Gefallen (16)

So. Ich hatte ja so halb versprochen, dieses Wochenende noch ein Kapitel zu veröffentlichen. Sowas überlege ich mir immer gut, denn solche Versprechen sind zweischneidige Schwerter. Einerseits zwingen sie mich dazu, in der angegebenen Zeit noch ein Kapitel zu veröffentlichen, weil ich einen irrational überhöhten Drang verspüre, zu meinem Wort zu stehen. Andererseits zwingen sie mich dazu, in der angegebenen… Moment. Mir wird gerade klar, dass solche Versprechen doch nur einschneidige Schwerter sind.

Jedenfalls schreibe ich das hier, noch bevor ich mit der Arbeit an dem neuen Kapitel begonnen habe, und es ist schon ziemlich spät. Ich bin also wahrscheinlich noch erheblich gespannter als ihr, ob das noch was wird. Vielleicht auch deshalb, weil ihr nur noch drei Sätze weiterlesen müsste, um es herauszufinden. Ich hingegen muss noch ein paar Stunden arbeiten.

Schaumermal (Ja, das zählt als ein Satz.).

Was bisher geschah
Im ersten Kapitel wurde Prinzipal Janan von einer Eisernen Jungfrau entführt und durch die Höhlen des Hüters in das Unheiligtum gebracht.
Im zweiten Kapitel kehrte er mit der Eisernen Jungfrau zurück und beriet sich mit seinen… Ja, mit seinen Beraten, wem sonst? über die Bedrohung durch den Hüter.
Im dritten Kapitel lernen wir Mischa kennen, der Prinzipal entscheidet, dass er die Hilfe des Magistrats braucht, und seine Schwester Jasmi reist nach Nomren, um diese anzufordern.
Im vierten Kapitel spricht Jasmi mit dem Magistrat und seinem Ersten Magier, Mischa will von Gennard eine neue Hand, und die Mandurische Armee erleidet eine Niederlage.
Im fünften Kapitel besucht Jasmi das Monument von Yon-Gequl, Kara und Morgan werden von einem Boten aufgesucht, und Jasmi teilt sich eine Kutsche mit dem Gekreuzigten. Er ist ein bisschen schwierig.
Im sechsten Kapitel erwehren sich Kara und Morgan eines aufdringlichen Duellanten und lernen Sturm kennen.
Im siebten Kapitel begegnen Mischa und Gennard einem Monster auf der Straße – oder zweien?, Hauptmann Bendow durchquert einen Sump, und Prinzipal Janan lernt den Gekreuzigten kennen.
Im achten Kapitel bringt Sturm Kara das Fliegen bei, und Doppelgänger führt Selbstgespräche.
Im neunten Kapitel findet Hauptmann Bendow ein süßes und ehrenvolles Ende, Schattentänzer und der Fremde stellen sich Mischa und Gennard vor, und der Gekreuzigte sagt, was Sache ist. Like a boss.
Im zehnten Kapitel machen Morgan, Kara und Sturm eine Zwischenlandung, und der Erste Magier und der Magistrat werden befreit.
Im elften Kapitel erreichen unsere reisenden Helden ihr Ziel, und Kara bricht Sturms Handgelenk.
Im zwölften Kapitel übernehmen der Gekreuzigte, der Tote Mann und Sturm das Kommando über ihre jeweiligen Legionen
Im dreizehnten Kapitel bekommt Mischa eine neue Hand, der Magistrat und sein Erster Magier besprechen ihren Plan, und Feldmarschall Gosrig versucht, Sturm zu töten.
Im vierzehnten Kapitel lernt Rowenia den Gekreuzigten kennen, der Magistrat macht dem Hüter ein Angebot, und Sturm verwüstet eine Stadt, bis eine Eiserne Jungfrau auftaucht und mit ihr zu flirten versucht.
Im fünfzehnten Kapitel graben Mischa, Gennard, Morgan und Kara einen Tunnel, Sturm wird mehr oder weniger erstochen, der Tote Mann hat es eilig, und Rowenia und Jasmi plaudern ein bisschen mit dem Gekreuzigten.

Was heute geschieht

„Zwei Türme.“ Lorab sah Weibel Bersker mit erwartungsvoll gehobenen Augenbrauen an, als würde er auf die Pointe warten.

