Gefallen (15)

Tja. Ich weiß, das ist nicht gut von mir, dass ich meinen Fortsetzungsroman zurzeit so vernachlässige. Das hat natürlich Gründe, die euch nicht interessieren, denn für euch ist ja nur entscheidend, dass ich einen Fortsetzungsroman versprochen habe und den jetzt schleifen lasse. Ich kann vorerst nicht einmal Besserung geloben, zumal das Ende sowieso immer das Mühseligste ist, sogar in einer Geschichte, die eigentlich noch lange nicht zu Ende ist, weil sie nur der Einstieg in eine Serie ist. Aber ich bemühe mich. Versprochen.

Viel Spaß.

Was bisher geschah
Im ersten Kapitel wurde Prinzipal Janan von einer Eisernen Jungfrau entführt und durch die Höhlen des Hüters in das Unheiligtum gebracht.
Im zweiten Kapitel kehrte er mit der Eisernen Jungfrau zurück und beriet sich mit seinen… Ja, mit seinen Beraten, wem sonst? über die Bedrohung durch den Hüter.
Im dritten Kapitel lernen wir Mischa kennen, der Prinzipal entscheidet, dass er die Hilfe des Magistrats braucht, und seine Schwester Jasmi reist nach Nomren, um diese anzufordern.
Im vierten Kapitel spricht Jasmi mit dem Magistrat und seinem Ersten Magier, Mischa will von Gennard eine neue Hand, und die Mandurische Armee erleidet eine Niederlage.
Im fünften Kapitel besucht Jasmi das Monument von Yon-Gequl, Kara und Morgan werden von einem Boten aufgesucht, und Jasmi teilt sich eine Kutsche mit dem Gekreuzigten. Er ist ein bisschen schwierig.
Im sechsten Kapitel erwehren sich Kara und Morgan eines aufdringlichen Duellanten und lernen Sturm kennen.
Im siebten Kapitel begegnen Mischa und Gennard einem Monster auf der Straße – oder zweien?, Hauptmann Bendow durchquert einen Sump, und Prinzipal Janan lernt den Gekreuzigten kennen.
Im achten Kapitel bringt Sturm Kara das Fliegen bei, und Doppelgänger führt Selbstgespräche.
Im neunten Kapitel findet Hauptmann Bendow ein süßes und ehrenvolles Ende, Schattentänzer und der Fremde stellen sich Mischa und Gennard vor, und der Gekreuzigte sagt, was Sache ist. Like a boss.
Im zehnten Kapitel machen Morgan, Kara und Sturm eine Zwischenlandung, und der Erste Magier und der Magistrat werden befreit.
Im elften Kapitel erreichen unsere reisenden Helden ihr Ziel, und Kara bricht Sturms Handgelenk.
Im zwölften Kapitel übernehmen der Gekreuzigte, der Tote Mann und Sturm das Kommando über ihre jeweiligen Legionen
Im dreizehnten Kapitel bekommt Mischa eine neue Hand, der Magistrat und sein Erster Magier besprechen ihren Plan, und Feldmarschall Gosrig versucht, Sturm zu töten.
Im vierzehnten Kapitel lernt Rowenia den Gekreuzigten kennen, der Magistrat macht dem Hüter ein Angebot, und Sturm verwüstet eine Stadt, bis eine Eiserne Jungfrau auftaucht und mit ihr zu flirten versucht.

Was heute geschieht

Vor langer Zeit

„Das ginge.“

„Natürlich müssten wir alle gemeinsam den Zauber wirken.“

„Gleichzeitig.“

„Wenn einer nicht teilnimmt… würde einfach nichts passieren. Und wenn es funktioniert, sind wir für immer aneinander gebunden. Kein Krieg mehr, keine Feindschaft.“

„Ich verderbe nur ungern die Harmonie, aber wie kommen wir aus der Singularität wieder heraus? Der Spruch muss, wenn er seinen Zweck erfüllen soll, stärker sein als wir alle zusammen. Wir können uns nicht selbst befreien, und wer außer uns sollte es tun?“

„Befreit werden wir, ich und die Blinden, alle befreit, von sterblichen Händen und sterblicher Macht, befreit, weil wir sie täuschen, die noch blinder sind als ihr, die nicht sehen, nicht fühlen, taub sind und stumm, leicht zu täuschen die Sterblichen, ein Spiel und Vergnügen.“

*********************************************

„Dieser Drecksack.“

Mischa warf den Stein in den Korb, und es war unverkennbar, dass sie dabei daran dachte, etwas ganz anderes ganz wo anders hin zu werfen.

