Gefallen (14)

Uiui, so unsicher habe ich mich mit einem neuen Kapitel schon lange nicht mehr gefühlt. Das ist ziemlich komischer Kram geworden, und ich meine nicht komisch wie“lustig“, sondern mehr komisch wie „Äh… Ja… Was hat er sich denn dabei gedacht?“

Aber weil ich irgendwann auch mal fertig werden will, und weil ich nebenbei auch noch ein paar andere Sachen schreibe, die ich eh schon vernachlässige, ist es das eben. Außerdem ist ein Blog doch schließlich dafür da, dass man mal was ins Unreine schreibt. Wer was Fertiges, Durchdachtes will, muss Bücher kaufen.

Und wer weiß, vielleicht gefällt es euch ja trotzdem ein bisschen. Würde mich freuen. Aber natürlich freut es mich auch, wenn ihr mich wissen lasst, was euch nicht gefallen hat. Und wenn ihr das nächste Mal trotzdem noch mitlest. Das wird bestimmt wieder besser. Auch wenn ich noch nicht genau weiß, wie.

Was bisher geschah
Im ersten Kapitel wurde Prinzipal Janan von einer Eisernen Jungfrau entführt und durch die Höhlen des Hüters in das Unheiligtum gebracht.
Im zweiten Kapitel kehrte er mit der Eisernen Jungfrau zurück und beriet sich mit seinen… Ja, mit seinen Beraten, wem sonst? über die Bedrohung durch den Hüter.
Im dritten Kapitel lernen wir Mischa kennen, der Prinzipal entscheidet, dass er die Hilfe des Magistrats braucht, und seine Schwester Jasmi reist nach Nomren, um diese anzufordern.
Im vierten Kapitel spricht Jasmi mit dem Magistrat und seinem Ersten Magier, Mischa will von Gennard eine neue Hand, und die Mandurische Armee erleidet eine Niederlage.
Im fünften Kapitel besucht Jasmi das Monument von Yon-Gequl, Kara und Morgan werden von einem Boten aufgesucht, und Jasmi teilt sich eine Kutsche mit dem Gekreuzigten. Er ist ein bisschen schwierig.
Im sechsten Kapitel erwehren sich Kara und Morgan eines aufdringlichen Duellanten und lernen Sturm kennen.
Im siebten Kapitel begegnen Mischa und Gennard einem Monster auf der Straße – oder zweien?, Hauptmann Bendow durchquert einen Sump, und Prinzipal Janan lernt den Gekreuzigten kennen.
Im achten Kapitel bringt Sturm Kara das Fliegen bei, und Doppelgänger führt Selbstgespräche.
Im neunten Kapitel findet Hauptmann Bendow ein süßes und ehrenvolles Ende, Schattentänzer und der Fremde stellen sich Mischa und Gennard vor, und der Gekreuzigte sagt, was Sache ist. Like a boss.
Im zehnten Kapitel machen Morgan, Kara und Sturm eine Zwischenlandung, und der Erste Magier und der Magistrat werden befreit.
Im elften Kapitel erreichen unsere reisenden Helden ihr Ziel, und Kara bricht Sturms Handgelenk.
Im zwölften Kapitel übernehmen der Gekreuzigte, der Tote Mann und Sturm das Kommando über ihre jeweiligen Legionen

Was heute geschieht

Vor langer Zeit

„Der Krieg ist kein Selbstzweck. Ich habe Ziele.“

„Wir alle haben Ziele.“

„Nun lass ihm doch ein bisschen Zeit. Es ist doch ganz verständlich, dass es ihm schwerfällt, auf seine hübschen Soldaten zu verzichten, die rostigen Rüstungen, das fröhliche Klingen der  schartigen Schwerter, der Geruch faulenden Fleisches, die ganze belebende Atmosphäre vor einem Kampf, er braucht das eben.“

*****************************************************

Rowenia verwünschte mit jedem Atemzug ihre Schuhe, während sie mit zur Balance ausgebreiteten Armen laut schnaufend den steilen Hügel zum Zelt des neuen Prinzipals durch den von Tausenden Soldatenstiefeln aufgeweichten Schlamm empor kletterte. Genau solche Stiefel wie die beiden grinsenden Männer, die neben ihr den Hügel empor stapften und sich dabei redlich bemühten, kein Detail ihrer Anatomie unbeachtet zu lassen, genau solche Stiefel hätte sie anziehen sollen. Natürlich war ihr als Beraterin des Prinzipals einer Provinz, die bereits seit Jahrzehnten vor ihrer Geburt in friedvollem Wohlstand lebte, nie in den Sinn gekommen, dass sie auf dem Weg zu ihrem neuen Gebieter durch teilweise knöcheltiefen Morast würde waten müssen.

