Off is the general direction in which I wish you would fuck

Magnus Gäfgen wurde zu einer Freiheitsstrafe verurteilt, weil er ein Kind ermordet hat. Im Laufe der Ermittlungen hat ein Polizeibeamter ihm angedroht, ihm würde ein Wahrheitsserum verabreicht werden, und ein Folterexperte würde ihm „unvorstellbare Schmerzen“ zufügen. Das Landgericht Frankfurt (Main) hat Herrn Gäfgen deshalb eine Entschädigung in Höhe von 3.000 Euro zugesprochen. Ich denke, dazu muss man gar nicht besonders viel sagen, aber eine Bemerkung finde ich doch wichtig.

Es ist keine Bemerkung zum Urteil selbst, sondern eine Bemerkung zu einigen Personen, die meinten, es kommentieren zu müssen. Eine Bemerkung zu Leuten wie dem Sprecher der Organisation „Weißer Ring“, Herrn Helmut Rüster („Jeder Cent war hier zu viel.“ „Ein Urteil, das die Bürger nicht verstehen können.„), oder dem Bundesvorsitzenden der Volksfront von Judäa Gewerkschaft der Polizei, Herrn Bernhard Witthaut (die Entscheidung sei „emotional nur sehr schwer erträglich“ und dürfe nicht zur Folge haben, „„dass die Polizei in Vernehmungssituationen nicht mehr intensiv nachfragen darf„), oder dem Bundesvorsitzenden der Judäischen Volksfront Deutschen Polizeigewerkschaft, Herrn Rainer Wendt („Das Urteil lässt die eigentliche ungeheuerliche Tat – die Ermordung eines Kindes – in den Hintergrund treten.„), oder dem Vorsitzenden des Bundestagsinnenausschusses, Herrn Wolfgang Bosbach („Das Urteil ist ein Schlag ins Gesicht der Eltern und Angehörigen des Opfers Jakob von Metzler.„, „Dass hier ein Mörder eine Entschädigung bekommt, ist für mich völlig unverständlich.„)

Es fällt mir schwer, dafür die richtigen Worte zu finden. Vielleicht so: Dass Leute in solchen Positionen eine derart erbärmliche Verkennung des Wesens von Menschenrechten, des Inhalts der Menschenwürdegarantie in unserem Grundgesetz, des Rechtsstaatsprinzips an sich und nicht zuletzt auch ihrer eigenen Pflichten äußern können, ohne dass jemand dafür auch nur ihren Rücktritt fordert, während Heiner Geißler eigentlich nur noch die Anzeige wegen Volksverhetzung fehlt, weil er „totaler Krieg“ gesagt hat, ist eine Schande, und es zeigt, wie viel noch zu tun ist in diesem großen, wahrscheinlich nie ganz abgeschlossenen Projekt namens „Aufklärung“.

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17 Responses to Off is the general direction in which I wish you would fuck

  1. madove sagt:

    Ich hatte von irgendwelchen Stammtischen nichts anderes erwartet, aber diese Herren bestätigen u.a. meine Vorurteile gegen Polizisten, die ich eigentlich normalerweise ziemlich erfolgreich nicht zu haben versuche.
    Opferverbänden kann ich es vielleicht irgendwie nachsehen (was bedeutet, ich kann sie nicht ernst nehmen. Ob sie das wollen?), aber die anderen drei sind unverzeihlich und erschreckend.

  2. madove sagt:

    P.S. Ich mag den Titel.

  3. Günther sagt:

    Ja, dieses „ein Urteil, das die Menschen nicht verstehen“ habe ich auch schon irgendwo gelesen. Als ob das ein Argument wäre. Besonders schön, wenn es in einer Zeitung geschrieben wird. Da möchte man antworten: Ja, könnt ihr es den Menschen dann bitte erklären?

  4. Teo sagt:

    Ich bin ebenfalls der Meinung, man sollte sich mal mit dem Polizisten zusammensetzen, der das verzapft hat. Wenn die Androhung von Folter bei dem Herrn gängige Praxis ist, hat der sofort zum Kopierer-Dienst versetzt zu werden.

