Nieder mit der Menschenwürde

Ich mochte Art. 1 I GG nie besonders. Ich will nicht leugnen, dass es manchmal eher irrationale Gründe waren, die mir die postulierte Unantastbarkeit der Menschenwürde unsympathisch machten. Sicher hatte meine Abneigung dagegen auch damit zu tun, dass die Leute, die sich extensiv darauf berufen, in der Regel anderer Meinung sind als ich. Aber es gibt auch echte Gründe, aus denen ich diese Norm für keine gute Idee halte, auch wenn ich damit wahrscheinlich ziemlich alleine stehe. Manche sind besser, manche schlechter, aber im Großen und Ganzen führen sie dazu, dass ich mich freuen würde, wenn Art. 1 I GG ersatzlos gestrichen würde.

Zunächst mal ist er einfach überflüssiges Geschwurbel. Lesen wir mal Absatz II:

Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder  menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.

Nuff said, oder? Was muss man da noch so ein wolkiges Konzept wie die Menschenwürde einführen, die niemals vernünftig definiert wurde und deshalb alles und nichts bedeutet? Was muss man sie für „unantastbar“ erklären, obwohl sie es eindeutig nicht ist?  Und seien wir mal ehrlich: Wenn ich mich entscheiden muss, dann hätte ich lieber, dass mein Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit (Art. 2 II) für unantastbar erklärt werden als meine Würde. Oder vielleicht die freie Entfaltung meiner Persönlichkeit (Art. 2 I). Sicher, Würde ist auch nicht schlecht, aber ich finde, sie wird überschätzt.

Da mag jetzt ein gewisses Ressentiment in euch aufkeimen, aber ich finde, das ist nicht berechtigt, und teilweise (Je nachdem, was ihr sonst so denkt.) auch schlicht heuchlerisch. Wer dieses unselige Rumgekasper an Flughäfen für angemessen hält, und zur Not auch das Innere anderer Menschen auf Drogen untersuchen möchte, der kann mir nicht erzählen, dass die Menschenwürde für ihn „unantastbar“ ist. Und das ist doch auch gut so. Nicht unbedingt bei Drogen. Da bin ich noch nicht überzeugt, dass wir diese Branche überhaupt kriminalisieren müssen. Aber darum geht es hier nicht. Es geht um Menschenwürde, was auch immer das ist, und ihre Antastbarkeit. Und ich bin der Meinung, dass die Menschenwürde durchaus mal angetastet werden kann, wenn das sein muss, um Leben und Gesundheit anderer Menschen zu schützen.

Ja, aber darum geht es doch gar nicht, sagen die Verfechter von Art. 1 I GG. Die Menschenwürde ist ja jetzt nicht so unantastbar, dass jeder sich sofort darauf berufen könnte, sobald er sich irgendwie unwürdig behandelt fühlt, weil er sich zum Beispiel nackt ausziehen und von einem völlif Fremden befummeln lassen muss. Die Menschenwürde ist mehr… ein allgegenwärtiges Sein, das sich zugleich in Differenz (nicht Distanz) und in Einheit (nicht Gleichheit) zum Sein der Welt verhält. Oder so. Also gar nichts. Und dann sind wir wieder bei Anfang: Wofür ist so ein Konzept überhaupt gut?

Wenn ich das richtig überblicke, nutzt unsere BverfG die Menschenwürdegarantie nur als Auffangvorschrift, wenn ihm mal irgendwas nicht in den Kram passt, aber keine einschlägige Grundgesetznorm zur Hand ist. Abschuss von zivilen Flugzeugen? Hm… Schwierig… Recht auf Leben ginge, aber die Leute, die man rettet, haben ja auch eins, da müsste man abwägen, das ist aber doof… Ach komm, Menschenwürde, fertig, auf zum Golfplatz.

Ich kann mich in der Tat kaum an Gelegenheiten erinnern, zu denen jemand etwas Fundiertes zu sagen hatte und sich dazu auf die Menschenwürde berufen musste. Geht es euch da anders? Nach meiner Erfahrung braucht die nur, wer sonst keine Argumente hat. Und damit ist das Konzept erstens nutzlos, und damit zweitens auch gleich schädlich, denn unbedeutendes Gefasel ist keine gute Einleitung für eine Verfassung, sondern entwertet sie, wie dumme und nutzlose Vorschriften jedes Gesetz entwerten.