Es nieselte auf sehr halbherzige Weise aus grauen Wolken, diese Art von Regen, die kaum ausreicht, um die Haut zu befeuchten, aber doch genügt, um lästig zu sein.

„Was ist das für Musik?“ fragte sie, vor allem um die beiden daran zu erinnern, dass sie auch noch ein Gesicht hatte. „Hat das Heer Trommeln und Trompeten jetzt gegen depressive Streicher getauscht?“

Der Effekt ihrer Frage ging über die geplante kurze Ablenkung hinaus. Die beiden sahen sie an, als hätte sie sich erkundigt, ob die Mutter des Magistrats eigentlich immer noch der Hurerei frönte oder bereits an den Bissen ihrer Filzläuse eingegangen war, und wichen so eilig vor ihr zurück, dass der jüngere der beiden, ein dicklicher blonder Mittzwanziger, ausrutschte mit einem nassen Klatschen auf sein Hinterteil fiel.

„Das ist seine Violine“, zischte der hagere grauhaarige Soldat.

Der jüngere rappelte sich hastig wieder auf. Die Blicke der beiden Männer huschten angstvoll durch die sie umgebende Landschaft, als würden sie jeden Moment befürchten, dass der beleidigte Violinist aus einem Erdloch gesprungen kam, um sie in Stücke zu reißen.

„Seine? Ihr meint… der… der neue Prinzipal?“ fragte sie.

Sie hatte gehört, dass er einer der Gefallenen war, und ein sehr spezieller Fall, aber dass er eine Violine spielte, hatte sie nicht gewusst.

„Genau der“, stieß der jüngere Soldat hervor, „Und Ihr würdet gut daran tun, vorsichtig mit dem zu sein, was Ihr über ihn sagt.“

„Am besten sagt Ihr gar nichts über ihn“, fügte der ältere hinzu.

Rowenia nickte und machte sich daran, weiter den Hügel hinaufzusteigen.

Je näher sie dem riesigen grün-weiß gestreiften Feldmarschallszelt kamen, desto lauter wurde das Spiel der Violine, und desto mehr überwältigte die elegische Melodie ihre Gedanken, ihre Gefühle und ihre Wahrnehmung der Welt. Noch nie hatte Rowenia so vollkommene Musik gehört, und noch nie hatte Musik sie so ergriffen.

Die klagenden Noten ließen sie den Schlamm unter ihren Füßen genauso vergessen wie jede Überlegung darüber, wie sie dem neuen Herrscher der Provinz gegenüber auftreten sollte. Sie lenkten ihre Gedanken auf verlorene Liebe, vergangene Momente und für immer verpasste Chancen. Sie erinnerten sie an ihre Mutter, die schwer krank auf Hohenthan zurückgeblieben war, als Rowenia dem Ruf des Prinzipals folgte. Sie hatte sie nie wieder gesehen.

Als sie vor dem Eingang zu dem Zelt angelangt war, musste sie Tränen zurückhalten. Sie schluckte, atmete tief durch und wandte sich dem älteren der beiden Soldaten zu, dessen Miene ihr verriet, dass die Musik auf ihn eine ähnliche Wirkung entfaltet hatte.

„Was… Ich meine: Kann ich jetzt eintreten, oder warte ich, bis er aufgehört hat?“

Der grauhaarige Mann zuckte die Schultern und schüttelte seinen Kopf.

Er hob eine Hand zum Abschied, dann wandten die beiden sich ab und trotteten davon.

Rowenia sah ihnen noch kurz nach und hätte ihnen beinahe etwas nachgerufen, entschied sich aber im letzten Moment dagegen. Die Soldaten konnten ihr nicht helfen. Der Umgang mit Prinzipalen, Feldherren und Herrschern jeder Art war ihr Gebiet. Nach kurzem Zögern beschloss sie, lieber zu mutig aufzutreten als zu zurückhaltend. Der erste Eindruck würde ihr Verhältnis zu dem neuen Prinzipal bestimmen, und sie wollte nicht, dass er den Eindruck gewann, es mit einem schüchternen kleinen Mädchen zu tun zu haben. Sie wusste noch nicht viel von ihm, aber nach allem, was sie gehört hatte, war der Gekreuzigte ein harter, ungeduldiger Mann. Solche Männer respektierten nur Stärke in anderen. Es sei denn, sie empfanden sie als Bedrohung… Aber wenn Rowenia nicht bereit gewesen wäre, Risiken einzugehen, würde sie heute immer noch auf Hohenthan in ihrer Kemenate Kissen besticken. Und vielleicht wäre ihre Mutter noch am Leben…

Sie schüttelte den Gedanken aus ihrem Kopf, ballte ihre Hände zu Fäusten und schob die Klappen zur Seite, die Tür des Zeltes bildeten.

