Ayn Rant kommt selten allein: 6%

Atlas Shrugged ist ein bisschen wie Twilight. Zum Beispiel, weil es nicht nur für meine Cred (Ich weiß, ich habe nicht genug davon, um den Ausdruck benutzen zu dürfen, aber.), sondern auch zur Verdeutlichung meiner wahren Position eigentlich opportun wäre, einen völligen Verriss davon zu schreiben – und wer weiß, vielleicht mache ich das am Ende ja auch, ich habe gerade erst 6% gelesen. Aber auch, weil ich es wirklich mit der festen Absicht angefangen habe, es richtig schlimm zu finden. Und weil es fanatische Fans hat, von denen ich insgeheim hoffe, dass ein paar auch hier auftauchen werden, um mit mir zu streiten. Bisher würde ich aber sagen, dass Atlas Shrugged genau wie Twilight nicht ganz so schlimm ist wie sein Ruf, was allerdings – genau wie bei Twilight – nicht viel heißt.

Dieser Absatz fasst vielleicht ganz gut meine bisherige Leseerfahrung zusammen:

The adversary she [sc. Dagny Taggart] found herself forced to fight was not worth matching or beating; it was not a superior ability which she would have found honor in challenging; it was ineptitude – a grey spread of cotton that seemed soft and shapeless, that could offer no resistance to anybody, yet managed to be a barrier in her way.

Oder das hier:

[Nathaniel Taggart] never sought any loans, bonds subsidies, land grants or legislative favors from the government. He obtained money from the men who owned it, going form door to door – from the mahogany doors of bankers to the clapboard doors of lonely farmhouses. He never talked about the public good. He merely told people that they would make big profits on his railroad, he told them why he expected the profits and he gave his reasons. He had good reasons. […] The statue was of a young man with a tall, gaunt body and an angular face. He held his head as if he faced a challenge and found joy in his capacity to meet it. All that Dagny wanted of life was contained in the desire to hold her head as he did.

Das ist gefällig geschrieben, und ich kann auch nicht leugnen, dass da in mir etwas resoniert, wenn ich das lese. Aber Ayn Rant macht mit ihrer Philosophie und deren Vehikel „Atlas Shrugged“ das, was man normalerweise anderen überlässt: Sie führt sie ad absurdum, indem sie sie bis ins Lächerliche überzeichnet.

Jeder ihrer Helden ist schlank und groß und hart und kantig und kalt:

His body was tall and gaunt; he had always been too tall for those around him. His face was cut by prominent cheekbones and by a few sharp lines; […] Ever since he could remember, he had been told that his face was ugly, because it was unyielding, and cruel, because it was expressionless. It remained expressionless now, as he looked at the metal. He was Hank Rearden.

Und jeder von ihnen hat nur das Ziel, seine Arbeit gut zu machen und viel Geld zu verdienen. Sie alle leben nur für ihren Erfolg. Irgendwie bringen sie es damit aber überein, jeden Vorteil abzulehnen, der von der Regierung kommt, und überhaupt rundum ehrlich, anständig und prinzipientreu zu sein. Sie sagt sogar explizit, dass man am Aussehen die Guten erkennt:

When Owen Kellogg entered her office, she looked at him with satisfaction. She was glad to see that she had been right in her vague recollection of his appearance – his face had the same quality as that of the young brakeman on the train, the face of the kind of man with whom she could deal.

Die anderen hingegen sind alle faule, unnütze, heuchlerische, rückgrat- und skrupellose Schmarotzer. Wie hier zum Beispiel, nachhdem Hank Rearden seinem Bruder $10.000 für seinen wohltätigen Verein verspricht:

„By the way, Henry“, Philip added, „Do you mind if I ask you to have Miss Ives give me the money in cash?“ Rearden turned back to him, puzzled. „You see, Friends of Global Progress are are a very progressive group and they have always maintained that you represent the blackest element of social retrogression in this country, so it would embarrass us, you know, to have your name on our list of contributors, because somebody might accuse us of being in the pay of Hank Rearden.“

Und sie nehmen natürlich im Gegensatz zu den guten Kapitalisten keinerlei Rücksicht auf die Rechte anderer Menschen:

„When people are unanimous, how does one man dare to dissent? By what right? That’s what I want to know – by what right?“

[…]

„If everybody could pull for a common purpose, then nobody would have to be hurt! […] I wish we didn’t have to hurt anybody“

„That is an anti-social attitude“, drawled [James] Taggart. „People who are afraid to sacrifice somebody have no business talking about a common purpose.“

Ja, es gibt solche Menschen. Und ja, ich mag Rands Helden, und ich verabscheue die Antagonisten. Ich stimme vielem zu, was sie schreibt. Aber genau das stört mich ja eben an Rand: Sie ist mit ihrer Quatschphilosophie dicht genug dran an vernünftigem Liberalismus, dass viele (Liberale und Nichtliberale) die beiden Positionen durcheinanderbekommen und sich den Blick auf die Wirklichkeit vernebeln lassen.