Down with dignity! Who’s with me?

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25 Responses to Nieder mit der Menschenwürde

  1. Thomas sagt:

    Stimmt absolut, die Menschenwürde ist ein sehr blumiges und diffuses Konzept. Und die Welt würde sicher kein besserer Ort, würde man Art. 1.1 bis zur letzten Konsequenz anwenden. Was man da alles verbieten müsste! Ich denke nur so vage an diverse Praktiken, die ich durch rein zufälliges Klicken auf den falschen link schon im Internet gesehen habe… Mit Menschenwürde hatte das nicht viel zu tun, und von der Möglichkeit des freiwilligen Verzichts auf Würde ist ja auch nirgends die Rede. 😉

    Dennoch finde ich diesen Absatz im GG gar nicht schlecht. Denn Rechtsprechung ist ja zwangsläufig und immer ein Abwägen und Einschätzen des Richters. Reichen die Beweise für eine Verurteilung aus? Sind die allgemeinen Merkmale für einen Mord in einem konkreten Fall gegeben? Keine Formulierung kann so präzise sein, daß es in der Praxis keiner (mehr oder weniger) subjektiven Einschätzung bedarf. Der Menschenwürdebegriff ist da vielleicht einfach nur besonders unpräzise.
    Aber ich denke, das ist auch durchaus so gewollt. Es dient als eine Art Notausgang, wenn man den höchsten Richtern einen diffusen Begriff zur Verfügung stellt, mit dem sie gegen eine Situation vorgehen können, auch wenn es keine steinharten Regelungen gibt, die sie verbietet. Es ist gewissermaßen die Möglichkeit, eine Lage aus einem rein menschlichen Blickwinkel zu betrachen und ggf. zu verbieten, ohne nur an ausgiebige Gesetzestexte gebunden zu sein. Und manchmal ist so etwas in dieser Welt einfach mal nötig. Und die Gefahr, es sich zu einfach zu machen und etwas nur zu verbieten, um schneller auf dem Golfplatz zu sein, sehe ich in der Praxis auch nicht. Weder scheint mir durch das Verfassungsgericht exzessiv auf die Menschenwürde zurückgegriffen, noch habe ich den Eindruck, daß Urteile, selbst wenn sie mir nicht gefallen, vorschnell und unüberlegt gefällt werden.

    Insofern trotz allem: Ohne mich gegen die Menschenwürde!

  2. MH sagt:

    Ich bin ja nu auch nicht gerade ein Gutmensch, der viel anfangen kann mit Begriffen wie Würde, Toleranz, Verständnis, blah. Aber wenn ich drüber nachdenke, warum der erste Artikel unserer Verfassung aussieht, wie er aussieht, dann fällt mir schon das eine oder andere ein.
    Wenn die Nazis eines drauf hatten (außer Autobahnen bauen natürlich), dann doch wohl, anderen ihre Würde zu nehmen. Indem sie sie mit Sternen auf der Brust rumlaufen ließen, indem sie sie systematisch ausgrenzten, etc. Und wenn ich weiter so drüber nachdenke, dann schwant mir, dass man auch nach dem Tod, wenn einem das Recht auf körperliche Unversehrtheit total egal sein kann, immer noch ein Recht auf Würde hat. Ein Recht darauf nicht nackt auf einen Haufen anderer Leichen geworfen zu werden, z.B.
    Von mir aus kann der Artikel 1 ruhig so bleiben wie er ist.

  3. Tim sagt:

    Ja, ist ein vollkommen unsinniger Artikel (nicht Deiner, sondern Art. 1 GG). Ein deutlich wirksamerer Artikel 2 wäre mir viel lieber, weil er alles enthält, was irgendeiner unserer Verfassungspoeten mit Art. 1 gemeint haben könnte. (Bzw. enthalten könnte, weil ja auch Art. 2 aus Gummi besteht und beliebig gedehnt werden kann.