    Es ist jedenfalls davon auszugehen, dass der Verhörende von den Konsequenzen dieser Drohung wusste und damit ist nicht das Gericht, das sich an die Rechtsstaatlichkeit hält, „schuld“ an dem Urteil, sondern der Täter, der diese verletzt hat.

  5. Muriel sagt:

    @madove: Das mit den Opferverbänden hätte ich auch fast geschrieben, aber dann dachte ich, dass ich den Artikel lieber kurz halte, und dass sie zweitens doch eigentlich auch Herrn Gäfgen als Opfer unterstützen müssten, denn das ist er nun einmal in diesem Fall, aber das wollte ich dann auch wieder nicht schreiben, weil siehe erstens.
    Meine Vorurteile gegen Polizisten gehen eher in die andere Richtung als deine, aber dafür bestätigen die Herren bei mir aufs Schönste meine Vorurteile gegen Gewerkschafter… Schön, oder? Für jeden was dabei.
    @Günther: Zu diesem Aspekt findest auch was bei Herrn Heinser.
    @Teo: Bei dem Polizisten bin ich mir unsicher. Ich kenne die Umstände nicht genug, um den konkreten Einzelfall zu beurteilen, und ich gebe dir natürlich Recht, dass ein Rechtsstaat als solcher so nicht auftreten darf, aber ich sag mal vorsichtig allgemein: Wenn jemand weiß, dass Herr Gäfgen (oder sonstwer) jemanden entführt hat, und Grund zu der Annahme hat, diese Person schwebe in Lebensgefahr und er könne sie retten, wenn Herr Gäfgen ihm möglichst bald verrät, wo sie ist, dann halte ich grundsätzlich nicht nur die Androhung von Gewalt, sondern sogar ihre tatsächlich Anwendung für geboten, falls (und das ist wohl das entscheidende Problem in meiner Argumentation) die benötigte Information sich dadurch am besten beschaffen ließe. In diesem Fall hat es geklappt, aber das belegt natürlich nichts, und generell hat Folter sich als nicht so gute Befragungsmethode erwiesen, deshalb… weiß ich eigentlich auch nicht mehr so genau, worauf ich hinauswollte.
    Ich glaube, du hast Recht.

  6. […] Spätfolgen“ ausgesetzt sah, vom Landgericht Frankfurt eine Entschädigung zugesprochen (Muriel hat dazu in Kurzfassung auch schon das Wesentliche gesagt). Ich fasse mich hingegen etwas länger, […]

  7. Im Radio, im öffentlich-rechtlichen, fuhren sie gestern die Kampagne „Schandurteil“ und „Letzten Glauben an den Rechtsstaat verloren“. Und immer wieder spielten sie brave empörte Bürger ein, die was ins Hörertelefon geschrien hatten. Einer meinte: „Nicht 3000 Euro sollte man ihm geben, sondern 3000 Stockschläge“. Ich finde ja, solche Leute sollten 3000 Stromschläge bekommen, wenn sie die Nummer vom Hörertelefon wählen. Reicht ja so ’n bsssssssst.

  8. whynotveroni sagt:

    Ich frag mich, ob man das nicht so handhaben koennte, dass nicht der Moerder 3000 Euro bekommt, sondern der verursachende Polizist entsprechend sankioniert wuerde. Das waere glaube ich nachvollziehbarer fuer „die Leute“. Ob das mit unserer Rechtsprechung konform ist, weiss ich natuerlich nicht…

  9. Muriel sagt:

    @whynotveroni: Dass der Täter sanktioniert wird, ist auch jetzt schon vorgesehen. Aber wieso und in welchen Fällen das Opfer keinen Anspruch auf Entschädigung haben soll, leuchtet mir noch nicht ganz ein. Wie genau würdest du das denn regeln wollen?