Rowenia hatte immer die Sorte von püppchenhafter Hofdame belächelt, die bei jedem kleinen Schreck erbleichte und in Ohnmacht zu fallen drohte, doch als sie sah, wer die Violine spielte, wurden ihren Knie so weich, dass sie beinahe wieder hinausgestolpert wäre. Sie zwang sich, ihren Mund wieder zu schließen und versuchte, weiter zu atmen, während sie den riesigen bärtigen Mann betrachtete, mit den in seine Augen getriebenen Nägeln, mit den blutenden Löchern in seinen Handrücken, mit diesem schrecklichen blicklosen Gesicht; diesen riesigen monströsen Mann, der so offensichtlich tot sein musste, und doch so offensichtlich am Leben war.

Auf einem Diwan vor ihm saß eine Frau, die Rowenia den Rücken zuwandte, und der groteske Kontrast zwischen ihrer schmalen schlanken Figur und dem riesigen Mann mit der Violine ließen Rowenia blinzeln und ihren Kopf drehen, als sähe sie ein Trugbild vor sich, und als müsse sie nur die richtige Perspektive finden, um den Trick zu durchschauen.

Die Musik verstummte, und das blutende Ungeheuer ließ die Violine zwei Handbreit von seinem Kinn sinken. Er wandte die matt schimmernden Köpfe der Nägel Rowenia zu, und auch wenn sie nichts waren als blanker Stahl, spürte sie, wie er sie betrachtete und ihr Maß nahm.

Die Frau auf dem Diwan drehte sich zu ihr um, und sie erkannte Jasmi, die Schwester Janans. Jasmis Augen weiteten sich, als sie Rowenia erkannte, und ihre Lippen formten stumm ein Wort: „Lauf!“

Aber Rowenia konnte so wenig fliehen wie sie Flügel ausbreiten und davon fliegen konnte. Entsetzen schnürte ihre Kehle zu, und sie hörte sich selbst leise wimmern, und so sehr sie auch versuchte, seinen falschen Blick erhobenen Hauptes zu erwidern, fühlte sie sich selbst zitternd zusammensinken.

„Wer seid Ihr?“ grollte der Riese.

Er wusste es. Natürlich wusste er es genau. Aber er wollte es von ihr hören. Also gut.

„Ro…“ Ihre Stime brach, und sie räusperte sich. „Rowenia von Hohenthan“, antwortete sie, und bei diesem zweiten Anlauf war sie recht zufrieden mit sich.

Sein Kopf hob und senkte sich um weniger Fingerbreiten. Ein Nicken.

Jasmis Blick flatterte nervös zwischen Rowenia und dem Riesen hin und her.

„Ich habe erfahren, dass Ihr die Person seid, an die ich mich halten muss, wenn ich Fragen über diese Provinz und ihr Militär habe.“

„Ich?“ fragte Rowenia. „Aber ich bin nichts als-“ Sie verstummte, als die Linien um seinen Mund sich verhärteten und er die Violine neben sich auf einem Tisch absetzte.

Mit wenigen Schritten seiner langen Beine stand er vor ihr. Er beugte sich weit herunter, bis sein Gesicht sich direkt vor ihrem befand, und der blinde Blick dieser stählernen Nägel das einzige zu sein schien, das sie noch wahrnehmen konnte.

„Ich hatte gehofft, Ihr würdet es schneller verstehen als die anderen“, grollte er. „Ich hatte gehört, Ihr wäret scharfsinnig. Es ist ein neues Zeitalter angebrochen. Es wird keine Täuschung mehr geben, und keine Politik mehr, und keine albernen Spielchen um Macht mehr, denn alle  Macht ist jetzt in meiner Hand. Niemand wird mehr um Posten kämpfen, und um Einfluss, und um seine Pfründe, denn dieses Reich kennt von nun an nur noch sieben Posten, und wir Sieben haben sie inne, und wer um sie kämpfen möchte, ist verloren. Habt Ihr das begriffen, Rowenia von Hohenthan, oder wünscht Ihr eine Demonstration?“

Sie sah kleine Falten und straff gezogene Partien in seiner Haut, wo die Nägel sie ungleichmäßig mit sich in seine Augenhöhlen gezogen hatten, und erst jetzt aus der Nähe fielen ihr die dünnen Rinnsale von Blut auf, die unter den Nägeln hervorquollen und seine Wangen hinabliefen.