„Das ist der Befehl“, bestätigte der Weibel. „Ihr habt ungefähr zwei Stunden. Und dann tränkt sie mit dem Öl von Chumenaan, aber nicht, bevor ich sie inspiziert habe.“

Zwei Stunden!“

„Gefreiter Lorand, Ihr könnt das gerne mit ihm diskutieren, wenn Ihr mit seinen Befehlen nicht einverstanden seid“, Der Weibel wies mit seinem Kopf in Richtung des großen grün-weiß gestreiften Zeltes. „Ansonsten macht den Mund zu und nehmt einen Hammer in die Hand, bevor ich den einen nehme und damit den anderen für Euch zu mache.“

Lorab drehte sich zu Mahb und und flüsterte: „Was will er jetzt… wie… womit?“

Mahb erwiderte nicht mal seinen Blick.

„Ausführung!“ bellte der Weibel und marschierte zum nächsten Zug, den er zu schikanieren hatte.

„Was ist los mit dir?“

„Was ist los mit dir, Lorab? Wir haben schon Strafdienste bis Wendiks Nacht. Wenn du jetzt noch Streit mit Bersker anfangen willst, nur zu, falls dir noch Probleme fehlen, aber bitte lass mich da raus!“

Lorab zuckte die Schultern. „Ich sag ja nur. Warum baut er die Türme nicht einfach? Warum müssen wir uns dafür abbuckeln, wenn er einfach nur mit den Ohren wackeln muss, und schon ist es soweit?“

Es war eine schreckliche Arbeit gewesen, die Gräben auszuheben und die Palisaden zu errichten und die zahllosen kleinen Fallen zu legen. Heute gegen Mittag war der Gekreuzigte aufgetaucht, hatte einen nahegelegenen Wald abgeholzt und die Tiefe des Grabens verdoppelt, binnen einer halben Stunde. Es waren Männer unter den Sappeuren, die immer noch mit offenem Mund herumliefen.

„Ich weiß nicht, warum er es nicht selbst macht, aber ich weiß, wenn er befiehlt, dass wir es machen, dann werde ich ganz- Oh gütiger Himmel.“

„Mahb, du hast schon immer geflucht wie ein kleines Mädchen, aber-“

Lorab verstummte, als er die Form vor dem orangeroten Abendhimmel sah, die auf das Lager der Mandurischen Armee herabstürzte.

„Was ist das?“ fragten sie beide gleichzeitig, ihre Köpfe weit in den Nacken gelegt.

Die Form landete, oder vielmehr: schlug ein in eines der Zelte und zerriss es, und die Männer darin und in der Nähe.

Es war die Form eines Mannes mit auslandenden Schwingen auf seinem Rücken, aber es war viel größer als ein Mann, sogar noch größer als das Monstrum im Feldmarschallszelt in der Mitte des Lagers. Es ragte zwischen den Zelten auf wie ein Baum, und es war so schwarz wie die Leere zwischen den Sternen.

Während Mahb und Loab stumm und starr zusahen, packte es einen Soldaten und brach ihn in zwei Stücke. Mit einem Hieb seiner Klauen schleuderte es einen weiteren in ein Zelt, und es brach zusammen.

Mahb zog sein Schwert und rannte auf das schwarze Ding zu, und Lorab sah ihm mit offenem Mund nach.

„Mahb,“ keuchte er, „Du warst immer ein Idiot, aber das hier ist wirklich die Krönung.“

*******************************************************

Als sie das Kommandeurszelt verlassen hatten, schien alles schon wieder vorbei zu sein. Ein Dutzend Zelte lag zerrissen am Boden, darum herum zerfetzte Leichen und wimmernde Verwundete.

„Was ist passiert? Wer war das? Wo ist er jetzt?“

Jasmi wusste selbst nicht, warum sie diese Fragen stellte, und wem. Sie spottete selbst oft genug über Menschen, die nur ihren Mund öffneten, um ihre eigene Hilflosigkeit zu offenbaren.

