furchtbare Tod dieses lieben Menschen an dem Mörder gesühnt werden kann, der bis in sein Rentenalter unbehelligt leben wird.

    Oh Mann …

  27. Ich weiß ja nicht, ob nur mir das aufgefallen ist… aber wenn der Mann nicht angehalten hätte, um den Helm aufzusetzen, wäre er auf besagter Kreuzung nie auf die besagte Unfallfahrerin getroffen, weil er sie schon vorher passiert hätte. Er war zur falschen Zeit am falschen Ort und das war in diesem Fall doch die Schuld der Stimme – wenn das tatsächlich irgendein Gott war, hat der einen makaberen Sinn für Humor (und Lernprozesse natürlich) 😉

  28. Muriel sagt:

    @nothingelse89: Hey, schön, mal wieder von dir zu hören!
    Interessanter Aspekt. Aber der christliche Gott war ja auch in der Bibel schon immer… was Besonderes.

  29. whynotveroni sagt:

    @Muriel: Naja, da ich kein Experimentalphysiker bin, fehlen mir die Mittel, auch nur im Ansatz ein Experiment zu designen, dass diese These belegen oder widerlegen koennte. Aber wenn du einen kennst… 🙂

  30. Muriel sagt:

    @whynotveroni: Wenn ich einen kennen würde, der auf mich hört, würde ich ihn erstmal nach einer gravitationstheoretischen Erklärung dafür suchen lassen, wie Hexen auf Besen fliegen können. Das ist sicher Geschmackssache, aber für deine These musst du dir jedenfalls deinen eigenen Physiker suchen.

  31. […] Die Angst der Menschen ist der Vater aller Götter. Ein weiteres typisches Argument ist die göttliche Intervention. Genauso wie Jules in Pulp Fiction glaubte, dass Gott persönlich die Kugeln von ihm ferngelenkt […]

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