Und hinter ihm sah sie Jasmi, die aufgesprungen war und ihr verweifelt mit einem Kopfschütteln und wedelnden Händen zu bedeuten versuchte, dass sie keine Demonstration wünschte.

Rowenias Mund war so trocken und jeder Muskel in ihrem Körper zitterte so sehr, dass sie sich nicht zutraute, eine Antwort zu geben.

Sie nickte so schnell und heftig sie konnte und hoffte, dass sie sich nicht täuschte und er wirklich auch ohne seine Augen sehen konnte.

*****************************************************

Ein krampfhaftes Zucken durchlief den Körper des bärtigen alten Mannes. Er kniff seine Augen zusammen. Seine Kiefermuskeln traten hervor, als er die Zähne zusammenbiss. Mit einem gequälten Stöhnen warf er seinen Kopf in den Nacken und fiel auf die Knie.

„Was macht er da?“ fragte der Magistrat, und trat vorsichtshalber einen Schritt zurück.

„Vorsicht“, warnte der Erste Magier, „Fallt nicht in die Flüssigkeit.“

Der alte Hexer keuchte, die Hände krampfhaft zu Fäusten geballt, sodass die Knöchel weiß hervortraten.

„Wenn Ihr nicht irgendwann anfangt, meine Fragen zu beantworten, werde ich Euren Lohn kürzen müssen, Skreineech.“

Als der Mann am Boden seine Augen öffnete, brannte darin ein kränkliches grünes Licht, von dem der Magistrat seinen Blick schnell abwandte.

Der Hexer stand langsam und schwankend auf, und sein Kopf ruckte vom Magistrat zu Skreineech und wieder zurück, als würde er von einem sehr ungeschickten Puppenspieler bewegt.

„Ich bekomme… selten Besuch“, sagte er in einem Tonfall, als wäre jedes Wort eine Glasscherbe, die er durch seinen geschundenen Hals hochwürgen musste. „Eigentlich… seid Ihr sogar die ersten, die freiwillig hierher kommen. Warum?“

Der Magistrat war Skreineech einen Seitenblick zu.

„Ist das… Ist er das?“ fragte er.

Der Erste Magier nickte. „Ich denke schon.“

Der Magistrat seufzte. Magie war ein solches Leiden dieser Welt…

„Wir sind hier, um… zu verhandeln“, sagte er, so nachdrücklich er konnte, während er immer noch versuchte, dem Blick der glühenden Augen auszuweichen.

„Verhandeln“, erwiderte der bärtige Mann. „Worüber? Es gibt nichts zu verhandeln. Euer Reich ist wehrlos.“

„Die Gefallenen sind es nicht, und mein erster Magier glaubt, dass er Euch helfen kann, sie zu besiegen.“

„Mir helfen“, grollte der alte Mann. Er würgte, und räusperte sich, und hustete, und spuckte einen Klumpen rötlichbraunen Schleims auf den Felsboden zu seinen Füßen. „Ihr habt die Sieben doch geweckt.“

„Und das war ein Fehler“, sagte der Magistrat.

„Warum besiegt Ihr sie nicht einfach selbst?“

„Skreineech. Ich glaube, das ist die Stelle, an der Ihr einsteigen solltet.“

Der Erste Magier nickte.

„Wir brauchen Eure Kraft, um sie zu überwinden. Die Sieben sind zu stark für jeden sterblichen Magier.“

„So“, hustete der Hüter. „Und wofür brauche ich Euch?“

„Für die Matrix natürlich“, erwiderte Skreineech. „Ich weiß, wie Ihr Eure Macht einsetzen müsst, um sie zu vernichten.“

Er nickte in Richtung des Magistrats. „Und wofür brauche ich ihn?“

Skreineech zögerte, aber immerhin nur kurz. Trotzdem beschloss der Magistrat, seinen Lohn ernsthaft zu überdenken.

„Er ist der Magistrat“, sagte Skreineech. „Er vertritt das Reich.“

„Wofür brauche ich ihn?“ fragte der Hüter, und es schien für einen Moment, als würden seine Augen etwas heller glühen, aber der Magistrat verzichtete darauf, genauer hinzusehen.

„Ohne ihn werdet Ihr meine Hilfe nicht bekommen“, antwortete Skreineech.