Der Gekreuzigte zeigte mit seinem Stab hinauf in den rot glühenden Abendhimmel; offenkundig nicht, um ihr zu antworten. Eine kleine bläuliche Kugel schoss davon, in die Richtung, in die er zeigte. Diese Kugel hatte Jasmi schon einmal gesehen. Der Gekreuzigte hatte vorgestern so eine benutzt, um einige Morgen einer blühenden Waldlandschaft in einen rauchenden Krater zu verwandeln. Mit einem Knall traf die Kugel ihr Ziel, das nur als vager Schatten im grellen Licht der Explosion sichtbar wurde. Das Ding kam noch immer auf sie zu. Der Gekreuzigte schnaufte.

„Was ist das?“ fragte Jasmi. Was für ein Monster konnte so eine Explosion einfach abschütteln und weiterfliegen?

„Ein Schwarzer Engel“, erklärte der Gefallene. „Ich hatte auch eher eine korrumpierte Fee oder bestenfalls eine Jungfrau erwartet. Unser Gegner meint es ernst.“

Das Ding war jetzt nah genug, dass Jasmi es erkennen konnte, nachdem das blaue Licht des Zaubers verblasst war. Es war die Form eines geflügelten Mannes, gewoben aus schwarzer Leere, ohne Augen, ohne Gesichtszüge, ohne… Gestalt. Es schoss direkt auf den Gekreuzigten zu.

„Und ich war mir schon so sicher, dass es eine völlig idiotische Idee war, die Gefallenen zu wecken“, hörte sie Rowenia neben sich murmeln.

Der Gekreuzigte hob ohne Zeichen von Furcht oder Eile seinen Stab und ließ ihn einmal um seine Hand rotieren.

Der Schwarze Engel prallte vor ihm gegen eine unsichtbare Barriere und wurde zurück geschleudert, fing sich grazil ab und flog eine Schleife, um einen neuen Angriff einzuleiten.

Der Gekreuzigte stellte seinen Stab nun neben sich ab. Er stand aufrecht, ganz von selbst. Der Magier klatschte in die Hände und streckte sie vor sich aus, die Handflächen nach vorne. Ein lodernder Ball aus grünem Feuer erschien, vielleicht einen halben Meter im Durchmesser. Der Feuerball flog dem Schwarzen Engel entgegen. Der versuchte auszuweichen, aber der Feuerball folgte ihm. Als er ihn traf, explodierte er nicht wie die blaue Kugel. Er hüllte sein Ziel in die grünen Flammen ein. Der Engel kreischte auf und fiel zu Boden.

Der Laut klang nicht wie eine menschliche Stimme. Er klang wie gar nichts, das Jasmi je gehört hatte, kalt und hart und leer, vielleicht ein bisschen wie das Kreischen der Bremse eines riesigen Wagens, aber dabei doch auch nicht nur wie das Geräusch, das eine Sache machen würde. Da war auch Leid in diesem sonderbaren Schrei, und Zorn, und so etwas wie kalter Hass.

Die brennende Form schlug hart auf und rutschte noch weiter auf den Gekreuzigten zu. Wenige Schritte vor ihm blieb es liegen. Noch immer tanzten die grünen Flammen darüber.

Im Sterben war das Wesen körperlicher geworden: Die Flügel waren nur noch hautige Knochen- und Knorpelgebilde, die in anormalen Winkeln von seinem Rücken abstanden. Die schwarze Haut hin in Fetzen auf zischendem, Blasen werfendem Fleisch, und mandelförmige Obsidianaugen starrten leer ins Nichts.

Der Gekreuzigte sah ungerührt darauf hinab und griff, ohne seinen Blick davon abzuwenden, nach seinem Stab.

„Anscheinend-“

Jasmis Herz schien buchstäblich stehenzubleiben, als das Ding unvermittelt ein weiteres außerweltliches Kreischen ausstieß und den riesigen Magier ansprang. Der Engel warf ihn zu Boden und kam auf ihm zu liegen, während die grünen Flammen unermüdlich weiter an ihm fraßen. Für einen Moment sah es so aus, als würden sie nun auch auf den Gekreuzigten übergreifen.

„Man weiß gar nicht, welcher Ausgang beängstigender wäre, oder?“ fragte Jasmi leise.

als der Gefallene ein einsilbiges Wort in einer fremden Sprache rief und der verbrennende Engel von ihm geschleudert wurde, als hätte ihn der Fußtritt eines verärgerten Gottes getroffen.