  4. thehax sagt:

    Zweierlei. Erstens denke ich hat MH das schon ganz gut formuliert, ist natürlich, wie immer ein Extrembeispiel, leider ein reales.
    Zweitens muss ich sagen, dass ich Dir hier bei der typisch amerikanischen Hollywood-Abwegung zu „the greater good“ nicht zustimmen kann. Die vorgeschobenen Gründe für ständig erhöhte Sicherheitsmaßnahmen sind eine Farce. Diese ausufernden unrechtmäßigen Eingriffe in Privats- und Intimsphäre gehören abgeschaft und nicht gelobhudelt. Zweck ist hier einzig und Allein die Aufrechterhaltung von Furcht vor einer ständigen, unterschwelligen und nicht greifbaren Bedrohung.

  5. energist sagt:

    Der von mir bisher vermutete Hauptgrund für die Existenz von Art. 1 GG ist die Markierung von Dampfplauderern. Egal was und wo, sobald jemand die Phrase „das verstößt doch gegen das Grundgesetz, Menschenwürde blabla“ in Wort oder Schrift gebraucht, kann man die Aufmerksamkeit ziemlich sicher ohne großen Verlust abschalten. (Ausnahmen bestehen bei einigen Herren und Damen aus Karlsruhe.)

  6. Pardette sagt:

    Zwar mag ich irren, aber mir kam es immer so vor, als gehöre der Menschenwürdeartikel gar nciht „angewendet“. Die Idee ist, so wie ich sie verstanden habe, dass die eigentliche Würde des Menschen bei noch so würdeloser Behandlung an und für sich unantastbar ist – nicht dass sie nicht angetastet gehört. Ein Postulat also, das sich nicht in Handlungsverboten äußert, sondern die Menschenwürde einfach feststellt, unabhängig davon, ob sie tatsächlich gewürdigt wird.
    Das mag zwar für die konkrete juristische Praxis wenig an die Hand geben und denn auch oft zweifelhaft, weil vage ausgelegt werden, prinzipiell finde ich die Feststellung an sich aber richtig und wichtig.

  7. Tim sagt:

    @ Pardette

    Ich fände auch folgenden Artikel im GG prinzipiell nicht schlecht:
    „Spiegeleier schmecken gut“.

  8. Tim sagt:

    Bzw. eher so:

    „Spiegeleier schmecken gut. Alles Weitere regelt ein Bundesgesetz“.

  9. Thomas sagt:

    @Pardette, Tim:

    Als Beispiel mal einige Zitate aus der Entscheidung des Verfassungsgerichts zu Hartz IV:

    „Der Erste Senat des Bundesverfassungsgerichts hat entschieden, dass die Vorschriften des SGB II, die die Regelleistung für Erwachsene und Kinder betreffen, nicht den verfassungsrechtlichen Anspruch auf Gewährleistung eines menschenwürdigen Existenzminimums aus Art. 1 Abs. 1 GG in
    Verbindung mit Art. 20 Abs. 1 GG erfüllen.“

    „Das Grundrecht auf Gewährleistung eines menschenwürdigen
    Existenzminimums aus Art. 1 Abs. 1 GG in Verbindung mit dem Sozialstaatsprinzip des Art. 20 Abs. 1 GG sichert jedem Hilfebedürftigen diejenigen materiellen Voraussetzungen zu, die für seine physische Existenz und für ein Mindestmaß an Teilhabe am gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Leben unerlässlich sind.“

    „Es ist mit Art. 1 Abs. 1 GG in Verbindung mit Art. 20 Abs. 1 GG zudem unvereinbar, dass im SGB II eine Regelung fehlt, die einen Anspruch auf Leistungen zur Sicherstellung eines zur Deckung des menschenwürdigen Existenzminimums unabweisbaren, laufenden, nicht nur einmaligen, besonderen Bedarfs vorsieht.“

    Klingt das vielleicht so, als handle es sich bei dem Gerede von der Menschenwürde um ein in der Praxis bedeutungsloses Blabla wie beim Geschmack von Spiegeleiern??

  10. Tim sagt:

    @ Thomas

    Klingt das vielleicht so, als handle es sich bei dem Gerede von der Menschenwürde um ein in der Praxis bedeutungsloses Blabla wie beim Geschmack von Spiegeleiern??

    Ja, natürlich, denn die Menschenwürde ist ja in Deutschland eben nicht unantastbar, wie Muriel oben schon geschrieben hat. Darum wird mit ihr nur argumentiert, wenn man als Richter oder Politiker gerade nix anderes Passendes zur Hand hat. Eine Art Joker-Karte.

