Was Geburtstagspartys mit Shadow of the Colossus gemein haben

Ich erwähnte ja in meinem letzten Post dazu, dass der nette Mann von dem Verlag mir noch einen zweiten Versuch zugestanden hatte, ihn zu überzeugen. Ich machte mir dabei nicht viel Hoffnung, denn ich dachte, wenn seine Lektoren mich beim ersten Mal nicht lustig fanden, werden sie wohl kaum bei meinem zweiten Entwurf vor Lachen von ihren Bürostühlen fallen. Ich wollte aber andererseits eine solche Chance nicht einfach verstreichen lassen und nahm mir noch ein bisschen Zeit, um mir zu überlegen, was ich Lustiges schreiben könnte, das ein bisschen nerdiger und ein bisschen mehr nach Sheldon klingen würde als mein erster Versuch.

Im Ergebnis ist nicht viel dabei herausgekommen, und er hat verständlicherweise auch nicht mehr geantwortet [Nachtrag: Hat er inzwischen doch. Sehr nett sogar. Wird trotzdem nichts.], aber vielleicht interessiert es euch ja trotzdem:

Ich hatte zu Schulzeiten ja auch ein paar normale Freunde. Ist „Freunde“ das richtige Wort? Wie nennt man diese Leute, die einen wenig genug verabscheuen, um sich von Mitleid und Pflichtgefühl dazu treiben zu lassen, einen zu Geburtstagspartys einzuladen, obwohl sie einen nicht besonders mögen?

Jedenfalls habe ich deswegen auch hin und wieder an Versammlungen von Menschen teilgenommen. Heute mache ich sowas natürlich nicht mehr. Heute habe ich mein dreidimensionales Star-Trek-Schachspiel.

Ich habe damals auch nicht so richtig verstanden, wofür das gut sein soll, aber ich hatte noch die Hoffnung, es herauszufinden. Für die Wissenschaft.

Damals war mir noch nicht klar, dass man genau wie bei Fröschen oder Modellflugzeugen auch bei Menschen viel einfacher zu Antworten kommt, indem man sie einfach auseinanderbaut.

Nicht, dass das heute der Weg wäre, den ich bevorzuge. Würde ich nie tun. Biologie war ohnehin nie mein Lieblingsfach.

Damals jedenfalls kam ich manchmal den Einladungen nach, um Beobachtungen zu machen, und hin und wieder eigene Experimente zu versuchen, wenn meine Beobachtungen ausreichten, um eine überprüfbare Hypothese zu liefern.

Am Anfang habe ich noch viel Zeit damit zugebracht, zu erforschen, wie rational denkende Menschen an solchen Veranstaltungen Spaß haben können. Wie sich inzwischen herausgestellt hat, können sie es nicht.

Mir ist aber aufgefallen, dass menschliches Verhalten auf solchen Partys eine beachtliche Ähnlichkeit mit Shadow of the Colossus aufweist.

(Damals wusste ich das natürlich noch nicht, denn ich wollte mit der PlayStation nichts zu tun haben. Ich habe Sony gehasst. Wenn die nicht gewesen wären, wäre Sega nicht untergegangen – nein, ganz im Ernst, ich bin mir sicher! -, und Shenmue Online wäre zu Ende entwickelt worden. Die Welt wäre ein besserer Ort, und ich hätte unter Umständen nicht nur Mitarbeiter von Sony zur Grundlage meiner eingehenderen Erforschung der menschlichen Anatomie gemacht. Die wie gesagt nie stattgefunden hat.)

Das klingt jetzt vielleicht erst mal komisch, aber hört mich zu Ende an. Denkt mit mir zusammen darüber nach:

Zunächst mal reitet man durch eine trostlose, langweilige Ebene, auf der überhaupt nichts los ist. Es gibt keine Items, und keine Easter Eggs, keine Zufallsbegegnungen und nicht mal mickrige Monster zum Aufleveln. Nur stimmungsvolle Musik und ganz akzeptable Grafik bei suboptimaler Beleuchtung.