Jasmi konnte die Erschütterung in der Erde und der Luft spüren, die von dem Zauber ausgelöst wurde. Eine eigenartige Empfindung, wie Donner ohne Ton. Der Gekreuzigte erhob sich und wischte die wenigen grünen Flämmchen beiseite, die auf seiner purpurnen Prunkrobe züngelten, als wären sie einfache Staubflocken. Der Schwarze Engel zuckte und röchelte noch, obwohl inzwischen sein schwarzes rauchendes Fleisch an vielen Stellen nicht einmal mehr die Knochen verdeckte.

„Schade“, sinnierte der riesige Magier. „Ich hätte ihn gerne über unseren Palisaden angeschlagen, um seinem Herrn zu zeigen, dass ich es auch ernst meine.“

*******************************************************

„Ist das Hauptmann Wertzel?“

Mahb hatte es nicht mehr rechtzeitig zu dem Schwarzen Engel geschafft, um ihm zum Opfer zu fallen. Unverdient, aber doch zur Freude seines Kameraden Lorand.

„Der Alte tut einfach, als würde er dazugehören“, meinte Lorand. „Macht er nicht schlecht, unter den Umständen.“

Wertzels schmutziger Feldanzug stach doch ein wenig heraus neben der goldbetressten Galauniform des Feldmarschalls, der purpurnen Prunkrobe des Gefallenen und den makellosen Kostümen der übrigen Würdenträger auf der Plattform.

„Hat vielleicht doch noch Karrierepläne“, scherzte Mahb.

„Was glaubst du, wie lange es dauert, bis die das hübsche Podest umkippen, das wir für die drei gebaut haben?“

Lorand zeigte mit dem Daumen in Richtung des feindlichen Heeres.

Es schien, als hätten sich sämtliche Höllen aufgetan und alles ausgespuckt, was ihnen irgendwann mal nicht geschmeckt hatte. Im fahlen Licht des Mondes marschierte eine Armee aus Ammenmärchen auf den Palisadenwall zu, den die Männer errichtet hatten: Orks, Trolle, Skelette, große grüne krokodilähnliche Echsenwesen, die roten Hautsäcke mit den Morgensternen an den Hörnern, die offenbar Teufler genannt wurden, und noch andere Dinge, die genauer zu erkennen es den beiden an Licht oder Phantasie fehlte. Durch die Dunkelheit wurde es nur umso leichter, sich gruselige Details einzubilden und das Unsichtbare durch die eigenen Albträume zu ergänzen.

Als wäre das Sichtbare noch nicht schrecklich genug.

Und auf ihrer eigenen Seite sah es stellenweise gar nicht so viel besser aus.

Kurz bevor der Gekreuzigte den Appell befohlen hatte, war die Vierte Legion eingetroffen, und der Jubel über die Verstärkung, auf die kaum noch einer der Soldaten zu hoffen gewagt hatte, war schnell verstummt.

Die Kämpfer, die aus der Dämmerung auf sie zugewankt kamen, waren keine Menschen mehr gewesen, und neben dem untote Ungeheuer, das sie angeführt hatte, schien der Gekreuzigte auf einmal gar kein so schlechtes Los mehr zu sein.

„Soldaten des Reiches“, sagte der Gekreuzigte, und seine Stimme erklang in den Ohren aller seiner Männer, „Ihr seht den Feind nahen, und furchtbar ist sein Anblick. Sie sind mehr, als wir erwartet haben.“

Wunderbar. Mahb dachte kurz darüber noch, ob es eine Möglichkeit gab, das als gute Nachricht aufzufassen, die die Moral der Truppe stärken sollte. Ihm fiel keine ein. Die Stärke der Mandurischen Legion belief sich auf vielleicht zweitausend Mann. Was dort auf sie zukam, schienen etwa doppelt so viele zu sein. Eigentlich kein schlechtes Verhältnis in Anbetracht ihrer Befestigungsanlagen. Allerdings waren es eben nicht viertausend Menschen, die ihnen gegenüber standen, sondern viertausend grässliche Ungeheuer, von denen er einige ganz alleine einen ganzen Zug aufreiben gesehen hatte.

