Herr Haas, ich mache mir Sorgen um Sie

Nachdem ich erst kürzlich in einer Sherlock-Rezension sonderbare Anwandlungen fand, konnte ich natürlich das aktuelle Werk von Herrn Haas „Machen wir uns einfach zum Affen“ nicht ungelesen an mir vorüber gehen lassen. Der Titel ist Programm.

Cäsar [aus „Planet der Affen Prevolution] wird, nach der Gefangenschaft in einem schrecklichen Tierheim, seine Anhänger zurückführen in ihren angestammten Lebensraum, jenen Nationalpark, in dem die Mammutbäume als Monumente des Naturschönen in den Himmel ragen. Dieses aufgeklärte Subjekt erhebt sich gerade nicht über die natürliche Umgebung, fängt nicht an, sie auszubeuten. Der Mutant schreibt die Zivilisationsgeschichte nicht als Verfallsszenario fort, sondern als Selbstbescheidungsprojekt.

Herr Haas sieht unsere Zivilisationsgeschichte als als Verfallsszenario. Ich bin nicht sicher, ob er sich wirklich nach Zeiten zurücksehnt, in denen jedes zweite Kind starb, bevor es das Erwachsenenalter erreichte, in denen eine fauler Zahn eine lebensbedrohliche Erkrankung war, und in denen es Leute wie ihn und mich einfach nicht geben konnte, die einen erheblichen Teil ihrer Zeit mit intellektuellen Kinkerlitzchen wie seinem Artikel und meiner Replik zubrachten, weil wir alle zu sehr damit beschäftigt waren, nicht zu verhungern und Holz für den Winter zu sammeln, oder ob er nur einfach nicht versteht, was Rückkehr zur Natur und Selbstbescheidung konkret bedeuten, oder ob es noch etwas ganz anderes ist, das seine Gedanken antreibt, aber jedenfalls könnte ich jedes Mal in den Tisch beißen, wenn ich sowas schon lese. Verfallsszenario, ich glaub auch… War der Satz gerade eigentlich zu lang? Also, nicht der letzte, sondern der davor? War er, oder? Tut mir Leid.

Auch am Beispiel des Mutanten Wolverine, der von korrupten Forschern zur werwolfartigen Kampfmaschine umgezüchtet wird, zeigten sich in der „X-Men“-Saga die Verfehlungen einer ethisch abgekoppelten Bio-Industrie. 

Ähhh… Ja… Aber… Wie soll ich sagen… Herr Haas, Sie wissen schon, dass das nur ein Comic ist, oder?

Kann es also keine Erlösung geben von dem Unheil der Zukunftslabore, vom titanischen Irrsinn der Epigenetiker und Neuropharmakologen?

Okay, vielleicht wissen Sie es doch nicht. Na gut. Mal sehen, wie es weitergeht.

Doch, aber sie findet in Umbruchs- und Verfallsperioden statt, in denen wir uns wiederum nur mit Angst bewegen können.

Woher er das weiß? Na, was denkt ihr denn?

Die großangelegte Comicerzählung „Sweet Tooth“ (der dritte Band erschien im Juni) schildert so eine Welt:

Ach so… Naja, das Ganze steht ja im Feuilleton. Ich bin sicher, dass Herr Haas einfach nur die typischen Dramaturgien von Mutantencomics schildert und das Ganze nur oberflächlich gesehen ein bisschen so klingt, als spräche er über die Wirkliche Welt. Ich missdeute nur wieder, was er zu sagen versucht. Ganz bestimmt…

Diese Idee haben alle neueren Mutantengeschichten gemeinsam: Die Zukunft der Menschheit wird von ihr selbst abgekoppelt.

Na also. Sag ich doch.

Und warum eigentlich nicht? Wir wissen, dass gutgemeinte Ideen oft in ihr Gegenteil umschlagen, wenn der Mensch im Mittelpunkt des Projekts steht.

Oh. Äh. Naja. Ja, aber er hat ja auch Recht, jetzt mal ehrlich! Was soll sonst das Problem an Hitlers, Stalins, Maos und Pol Pots gutgemeinten Ideen gewesen sein, wenn nicht der konsequente Fokus auf Mensch, Menschheit und Menschlichkeit?

Eine pessimistische Haltung zur Aufklärung erscheint da durchaus plausibel.

Genau! Weil ja die Aufklärung… Ähm… Nee, tut mir Leid, hab den Faden verloren.

 Und wie wäre es also, wenn wir nicht die Methode, die Aufklärung also, sondern ihren Gegenstand, das menschliche Subjekt, austauschten? Vielleicht wäre humaner Fortschritt nicht mit uns, dafür aber mit Cäsar, dem superintelligenten Affen, oder Sweet Tooth, einem verschreckten Kind mit Hirschgeweih, möglich.

Hm. Ja, vielleicht. Ich bin sicher, dass es daran liegt. Was soll schließlich sonst das Problem an Hitlers. Stalins, Maos und Pol Pots Bemühungen um den humanen Fortschritt gewesen sein, wenn nicht der obstinate Verzicht auf superintelligente Affen und verschreckte Kinder mit Hirschgeweihen? Es ist offensichtlich, oder? Oder?

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4 Responses to Herr Haas, ich mache mir Sorgen um Sie

  1. Guinan sagt:

    Immerhin lässt er sich sehr intensiv auf die Filme ein, die er sieht und kommentiert, taucht ganz tief in den Stoff ein, löst sich völlig von der Realität. Ist ja auch was Gutes, Eigentlich.

  2. whynotveroni sagt:

    Also ich verstehe weder, was Herr Haas noch Muriel uns sagen will…

  3. 967967 sagt:

    haha, das feuileton spießt sich regelmäßig am wegweiser an der kreuzung zwischen wissenschaft und kunst auf. dann kommt noch ein bisschen phrasenversatz aus dem „keine lust“-folder dazu und schon ist das wochenende gerettet.

  4. malefue sagt:

    damn. kannst du bitte den namen des comments über mir unter meinen nick stellen, muriel?
    bin ein bisschen im tab durcheinandergekommen.

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