Billigjobs

Wenn wirres.net es verlinkt, kann es nicht so schlecht sein, dachte ich, aber wieso sieht es dann so schlecht aus? Verwirrt klickte ich auf den Link und stellte fest, dass es sehr wohl kann. Naja. Nicht mal Herr Schwenzel ist unfehlbar, das sollte mich doch eigentlich eher ermutigen.

Kawasakiguy hat unter dem Titel „What I learned from Steve Jobs“ ein buntes Potpourri aus lahmen Ratschlägen zusammengestellt, und von grenzwertig nutzlosen bis hin zu nachgerade gefährlichen Zutaten alles reingeworfen, was ihm gerade an Gedankenresten auf die Tastatur krümelte. Beginnen wir mit ix‘ Lieblingsteil gleich am Anfang:

Experts are clueless.

Experts—journalists, analysts, consultants, bankers, and gurus can’t “do” so they “advise.”

Sensationell, oder? Wenn mir das doch nur früher schon jemand gesagt hätte, dann könnte ich wahrscheinlich genauso reich sein wie Steve Jobs, nur hoffentlich noch am Leben. Verdammt. Woran man erkennt, dass alle Experten keine Ahnung haben? Ganz einfach:

For example, the experts told us that the two biggest shortcomings of Macintosh in the mid 1980s was the lack of a daisy-wheel printer driver and Lotus 1-2-3; another advice gem from the experts was to buy Compaq

Donnerlittchen. Die Empfehlungen von Experten sind manchmal falsch? Warten Sie auf weitere brisante Entdeckungen wie „Fertiggerichte sind manchmal gar nicht lecker.“ oder „Bankberater sind manchmal gar nicht objektiv.“ Okay. Wir haben gelernt, dass Experten ahnungslos sind. Die Empfehlung ist offensichtlich:

Hear what experts say, but don’t always listen to them.

Hm? Wie? Ich denke, die sind ahnungslos, warum soll ich ihnen denn zuhören? Wie? Ach so, weil sie gar nicht ahnungslos sind. Es geht nur darum, dass man nicht immer auf sie hören sollte. Verstehe. Wäre ich nie drauf gekommen. Warten Sie auf weitere bahnbrechende Empfehlungen wie „Nur bei Grün über die Straße“ oder „Billig kaufen, teuer verkaufen“.

Na gut. Das war jetzt einfach von vorne bis hinten Quatsch. An den zweiten Tipp dachte ich, als ich „nachgerade gefährlich“ schrieb:

Customers cannot tell you what they need.

“Apple market research” is an oxymoron. The Apple focus group was the right hemisphere of Steve’s brain talking to the left one. […] [Customers] can only describe their desires in terms of what they are already using.

Das mag wohl so sein, aber falls das ernsthaft eine Empfehlung für aufstrebende Unternehmensgründer sein soll, auf Marktforschung zu verzichten und stattdessen auf die Interaktion ihrer Arschbacken Gehirnhälften zu vertrauen, dann wird der harmlose Blödsinn spätestens hier potentiell ziemlich harmvoll (Klar ist das ein Wort. Muss doch. Ist doch logisch!). Wenn jemand ein Unternehmen gründet, geht er damit ein erhebliches Risiko ein und setzt nicht selten neben seiner eigenen auch die Existenz andere Menschen (Investoren, Bürgen, Angehörige, die ihre Immobilien als Sicherheit zur Verfügung stellen, Arbeitnehmer vielleicht auch noch) aufs Spiel. Wer dabei diesem Rat folgend einfach mal auf seinen Durst hört, statt möglichst unvoreingenommen und ergebnisoffen (Stichwort wissenschaftliche Methode) den Markt zu erforschen, den er zu erobern gedenkt, handelt verantwortungslos und hat dafür als Entschuldigung nicht viel mehr zu bieten als Denkfaulheit.

The richest vein for tech startups is creating the product that you want to use—that’s what Steve and Woz did.

Das stimmt nur dann, wenn ich zufällig genau das Produkt will, das die anderen Marktteilnehmer auch gerade wollen. Und dass das bei „Steve und Woz“ geklappt hat, ist kein Indiz dafür, wie gut meine eigenen Gehirnhälften darin sind, Kundenwünsche zu erspüren. Ich fühle mich gerade an so eine Anzeige erinnert, die öfter mal in der NJW erscheint: Gute Berater kosten ein Honorar. Schlechte ein Vermögen.

