Sinnloser Gastbeitrag

Ja, so einfach ist es, einen Gastbeitrag auf überschaubare Relevanz unterzubringen. Schickt mir einfach was, worüber ich sowieso schon viel nachgedacht habe und das möglichst irgendwo nah bei meiner Meinung liegt. So hat TheHax es gemacht, und seht, wie schnell es geht. Hier könnte euer Beitrag stehen!

(Dass es unter Umständen sogar noch viel einfacher sein kann, ist für jeden Stammleser offensichtlich, aber ich halte es nicht für opportun, darauf noch plakativ hinzuweisen. Kommen wir also ohne weitere Umschweife zu TheHax‘ Gastbeitrag, für den ich ihm jetzt schon herzlich danke.)

Es war ein Tag wie dieser vor ein paar Monaten, da trug ich einen innerlichen Aufschrei über eines der achso-gar-nicht-sozialen Netzwerke heutiger Tage in die Welt hinaus. Damals wie heute überkam mich eine Gemisch aus Entsetzen und Ärger gepaart mit einem starken Mitteilungsbedürfnis, dem Wunsch möglichst vielen Leuten ordentlich die Meinung zu sagen. Die Meinung worüber? Über vieles. Zum Beispiel: den Sinn des Lebens.

Da wurde mir angeboten, meinen Gedanken in schriftlicher Form verfasst einen Raum zu geben. Diesen Raum. Heute ist es für mich an der Zeit dieses Angebot aufzugreifen und mit ein paar Fragen aufzuräumen.
Warum gibt es uns? Was macht uns so besonders? Warum können gerade wir uns diese Gedanken machen? Wofür sind wir geschaffen? Welchen Sinn haben wir? Und welchen unsere Existenz? Und Alles? Welche Aufgaben haben wir?
Jahrtausendelang haben sich namhafte und weniger namhafte Philosophen über diese Fragen den Kopf zerbrochen. Leider ist die Antwort auf meine typische und eigentlich rethorische Gegenfrage „Who cares?“ reichlich unbefriedigend. Denn eine nicht unrelevante Anzahl von Menschen lässt sich diese Fragen nur allzugern mit Ammenmärchen, also mit der Religion beantworten, dabei wird häufig übersehen, dass selbst die Religion vielfach selbst nur äußerst unbefriedigende Antworten liefert.

Dabei lassen sich die Fragen erfrischend einfach klären: Es gibt keinen Sinn. Und damit wäre eigentlich schon alles gesagt.
Doch vielen ist die Klarheit und Logik dieser Erklärung schlicht zu viel, ist unerwartet oder unerwünscht. Das hat ganz unterschiedliche Gründe. Da gibt es zum Einen die menschliche Annahme, dass (scheinbar) komplexe Fragen auch einer komplexen Antwort bedürfen. Andererseits liegt es in der menschlichen Natur unbekanntes mit bereits bekannten Mustern zu erklären. Das Ursache-Wirkung-Prinzip ist eines der fundamentalen Gesetze im menschlcihen Leben. Da fällt es dem Gehirn schwer zu fassen, dass es für die persönliche Existenz keine (befriedigende) Erklärung gibt.Es kommt aber auch eine gehörige Portion Arroganz hinzu. Seit je her bezeichnet sich der Mensch als „Krone der Schöpfung“ oder neuerdings als „Spitze der Evolution“.
Noch Heute, ganz seriös. Als Träger dieses Titels muss man eben einen spezielleren Sinn, eine Rechtfertigung haben.

Aber nicht nur der spezielle Sinn ist eine Fehlannahme, vielmehr ist es die Arroganz des Menschen, der die Sicht auf die Realität verschleiert. Der Titel „spitze der Evolution“ an sich ist schon ein völliger Fehlgriff.
Evolution ist ein fortwährender Prozess, der an millionen Punkten zugleich und völlig ohne Ziel vonstatten geht. Der Mensch stellt heute bestenfalls  eine gewisse Anzahl von Punkten in der Evolutionsgeschichte der Säugetiere dar. Sein Bewusstsein stellt er dabei als herausragendes Merkmal dar und spricht sogleich allen anderen Lebewesen (sogar entgegen wissenschaftlich erbrachten Forschungsergebnissen), jegliche Form und Fähigkeit zu ebendiesem ab. Menschen halten sich gern für Einzigartig und leiten den exklusiven Sinn (ihres) Lebens von dieser Einzigartigkeit ab.