Gennard saß auf einem bequemen Klappstuhl, den er gemeinsam mit einer kleinen Maschine aus seinem Wagen geholt hatte. Von diesem Sessel aus sah er den anderen dreien zu, wie sie den Gang in die Höhlen gruben. Die kleine Maschine fuhr ganz selbständig den Abraum nach draußen. Er hatte sie gebaut, um seine Werkstatt sauber zu halten, aber sie erfüllte auch im Tagebau ihren Zweck. Die Arbeit ging bemerkenswert schnell voran. Der Fels war mürbe wie Blätterteig, und er hatte die Werkzeuge selbst gebaut und mit einigen raffinierten Verbesserungen versehen, die ihre Wirksamkeit potenzierten.

„Wenn er so ein enormer Bombatz ist, warum hat er nicht den Gang für uns gegraben?“

„Nun, Mischa“, erklärte Gennard mit einem süffisanten Lächeln und der erfolgreichen Bemühung, dieses Lächeln auch in seiner Stimme deutlich hörbar zu machen, „Schattentänzer ist ein Meister der Illusion und der Täuschung. Wenn man große Löcher machen will, braucht man den Gekreuzigten. Oder dich natürlich.“

„Ich mach gleich ein großes Loch, Mann. Wenn du nicht so ein bemitleidenswerter Tattergreis wärst, würd ich dich so lange mit dem Kopf gegen die Wand hier hauen, bis ich entweder durch das eine oder das andere durch bin. Kann gar nicht sagen, was mir besser gefallen würde.“

„Ich grabe doch mit, Mischa. Nur eben eher auf intellektueller Ebene. Zum Beispiel berechne ich hier gerade, was nach Schattentänzers Skizze der direkteste Weg zum Herzen der Höhlen wäre. Hoffen wir, dass eure Arbeit nicht ganz umsonst ist, vielleicht grabt ihr ja in die falsche Richtung.“

„Wenn du ihn in Stücke hackst“, keuchte Kara, „Gib ihm bitte noch einen Tritt von mir.“

Morgan arbeitete wie ein Berserker. Mit jedem Schlag der gigantischen Spitzhacke schien er den Gang einen Schritt tiefer in den Berg zu treiben. Gennard hatte sie für einen Riesen konstruiert, und dieser hatte sie nicht haben wollen, weil sie ihm zu schwer gewesen war. Morgan machte den Eindruck, als könnte er in jeder Hand eine führen. Mischa und Kara beluden die Transportmaschine. Es war nicht genug Platz, dass alle drei graben konnten, und Morgan erzeugte genug Schutt, um sie binnen Kurzem an den Rand der Erschöpfung zu treiben. Er selbst zeigte keinerlei Spuren von Ermüdung. Interessant, dachte Gennard und machte sich eine mentale Notiz, dieser Sache nachzugehen.

„Warum ist der Fels hier so weich? Müssen wir befürchten, dass die Decke einbricht?“ fragte Morgan.

Gennard schüttelte den Kopf, was aber natürlich keiner der anderen sehen konnte.

„Soweit ich weiß, ist das eines der Symptome eines Befalls durch den Hüter. Seine Zauberei macht den Fels spröde, damit seine Schergen leichter die Gänge hineintreiben können.“

„Fällt es dann nicht auch seinen Feinden leichter, einzudringen?“

„Das ist ein Nachteil, ja. Die Wände der Gänge sind durch Magie und die Arbeit der Schergen des Hüters befestigt. Hüter haben fast immer sehr kundige Maurer in ihren Diensten. Die Magie ist wegen des Nullsteins kein Problem, aber der letzte verstärkte Meter könnte uns trotzdem zu schaffen machen.“

„Darauf freue ich mich“, sagte Kara. „Wenn es für Morgan ein bisschen anstrengend wird, können wir uns vielleicht ausruhen.“

„Ich setze meinen Ehrgeiz daran, dass ihr keinen Unterschied bemerken sollt“, sagte Morgan mit einem auffälligen Mangel an Erschöpfung und Atemnot in seiner Stimme.

„Stinkender Streber, mistiger“, keuchte Mischa.

