I wear a demeanor made of bright pretty things

Ich bin kein besonders rücksichtsvoller Mensch. Ich ziehe Offenheit in der Regel Höflichkeit vor. Mein Humor tendiert oft eher zum Gehässigen. Ich verliere zumeist lieber einen Freund als einen Pointe. Und ich halte mich auch nicht für sensibel.

Aber es gibt doch so Leute, bei denen ich staune, wie weit man es damit treiben kann. Heute bin ich wieder so jemandem begegnet. Heute habe ich, nachdem ich schon zweimal das zweifelhafte Vergnügen hatte, mit ihr zu telefonieren, persönlich die möglicherweise unfreundlichste Immobilienmaklerin der Welt kennengelernt. Bereits im Vorhinein hatte sie sich redlich bemüht, mir von dem heutigen Besichtigungstermin abzuraten, und auch betont, dass sie eigentlich gar keine Zeit hatte und mir nur schnell alles zeigen konnte, bevor sie weiter musste. Auch wenn ich am suboptimalen Verlauf unseres Treffens nicht ganz unbeteiligt war, bin ich doch noch immer unsicher, wie man mit so obstinater Weigerung, sich an die einfachsten Regeln zur Schmierung zwischenmenschlicher Interaktion zu halten, angemessen umgehen sollte.

Es begann damit, dass ich davon ausging, das Haus mit der Nummer 21 könnte sich doch plausiblerweise zwischen der 19 und der 23 befinden, und deshalb einer Querstraße folgte, bis ich schließlich auf ein unnumeriertes Haus stieß und mich dort vergebens umsah.Weil es da schon 17:05 Uhr war, rief ich die unfreundlichste Maklerin der Welt an. Ich erreichte ihre Mailbox und sprach darauf, dass ich jetzt möglicherweise da sei, möglicherweise aber auch nicht. Ich fragte, ob ich mich vielleicht im Termin geirrt hatte, oder in der Adresse, und bat um einen Rückruf. Der ließ bis 17:15 auf sich warten und klang ungefähr so:

„Nein, Herr Silberstreif, Sie haben sich den Termin richtig eingetragen. Wir warten jetzt schon seit einer Viertelstunde auf Sie. Ich hoffe, Sie haben sich das Exposé ausgedruckt. Da ist auf der letzten Seite eine genaue Wegbeschreibung, der Sie nur folgen müssen.“

Okay, egal. Gerade mit Leuten, mit denen ich nur am Rande zu tun habe, ist mir ein Streit nicht die Mühe wert, und ich sagte einfach nur, dass ich mich dann jetzt beeilen würde, und entschuldigte mich dafür, dass wir uns nun noch mehr beeilen würden müssen. Meine Schuld, sagte ich.

„Genau“,

sagte sie. Und das ging die ganze Zeit so weiter. Als sie über die Baugenehmigung sprach und die Auflagen, und ich sie bat, mir die gelegentlich in Kopie zu geben, damit ich sie mir noch mal genauer ansehen könnte, erwiderte sie:

„Ich weiß nicht, was Sie sich da genauer ansehen wollen. Das ist einfach §8 Baunutzungsverordnung.“

Ich befürchte, dass die ganze irritierende Merkwürdigkeit eines halbstündigen Gesprächs, in dem das Gegenüber ausschließlich in diesem Stil antwortet, obwohl sie diejenige ist, die mir etwas verkaufen will, sich hier nicht ausreichend veranschaulich lässt, aber vielleicht konnte ich einen Eindruck vermitteln davon, was ich meine, und warum ich mich frage, ob solche Leute das mit Absicht machen – was mir unverständlich wäre, weil sie sich doch damit nur selbst in den Fuß schießen -, oder ob sie das selbst gar nicht wahrnhmen – was ein unvorstellbares Ausmaß an Realitätsresistenz erfordern würde -, oder ob sie vielleicht einfach nicht anders können – was vielleicht die traurigste Möglichkeit wäre.

Vor ungefähr eineinhalb Jahren hatte ich das letzte Mal mit so einem extremen Ekel Kontakt. Da war ich mit Herrn R und Herrn W verabredet, und fand vor dem Eingang zwei Herren vor, von denen einer ein Namensschild trug, das ihn als Herrn R auswies. Ich begrüßte ihn mit Namen und den anderen mit den Worten: „Sie sind dann wohl Herr W.“, woraufhin er mit gerümpfter Nase und abschätzigem Blick grummelte: „Sie haben wohl eine besondere Auffassungsgabe.“ Auch wieder Leute, die mir was verkaufen wollten. Und damals habe ich mich auch schon gefragt: Was geht in dem Kopf von diesem Herrn W vor? Ist das ein Außerirdischer, oder verfolgt er einen finsteren Plan? Oder meint er das alles ganz anders und wird nur immer missverstanden, weil er seinen Gesichtsausdruck und seinen Tonfall nicht unter Kontrolle hat?