Die untote Legion aus Hessia trug vielleicht noch einmal zweitausend Kämpfer bei, aber wie die sich in im Kampf schlagen würden, wagte er nicht einzuschätzen.

„Wir werden dennoch siegen“, donnerte die Stimme des Gekreuzigten, „Fürchtet euch nicht, und denkt daran, dass euch diese Dämonenfratzen als das lächelnde Gesicht eurer lieben Mutter erscheinen werden, wenn ihr nicht eure Pflicht tut und dann in meine Hände fallt.“

Der Feldmarschall zog seinen glänzenden Paradesäbel aus seiner reich verzierten Scheide, hob ihn gen Himmel und rief: „Für Mandurien! Für das Reich!“

Die Männer wiederholten den Ruf, einige mit ehrlicher Begeisterung. Mahb und Lorand waren keine von ihnen.

Und dann brach die Hölle los. Die beiden Sappeure hatten an Hunderten von Manövern und Übungsschlachten teilgenommen, aber was sie hier erlebten, hatte damit so Ähnlichkeit wie ein Waldbrand mit einem Kerzenleuchter.

Die Orks bildeten die vordersten Reihen der Armee des Hüters. Sie brüllten und stießen tierhafte Schreie aus, während sie auf den Palisadenwall zustürmten. In einigem Abstand hinter ihnen folgte die schwere Infanterie des Feindes, wenn man einen Begriff finden wollte, um die gemischte Horde aus abscheulichen Ungeheuern zusammenzufassen. Der Angriff kam nicht ins Stocken, als die ersten Orks in die Fallgruben stürzten, die die Sappeure ausgehoben hatten.

Ebenso wenig zögerten die Orks, als der Gekreuzigte mit einigen mühelos aus dem Handgelenk geworfenen Feuerbällen das Brandöl entzündete, mit dem der Alchimist Chumenaan den Boden kurz vor dem Graben getränkt hatte. Sie liefen einfach durch die Flammenwand hindurch. Viele von ihnen fingen Feuer, doch sogar die liefen weiter, bis ihre Beine sie nicht mehr trugen und sie schließlich doch unter den hornigen Füßen ihrer Kameraden zertreten wurden.

„Verdammt, was muss man mit diesen Dingern machen, um sie zum Stehen zu kriegen?“ fragte Lorand.

„Kopf abschlagen“, knurrte ein unbekannter Soldat neben ihm.

Während sie näher kamen, erkannte Mahb, dass die Flut nicht nur aus tierhaften Monstern bestand. Vereinzelt sah er weibliche Gestalten in glänzenden hautengen Lederkostümen. Er fragte sich, was es mit denen auf sich haben mochte. Sie sahen nicht so aus, als wären sie besonders gefährlich. Mehr der Typ, dem er in einer Kneipe hinterhergepfiffen hätte. Vielleicht waren sie Hexen?

Er warf einen kurzen Blick über die Schulter zu dem Gekreuzigten. Der riesige Magier stand da und beobachtete mit seinem Stab in der Hand. Warum hielt er sich so zurück?

„Wo sind die blauen Zauberbälle? Wo sind die Blitze aus seiner Nase, und das Feuer aus seinem Arsch? Sollen wir hier alles selbst machen?“

„Lorand, beherrsch dich, sonst bist du der erste, den das Feuer aus seinem Arsch trifft.“

„Du verlierst immer deinen Humor, so kurz, bevor es los geht.“

Die Flut der Orks prallte auf den Palisadenwall. Die nachfolgenden Ungeheuer liefen einfach über ihre Vorgänger hinweg, bis der Graben fast vollständig mit noch lebendigen Orkkörpern aufgefüllt war.

Lorand spürte die Erschütterung und hörte das Stöhnen der Befestigung, und für einen schrecklichen Moment befürchtete er, dass sie fallen würde. Doch noch hielt der Wall.

Die Soldaten darauf setzten Piken und Speere gegen die Angreifer ein. Mahb konnte in der Masse der Körper nicht genau erkennen, mit welchem Effekt, aber es fühlte sich an, als hätte er den einen oder anderen ganz gut erwischt.