Abgesehen davon, dass sich alle Unterschiede zwischen Mensch und Elefant, Ameise, Begonie, Klopapier, Wassertropfen, Staubkorn beliebig marginalisieren und die Einzigartigkeit damit ad absurdum führen lassen, bleibt die Frage nach dem Sinn des Großen, des Ganzen, des Universums und seiner Zusammenhänge.
Aber warum eigentlich? Wozu bräuchte es einen Sinn?
Ein Sinn ist eine Intention, etwas bewusstes. Etwas Ursachengebendes. Einen Sinn zu geben bedeutet in gewisser Weise eine Art Bewusstsein dahinter zu setzen, also eine Art religiöser Instanz.
Ein rein menschliches Bedürfnis, einerseits ebenfalls durch Arroganz geprägt, andererseits durch die Angst vor dem Ungewissen.

Der Mensch hat Angst. Angst vor dem Unbekannten. Was gibt es unbekannteres, ungewisseres als den (eigenen) Tod? Das geben eines Sinnes, eines Bewusstseins hinter der eigenen Vergänglichkeit soll diese Angst lindern.
Jedoch verklärt es den Blick für das Wesentliche. Das Hier und Jetzt.

Die Sinnessuche beraubt den Menschen der Freiheit einer wunderschön relativierenden Erkenntnis:
Nichts hat einen Sinn.

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17 Responses to Sinnloser Gastbeitrag

  1. Tim sagt:

    Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr Nichts? Das ist tatsächlich die allererste Frage, die man sich aus dem Kopf schlagen sollte.

    Schöner Artikel!

  2. Muriel sagt:

    @Tim: Ich freue mich auch schon auf deinen. Nicht, dass du denkst, ich hätte das vergessen.

  3. Tim sagt:

    @ Muriel: Ich kann gerade nicht, da ich systemrelevant bin. Aber sobald ich die Euro-Krise gelöst habe, werde ich liefern. Es kann ja nicht sein, daß Versprechen an Dich ein rechtsfreier Raum sind.

  4. Muriel sagt:

    @Tim: In der Tat. Es gibt keine Alternative zu deinem Gastbeitrag.

  5. Dietmar sagt:

    Kompliment zum schönen Artikel!

    Nur leider ist er völlig ohne Sinn.

    *debil-lachend-flücht*

  6. thehax sagt:

    Vielen Dank für Veröffentlichung und Kommentare!

  7. whynotveroni sagt:

    Sehe ich auch so. ^.^

  8. whynotveroni sagt:

    Wobei, nicht ganz. Du hast vergessen, zu erwaehnen, das die Antwort nach dem Universum, dem Leben, und dem ganzen Rest (also auch dem Sinn) doch eigentlich bekannt ist und auf der Hand liegt. 42.

  9. TakeFive sagt:

    @thehax: Amen Bruder.

    Schöne Antworten die ich auf sinngemäße, wenn auch weniger gefeilte Ausführungen erhalten habe:
    – „Aber willst du in einer Welt ohne Sinn leben?“
    – „Nein dass das alles [zählt kosmische und biologische Dinge auf] einfach so entstanden ist kann ich mir einfach nicht vorstellen!
    – „Du hörst dich an wie ein Kommunist!“

    (wirklich; fragst bitte nicht mit was für Leuten ich rede)

  10. S. Van Lure sagt:

    ich würde nicht sagen das nichts einen sinn hat.
    ich glaube eher der sinn des lebens ist es dinge zu tun, die ein mensch glaubt tun zu müssen.
    denn woher nimmt man sonst die kraft sich morgens in die arbeit zu schleppen, familien zu gründen, ein haus zu bauen – oder eben was so macht.