Also… Naja, klar, normalerweise stirbt nicht erst die eine große Liebe unseres Lebens, und dann tragen wir sie in einen Tempel, um sie wiederzubeleben und vertreiben finstere Schattenkreaturen mit unserem magischen Schwert. Dieser Teil kommt meistens erst gegen Ende der Party. Ich bin deshalb immer schon nach zwei, drei Stunden gegangen, denn ich hatte kein magisches Schwert.

Egal. Also, den Prolog vergesst. Jeder Vergleich hinkt, und ich bedaure auch, auf Vergleiche zurückgreifen zu müssen, weil sie eben nie völlig die Realität abbilden, aber Kommunikation funktioniert eben nur, wenn man sich dafür auf das Niveau des anderen herablässt. Nicht zu ändern.

Wir reiten eine lange Zeit über diese langweilige Eben, und nichts passiert, bis schließlich aus den Nebelschwaden vor uns zum ersten Mal etwas Interessantes auftaucht. Je näher wir kommen, desto besser erkennen wir, wie riesig und unförmig und bedrohlich es ist, aber wir sind nun einmal hier, um das Spiel zu spielen, also spielen wir das Spiel. Wir reiten darauf zu, halten davor an, und schauen skeptisch zu dem scheußlichen Ding hinauf. Dann zucken wir die Schultern und machen uns an die Arbeit.

Wir versuchen also, auf die Ebene des Monsters zu gelangen. Im Spiel klettern wir dafür nach oben, und hier hinkt der Vergleich wieder. Das liegt nicht an mir. Vergleiche sind so. Deswegen mag ich sie nicht.

Wir mühen uns also ab –mehr dazu im nächsten Kapitel-, und fragen uns dabei die ganze Zeit, wofür das alles hier überhaupt gut sein soll. Das übelriechende Ungeheuer ignoriert unsere Versuche, es zu provozieren, zu Anfang noch. Erst, als wir seinen wunden Punkt gefunden haben, beginnt es langsam, sich belästigt zu fühlen und wird aggressiv. Wir geben natürlich nicht auf und ärgern es weiter, denn dafür sind wir schließlich gekommen.

Und zum Schluss fällt es vor uns in den Staub, und wir haben gewonnen, aber wir können den Sieg nicht so richtig genießen, weil das Monster uns trotz seiner Größe eigentlich von Vornherein chancenlos unterlegen war, und weil wir außerdem immer noch nicht ganz verstehen, warum die ganze Übung überhaupt sein musste.

Und weil wir klüger sind als Wanda, und niemals so einen ungeschickten Fehler machen würde wie uns in eine Frau zu verlieben, lernen wir nach dem ersten Monster unsere Lektion und gehen nach Hause, um stattdessen was Gutes zu spielen, wie Shenmue zum Beispiel. Oh, wie ich Sony hasse.

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4 Responses to Was Geburtstagspartys mit Shadow of the Colossus gemein haben

  1. Guinan sagt:

    Ich glaube, danach hätte ich mich auch nicht mehr gemeldet.

  2. Dietmar sagt:

    Das klingt tatsächlich nerdiger. Allerdings fand ich die erste Geschichte erheblich lustiger. Aber das kann auch durchaus daran liegen, dass um diese Uhrzeit bei mir allmählich die Lämpchen ausgehen.

  3. madove sagt:

    Also vielleicht bin ich komisch, aber ich fand den von der Art her auch toll (außer den Refenrenzen auf Spiele, die ich nicht kenne).

    Anders, viel schwieriger zu folgen, und ein Buch in dem Stil würd ich nicht am Stück durchhalten, aber ich erkenne eine Menge (meiner…) Realität wieder und habe mehrfach gelacht, grade weil der Text so trocken ist.

    Aber wer nicht will, der hat schon…

    Wahrscheinlich ist es doch am zukunftsweisendsten, wenn Du Deinen eigenen Stil schreibst und niemand versucht, Dir einen fremden aufzudrücken.

  4. […] natürlich. Ich durfte zum Beispiel ein Radiointerview geben, ein Buchkonzept pitchen, und dann noch eins, ich wurde von meiner Nachbarin getrollt, ich habe ein paar echt nette Leute kennengelernt und […]

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