Sie hatte inzwischen gelernt, ihre neue Hand zu öffnen und zu schließen. Und als sie einmal versehentlich ein großes Stück Fels zerkrümelt hatte, statt es aufzuheben, hatte sie bemerkt, dass diese neue Hand deutlich kräftiger war als ihre Vorgängerin. Dummerweise war sie jedoch zugleich feinfühlig wie ein zorniges Rhinozeros, und etwa ebenso hübsch anzusehen.

„Woher weiß Gennard das eigentlich alles?“ fragte Kara.

„Ich hab mir lange abgewöhnt, sowas zu fragen“, antwortete Mischa.

„Warum?“

„Weil er antwortet.“

Gennard dachte noch darüber nach, ob er lieber Mischa die Genugtuung vorenthalten wollte, Recht zu behalten, oder eine Gelegenheit nutzen, als

Klong!

Morgans Spitzhacke von einem Stück Fels zurückprallte, ohne eine Spur zu hinterlassen.

„Ich glaube, wir sind so weit“, knurrte er.

Er holte weit aus und führte einen mächtigen Schlag gegen den Stein, der viel Krach machte und einen Splitter von der Größe einer Walnuss herauslöste.

„Das kann jetzt eine Weile dauern“, murmelte er.

Gennard erhob sich aus seinem Klappsessel.

„Moment, warte. Lass mich mal sehen, vielleicht hab ich ja was, was uns da weiter hilft. Ich verstehe ein bisschen was von Baumaterialien und habe einige potente Zartmacher eingepackt.“

Er kniete vor der Mauer nieder, sah sie sich an, betastete sie, zog ein Fläschchen aus einem Beutel an seinem Gürtel und begann, die Wand mit dem Inhalt zu beträufeln.

„Wo hat er das bloß alles gelernt?“ wunderte sich Kara.

„Der alte Sack hatte ja jede Menge Zeit, es zu lernen, während er anderen bei der Arbeit zugesehen hat.“

„Das habe ich gehört, Mischa.“

„Solltest du auch.“

Nach kurzer Zeit hatte Gennard die Wand gleichmäßig benetzt.

„Was ist das für ein Zeug?“ fragte Kara. „Und warum hast du sowas dabei?“

„Sie muss echt anstrengend sein“, raunte Mischa Morgan zu. „Sie hört einfach nicht zu, oder?“

Gennard nahm sein ganzes Überlegenheitsgefühl zusammen und ignorierte sie beide.

„Wenn du mir kurz tragen helfen könntest, Mischa?“

„Warum ich? Kara ist hier die Assistentin, und meine Hand ist jetzt auch fertig. Küss meinen-“

„Ist gut, ich helf ihm.“

Kara trug für ihn die Kiste mit der destabilisierten Nitriersäure in den Gang hinein, und unter den skeptischen Blicken der anderen legte er die gefüllten Tonkugeln vor der Wand aus, entkorkte die Flasche mit dem Brandöl und legte eine Spur daraus von einer der Kugeln bis zum Eingang des Schrägstollens.

„Mischa, würdest du vielleicht zu den Kugeln zurückgehen und aufpassen, dass nichts schiefgeht, während ich hier-“

„Beiß mich.“

„Es war einen Versuch wert.“

Er zuckte die Schultern und entzündete das Öl.

„Bitte tretet noch ein paar Schritte zurück, und erschreckt euch nicht.“

Die Flamme eilte in den dunkeln Stollen, verschwand – und kehrte wenig später mit einem dumpfen Knall und tausenden kleiner und größerer Freunde wieder zurück.

„Warum haben wir das nicht gleich so gemacht?“ fragte Mischa.

„Was glaubst du, wie viele von diesen Kugeln ich dabei habe?“

Morgan und Kara zogen ihre Schwerter und stapften in den Gang, leicht gebeugt, um den dicksten der schwarzen Rauchschwaden auszuweichen. Kara hustete und keuchte. Morgan nicht.

Mischa folgte ihnen nach. Gennard blieb zurück und kramte auf der Ladefläche des Wagens nach einer Schutzmaske.

Die drei Krieger betraten den Stollen und folgten ihm bis zu der Stelle, wo zuvor die Wand sie aufgehalten hatte. Die Explosion hatte das Hindernis nicht vollständig zerstört, aber doch immerhin ein Loch hineingerissen, durch das sie in die Gänge des Hüters kriechen konnten.

„In welche Richtung geht es jetzt?“ fragte Kara.