    Sachlich korrekt wäre eine Formulierung von Art. 1 ungefähr folgendermaßen:
    „Die Menschenwürde ist unantastbar, wenn … [folgt: beliebig lange Liste von Einschränkungen]“.

    Weil die Menschenwürde ungefähr so konkret wie die Form eines Joghurts ist, könnte man sie problem- und ersatzlos streichen, finde ich.

  11. Thomas sagt:

    @ Tim

    Ja, ein Joker, der immer dann herausgeholt wird, wenn gerade nichts anderes zur Hand ist. Und ich finde, es lassen sich gute Gründe finden, weshalb es einen solchen Joker geben sollte. Z.B. immer dann, wenn sich herausstellt, daß man in der beliebig langen Liste doch mal etwas vergessen hat. Oder wenn z.B. der wissenschaftliche Fortschritt zu Optionen führt, die man im Detail nicht hätte vorhersehen können. Sollte dann immer eine Grundgesetzänderung mit all ihren Hürden fällig werden, und das so schnell, daß in der Praxis nicht schon das Kind in den Brunnen gefallen sein kann?

    Und in der Form eines Joghurts sehe ich auch kein Problem. Eine Tötung z.B. ist u.a. dann ein Mord, wenn sie „sonst aus niedrigen Beweggründen, heimtückisch oder grausam oder mit gemeingefährlichen Mitteln“ ausgeführt wurde. Klingen diese Kriterien viel weniger interpretationsbedürftig als „Menschenwürde“? Müssen wir jetzt noch das Strafbesetzbuch solider umschreiben?

  12. Tim sagt:

    @ Thomas

    Hm, Du siehst in gesetzlicher Beliebigkeit offenbar kein Problem. Ich schon. Aber vielleicht kannst Du mir mal verdeutlichen, was der Gesetzgeber eigentlich mit Menschenwürde meint – vor dem Hintergrund folgender Tatsachen:

    – Es ist in Deutschland mit der Menschenwürde nicht vereinbar, einem Menschen ohne eigenes Einkommen nur 364 Euro zu zahlen.

    – Gleichzeitig ist es mit der (untastbaren) Menschenwürde aber problemlos vereinbar, ihn für 10 Jahre gegen seinen Willen einzusperren.

    – Allerdings ist es mit der Menschenwürde nicht vereinbar, Arbeitszeiten biometrisch zu verfassen.

    – Völlig unproblematisch hinsichtlich der Menschenwürde ist es hingegen in bestimmten Situationen, einen Menschen zu entlassen, weil er mit einem geschiedenen Partner zusammenlebt.

    (Liste ließe sich beliebig verlängern)

    Hast Du da nicht den Eindruck, daß bei diesen Beispielen der Begriff „Menschenwürde“ nicht nur unterschiedlich ausgelegt wird, sondern sich die einzelnen Deutungen sogar kraß widersprechen? Mit anderen Worten: völlige Beliebigkeit. Solche Begriffe gehören meiner Meinung nach ins Poesiealbum, aber nicht in die Verfassung.

  13. Thomas sagt:

    @ Tim:

    Du tust gerade so, als ginge es hier um ein Problem, das nur den Begriff der Menschenwürde angeht. Dabei tritt, vielleicht weniger deutlich, dieselbe grundsätzliche Frage immer wieder auf. Menschen töten ist verboten, ausgenommen in Notwehr und im Krieg. Jedem Menschen wird das Recht auf freie Meinungsäußerung zugestanden, aber nicht, wenn es in Beleidigung oder übler Nachrede ausartet. Auch diese Liste ließe sich lange fortsetzten.
    In diesem Punkt geht letztlich um eine Abwägung zwischen Interessen, oder zwischen „konkurierenden Rechtsgütern“. Und genau das findet auch bei den oben genannten Beispielen statt: Eine Abwägung zwischen der Beeinträchtigung der Würde und der Notwendigkeit von Strafe oder dem Schutz anderer Menschen. Und die Abwägung endete nun mal so, daß Einsperren akzeptabel ist, öffentliches Auspeitschen aber nicht. Das zweite Beispiel ist etwas zu plakativ, um es in einigen Worten zu beantworten, aber ich denke, der Punkt ist auch hier klar.