Ein schrilles Kreischen erklang, als die erste der Frauen über die Palisade sprang. Sie sprang unmöglich hoch, direkt vom Boden über den Wall hinweg, mit einigem Abstand zwischen ihr und den Holzpflöcken. Mit einem Wink seiner Hand schickte der Gekreuzigte ihr einen kirschgroßen blauen Ball entgegen, der sie mit einem kanonenähnlichen Knall in Stücke riss.

Darauf hatte er also gewartet.

„Was sind die?“ fragte Mahb.

Niemand antwortete ihm. Mehr von den Frauen sprangen über den Wall, in eleganten Salti. Jede einzelne wurde von der Magie des Gekreuzigten zerschmettert.

Lorand sah, wie der Wall an einer Stelle zu zittern begann. Er konnte nicht sehen, was dort geschah, aber den Geräuschen nach musste etwas sehr Großes und sehr Böses daran arbeiten.

Er drehte sich zu Mahb um, um vorzuschlagen, dass sie sich eine weniger gefährliche Position suchten, aber sein Kamerad war nirgends zu sehen.

Hatte der Narr etwa schon wieder eine Heldentat geplant, oder war ihm etwas weniger Romantisches zugestoßen?

Bevor er sich weiter mit diesem Problem auseinandersetzen konnte, beanspruchte ein anderes, dringenderes seine ganze Aufmerksamkeit.

Das große, böse Ding bracht aus dem Erdboden hervor, und die Palisaden brachen zusammen, einschließlich des Stücks, auf dem er stand.

So gerne er auch einen genaueren Blick auf das Monster geworfen hätte, das einfach so eine ganze Verteidigungsanlage aushob, war er doch zu sehr damit beschäftigt, sich in Sicherheit zu bringen.

*******************************************************

Die Mauer war nun fort, jetzt begann die Schlacht Mann gegen… was auch immer.

Die war kein hübscher Anblick. Die Mandurier hielten sich tapfer, aber auch Rowenia, die keine großen Erfahrungen als Schlachtenlenkerin hatte, konnte erkennen, dass sie ohne die Unterstützung des Gekreuzigten hoffnungslos untergegangen wären. Wo immer die Linie zu brechen begann, wo immer mehr als ein Teufler an einer Stelle kämpfte, warf er Feuerbälle, oder anderes Ungemach. Nicht selten fielen seiner Zauberei auch die eigenen Männer zum Opfer, aber er schien der einzige Grund zu sein, aus dem überhaupt noch jemand auf der Seite des Reiches stand. Keines der Ungeheuer wagte, den Turm des Gefallenen anzugreifen. Bisher.

Die Arbeit des Toten Mannes war weniger augenscheinlich, doch nicht unbedingt weniger wirksam. Sie bekam ihn nicht oft zu Gesicht von dem Podest aus, von dem aus sie zusammen mit dem Gekreuzigten, dem Feldmarschall, Jasmi und ihrem Bruder die Schlacht beobachte, doch wenn sie ihn sah, konnte sie erkennen, wie seine Magie sich wie ein schleichendes Gift oder eine Krankheit durch die Reihen der Feinde fraß. Orks, Teufler und Eiserne Jungfrauen welkten unter seiner Berührung und erhoben sich als Untote wieder, um sich gegen die Armee des Hüters zu wenden.

„Oh, was ist das schon wieder?“ hörte sie Prinzipal Janan keuchen.

Sie folgte seinem ausgestreckten Finger mit ihrem Blick und sah aus der Dunkelheit hinter der feindlichen Armee eine neue Bedrohung  heranstapfen: Einen Koloss, der mit seiner mannshohen Sense fortwischte, was immer ihm im Weg stand, ob Mann, Ork, Baum oder Teufler. Das Ungeheuer war mindestens ebenso groß wie die Schwarzen Engel, ging auf zwei knorrigen Beinen, die in großen, von zottigem Fell überwachsenen Hufen ausliefen, und mit jedem seiner Schritte sprangen kleine Flammen aus dem Boden, wo er die Hufe aufgesetzt hatte, die erst versiegten, wenn er schon lange fort war. Das Maul des Wesens war weit geöffnet und entblößte riesige Reißzähne, aus seinem Kopf wuchsen zwei lange gerade Hörner. Es kam auf sie zu.

„Ach du heiliger…“, murmelte Hauptmann Wertzel.