„Wenn doch nur ein stinkender, nutzloser alter Mann hier wäre, der es uns…“

„Rechts.“

„Danke, Gennard.“

Sie mussten nicht weit laufen, bis sie auf eine schwere hölzerne Tür trafen, die von einem Teufler bewacht wurde. Die riesige sackartige Kreatur stieß einen brüllenden Alarmruf aus, der Mischa an einen wütenden Elefanten erinnerte, schob sich mit seinen viel zu langen Armen auf sie zu und stieß mit einem seiner Hörner nach Morgan. Er wich mühelos aus und schlug das Horn mit einem Hieb seines Schwertes ab.

Der Teufler schrie abermals und schlug mit einer seiner Klauen nach Morgan.

Mischa sprang am strahlenden Helden des Reiches vorbei auf das Monster zu und stieß ihre neu gewachsene Klaue in die allgemeine Gegend, in der die Brust ihres Gegners sich befinden sollte. Die dämonische Kralle durchdrang die schuppige Haut und die Rippen des Teuflers, als wäre er aus Butter. Mit einem schwer zu deutenden Ausdruck in seinen winzigen Schweinsaugen blickte er nach unten, gab ein resigniertes Grunzen von sich und langsam hob seinen zweiten Arm, als wollte er Mischa verscheuchen wie eine lästige Mücke, doch noch bevor die Bewegung ganz begonnen hatte, erschlaffte der riesige Körper, und das Ungeheuer sank in sich zusammen.

Mischa zog ihre Klaue aus dem Fleisch ihres Gegners und betrachtete grinsend den Schleim, das Blut, und die sonstigen Körperflüssigkeiten, die zäh davon herab troffen.

„Ich glaube, ich behalte das Ding.“

*********************************************

Sturm lachte leise, während ihre Hände über den Rücken der Eisernen Jungfrau glitten und ihr Fuß die Tür hinter ihnen ins Schloss schob.

„Du magst also Schmerzen, ja?“ fragte sie.

„Sehr“, antwortete die Jungfrau. „Und du?“

„Manchmal“, sagte Sturm. „Sie erinnern mich daran, dass ich noch am Leben bin.“

Die Eiserne Jungfrau biss in Sturms Zunge, zunächst nur spielerisch knabbernd, dann fester, dann bis aufs Blut, und weiter.

Sturm zuckte zurück und betrachtete sie aus ihren verschiedenfarbigen Augen, während Blut von ihrer Unterlippe auf ihr Kinn tropfte.

Sie öffnete ihren Mund und betastete ihre blutende Zunge, ohne ihren Blick von der Eisernen Jungfrau abzuwenden. Als sie Wunde berührte, zuckte sie zusammen und ließ ihre Hand wieder sinken. Ihre verschieden farbigen Pupillen folgten dem Kehlkopf der Eisernen Jungfrau, als dieser sich auf und ab bewegte.

„Hast du… gerade ein Stück von mir gegessen?“

„Ja.“

Sturms Augen verengten sich, sie trat einen Schritt zurück und zog ihre Brauen zusammen.

„Warum?“

Die Eiserne Jungfrau lächelte, öffnete ihren Mund um zu antworten – und stockte.

Sie kam näher, legte einen Arm um sie und raunte:

„Ich… liebe dich. Ich will dich. Ich will eins mit dir sein.“ Ihre Hand begann durch die verschiedenfarbigen Strähnen von Sturms feurigem Haar zu streichen. „Ich will…“

Sturm versetzte ihr einen Stoß, und die Eiserne Jungfrau stolperte zurück, ihr Blick eine Mischung aus mühsam unterdrückter Wut und Angst.

„Willst du meine Macht?“ fragt Sturm.

„Ja. Ich will alles von dir.“

Sturm verschränkte ihre Arme vor der Brust. „Du trägst zu dick auf. Hör auf damit. Ich will dir glauben.“ Sie hob einen ihre Arme, um ihr Gesicht in die Hand zu legen und mit Daumen und kleinem Finger ihre Schläfen zu massieren. „Und natürlich bekommst du nichts von meiner Macht, wenn du ein Stück von meiner Zunge isst. Du könntest mich komplett verspeisen und hättest nichts davon außer Magenschmerzen. Bringt er euch denn gar nichts bei?“

Die Eiserne Jungfrau sah sie aus großen blauen Augen an.

„Wie heißt du?“ fragte Sturm.

„Lyuneel“, antwortete die Eiserne Jungfrau. „Und du?“

Die Gefallene schnaubte ein Lachen. „Nenn mich weiter Sturm, das ist gut so. Hat er dich geschickt?“

„Ja“, antwortete Lyuneel, ohne Zögern.