    Und die Aufgabe, derartige Abwägungen vorzunehmen, obliegt nun mal Juristen, bzw Richtern. Und im Falle der Menschenwürde letztlich bei den Verfassungsrichtern. Und man mag diesen Abwägungen im Einzelfall zustimmen oder auch nicht, letztlich lassen sie sich prinzipiell niemals vermeiden. Sie lassen sich nicht vermeiden, weil es immer einander widersprechende Interessen gibt. Und, weil eine sprachliche Formulierung niemals vollkommen eindeutig und frei von Interpretationsspielräumen ist.

    Das es dabei mitunter zu Widersprüchen kommt, ist wohl auch kaum verwunderlich, solange es um menschliche Entscheidungen und Einschätzungen geht, oft sogar um die von verschiedenen Menschen mit veschiedenen Ansichten. Hoffnungen auf ein vollkommen eindeutiges Rechtssystem ohne Widersprüchlichkeiten und Unklarheiten sind ebenso vergeblich wie auf eine widerspruchsfreie und eindeutige Beschreibung in jedem anderen Teil des menschlichen Lebens und Denkens (ja, inklusive der Mathematik.). Und in der Praxis scheint mir Artikel 1.1 ganz gut zu fuktionieren, ihn aus reiner Lust am Prinzipiellen zu steichen finde ich irrgeleitet.

  14. Tim sagt:

    @ Thomas

    Natürlich müssen Rechtsgüter immer gegeneinander abgewogen werden. Darum sind ja Gesetze oft bewußt offen formuliert. Artikel 1 ist aber in einer Absolutheit formuliert worden, die einfach nicht der Realität entspricht. Die Menschenwürde ist in Deutschland in sehr vielen Situationen nun mal nicht unantastbar.

    Allerdings finde ich das Grundgesetz generell nicht sehr gut gelungen. Artikel 1 ist sicher keines der Hauptprobleme, sondern lediglich überflüssig.

  15. Thomas sagt:

    @ Tim

    Ja, aber dieser Absolutheitsanspruch läßt sich ja leicht aufrecht erhalten, wenn man alle Unsicherheiten in den Begriff „Würde“ abschiebt.
    Du findest es eine Beeinträchtigung der Würde, jemanden einzusperren. Dem könnte ich entgegen halten, daß das meinen Begriff von Würde nicht verletzt, sondern nur das Recht auf Freiheit, und das ist ja nicht unantastbar. Dann wirst Du sagen können, daß es genau diese begriffliche Schwammigkeit ist, weshalb Du den Begriff der Menschenwürde verbannen möchtest. Und ich sehe keinen Grund, den Verfassungsrichtern die Interpretation von „Würde“ zu verweigern, aber Richtern die Auslegung von „niederer Beweggrund“, „heimtückisch“, „an Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit“, etc. zu gestatten.

    Aber all das sind nur theoretische Spielereien. Ich selber bin sehr froh, daß es in der Praxis den „Joker“ der Menschenwürde gibt. Ich sehe kaum Mißbrauchsgefahr, aber eine Menge Situationen, in denen dadurch Schlechtes abgewehrt werden kann.

  16. Tim sagt:

    @ Thomas

    Mißbrauchsmöglichkeiten gibt es zuhauf, wenn etwa Leute Privatmeinungen mit dem schwammigen Begriff der Menschenwürde begründen. Es gab und gibt das zum Beispiel in der Mindestlohn- und der Gentechnik-Debatte.

    Mir wäre Rechtssicherheit deutlich wichtiger als ein Begriff, der je nach Tageslaune in jede beliebige Richtung ausgelegt werden kann. Aber offenbar können wir in dieser Frage keinen Konsens finden. 🙂

  17. Thomas sagt:

    @ Tim

    Naja, wenn fünf von acht Verfassungsrichtern eine „Privatmeinung“ teilen, dann ist es eben keine Privatmeinung mehr, sondern die Auffassung des Bundesverfassungsgerichts. Nach diesem Prinzip funktionieren nun mal viele Entscheidungsfindungen in einer Demokratie.
    Und das das Verfassungsgericht seine Entscheidungen nach Tageslaune mal so, mal so mit der Menschenwürde begründen würde, das kann ich nun wirklich nicht erkennen.
    Aber es stimmt schon, es wird spät, lassen wir es also gut sein. 🙂

  18. Pardette sagt:

    @ Tim, schön, dass deine weiteren Kommentare die Interpretation unwahrscheinlich machen, du wärst ein Troll. Deswegen möchte ich dir auch gerne noch rasch in zwei Punkten antworten:

    Erstens ist der Geschmack von Spiegeleiern, darauf können wir uns vielleicht einigen, kein Wert, auf dem das moralische Grundgerüst des Grundgesetzes aufbaut. Die Feststellung der Menschenwürde kann nach meiner Lesart durchaus relevant (und, @ Thomas, kein „bedeutungsloses Blabla“) sein, ohne dass sie an dieser Stelle konkret anwendbar sein müsste.