Und ist es eigentlich ungewöhnlich, dass ich vor laute Staunen und Rätseln über die passende Reaktion nie dazu komme, beleidigt zu sein? Hätte ich sie zur Ordnung rufen sollen, oder mich bei der Sparkasse beschweren, die sie repräsentiert? Ist es vielleicht doch die beste Möglichkeit, diese Art Mensch sich selbst zu überlassen und darauf zu vertrauen, dass sie ihre eigene Strafe sind, oder denke ich das nur aus Faulheit und Desinteresse am Schicksal dieser Gesellschaft?

(Und ist dieser Post eigentlich viel zu lang und uninteressant in Anbetracht des doch eher bescheidenen Inhalts, den er transportiert?)

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17 Responses to I wear a demeanor made of bright pretty things

  1. Dietmar sagt:

    Ich dagegen halte mich ja eher für einen zurückhaltenden Menschen, der versucht, anderen möglichst wenig die Stimmung zu verhageln, aber immer wieder feststellen muss, dass das wohl eine Selbsttäuschung sein könnte. Beispiel: Meine Frau, eine Freundin und ich fahren in einem Drive-In-Schalter vor. Es gab nämlich irgendeine Film-Figur eines Films, den unsere Kinder gesehen hatten in so einer Menü-Tüte. Ich bestellte und äußerte den Wunsch, eine ganz bestimmte Figur für mein Kind zu erhalten. Weil ich nicht wusste und keinerlei Vorstellung hatte, wie die Arbeitsabläufe dort sind, fragte ich: „Schaffen Sie das?“ Ich wollte damit sagen, liegt das in Ihrer Hand, alle anderen verstanden, bist Du wenigstens dazu in der Lage. Darüber haben mich meine Mitfahrerinnen unterwegs aufklären müssen.

    Vielleicht ist es soetwas mit solchen Leuten.

    Oder sie sind einfach tatsächlich überheblich.

  2. Guinan sagt:

    Wie gut, dass man sich seine Geschäftspartner aussuchen kann.
    Mir wollte mal jemand ein Auto verkaufen, Edition Lady, mit extra _frauenfreundlichem_ Radio: Nur zwei Knöpfe, supereinfache Bedienung. *Örks*
    Meist ist es ja anders herum, das Benehmen kennt man doch eher von König Kunde. Da freue ich mich dann immer diebisch, wenn ich bei meinen Kunden dann auch mal selbst Aufträge zu vergeben habe. Wer meint, mich wie den letzten Dreck behandeln zu können, bei dem frage ich dann gerne ausführliche Kostenvoranschläge an, habe tausend Änderungswünsche, – und kaufe dann bei Firmen, mit denen ich auch sonst gern zusammenarbeite.

    @ Dietmar: Die Bemerkung war aber wirklich ganz, ganz böse.

  3. Dietmar sagt:

    @Guinan: „Die Bemerkung war aber wirklich ganz, ganz böse.“

    Alle haben´s bemerkt nur ich nicht. 😦

  4. Guinan sagt:

    @Dietmar: Das spricht ja nur für deinen guten Charakter *tröst*.
    Du konntest dir einfach nicht vorstellen, dass jemand dich so missverstehen könnte – und auch nicht, dass man dir überhaupt solch eine Gemeinheit zutraut 😀

  5. Dietmar sagt:

    Ich fühle mich virtuell geknuddelt 🙂

  6. DasSan sagt:

    Ich versuche bei solchen Leuten immer ausdrücklich besonders höflich/freundlich zu sein, in der möglicherweise idiotischen Hoffnung, dass ihnen die Diskrepanz im Verhalten auffällt.
    Klappt aber nicht immer, hängt auch von der Tagesform ab – ist die schlecht, werde ich kantig.

  7. Muriel sagt:

    @DasSan: Bei dieser Art Mensch käme ich, wie gesagt, nie auf die Idee, selbst auch unfreundlich zu werden. Die sind zu fremd. Ich streite ja auch nicht mit Steinen, die mir im Weg liegen.

  8. madove sagt:

    Seeeeehr irritierend, solche Leute. Mir sind allerdings bisher selten so ausdauernde und krasse Beispiele untergekommen. Trotzdem; die gibt’s und ich verstehe das überhaupt nicht und stell mir die selben Fragen wie Du.
    (Das ist, finde ich viel schlimmer als die eigentliche unangenehme Situation, grundlos beleidigt zu werden: Dieses plötzliche Zweifeln an jeder Art von Naturgesetzen, die eigentlich verhindert haben müßten, daß so jemand erfolgreich überhaupt irgendwas macht so einen Beruf ausübt… ?!)

