Anne Frankly, I did Nazi that coming (2)

Die Serien häufen sich in letzter Zeit. Weiß auch nicht, wie das kommt. Aber dies hier finde ich einfach zu gut, um es nicht zu dokumentieren. Vielleicht dient es ja der einen oder anderen Leserin zur Erheiterung.

Drüben bei Jesus.de erschien ein Post zum Thema „Organspende“, und das ist ein Steckenpferd von mir. Vielleicht hat es damit zu tun, dass mein Vater jahrelang vergeblich auf eine Leber wartete, aber ich glaube eher, dass ich mich auch sonst genausogut über die Dummdreistigkeit von Leuten aufregen könnte, die im Ernst und frei von jedem Selbstzweifel verlangen, man möge sie moralisch nicht unter Druck setzen und dürfe sie nicht zwingen, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, ob sie gerne wollen, dass ihre Organe nach ihrem Tod nutzlos verwesen, oder ob sie zur Rettung von Menschenleben eingesetzt werden können.

Ich habe zu dem Thema ja eine durchaus extreme Auffassung, und gestern Abend war mir aus verschiedenen Gründen sowieso nach Krawall, deswegen fuhr ich die übliche Argumentation auf: Ein (Gehirn)Toter ist keine Person mehr, deswegen hat er auch keine Rechte mehr, deswegen kann man ihm Organe entnehmen, ob er das nun zu Lebzeiten gut fand oder nicht. Ich bekam natürlich die üblichen Gegenargumente zu lesen: Der Gehirntod sei kein gutes Kriterium für den Tod des Menschen, Organhandel, die Organspendelobby, Totenruhe, Recht auf körperliche Unversehrtheit, Medizin ist sowieso des Teufels, blahfasel.

Das war zu erwarten.

Aber völlig überraschend kam für mich eine Linie, der nicht nur einer, sondern sogar mindestens zwei der (meines Wissens) christlichen Diskussionsteilnehmer folgten: Es wurde bestritten, dass es überhaupt einen sinnvollen Unterschied zwischen Personen und Sachen gebe.

Ich weiß nicht, ob ihr euch meine Fassungslosigkeit ob dieses Dialoges vorstellen könnt:

„Wenn man schon so anfängt, dann ist man nicht weit davon, auch Lebende ihre Rechte verwirken zu lassen. Je gieriger andere auf das sind, was man zu bieten hat, desto schneller geht sowas. Da sage ich: Wehret den Anfängen!“

Slippery Slope. Nicht nur beim Thema Organspende eine immer wieder beliebte Argumentation, über die man gar nicht genug spotten kann. Ich antwortete also:

Äh… Genau.
Wenn eine Bratpfanne keine Rechte hat, dann ist der logische nächste Schritt der Holocaust.

In der sicheren Erwartung, dass mein(e) Gesprächspartner(in) sich über den Nazivergleich entrüsten würde oder mich ermahnen, doch ernst zu bleiben. Aber weit gefehlt:

Dummerweise lief das damals wirklich genau so. Erst waren es Geschäfte, Friedhöfe und Synagogen, dann wurden die Menschen selbst vernichtet.

Wow. Und auch Diceman kam schnell zu seinem Kernpunkt, dass es doch überhaupt keinen Sinn ergäbe, einem Menschen mehr Rechte zuzubilligen als einem Gehstock:

Menschen können nichts, was andere Objekte nicht auch können und da die Natur unnötigen hohen Aufwand scheut (Ockhams Razor) wäre es unlogisch, ihnen herausragende Eigenschaften anzudichten.

Nun weiß ich nicht, ob das Trolle sind, oder ob sie unter Einfluss bewusstseinsverändernder Substanzen standen (Zumindest bei Diceman können wir das vielleicht ausschließen, denn er glaubt nicht an ein Bewusstsein.), aber ich dachte, es würde euch vielleicht interessieren, wo die Reise in den Wahnsinn bei Jesus.de jetzt offenbar hingeht: Gleichberechtigung für Bratpfannen.

Und da sag noch mal einer, Diskussionen mit Gläubigen wären nutzlos.

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18 Responses to Anne Frankly, I did Nazi that coming (2)

  1. TakeFive sagt:

    Definiere „Nutzen“.

  2. Muriel sagt:

    Alles, was in irgendeiner Form angenehm ist.

  3. Dietmar sagt:

    Ich finde, das ist wieder ein schönes Beispiel für die Beliebigkeit angeblich christlicher Moral: Die Nächstenliebe geböte dringend, seine Organe nach dem eigenen Tod zur Verfügung zu stellen. Aber die christliche Meinung spannt sich zwischen den Extremen auf, der Körper eine Toten sei sakrosankt und Menschen sind auch nur Sachen.

    Ich befürchte deshalb, Religiösität ist irgendeine Art Persönlichkeits-Störung.

  4. Muriel sagt:

    Ich glaube, man müsste wohl vorläufig davon ausgehen, dass zumindest Diceman kein Christ und wahrscheinlich auch gar nicht religiös ist.
    Je länger ich drüber nachdenke, desto offensichtlicher scheint es mir.
    Aber ansonsten hast du Recht.

  5. malefue sagt:

    das schlimmste an diesen beiträgen von dir ist, dass du immer links zu diesen wahnsinnigen seiten dazutust. dann kann ich nicht widerstehen mir mal alles durchzulesen und nach einer stunde komm ich mit einem schleudertrauma vom kopfschütteln wieder raus.
    hier werden einem übrigens die organe unter bestimmten vorraussetzungen entnommen, außer man widerspricht dem mit einer verfügung zu lebzeiten.