Und ich finde, die folgenden 11 (Es gibt noch einen nichtnummerierten) Ratschläge können wir uns jetzt schenken. Sie fallen alle in eine der beiden Kategorien. Entweder sind sie so trivial und überpauschalisiert, dass man gar nicht weiß, ob man noch drüber lachen darf („The biggest challenges beget best work.„), oder es sind albern überbewertete Einzelaspekte von Steve Jobs‘ Erfolgsgeschichte („You can’t go wrong with big graphics and big fonts.„), oder beides. Eigentlich alle beides.

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6 Responses to Billigjobs

  1. whynotveroni sagt:

    Herrlich, hab‘ sehr gelacht, danke Muriel. 🙂

  2. malefue sagt:

    also, wir sind dann jetzt bald alle milliardäre, ja?

  3. malefue sagt:

    achja, und der titel: gag-spitzenklasse, fast schon spon-niveau!

  4. interessant wie unterschiedlich man einen text verstehen kann.

    kawasaki hat glaube ich nirgendwo davon gesprochen, dass das was er von steve jobs gelernt hat empfehlungs- oder ratschlagcharakter habe. er hat halt aufgeschrieben was er gelernt hat. abgesehen davon scheint mir das was er gelernt hat auch nicht ganz so blöd und brandgefährlich zu sein wie du es oben darstellst. kawasaki ist, soweit ich das bisher mitbekommen habe, auch ein ganz erfolgreicher gründer und unternehmer.

    was ich aber besonders bemerkenswert finde: ich hab die kawasaki-liste nicht primär als ratschläge für business-kasper verstanden (obwohl das natürlich naheliegend ist), sondern als mahnung nicht zum engstrinigen arsch zu werden (eine gefahr in der ich mich und meine mitmenschen ständig sehe), nicht immer mit der herde zu laufen, auf die gestaltung zu achten, nicht allzuviel müll zu produzieren, hin und wieder arbeit dafür aufzuwenden, gedanken einfach, kurz und knapp und verständlich zu formulieren und es auszuhalten, zu schätzen und zu nutzen, dass viele menschen um einen herum klüger als man selbst sind. klar ist das banal. aber obwohl es ebenfalls eine banale forderung ist, nett zu seinen mitmenschen zu sein, gibts darüber jedes jahr 30 neue filme und schrillionen neue lieder.

    abgesehen davon mag ich triviales oder selbstverständliches hin und wieder ganz gerne. es sollte aber ordentlich formuliert und nummeriert sein. amerikaner fürchten sich nicht, ständig listen mit selbstverständlichkeiten aufzustellen. deshalb sind amerikaner auch besser im listen-erstellen. zu jedem beliebigen thema fallen einem amerikaner doppelt so viele punkte ein, wie einem deutschen. banalophobie — gibts das eigentlich? ah, klar.

  5. Tim sagt:

    aber falls das ernsthaft eine Empfehlung für aufstrebende Unternehmensgründer sein soll, auf Marktforschung zu verzichten

    Hm, mit Marktforschung ist oben wahrscheinlich Institutsmarktforschung gemeint, d.h. klassische Befragungen und sowas? Wer sich auf sowas verläßt, trägt in der Tat vor allem zum Wohlstand des Institutsinhabers bei, denke ich. Wichtig ist nicht, was Konsumenten sagen, sondern wie sie handeln. Konsumentenbeobachtung ist unbedingt nötig, klar. Aber ein Großteil der Mafo-Angebote ist einfach Humbug …

  6. Muriel sagt:

    @whynotveroni: Witzig. Gerade von dir hätte ich jetzt erwartet, dass du mich fragst, warum ich mich darüber so aufrege. Oder sowas. Aber schön, dass es dir gefällt.
    @felix schwenzel:

    interessant wie unterschiedlich man einen text verstehen kann.

    Find ich auch. Ich würde auch ganz bestimmt nicht leugnen wollen, dass ich hier in meinem Beitrag dazu den angemessenen Tonfall hier und da (hoffentlich) zugunsten des Unterhaltungswertes zurückgestellt habe. Im Großen und Ganzen finde ich kawasakis Lektionen aber in der Tat nicht nur banal (Das wäre ja nicht so schlimm, da gebe ich dir Recht.), sondern mindestens auch irreführend. Die Mahnung, nicht zum engstirnigen Arsch zu werden, kann man in der Tat nicht oft genug anbringen, aber gleich die erste Überschrift, Experten seien Ahnungslos, wirkt da auf mich eher kontraproduktiv. Aber vielleicht verstehe ich ihn ja auch wirklich einfach nur nicht richtig.
    @Tim: Ich weiß nicht, was kawasaki meint. Ich kann mich nur an dem orientieren, was er geschrieben hat, und das finde ich doof. Dass es auch Möglichkeiten gibt, seine Kalendersprüche so zu interpretieren, dass sie irgendwie doch richtig sind, gestehe ich gerne zu.

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