    Andererseits halte ich mich explizit für ein harmoniesüchtiges Weichei, das keiner Fliege was zuleide tut, auf political correctness achtet und bei jeder Pointe (die ich mir sehr oft nicht verkneifen kann, das stimmt…..) dazusagt, daß es sich um einen Scherz handelt und wir uns doch alle liebhaben.
    Trotzdem haben mir mal mehrere Leute aus meinem Freundeskreis, die ich sehr mag, (all ihren Mut zusammennehmend) gesagt, daß sie mich oft als verletzend und abwertend empfinden und ich auf sie den Eindruck mache, als fände ich sie scheiße. Und sich dabei ausschließlich auf
    Situationen bezogen, an die ich mich erinnere als wunderbare, harmonische, fast liebevolle Abende. Seither wundert mich überhaupt nichts mehr. Beziehungsweise alles.

  9. Dietmar sagt:

    @madove: Und wieder etwas, bei dem ich dachte, es ginge nur mir so …

  10. Joan sagt:

    Aus Betroffenensicht kann ich sagen, dass es manchmal einfach nur an mangelnder Geistesgegenwart liegt (was zwar die Maklerin auch nicht erklärt, aber vielleicht Herrn W.). Ich hab heute auch eine „Wissen Sie, wann…“-Frage schlicht mit Ja beantwortet. Wir haben dann beide um die Wette verstört geguckt. Vielleicht ist es manchen dieser Leute genauso unangenehm, nur halt leider zu spät.

  11. Muriel sagt:

    @Joan: Einzelne Aussetzer verstehe ich völlig, kein Problem. Mir geht es wirklich um die Art Mensch, die sich über längere Zeiträume kontinuierlich so verhält. Herr W. war zwar nicht sonderlich gesprächig, brachte aber durch seine wenigen Bemerkungen und sein permanentes herablassendes Grinsen ziemlich deutlich rüber, dass seine erste Bemerkung nicht nur der Abwesenheit geschuldet war.

  12. Muriel sagt:

    @madove: Mir sagen sowas auch manchmal Leute, aber bei mir stimmt das dann eigentlich immer, deswegen teile ich diese Erfahrung nicht. Würde mir aber sicher auch zu denken geben…

  13. DasSan sagt:

    Ich habe heute zufällig einen Eindruck davon bekommen, wie solche Situationen entstehen können – jemand bot mir in der Straßenbahn einen Sitzplatz an und ich sagte vor Schreck nicht „danke, wie nett“ sondern „seh‘ ich so alt aus?“ Sozial inkompetent…

  14. Muriel sagt:

    @DasSan: Ich will nicht nerven, aber ich kann das nicht oft genug betonen: Es geht mir nicht um Einzelfälle. Die Personen, um die es hier geht, haben über längere Zeiträume keine einzige Gelegenheit ausgelassen, die Interaktion zu erschweren und zu keiner Zeit auch nur eine Spur von Bedauern darüber gezeigt. Das da oben in meinem Post sind nur die anschaulichsten Beispiele.
    Dass man aus Geistesabwesenheit einzelne unpassende Bemerkungen macht, ist was völlig anderes.

  15. Dietmar sagt:

    Ich verstehe das komplett. Mir fallen auch sofort Leute ein, die so sind. Aber leider keine unterhaltsame Anekdote.

  16. Henk sagt:

    Ich versuche bei solchen Leuten immer ausdrücklich besonders höflich/freundlich zu sein, in der möglicherweise idiotischen Hoffnung, dass ihnen die Diskrepanz im Verhalten auffällt.

    Ähnliches Verhalten beobachte ich bei mir selbst auch, bei der Erklärung meiner Motivation dazu schwanke ich allerdings zwischen dem von dir geschilderten pädagogisch-aufklärenden Ansatz, einer Art Pilatus-Ritual nach dem Motto: „An mir liegt’s nicht, wenn dieses Gespräch aus dem Ruder läuft“ oder unterbewusst kühl kalkulierter Rache, die dem Miesepeter ein bewusst gut gelauntes Gegenbild schafft als wollte man sagen: „Dir geht’s mies? Tja, mir *pfeif, flöt* geht’s zufälligerweise richtig gut und ich lasse mir das von einem wie dir nicht kaputt machen.“

    Ich habe in meinem sporadischen Selbstversuch „Mut und Tat in der Öffentlichkeit“ zuletzt allerdings sehr gute Erfahrungen damit gemacht, das unangemessene Verhalten des Gegenübers direkt anzusprechen, indem ich frage, was denn los ist und ob alles in Ordnung ist. Überraschend, wie oft man darauf eine wirklich Antwort bekommt…

  17. DasSan sagt:

    @muriel: Ich verstehe schon, was du sagen willst – bei den Leuten, denen du da begegnen musstest, würde ich mich ernsthaft fragen, ob die das bemerken und ob das Absicht ist oder ob sie vielleicht irgendwie gestört sind.

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