Keine schlechte Antwort, in Anbetracht der Umstände.

„Warum sollte ich glauben, dass Ihr Ungeziefer etwas über die Sieben wisst, das ich nicht weiß?“

Skreineech grinste dieses schrecklich überhebliche Grinsen, aber jetzt gerade gefiel es dem Magistrat ganz gut.

„Sie haben sich mit dem Ritual von Yon-Gequl an einander gebunden, indem sie ihre Seelen miteinander verschränkt haben. Dadurch haben sie dem zerstörerischen Krieg zwischen einander ein Ende bereitet und ein Bündnis erzwungen, aber sie haben auch eine neue Gefahr geschaffen. Die Pforten und Pfade, die sie geschaffen haben, um ihre Ritual zu weben, können auch von anderen genutzt werden, um sich Zugang zu ihren Seelen zu verschaffen. Ich kenne die Matrix des Rituals, weil ich es mein ganzes Leben lang studiert habe, und ich kann Euch sagen, wie Ihr die Seelen der Gefallenen berühren könnt.“

Der bärtige Hexer würgte, hustete und spie einen weiteren Klumpen Schleim auf den Fels.

„Pneuma, Soma, Sarx“, murmelte er.

Und dann schwieg er für eine lange Zeit.

Der Magistrat ließ seinen Blick durch die Höhle schweifen. Es fiel ihm nicht leicht, denn es gab so viel, das er nicht ansehen wollte. Die schimmernde opake Flüssigkeit, in der sich hin und wieder etwas Riesiges zu bewegen schien. Der rötlich pulsierend leuchtende Kristall. Die kränklich grünen Augen des vergewaltigen Körpers vor ihm.

Der Erste Magier stand da, sein Blick starr auf eine Stelle im Gesicht des okkupierten alten Mannes vor ihm, während Zeigefinger und Daumen seiner Hände gegeneinander rieben.

„Wir müssten einen der Gefallenen in meine Höhlen locken, damit ich sie packen kann“, krächzte er schließlich.

„Sie wissen, dass Eure Macht auf Eurem Grund und Boden ungleich größer ist. Sie meiden Eure Höhlen“, antwortete Skreineech.

Die Lippen des Hüters teilten sich in einem scheußlichen Grinsen aus blutigen Zähnen, die lose im zerfallenden Fleisch seiner Kiefer hingen.

„Das lass meine Sorge sein, Ungeziefer. Zeig du mir die Matrix des Rituals, und lass mich unser Versuchsexemplar beschaffen.“

„Ich habe schon einen von ihnen überlistet“, sagte Skreineech. „Doppelgänger. Sie werden jetzt besonders wachsam sein. Ihr solltet…“

Mit einer erhobenen Hand brachte der Hüter ihn zum Schweigen.

„Eure Köpfe sind klein genug“, röchelte er. „Überladet sie nicht auch noch mit Dingen, die Euch nichts angehen. Zeigt mir die Matrix, und ich kümmere mich um Sturm.“

*****************************************************

„Ein Kupferstück für einen… unschuldig in Not getra… geratenen? Bitte, Herr, nur ein Kupferstück?“

„Verschwinde, Saufbold!“

„Ein halbes? Bitte, Herr, ich habe…“

Horam dachte zuerst, es wäre der Wein, aber dann sah er Putz, abgebrochene Stücke von Ziegelsteinen und Dachschindeln von den Häusern fallen und erkannte, dass der Boden wirklich schwankte.

„Was ist das?“ rief jemand. „Der Hüter!“ ein anderer, und von irgendwoher kamen unartikulierte Schreie.

Ein Stapel Fässer löste sich von einem an Straßenrand stehenden Wagen, und eines zerbrach bei dem Sturz, und ergoss eine Flut aus bisher unberührtem Bier über das Kopfsteinpflaster.

Das Erdbeben und seine eigene Furcht bewahrten ihn vor der Demütigung, über den Boden zu kriechen und zu versuchen, den kostenlosen Alkohol aufzulecken. Es wäre nicht das erste Mal gewesen.

Der Boden unter seinen Füßen bebte und wackelte immer heftiger, und staunend sah er, wie das Dach eines der dreistöckigen Wachgebäude zu Füßen des schwarzen Turms einstürzte. Mit einem lauten „Krack“, beinahe wie ein Peitschenknall, riss die Fassade des Kontors der Mersmer-Gilde ein.

Schreiende Menschen füllten die Straßen, und die aufmerksameren unter ihnen sprangen rechtzeitig zur Seite, um den durchgegangenen Pferden auszuweichen.