Eine lange Zeit verging, in der Sturm sie ansah, mit merkwürdig entspanntem, ausdruckslosem Gesicht.

„Verdammt, lüg mich an!“ zischte sie schließlich. „Wie schwer kann das sein?“

Lyuneel lachte. „Niemand kann dich so gut belügen wie du selbst.“

„Er hat dich also geschickt.“

„Genau.“

„Warum?“

„Er will, dass ich dich in eine Falle locke.“

„Wäre das nicht einfacher, wenn du es mir nicht vorher sagen würdest?“

Lyuneel verschränkte die Arme vor ihrer Brust, und das Leder ihres Anzugs knarrte. Sie blickte an sich herab.

„Sehe ich aus, als würde ich es einfach mögen?“

Sturm schwieg lange, bevor sie sagte: „Ich habe genug von Leuten, die mir Dolche in den Rücken rammen.“

„Dann bist du bei mir genau richtig.“

Lyuneel trat einen Schritt näher an Sturm heran und stieß die Klaue an ihrer rechten Hand tief in den Bauch der Gefallenen.

Ein Lächeln begann um Sturms Mundwinkel und breitete sich über ihr Gesicht aus wie Wellen in einem Teich, während sie auf die Knie fiel und den Arm der Eisernen Jungfrau mit der Bewegung mitzog.

„Danke“, sagte sie, und begann wieder zu lachen.

*********************************************

„Und achtet drauf, dass sie die Latrinen nicht zu nah an…“

Oberst Kurin verstummte, als er das trockene Rascheln hinter sich vernahm, das seit zwei Tagen die größte Furcht in seinem Leben war.

Er drehte sich nicht um. Er hatte die Erfahrung gemacht, dass es Gespräche mit dem Toten Mann ungemein erleichterte, wenn er ihn nicht ansah.

„Was geschieht hier?“ röchelte die Stimme des Gefallenen hinter ihm. Sehr nah hinter ihm. Er versuchte, ruhig weiterzuatmen und mit fester Stimme zu antworten.

„Ich habe den Aufbau eines Lagers befohlen. Die Legion marschiert nun seit über-“

„Ich gebe die Befehle“ flüsterte der Tote Mann. „Die Legion wird weiter marschieren.“

Oberst Kurin drehte sich nun doch um und bereute es umgehend.

„Die… die…“ Er trat einen Schritt zurück und wandte seinen Blick von der widernatürlichen Kreatur vor ihm ab. „Die Soldaten können nicht weiter marschieren, Feldmarschall“, stieß er hervor, „Sie brauchen Ruhe, sie müssen essen, sie brauchen Schlaf!“

„Die Legion wird weiter marschieren.“

„Unmöglich. Feldmarschall, wir haben schon über 100 von uns verloren. Die Soldaten brauchen Ruhe, wenn sie das Ziel überhaupt lebend erreichen sollen.“

„Sollen sie nicht“, röchelte der Tote Mann. „Sie sollen es schnell erreichen.“

Kurins Atem stockte. Er räusperte sich, bevor er mit brüchiger Stimme erwiderte: „Ich werde diesen Befehl nicht ausführen, Feldmarschall.“

Der Tote Mann nickte.

„Gut.“

Er streckte eine Hand aus. Oberst Kurin zögerte. Er konnte nicht fassen, dass das Gespräch damit enden sollte, und ekelte sich außerdem vor den verwesenden Fingern des Gefallenen, aber er war froh, ihn überzeugt zu haben, und wollte die Geste nicht zurückweisen. Widerwillig schüttelte er die Hand des Toten Mannes und widerstand dem Drang, sie danach an seiner Hose abzuwischen.

„Ich werde dafür sorgen, dass die Legion sofort bei Sonnenaufgang aufbrechen wird. Wir werden unser Ziel so schnell erreichen, wie es irgend möglich ist, Feldmarschall, Ihr habe meint Wort. Was…?“

Er kniff die Augen zusammen und schüttelte seinen Kopf. Ihm wurde heiß, und schwindlig, und sein Atem rasselte in seiner Lunge. Er hustete und spürte, wie Schweiß unter seinen Achseln ausbrach, und auf seiner Stirn.