Rowenia sah nach dem Gekreuzigten, weil ihr sonst niemand einfiel, der dagegen etwas tun könnte. Der Magier wandte den Kopf und sah sich um, als würde er etwas suchen. An einer Stelle brach ein besonders massiger Teufler in die Formation des Fünften Zuges der Dreizehnten Kompanie ein. Der Gefallene unternahm nichts, um den Männern zu helfen.

Er warf einen blauen Ball auf das Ding mit der Sense. Das Wesen öffnete sein Maul noch ein wenig weiter  und verschluckte den Zauber. Es lachte laut und dröhnend.

Eine Flammenlanze, die aus dem Stab des Gekreuzigten schoss, ließ es kurz zum Stehen kommen. Mit der Linken hob es einen Ork aus der Nähe auf und hielt das zappelnde Monster in den Feuerstrahl, um es danach mit zwei Bissen zu verspeisen.

„Vielleicht ist er auf unserer Seite“, versuchte Jasmi einen schwachen Scherz.

Der Gekreuzigte sprang von dem Podest, nahm den Stab in beide Hände und watete durch das Kampfgetümmel wie durch kniehohes Wasser.

Als er nah genug war, führte er einen Stoß gegen das Unwesen. Der Dämon hob seine Sense und lenkte den Schlag ab.

„Das Ding ist schnell“, zischte der Feldmarschall.

Aber das war der Gekreuzigte auch. Der Kampf der Giganten war ein denkwürdiger Anblick. Der Gekreuzigte war nur halb so groß wie sein Gegner, und er überragte die ihn umgebenden Kämpfer schon fast um das doppelte. Die Waffen der Kontrahenten teilten Schläge aus, die sicher bis weit über das Schlachtfeld hinaus zu hören waren. Keiner von ihnen schien Magie einzusetzen. Allerdings war der Stab des Gekreuzigten offenbar mit einer Art Unzerbrechlichkeit gesegnet. Er war nicht besonders dick und sollte eigentlich solche Schläge nicht überstehen.

Die Schlacht hatte sich inzwischen in ein ungeordnetes Handgemenge aufgelöst. Klare Linien waren kaum noch zu erkennen, und die Zahl der Menschen, die man unter den Kämpfern sah, nahm schnell ab.

Plötzlich tauchte eine der Frauen in dem Lederanzug zwischen den Sappeuren auf. Niemand hatte mitbekommen, wo sie hergekommen war. Die Männer in ihrer Nähe stießen überraschte Rufe aus und griffen sie an. Mit Bewegungen, die ganz beiläufig wirkten, als dächte sie eigentlich gerade über etwas viel Wichtigeres nach, wehrte sie die Schläge der Soldaten ab und stieß zwischendurch gelegentlich mit den stählernen Klingen zu, die an ihren Unterarmen befestigt waren. Binnen Sekunden hatte sie ein halbes Dutzend Soldaten getötet.

Ein Geräusch erklang. Oder war es kein Geräusch? Es war beinahe ein Geräusch, und beinahe nur ein Gefühl in Rowenias Kopf. Auf ihrer Haut richteten sich die Haare auf, und etwas kribbelte in ihrem Rückgrat.

Für einige Augenblicke hielten auch die anderen Kämpfer inne (abgesehen von dem Gekreuzigten und dem Schnitter), als sich, nicht weit von dem Podest entfernt, in der leeren Luft ein Riss in der Wirklichkeit auftat, ein gewaltiges Portal, mindestens fünfzig Meter breit. Hinter dem Riss in der Welt zeigte sich eine baumlose Steppenlandschaft im Licht zweier gleißender Sonnen, das die nächtliche Schlacht unvermittelt in blendendes Licht tauchte.

Blinzelnd sah Rowenia zu, wie aus dieser Steppenlandschaft heraus die Legionen der Marsch und Latocks marschierten, wie sie an den wehenden Bannern erkannte. Mit einem schrillen Kampfschrei sprang die Frau in Richtung der Neuankömmlinge davon.

„Wir schaffen es!“ murmelte sie ungläubig. „Ich glaube, wir schaffen es wirklich!“

Und dann sah sie, wie der Gekreuzigt reglos zu Boden fiel, als hätte jemand die Schnüre durchschnitten, die ihn aufrecht gehalten hatten.