Horam wollte gerade entscheiden, ob er auch davon laufen wollte, und in welche Richtung, als er so etwas wie Donner unmittelbar hinter sich hörte, etwas Hartes seinen Hinterkopf traf und die Welt um ihn in Nacht versank.

Als er wieder zu sich kam, brannte die Stadt um ihn herum, und es war kein Mensch mehr zu sehen. Dafür vernahm er ein jämmerliches Jaulen und entdeckte nach kurzer Orientierung einen Kettenhund vor einem der Wachgebäude, den Schwanz zwischen den Beinen, den Rücken gegen die Hauswand gepresst, die Augen weit aufgerissen. Zitternd betrachtete das Tier das Chaos um sich herum, unfähig, zu fliehen, den herabfallenden Trümmern und den näher kommenden Flammen ausgeliefert.

Horam war kein mutiger Mann, aber er hatte schon immer eine Schwäche für Hunde gehabt, und in diesem Moment verlieh der Anblick des bemitleidenswerten Tieres ihm die Kraft, die eigene Angst und Verwirrung zu ignorieren und seinem einzigen Leidensgenossen zu helfen.

Ein tiefes grollen, das langsam in ein langgezogenes steinernes Ächzen überging, ließ ihn innehalten.

Fassungslos sah er zu, wie der Schwarze Turm zu zittern und zu bröckeln begann, während Flammen aus seinen Fenstern schlugen. Auch als schließlich die Krone des Turms umknickte und mit einem unwirklich lauten Krachen in eines der Nebengebäude stürzte, verloren Horam und der Hund gleichzeitig die Kontrolle über ihre Blasen. Horam sah an sich herab auf seine Hose und den sich darauf ausbreitenden dunklen Fleck. Es war nicht das erste Mal.

Aber es war das erste Mal, dass er die Chance hatte, einem anderen Wesen das Leben zu retten, und nichts würde ihn davon abhalten.

Er ignorierte den Weltuntergang, so gut er konnte, und näherte sich vorsichtig dem verängstigten Hund, um ihn zu befreien.

„Ganz ruhig, mein Freund. Keine Angst, ich will dir helfen.“

Er murmelte ruhige, freundliche Worte, damit das Tier ihn in seiner Panik nicht biss. Ob es an seinem beruhigenden Gefasel lag, oder der Klugheit des Hundes, Horam wurde nicht gebissen, als er die Kette vom Halsband löste, und nachdenklich sah er dem erleichtert davon springenden Tier nach.

Hatte er ihm gerade das Leben gerettet, oder ihn zum Tode verdammt? Vielleicht wäre er hier sicherer gewesen.

Horam richtete sich mit einem leisen Stöhnen auf und wollte soeben herausfinden, wo all die anderen Leute hingeflohen waren, da schlug ein Blitz unmittelbar in das Wachgebäue vor ihm ein. Kleine Gesteinsbrocken trafen sein Gesicht, und Staub umhüllte ihn, aber bis auf kleinere Verbrennungen blieb er unverletzt.

„Ich kann doch… Kann ich nicht einfach wieder… Ich… Wer bin ich? Könnt ihr mir vergeben?“

Während der Regen den Staub aus der Luft spülte, sah er eine Gestalt auf sich zu wanken, und er hörte die undeutlich lallende Stimme einer jungen Frau, die aufgebracht und weinerlich mit sich selbst zu sprechen schien.

„Ich… Ich will das doch alles gar nicht. Warum… Was hat er sich nur dabei… Ich will doch nur… Warum kann ich nicht… Guras, was habe ich dir angetan? Guras? Guras! Bist du’s?“

Sie taumelte in seine Richtung, stolperte, und fiel vor ihm auf die Knie, eher aus Ungeschicklichkeit denn als Geste der Unterwerfung.

Horam zuckte zusammen und hätte sich beinahe neben ihr zu Boden geworfen, als hinter ihm ein weiterer Blitz einschlug.

„Guras, es tut mir Leid, ich wusste… ich wollte…“ begann sie mit tränenerstickter Stimme, doch dann stockte sie. „Wer… bist du?“ fragte sie ihn. „Du bist nich Guras!“

„Wer?“ fragte Horam sie.

Sie packte sein durchnässtes fleckiges Hemd und zog sich daran wieder an die Beine. Er konnte mit Mühe und Not sein Gleichgewicht halten, indem er einen Ausfallschrit nach vorne machte.