„Was ist das?“

„Die Toten reisen schnell“, röchelte das der Tote Mann. „Und sie geben keine Widerworte.“

*********************************************

Rowenia hatte diese Situation immer gehasst. Der Gekreuzigte befragte sie, und sie hatte keine Ahnung, welche Fragen echt waren, und welche dazu dienten, sie auf die Probe zu stellen. Sie ertappte sich dabei, wie sie sich von seinem blicklosen Gesicht mit den stumpfen, schartigen Köpfen der riesigen Nägel so entnerven ließ, dass sie Fragen auch dann wahrheitsgemäß beantwortete, wenn er die wahre Antwort unmöglich kennen konnte. Und das schlimmste war, dass sie im Grunde natürlich keine Ahnung hatte, ob für diese widernatürlich Abscheulichkeit überhaupt etwas unmöglich war. Es war unmöglich, dass jemand mit zwei Nägeln in seinem Kopf überlebte, oder nicht?

Aber am Ende war es egal. Rowenia war dem Reich im Großen und Ganzen treu. Sie hatte dem Prinzipal immer so gut gedient, wie sie konnte, sie hatte ihn nie bestohlen, und sie hatte sich nie bestechen lassen. Aber ihre Treue entsprang der Aussicht auf das Vertrauen des Prinzipals und ihren eigenen langfristigen Vorteil, nicht nebligen Vorstellungen von Ehre und Pflichten, und sie ging ganz sicher nicht so weit, dass sie riskieren würde, das nächste Exempel dieses Monsters zu werden.

Um die Strafe dafür, dass sie mit einem Usurpator kooperierte, würde sie sich Gedanken machen, sobald die Leute, die sie dafür bestrafen würden, nicht mehr in Angst vor dem Usurpator bebten.

Außerdem war sie sowieso nicht sicher, wie sehr sie ihm helfen konnte. Was war das Wissen darüber, welchem Oberst er trauen konnte, welche Legion stehen und welche brechen würde, und welche Städte wie hohe Steuern zahlen konnten, gegen die Fähigkeit, mit einem Blick einen Mann in einen schleimigen rötlichen Nebel zu verwandeln, und mit einem Wink einen Wald einzuäschern?

„Es sind oft die kleinen Details, die am Ende mehr zählen als schiere Kraft“, sagte er.

Rowenia wusste für einen Moment nicht, ob sie in Ohnmacht fallen sollte, oder laut schreiend davonlaufen, oder weinend zusammenbrechen. Sie entschied sich vorläufig dafür, den Gekreuzigten mit weit offenem Mund anzustarren und ihr Herz in ihren Bauch fallen zu fühlen.

„Ich glaube, er kann nicht richtig Gedanken lesen. Er schnappt nur manchmal die grobe Richtung auf, und das benutzt er dann, um uns zu verunsichern.“

Rowenia hörte Jasmis Stimme wie aus großer Entfernung, und die Bedeutung der Worte schaffte es nicht ganz, die Barriere aus panischer Furcht und Verzweiflung zu überwinden, die ihr Bewusstsein blockierte. Erst mit der Antwort des Gekreuzigten zusammen verstand sie, was die Schwester des Prinzipals gesagt haben musste.

Es war das erste Mal, dass Jasmi überhaupt gesprochen hatte, seit Rowenia eingetreten war.

Sie ähnelte nun schon viel mehr der selbstbewussten, geradlinigen jungen Frau, die Rowenia kannte, auch wenn ihre Stimme unsicher geklungen hatte und ihr Blick nervös zwischen Rowenia und dem Gekreuzigten hin und her sprang.
„Sie hat Recht“, sagte er. „Gewissermaßen. Trotzdem sollte sie allmählich wirklich gelernt haben, ihre Zunge zu hüten.“

Jasmi nickte demütig, schien aber insgesamt eher erleichtert als erschrocken. Nach allem, was sie bisher wusste, war eine mündliche Warnung von ihm wahrscheinlich die angenehmste Konsequenz, die man erwarten konnte, wenn man ihn verärgerte.

„Gewissermaßen?“ fragte Rowenia.

Sie hatte gehofft, möglichst bald unter vier Augen mit Jasmi sprechen zu können, um herauszufinden, was sie über den Gekreuzigten wusste und vielleicht gemeinsam einen Plan zu entwickeln… Aber auch diese Hoffnung war nun zerschlagen, denn welchen Sinn hatten geheime Pläne, man keine Geheimnisse halten konnte. Oder konnte man?