Eddie Willers followed [Dagny Taggart] to her office. Whenever she returned, he felt as if the world became clear, simple easy to face

Und da ist das Problem an Rands Weltsicht, und der ihrer Anhänger, soweit ich das jetzt schon erkennen kann: Sie ist klar, simpel, einfach. Die einen sind gut, die anderen sind schlecht. Man erkennt den Unterschied auf den ersten Blick, und ansonsten auch ganz leicht daran, dass die Guten erfolgreich sind, und die Schlechten nicht. Und umgekehrt gilt es auch: Wer erfolgreich ist, ist gut, und zwar direkt definitionsgemäß, denn (wirtschaftlicher) Erfolg ist ja der einzige Maßstab. Und so klare, simple Weltsichten sind ein Problem, weil unsere Welt nun einmal nicht klar und simpel und einfach ist. Und jedes Mal, wenn irgendein möchtegernliberaler Depp ihren Stuss zitiert, nährt er damit die unsinnige Vorstellung, Ayn Rands Bullshit wäre Liberalismus. Das nehme ich ihr übel, auch wenn sie ein paar ziemlich gute Soundbites geschrieben hat.

Man mag es für voreilig halten, dass ich nach 6% des Buches schon ein solches Urteil fälle. Andererseits halte ich es für durchaus bezeichnend, dass ich nach 6% des Buches schon langsam das Gefühl habe, alles gelesen zu haben, und zwar mehrfach. Rands Karten liegen auf dem Tisch. Sie hat gesagt, was sie zu sagen hatte, und wenn diese ersten 6% ein Indiz sind, verwendet sie die restlichen 94% jetzt nur noch, um uns mit der großen, klobigen Keule ihres Objektivismus so lange auf den Kopf zu hauen, bis wir ihr Recht geben.

Warten wir’s ab. Noch gebe ich nicht auf.

Wer ist John Galt?

(Dank für den Titel an Augenfarbe)

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9 Responses to Ayn Rant kommt selten allein: 6%

  1. TakeFive sagt:

    Egal wer sich den Posttitel ausgedacht hat, er ist echt gut. Der letzte wars übrigens auch schon.

  2. S. A. Mahr sagt:

    6%, und ich muss gestehen, ich bin bei diesem Rant bereits ausgestiegen.
    Seit etwa 20 Jahren steht dieses Buch nun in meinem Regal, aber über die Zeile „Wer ist John Galt?“ bin ich nie hinausgekommen. Nein, ich habe es mir nicht selbst gekauft; es war das Geschenk eines Freundes, dessen ganze Familie vom Objektivismus überzeugt war (ist).

  3. Muriel sagt:

    @TakeFive: Danke. Ich hatte aber schon schönere Titel, finde ich.
    @S.A. Mahr: Es ist auch leicht, sich davon einwickeln zu lassen, weil es alles so vernünftig klingt. Natürlich nur, wenn man von vornherein schon in diese Richtung tendiert.
    Das Lesen kannst du dir ja nun ersparen, du hast ja mich. (Ich werde versuchen, die zukünftigen Beiträge zu diesem Thema ein bisschen weniger konfus zu schreiben als diesen hier.)

  4. TakeFive sagt:

    @Muriel: Habe ich etwa ein Superlativ verwendet? Gegen DEN Titel kommt natürlich sowieso keiner mehr an… 😀

  5. […] jetzt ist natürlich schon ein bisschen mehr passiert als beim letzten Mal. Und eigentlich doch nicht. (Ich spreche keine Spoilerwarnung aus, weil ich die grundsätzlich […]

  6. […] anstrengend war, kann ich nicht beurteilen, aber ihr Hauptwerk “Atlas wirft die Welt ab” ist es anscheinend schon). Joans grundsätzliche Sicht der Dinge hat viele Ähnlichkeiten mit meiner […]

  7. […] Freude bereitete mir die Lektüre des Rezension “Ayn Rant kommt selten allein: 6%” von Fellow-Blogger Muriel […]

  8. […] es die politische Einstellung mit charakterlichen Defiziten verknüpft, eben genauso, wie es auch Ayn Rand macht, von der ich zu dieser Zeit gnädigerweise noch nicht mal gehört hatte. Aber ich hatte […]

  9. […] wenn sie noch vom Leistungsschutzrecht erfahren hätte, und mich ärgert das ein bisschen, denn ich gönne es ihr nicht. Sogar in ihrer völlig albernen Karikaturwelt waren die Schmarotzer nicht dummdreister und […]

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