  11. Dietmar sagt:

    @S. van Lure: Es geht um die Frage, ob es eine Art übergeordneten Sinn gibt. Ich finde, man hat eine Familie, um eine Familie zu haben, nicht um Gott zu gefallen oder so. Man will das Beste für sein Kind eben für dieses Kind und nicht für etwas Anderes. (Wir stimmen wohl überein, oder?)

  12. TakeFive sagt:

    @ S.Van Lure:
    Aha da kommt schon die erste.. nee aber mal im Ernst: Das wird häufig verwechselt. Von der Tatsache dass die Welt nicht unbedingt einen Sinn/Zweck/Ziel hat kann ich nicht schließen dass ich morgens nicht aufstehen will. Dieser Schluss enthält (das ist nicht als Beleidigung gemeint!) auch einen Spritzer von der von thehax erwähnten menschlichen Arroganz.
    Ich kann mich da Dietmar nur anschließen: Man selbst hat Sinn in seinem Leben zu finden.

  13. thehax sagt:

    Ich denke, dass das Wörtchen „Sinn“ hier oft auch fehlinterpretiert wird. Der Sinn hat ja nicht unbedingt etwas mit Antrieb oder Motivation zu tun. Warum ich morgens aufstehe und mich zur Arbeit schleppe? Weil ich es will. Oder vielleicht auch weil ich meine es zu müssen. Weil ich glaube moralischen Verpflichtungen nachkommen zu müssen und so weiter. Aber das wichtige: es ist meine Leistung. Es ist nicht die Erfüllung eines höheren Gutes und es gibt auch keine Belohnung. Es ist mein Wille dies zu tun. Die Tat an sich und alle daraus folgenden Konsequenzen sind in Gänze irrelevant.

  14. keoni sagt:

    Das hast du aber schön gesagt!

    Ich würde es vielleicht eher so sehen, dass die Welt/das Leben/die Menschheit/ich nicht nur einen Sinn hat, sondern ganz ganz ganz ganz viele, nämlich für jeden seinen eigenen. Aber eigentlich ist das ja genau das, was du auch sagst, nur mit anderen Worten.

    Und auch wenn ich wüsste, dass wir alle geschaffen wurden um, irgendeinem glubschäugigen Alien auf dem Weg nach Aldebaran einen leckeren Snack zu liefern, weiß ich nicht, ob das für mich ein Grund wäre, das als den Sinn meines Lebens anzunehmen. Naja, vielleicht nachdem ich einen Rekord im Erdnussbutteressen aufgestellt habe.
    Aber vielleicht ist das schon wieder ein anderes Thema.

  15. thehax sagt:

    Hier nochmal ein kleiner Nachtrag:
    Den eigentlichen Sinn unseres Lebens, nämlich die Weitergabe von Basenverschlüsselten Informationen, haben wir spitz gesagt verbockt. Schliesslich ist unser aller Existenz nur ein Beispiel dafür, wie schlecht die Stille Basen-Post über 3.8 milliarden Jahre funktioniert hat. Aber das ist wie gesagt eine überspitzte Formulierung, denn es ließe sich auch argumentieren, dass eben diese fehlerhafte informationsweitergabe ja zum Konzept gehöre, Evolution genannt. Letztendlich führt es aber wieder zu den gleichen Punkten: Der Mensch als Informationsträger hat keinerlei Mehrwert als die gemeine Mücke, der Birnenbaum oder der Grippevirus. Für das Thema Sinn noch entscheidender: Die Frage nach dem Sinn wird nicht hinreichend beantwortet, sondern nur verschoben. Denn wenn der Sinn unseres Lebens die Informationsweitergabe ist, was ist dann der Sinn dieser Informationsweitergabe?

  16. Muriel sagt:

    @thehax: Neinnein, du hattest schon Recht.
    Es gibt keinen eigentlichen Sinn. Kann es ja auch gar nicht.

  17. S. Van Lure sagt:

    @Dietmar.
    ich denke schon das wir übereinstimmen. ich denke nicht das es einen allgemeinen übergeordneten sinn des lebens gibt im sinne von einem göttlichen plan;)
    eben wie du gesagt hast, eine familie haben für dich und nicht weil ein gott so befiehlt.

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