„Ich kann Gedanken lesen“, sagte er, „Wir können es alle, es ist nicht einmal besonders kompliziert. Aber es ist anstrengend, und die Gedanken eines Menschen verraten weniger über ihn, als du dir vielleicht vorstellst.“

„Oh.“ Rowenia hätte gerne eine bessere Antwort gegeben, aber sie war noch immer zu erschrocken, als dass ihr eine eingefallen wäre.

Was hatte sie gedacht, seit das Gespräch begonnen hatte? Was konnte er mitbekommen haben? Konnte er auch Dinge erfahren, die sie gar nicht bewusst dachte, und einfach ohne ihr Zutun ihren Verstand durchwühlen?

Unvermittelt stand er auf – es war immer noch ein Anblick wie in einem schlimmen Traum, wenn er sich zu seiner vollen Größe aufrichtete – und wandte seine blicklosen Augen dem Eingang des Zeltes zu.

„Es wird Zeit“, sagte er.

Rowenia warf Jasmi einen fragenden Blick zu und erhielt als Antwort nur ein angedeutetes Schulterzucken, kurz bevor von draußen ein lautes Krachen, das Klirren von Rüstungen und Waffen, und Geschrei erklang.

Die Zeltklappe wurde aufgestoßen und zwei uniformierte Soldaten stolperten hinein.

„Feldmarschall“, keuchte einer von ihnen, „Wir werden angegriffen!“

„Er ist etwas zu früh“, grollte die tiefe Stimme des Gekreuzigten, „Aber die Witwe hatte nie einen besonders klaren Begriff von Zeit.“

Lesegruppenfragen

  1. Boah wow. Wenn bitte jeder zu Beginn seines Kommentares einmal kurz anerkennen könnte, dass das hier echt Arbeit macht, und dass ihr das total zu schätzen wisst, bevor ihr mich wissen lasst, was euch nicht gefallen hat (was ihr bitte weiterhin tun sollt, das ist ja eines der Hauptziele dieser ganzen Sache hier), wäre das toll. Geht das? Oder ist euch das zu doof? Je länger ich drüber nachdenke, desto besser kann ich verstehen, dass es euch zu doof ist.
    Aber es wäre schon total nett, irgendwie.
  2. Habt ihr gemerkt, dass ich in der ersten Szene (also der mit Gennard und Mischa und so) mal ausnahmsweise mit der auktorialen Perspektive gearbeitet habe? Hat es euch gestört?
  3. Nicht nur für DasSan: Ist das mit Sturm jetzt ein bisschen besser? Ich weiß, es ist nicht plötzlich alles ganz anders, aber das geht ja auch nicht einfach so.
  4. Keoni fand die Szene mit dem Toten Mann uninteressant und meint, dass wir sowas schon oft genug hatten. Was meint ihr?
  5. Irritiert euch, dass Jasmi in der letzten Szene so vorlaut ist? Sie stand zuletzt immer etwas schüchtern im Hintergrund, und ich wollte da was machen, aber ich bin nicht sicher, ob ich es übertrieben habe. Wie würdet ihr wohl mit dem Gekreuzigten umgehen?
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9 Responses to Gefallen (15)

  1. Guinan sagt:

    Das ist mir überhaupt nicht zu doof und ich freue mich jedes Mal unendlich, wenn du mal wieder an dieser (oder einer anderen) Geschichte weitergeschrieben hast.
    Du machst dir wirklich viel Arbeit für uns *anerkennend Schulterklopf*
    Ehe du aber eine Serie planst: Da ist noch eine Fortsetzung zu Menschenähnlich offen.
    Übrigens interessieren mich _Gründe_ immer.

    Zu den Fragen später, ich hab gerade keine Zeit.

  2. Muriel sagt:

    @Guinan: Wow. Ich bin gerührt. Vielen Dank!

    Ehe du aber eine Serie planst: Da ist noch eine Fortsetzung zu Menschenähnlich offen.

    Da kannst du unbesorgt sein. Dass „Gefallen“ eine Serie mit mindestens 3 Teilen wird, steht schon lange fest, und hat keinen Einfluss auf die Entscheidung über den nächsten Fortsetzungsroman.

  3. DasSan sagt:

    1. Ich kann dir gerne bestätigen, dass ich es für eine ordentliche Leistung halte, sich so eine zusammenhängende Geschichte auszudenken und die in Worte zu kleiden. Dafür respektieren deine ergebenen Leser dich sicherlich alle.
    2. Habe ich trotz Deutsch Leistungskurs (damals *hüstl*) nicht direkt bemerkt, liest sich aber gut.
    3. Nicht schlecht soweit, aber die Szene erschien mir etwas kurz.
    4. Es ist tatsächlich keine besonders aufregende Szene, stört aber nicht weiter.
    5. Ich finde Jasmi eigentlich schon immer ganz sympathisch und von mir aus kann sie ruhig mal ein paar Sätze mehr sagen. Sie macht den Eindruck, als ob sie durchaus manchmal was Kluges zu sagen hätte.