Der Dämon mit seiner Sense hatte ihn nicht einmal berührt.

Rowenias und Jasmis Blicks trafen sich, und sie sah in den Augen der anderen Frau den gleichen Gedanken, der auch ihr selbst durch den Kopf ging: Sie wusste nicht, ob sie verzweifeln oder jubeln sollte.

Lesegruppenfragen:

  1. Ach, ich weiß… Es tut mir Leid. Ich muss mir sowas abgewöhnen. Das geht immer so. Da gibt es diese Szene, von der ich aus irgendwelchen, mir im Nachhinein nicht mehr ganz verständlichen Gründen meine, dass sie leider sein muss, obwohl ich gar keine Lust habe, sie zu schreiben, und dann warte ich erst ewig, weil ich es vor mir herschiebe, bis ich sie schließlich doch schreibe, und natürlich gefällt sie mir auch nicht, aber dann habe ich ja einen Abend damit zugebracht, sie zu schreiben, und dann ist es mir auch zu blöd, sie zu löschen, und dann veröffentliche ich sie trotzdem, und im Ergebnis haben wir dann ein Kapitel, das wir alle gemeinsam doof finden, das aber doch irgendwie unausweichlich war. Eine klassische Tragödie, wenn es nicht so dämlich wäre. Ich versuche, sowas bei der nächsten Geschichte zu vermeiden. Muss doch irgendwie gehen. Aber immerhin haben wir das jetzt hinter uns. Entschuldigt bitte. Es tut mir Leid. Wirklich.
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4 Responses to Gefallen (16)

  1. Guinan sagt:

    Bei einem Krieg gegen Monster ist ja nun irgendwie mit einer Schlacht unter Monsterbeteiligung zu rechnen, das war also wohl wirklich unumgänglich. Hatten wir jetzt, Pflicht erfüllt, nun kann die Handlung weitergehen.
    Das drumherum mit den Soldaten und mit Jasmi und Rowenia gefällt mir – wie üblich – gut.
    Aber – Gibt es denn jetzt keine kryptischen Dialoge zur Einleitung mehr?

  2. Muriel sagt:

    @Guinan:

    Bei einem Krieg gegen Monster ist ja nun irgendwie mit einer Schlacht unter Monsterbeteiligung zu rechnen,

    Ja… Aber ich hätte es wenigstens gut schreiben können. Ich freue mich zwar, dass du es sogar gar nicht so schlecht fandest, aber mir gefällt es wirklich nicht. Ich wusste nur, dass es mindestens noch eine weitere Woche dauert, wenn ich von vorne anfange, und das… wollte ich euch dann doch nicht zumuten. Ähem.

    Aber – Gibt es denn jetzt keine kryptischen Dialoge zur Einleitung mehr?

    Garr. Die habe ich auch noch vergessen. Peinliches Kapitel. Ganz peinlich. Aber vielleicht kann ich das ja mit dem nächsten irgendwie ausgleichen… Irgendwann im März.

  3. madove sagt:

    Ich muß gestehen, daß ich nicht gut vergleichen kann, weil ich die Schlachtenkapitel in den mehreren Metern Fantasy, die ich in den letzten 20 Jahren gelesen habe, immer überflogen/-blättert habe. Dieses hier ist wahrscheinlich die erste Schlacht, die ich aufmerksam gelesen habe, damit ich was dazu sagen kann.
    Und das wäre dann, äh, also, bis auf die Tatsache, daß es die ganze Zeit um eine Schlacht ging, hat es mir ja doch wieder gefallen. Frei nach DeNiro könntest du meinetwegen wahrscheinlich auch ein Schnitzel schreiben; ich finde immer wieder so Sätze wie

    Mahb dachte kurz darüber noch, ob es eine Möglichkeit gab, das als gute Nachricht aufzufassen, die die Moral der Truppe stärken sollte. Ihm fiel keine ein.

    die mir den Abend retten.
    In diesem Sinne gehts voller Vorfreude gleich weiter zum nächsten Kapitel.

  4. Muriel sagt:

    @madove: Vielen Dank. Freut mich, dass es für dich nicht so schlimm war.
    Ich bin stolz, dir den Abend retten zu können.

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