  6. malefue sagt:

    >>Offensichtlich bist Du nicht fähig darzulegen, dass Du so etwas wie Bewusstsein hast, und erklärst selbst, dass man Dich durch eine Maschine wie Google ersetzen kann. Insofern glaube nicht, dass Du qualifizierte Aussagen über komplexe ethische Themen wie das der Organspende machen kannst, wenn Du schon daran scheiterst zu erklären, was der objektive Unterschied zwischen Dir und einer Parkuhr ist.<<

    knallertyp!

  7. malefue sagt:

    vor allem: maschine wie google. wie schön wenn leute keine ahnung haben und trotzdem eine starke meinung…

  8. Muriel sagt:

    Die Widerspruchslösung finde ich auch noch akzeptabel. Gerade so.
    Was das Schlimmste angeht: Seid doch froh. Du kannst wenigstens die Klappe halten und musst nicht auch noch Zeit mit Antworten an solche… Knallertypen verschwenden.

  9. malefue sagt:

    aber nur weil ich heute so einen disziplinierten tag habe. (außerdem glühwein)

  10. Muriel sagt:

    Ihgitt. Beides.

  11. madove sagt:

    Vor allem die Kombination ist verwunderlich.

  12. malefue sagt:

    nein nein, die disziplin kam vorher, dann trägheit.

  13. Hessenhenker sagt:

    Es kommt vor, dass man im Krankenhaus glaubt, auch die Eheringe seien Organe und kommen daher einer Spende gleich.

  14. Muriel sagt:

    Dem Spender wirds egal sein.
    Willkommen bei überschaubare Relevanz!

  15. Hessenhenker sagt:

    Der Spenderin war es nicht egal, haette sie mir sonst zu Lebzeiten gesagt.

  16. Muriel sagt:

    Ich meine, zum Zeitpunkt der Spende.

  17. Pardette sagt:

    Der Originalartikel ist ja nun schon eine Weile her, darum gebe ich mal hier meinen Senf zum Ursprungsthema dazu:
    Dass hier eine gewisse Spannung zwischen emotionaler und rationaler (Pseudo-)Argumentation herrscht, steht ja ziemlich außer Frage. Im Sinne einer Moral, die sich eher am individuellen und sozialen Empfinden als am quantitativen Utilitarismus orientiert, gehört aber gewürdigt, dass die eigenen Interessen und diejenigen der Angehörigen einem nachvollziehbarerweise näher stehen als diejenigen eines Fremden. Eine Verpflichtung, die Teile eines toten Körpers der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen, muss also ebenso begründet werden wie dieses vielzitierte diffuse Unwohlsein, und das lässt sich schon begründen, auch wenn die meisten, die es zitieren, das anscheinend nicht können:
    Eine Entnahme von Organen und vor allem eben deren „Weiterleben“ in einem fremden Körper verletzt aus meiner Sicht nicht die (mit dem Tode arguably verwirkte) Menschenwürde i. e. S., sondern die Integrität der Person im Sinne dessen, was uns auch Beerdigungen für sinnvoll halten lässt: Die Person verschwindet eben nicht, nur weil sie stirbt. Ihr (konzeptuelles, subjektives, intersubjektives ..) Fortbestehen für die Hinterbliebenen und eigentlich auch die Allgemeinheit ist (und das ist ebenso nachvollziehbar) noch am ehesten mit ihrem Körper assoziiert, auch wenn der tot ist. Damit war die Identität schließlich auch zu Lebzeiten verbunden; dieser (intersubjektive) Bedeutungszusammenhang verschwindet ja nicht einfach, nur weil der Hirntod oder sonst ein (pseudo-)objektives Kriterium eintritt.
    Deswegen dürfen Respekt und Pietät gegenüber der Erinnerung an den Toten und seinen Angehörigen nicht einfach unter den Tisch fallen, auch wenn man eine Leiche eigentlich als solche (und nicht als einen Verstorbenen, schon die Begrifflichkeit zeigt den Unterschied) sehr nüchtern betrachten kann.
    An diese moralphilosophischen Betrachtungen schließt sich für mich die persönliche Ahnung an, dass manche Organe enger mit der gefühlten Identität verknüpft sind als andere, und dass ich deswegen die Idee einer Spende z.B. von Bestandteilen der Augen gewöhnungsbedürftiger finde als von Nieren oder Leber. Das kann man jetzt vielleicht auch noch argumentativ einbetten; ob die aktuelle Regelung eine entsprechende Differenzierung bei der eigenen Willenserklärung erlaubt, weiß ich zu meiner Schande nciht.
    Jedenfalls machen solche Überlegungen die Organspendengegnerschaft aus meiner Sicht nachvollziehbar und insofern berechtigt, als die zugrunde liegenden subjektiven Empfindungen berechtigt sind; moralisch richtig ist sie deshalb keineswegs.
    Grundsätzlich finde ich auch, dass Opt-Out deutlich sinnvoller wäre, und vor allem dass jedes Papiersystem ohne zentrale Datenbank Blödsinn ist, aber mei.

  18. Muriel sagt:

    @Pardette: Sehr schön erklärt, und ergibt irgendwie Sinn, auch wenn ich natürlich nicht zustimme.
    Mir war auch nie ganz klar, was eigentlich respektlos daran sein soll, jemandem Organe zu entnehmen. Es ist ja nicht so, dass die Chirurgen die dann als Fingerpuppen benutzen, während sie auf den Leichnam urinieren.
    Empfinden kann natürlich jeder, was er empfindet. Nur sollte man nicht erwarten, dass andere Menschen sterben, um einem ein bisschen emotionale Belastung zu ersparen.

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