  4. Muriel sagt:

    So geht das also mit der Anerkennung… Man muss nur schamlos darum betteln. Warum habe ich das nicht früher schon versucht?
    @DasSan: 2. Mich irritiert es, weil ich das sonst nie mache, und es auch in dieser Geschichte nur das eine Mal ist, aber irgendwie ging das nicht anders. Schön, dass es zumindest dich nicht stört.
    3. Mir auch… Wird fortgesetzt.

  5. Guinan sagt:

    So, jetzt geht’s.
    2. Nein, ist mir nicht aufgefallen, auch nicht beim zweiten Lesen. Wo?
    Diesen ersten Teil finde ich besonders gelungen, da ist ’ne Menge Kicherpotential drin. Und es sind wieder ein paar echte Perlen eingestreut.
    3. Ja, das gefällt mir so auch besser. Aber: Eine lange Klinge am Handgelenk ist für mich keine Klaue.
    4. Die Passagen mit den Soldaten mag ich, andere Perspektiven sind immer gut. Allerdings sind mir die Gefallenen, zumindest Toter Mann und der Gekreuzigte, etwas zu eklig.
    5. Siehe DasSan.
    6. Die ultimative Lobhudelei kannst du gerne regelmäßig von mir bekommen.

  6. Muriel sagt:

    @Guinan: 2. Normalerweise schreibe ich (außer bei den Ausnahmen) aus der Perspektive eines der Charaktere, in der dritten Person. Der Erzähler weiß nur das, was dieser Charakter weiß, und der Leser erfährt auch ausschließlich die Gedanken dieses Charakters, nicht auch die Gedanken der anderen.
    In dieser Szene schreibe ich aus der Perspektive eines außenstehenden Erzählers, der zum Beispiel sowohl Gennards als auch Mischas Gedanken kennt. Er tritt zwar nicht so stark in den Vordergrund wie der Erzähler in „Yours to keep“, aber es ist aus meiner Sicht doch ein ziemlicher Unterschied zum Rest dieser Geschichte.
    Aber jedenfalls schön, dass es dir gefallen hat, ich fand die Szene auch ganz lustig.
    3. Darüber könnte man diskutieren. So lang ist die Klinge auch gar nicht…

  7. madove sagt:

    0) Da ist mir Guinan zuvorgekommen: Gründe. Interessieren. Immer.
    1) In meiner Eigenschaft als Muriel-Fangirl fällt mir das zwar leicht, aber ich werde bei Aufforderungen furchtbar leicht bockig… Ich werd also nur die Begeisterung äußern, die ich eh an den Tag gelegt hätte. Die ist allerdings erheblich…! 😉
    2) Wäre mir nicht aufgefallen… Auch sonst sehr nett.
    3) Das war eine tolle Szene. So richtig. Ich mag Sturm sehr, sobald sie sich nicht zuuu erbärmlich aufführt.
    4) Hm. Jetzt, wo sie’s sagt… aber gestört hat sie auch nicht. Also die Szene, nicht Keoni.
    5) Ich trau es ihr zu und finde es, wie die anderen schon schrieben, begrüßenswert, wenn sie den Mund aufmacht.

  8. Muriel sagt:

    @madove: 0) Ach, das ist jetzt kein großtes Geheimnis. Sie sind nur einfach immer noch dieselben, und nicht mal sonderlich interessant. Ich liege in den letzten Zügen meiner Dissertation (jetzt seit rund zwei Jahren, und wahrscheinlich auch noch mindestens bis 2015), ich will nimmermehr updaten, um es ein paar Agenturen anzubieten, und dann habe ich ja immer noch meinen Nebenjob…
    1) Reicht doch auch.
    2) Dass das keiner merkt…
    3) Danke, ich mag sie auch. Sie hat es ja auch nicht leicht…

  9. […] Es ist unglaublich, dass Muriel für seine Kurzgeschichte „Gefallen“ einfach den einleitenden Text geklaut hat, den ich hier reinschreiben wollte. Naja, dann schließe ich mich halt mal ganz […]

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