Sie betrachtete ihn mit ihren verschiedenfarbigen Augen, die Brauen fragend, verwirrt und ein bisschen verärgert zusammengezogen.

„Wer bist du?“ fragte sie wieder.

Und etwas an ihr sagte Horam, dass er einen großen Fehler gemacht hatte, nicht vor ihr davon zu laufen. Vielleicht war es, dass sie sorglos durch die Zerstörung taumelte, als könnte nichts und niemand sie berühren. Vielleicht war es dieser Blick in dem schwarzen und dem gelben Auge. Oder es war der dritte Blitz, der neben ihnen einschlug und eine große Kiefer in zwei verkohlte Hälften teilte.

„Niemand“, antwortete er. „Ein Bettler, ein Vagabund. Verzeiht, dass ich Euch im Weg stand, und lasst mich…“

„Findest du mich schön, Niemand?“ fragte sie.

Für einige Herzschläge wusste er nichts zu antworten, so sehr überraschte ihn die Frage.

„Ich… Ja, natürlich!“ antwortete er schließlich.

„Liebst du mich?“ fragte sie.

„… Ja?“ Er biss sich auf die Zunge.

Sie schürzte ihre Lippen und zog ihre Mundwinkel herab, als sie ihn voller Verachtung von sich stieß.

„Das sagt ihr immer am Anfang!“ Sie stockte, und für einen Moment entspannten sich ihre Gesichtszüge. „Nein… Gar nicht immer. Kara hat von Anfang an…“ murmelte sie, bevor ihre Miene sich wieder zu einer Maske des Abscheus verzerrte. „Aber du widerlicher Wurm, du hast nicht mal den Mut, mir die Wahrheit zu sagen, und sobald ich dir den Rücken zuwende…“ Sie brachte den Satz nicht zu Ende, hob ihre linke Hand und streckte den Zeigefinger in seine Richtung aus-

„Was ist mit mir?“ fragte eine zweite, Frauenstimme, klarer und kehliger als die der Wahnsinnigen vor ihm.

Die Verrückte mit den verschiedenfarbigen Augen wirbelte herum. Horam spähte an ihr vorbei und sah eine hochgewachsene blonde Frau, gekleidet in ein hautenges Kostüm aus rotem Lackleder, das kein Detail ihres muskulösen Körpers verbarg. An beiden Handgelenken trug sie lange stählerne Klingen, und ihre Mundwinkel umspielte ein schiefes Lächeln.

„Glaubst du mir, dass ich dich liebe?“

Horam konnte den Gesichtsausdruck der Frau nicht erkennen, aber er sah, wie sie verwirrt ein Stück zurückwich und ihre Hände sinken ließ.

„Was?“ hauchte sie.

Die Frau in dem Lederkostüm stolzierte auf roten Stiefeln mit hohen Absätzen auf sie zu.

„Deine Macht“, gurrte sie, „Deine Magie. Deine Schönheit. Deine…“ Direkt vor der anderen Frau blieb sie stehen, ließ eine Hand ihren Arm herab gleiten und raunte in das letzte Wort in ihr Ohr: „Leidenschaft.“

Die Frau mit den verschiedenfarbigen Augen wich zwei Schritte zurück.

„Du… Du arbeites für ihn, oder?“ lallte sie. „Ich kann seinen Gestank an dir riechen!“

Die Frau in dem Lederkostüm schüttelte lächelnd ihren Kopf.

„Ich habe. Bis er mich fallengelassen hat. Bis ich dich gesehen habe. Er ist nichts. Lass mich dir dienen. Lass mich dein sein.“

Es schien eine sehr lange Zeit zu vergehen, in der die Verrückte mit den verschiedenfarbigen Augen die Verrückte in dem Lederkostüm einfach nur ansah. Etwas in ihm wusste, dass er diese Gelegenheit hätte nutzen sollen, um sich aus dem Staub zu machen, aber er tat es nicht. Das Schauspiel war zu surreal, als dass er sich hätte abwenden können, auch wenn er nie erfahren würde, welch bedeutendem Moment er beiwohnte.

„Ich… kann dir nicht glauben“, murmelte sie schließlich. „Aber… ich will. Vergibst du mir?“

Das Lächeln der Frau in dem Lederkostüm wurde ein Stück breiter.