  10. DasSan sagt:

    Sehr gutes Thema. Vor allem hat mich auch die Aussage aufgeregt, die Bevölkerung könnte angesichts eines solchen Urteils „das Vertrauen in den Rechtsstaat verlieren“.
    Ich persönlich finde einen Rechtsstaat, wo Gerichte unabhängig vom Ansehen des Klägers nach Beweislage urteilen, sehr vertrauenswürdig. Man muss sich ja überlegen, dass solche Regeln für alle gelten sollen, da kann die B***-Zeitung noch so oft versuchen, Straftätern ihre Menschenrechte abzusprechen.

  11. Dietmar sagt:

    Ich kann den Zorn schon verstehen. Nur richtig ist er nicht. Dies ist einfach nur ein Teilaspekt des Falls und sollte nicht mit dem Leid des Opfers und seiner Familie verglichen werden. Menschen, die eine Grundausstattung von Anstand und Würde haben, würden nach einer Verurteilung wegen Mordes den Mund halten. Das ist von Gäfgen offenbar nicht zu erwarten, und hier hat er nun einmal das Recht auf seiner Seite; es gilt eben auch für die Fälle, für die es wohl eigentlich nicht gedacht war. Das muss man akzeptieren. Und eigentlich finde ich es positiv, dass es auch in solch einem Extrem-Fall funktioniert.

    Der Herr vom Weißen Ring sagte in einem Radio-Interview am Donnerstag, die Familie des Jungen könne jetzt keine Zeitung aufschlagen, keinen Sender anschalten, ohne damit konfrontiert zu werden und davor sei sie zu schützen. Nun, durch was die Familie da durch muss, ist nicht beschreibbar. Das ist unglaublich und verzweifelt trostlos. Aber ich sehe nicht, wieso das Urteil in diesem Fall berücksichtigen müsste, wie sich die Familie fühlt. Zumal die Berichterstattung auch nicht vom Gericht ausgeht.

    Verantwortungsbewusste Journalisten werden das als wenig bedeutsam darstellen. Was man von Gäfgen zu halten hat, weiß man ja.

    Und im Übrigen hat der verhörende Polizist meine volle Sympathie: Er wollte den Jungen retten. Die Methode war rechtlich nicht in Ordnung, aber sie war richtig. Moralisch richtig. Und sie traf nicht den Falschen. (Soviel Mittelalter gönne ich mir.)

  12. Sanníe sagt:

    Ach, es ist ja eigentlich noch schlimmer. Die Reaktionen der üblichen Verdächtigen waren zu erwarten, aber daß der Mann, der sich durch alle Instanzen und bis zum EGMR hindurchklagen mußte, 4/5 der Verfahrenskosten tragen muß, das ist ein schlimmer Hohn.

  13. Alreech sagt:

    Mich wundert die Reaktion des Weißen Ringes nicht.
    Immerhin haben die kein Problem damit den Kriminologen Hans Dieter Schwind zum Vorsitzenden des Fachbereichs Vorbeugung zu machen.

    Hans Dieter Schwind hat als Justizminister von Niedersachsen damals mit geholfen, den Bombenanschlag auf die JVA Celle zu organisieren.

  14. Muriel sagt:

    @Alreech: Den Weißen Ring konnte ich sowieso nie leiden.
    Zum Bombenanschlag: Ich weiß nicht, wie klagefreudig Herr Schwind ist, aber kannst du mir sicherheitshalber verraten, wo ich Belege finde, dass er den tatsächlich mitorganisiert hat? Anderenfalls würde ich nicht nur aus Risikomanagementgründen deinen Kommentar gerne ein wenig einschränken.

  15. bornabas sagt:

    Volle Zustimmung zu diesem Artikel. Er fasst sehr gut zusammen, was ich mir auch zum Urteil und den Reaktionen darauf, gedacht habe.

  16. Pardette sagt:

    Ganz abgesehen vom Inhalt bin ich ein Fan vom Titel und den Life of Brian-Analogien. Vor allem vom Titel.

  17. Muriel sagt:

    @Pardette: Danke und nachträglich noch willkommen bei überschaubare Relevanz.
    Monty Python wird meiner Meinung nach überschätzt, aber der Titel ist wirklich gut. (Ist allerdings auch nicht von mir.)

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