    Zweitens ist aus meiner Sicht der Zusatz „Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“, derjenige, über den sich hier mehrfach beschwert wurde: Nur der bezieht sich nämlich überhaupt auf die Anwendungspraxis des vorhergehenden Grundsatzes. (Und bei der wird es eben tatsächlich schwammig.) Der erste Satz steht für sich.
    @ Thomas, in all deinen Beispielen ein paar Kommentare weiter oben wird der Menschenwürdeartikel mit einem weiteren Gesetz in Verbindung gebracht. Das spricht aus meiner Sicht eher dafür als dagegen, Art. 1 als abstrakte, aber eben bewusste und explizite Grundlage der konkreteren Gesetzgebung zu verstehen.

    Ich bin natürlich kein Jurist, nur Philosoph. Vielleicht darf ich deswegen gar nicht erst mitreden.
    Im Übrigen schließe ich mich der Meinung an, dass es spät ist und man es auch gut sein lassen kann.

    Nur eine Redundanz möchte ich noch gerne anbringen: Die Menschenwürde kann per se (!) unantastbar sein, ohne dass sie, wie vom zweiten Satz des bewussten Artikels gefordert, „geachtet“ oder gewürdigt wird, ohne dass ein Mensch menschenwürdig behandelt wird, ohne dass seine auf der Menschenwürde basierenden Rechte tatsächlich unangetastet bleiben etc. Die (aus meiner Sicht eben wirklcih wertvolle) Überzeugung, der hier Ausdruck verliehen wird, ist, dass niemand einem anderen wirksam seine Würde nehmen kann – selbst wenn er unwürdig mit ihm umspringt.
    Ich hoffe, die Differenzierung leuchtet dem einen oder anderen ein.

  19. thehax sagt:

    Das mag jetzt an der Uhrzeit liegen, aber ich sehe das anders als Pardette im letzten Absatz. Denn wenn die Menschenwürde per se unantastbar ist, bedarf sie ja nicht des Schutzes aus Satz zwei.
    Ob der späten Stunde vermag ich das hier nicht mehr weiter auszuführen.
    Mir fällt zum Artikel 1 nur noch soviel ein, als dass er insofern von vielsagend ist, als dass er eine immense moralische Eingrenzung bedeutet. Er spricht nämlich nur dem Menschen eine Würde zu.

  20. Dietmar sagt:

    @thehax: Eugen Drewermann erklärte kürzlich im Nachtstudio, dass er es für notwendig halte, die Ethik dürfe nicht mehr anthropozentrisch sein. Das hat er nicht religiös begründet, muss man wohl dazu sagen.

    Was den Schutz der Menschenwürde angeht schließe ich mich MH an, ohne die Kommentare zwischen dem seinen und dem letzten von thehax gelesen zu haben; vielleicht ändert das etwas an meiner Einstellung, wenn ich dazu komme, dies nachzuholen. Kann ich mir aber nicht vorstellen, dass es das tut.

  21. […] 1. Zu diesem Artikel hat mich der Artikel »Nieder mit der Menschenwürde« von Überschaubare Relevanz inspiriert. Share […]

  22. […] die Würde: Wie ich oben schon schrieb, haben Dinge keine Würde, und sie brauchen auch keine. Ich halte das Konzept sogar bei Menschen für überflüssig. Und staatliche Organe brauchen auch keine besondere Würde. Die halte ich sogar für schädlich. […]

  23. […] halte die Menschenwürdegarantie für reichlich missglückt, aber darum geht es hier ja nicht. Allgemein: Natürlich können Menschen behaupten, irgendeine […]

  24. […] kann ich gerade noch durchgehen lassen, aber in ihrer nebulös-magischen Anrufung etwa als “Menschenwürde” ist sie mir schon lange nicht mehr nur […]

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