 

Lesegruppenfragen

  1. Und? War es schlimm?
  2. Hat euch der etwas ruppige Einstieg in die zweite Szene gestört? Mögt ihr lieber Kontinuität, oder geht sowas auch mal?
  3. Rowenia ist also wieder da. Wie fandet ihr sie?
  4. Wie steht ihr generell zur Verwendung von Einweg-Perspektiv-Charakteren wie Horam in der letzten Szene? Ich mag sowas, aber ich glaube, generell kommt es eher nicht gut an. Und ihr so?
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4 Responses to Gefallen (14)

  1. Guinan sagt:

    1.Ja. Rotes Lacklederkostüm und hochhackige Stiefel. Waaaah.
    2. Das erste Stück des Mittelteils musste ich zweimal lesen, mir war nicht gleich klar, wer denn nun wer ist. Nach dem 5. Absatz war ich aber wieder im Thema, das hielt sich also in erträglichem Rahmen.
    Gestolpert bin ich hauptsächlich über diese Erklärung zu dem Ritual. Woran erinnert mich das? Irgendwie aus verschiedenen Filmen zusammengestückelt? Der ganze Absatz gefällt mir nicht so besonders.
    3. Ein Lichtblick. Schön, dass sie wieder da ist. Und die Szene mit den Stiefeln ist genial.
    4. Ich frag mich dann meistens, wie weit ich mich auf die Person einlassen soll. Wird eine neue Figur eingeführt, die für die Geschichte wichig ist? Kommt die überhaupt noch mal vor? Du beschreibst auch die Nebencharaktere sehr detailliert – und ich neige zum Mitfühlen. Wenn ich so viel über eine Person erfahren habe, dann will ich nicht, dass sie gleich hingemetzelt wird.

  2. madove sagt:

    1. Nach der Einführung hatte ich es mir schlimmer vorgestellt. Eigentlich fand ich es sogar richtig gut. Aber ich bin sauer, daß mir Guinan die einzig gute Antwort weggenommen hat.
    2. Überhaupt nicht gestört. Ich hatte nur, wie Guinan auch, Mühe, rauszufinden wer wer ist Ich dachte, der bärtige Mann wäre vielleicht Skreineech oder so, und dann paßten die Dialoge nicht.
    3. Rowenia erfreut auch mein Herz. Nur schade, daß die Szene so schnell vorbei war…! Eine Kleinigkeit, die mich hat stutzen lassen: Am Ende, nachdem Jasmi gestikuliert, KEINE Demonstration zu verlangen, NICKT Rowenia zu dem Gekreuzigten, worüber ich kurz erschrocken bin, weil ich dachte, sie hat doch eine verlangt. Aber das liegt natürlich daran, daß er eine Oder-Frage gestellt hatte, und die sind generell vom Teufel schlecht mit Ja oder Nein zu beantworten.
    4. Ich mag das. auch wenn es jedesmal wehtut. Es macht die Welt glaubwürdiger, als wenn man sofort an der Detailliertheit der Berschreibung erkennen könnte, ob der Charakter die nächste Viertelstunde überlebt oder nicht.
    5. waaah! Cliffhanger auf allen Gebieten. Die nächste Warteperiode wird hart.

  3. DasSan sagt:

    1. Es sind Rechtschreibfehler drin! (Sorry, Berufskrankheit)
    Und das mit dem Lacklederkostümchen finde ich auch etwas irritierend.
    4. Ganz interessant, das bringt eine frische Perspektive rein.

    Insgesamt gar nicht so schlecht. Ich muss aber sagen, dass ich Sturm langsam etwas sehr bemitleidenswert finde, immer so schwach und schluchzend und taumelnd, da fehlt mir irgendwie etwas.

  4. Muriel sagt:

    @Guinan: 1. Hey, wenn Terry Goodkind das kann, dann… kann er das schon lange. Naja. Ähm.
    2. Ich kenne jedenfalls keinen Film oder sonstwas, aus dem ich das habe. Mag es aber geben. Deine Verwirrung kann ich gut verstehen, und dein Missfallen auch.
    3. Ja? Fand ich gar nicht so. Aber danke.
    4. Er lebt doch noch!
    @madove: 2. Ja, das hätte ich wohl wirklich besser machen sollen.
    3. Ich weiß. Aber so ist das, wenn man um sein Leben fürchtet. Man denkt nicht klar und macht dann peinliche syntaktische Fehler, für die man sich den Rest seines Lebens schämt.
    5. Ich sag’s nicht gerne, aber ich fürchte sogar, dass es eine etwas längere Warteperiode werden könnte.
    @DasSan: 1. Man sollte sich über sowas wohl nicht wundern, wenn man fast nur weibliche Leser hat…
    Wegen Sturm: Du hast Recht. Ich werde das in ihrer nächsten Szene mal behutsam anpassen.

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