Letter to my future self

Lieber Muriel,

Erinnerst du dich noch an mich? Ich hoffe, denn ich vermute, dass es dir nicht weniger als mir auf den Geist geht, von wildfremden Leuten behelligt zu werden, die dir persönliche Fragen stellen und sich aufführen, als wären sie schon deine besten Freunde. Oder gibt es inzwischen echt gute Spamfilter? Das wäre so cool. (Dass die Menschheit inzwischen soweit sein könnte, dass du keinen Spamfilter mehr brauchst, kann ich mir wohl aus dem Kopf schlagen.)

Ich weiß nicht, ob wir beste Freunde sind. Ich kenne dich schließlich gar nicht.
Was machst du so? Du bist jetzt fast 50, also hast du wahrscheinlich deinen Weg ziemlich endgültig gewählt.
Hast du dir deinen Traum erfüllt und lebst von deinen Geschichten? Oder hast du ihn begraben? Schreibst du überhaupt noch? Hast du in einem anderen Teil deines Lebens etwas Großes geschafft, oder bist du gescheitert?
Hast du genug Geld, zu wenig, oder zu viel? Denkst du überhaupt noch über Geld nach, oder hast du schon eingesehen, dass das gar nicht so wichtig ist?
Macht dir deine Arbeit Spaß, oder sitzt du irgendwo an einem unbedeutenden Schreibtisch in einem Großraumbüro mit Leuten, die du nicht leiden kannst?
Mach dir nichts draus, und denk dran, dass jeder Schreibtisch genau so bedeutend ist, wie du ihn machst, und dass die Leute vielleicht auch gar nicht so schlimm sind, wenn du ihnen nur eine echte Chance… Naja. Den zweiten Teil vergiss vielleicht eher, das glaube ich nicht mal selbst.
Beruflicher Erfolg ist ja auch nicht alles. Hast du wohl Kinder? Falls ja, hoffentlich eine Tochter. Magst du sie? Hast du Haustiere?
Ärgerst du dich noch über die Dummheit anderer, oder hast du schon gelernt, dich vorbehaltlos darüber zu freuen? Wäre wahrscheinlich hilfreich, wenn du Kinder hast.

Vielleicht findest du es ein bisschen sonderbar, dass ich jetzt so viele Fragen gestellt habe, aber du noch fast gar nichts über mich weißt. Oder fast gar nichts mehr. Vielleicht möchtest du auch gerne wissen, was mich gerade so beschäftigt. Vielleicht auch nicht. In dem Fall kannst du jetzt aufhören zu lesen. Aber dann frage ich mich, warum du überhaupt erst angefangen hast. Also: Vor zwanzig Jahren am 30. 11. 2011 hast du gerade ein QM-Audit nebst angeschlossener Präqualifikation begleitet. Natürlich war dir der Ausgang wichtig, aber du warst sehr zuversichtlich, dass alles gut geht, deswegen warst du relativ entspannt. Was die sonstige Zukunft deiner Haupterwerbsquelle angeht, bist du nicht ganz so zuversichtlich, aber wer kann das heutzutage schon noch sein, langfristig gesehen? Viel mehr hat dich beschäftigt, was deine Leser wohl von deiner aktuellen Kurzgeschichte halten (Das war die 6. Episode von Yours to keep. Die, in der Daniel den Ring zum ersten Mal abnimmt.). Ob du das wohl jetzt merkwürdig findest, wie du damals deine Prioritäten gesetzt hast? Hm. Vielleicht ärgerst du dich ja sogar, dass du dich überhaupt mit dem anderen Blödsinn abgegeben hast, statt dich auf das zu konzentrieren, was dir am wichtigsten ist. Du weißt das schon. Ich finde es erst noch mehr oder weniger schmerzhaft heraus.

Deine Dissertation ist zwar schon abgegeben, aber du weißt noch nicht genau, ob du noch was dran ändern musst. Sie liegt jetzt seit bald vier Monaten bei deinen Prüfern, und du hast noch keine Antwort bekommen. Eigentlich ist dir das aber auch nur insofern wichtig, als du dich ein bisschen davor fürchtest, sie noch einmal überarbeiten zu müssen. Zum gefühlt neunzehnten Mal.

Du freust dich darauf, demnächst eine Woche frei zu nehmen, um endlich Nimmermehr so zu überarbeiten, wie du es mit deiner Lektorin besprochen hast, damit du noch einmal versuchen kannst, es Verlagen und Agenturen anzubieten. Wird Nimmermehr dein erster Erfolg, oder dein erster ganz großer Rückschlag? Vielleicht auch nur so eine Mittelding, das irgendwie geht, dich aber auch nicht richtig weiterbringt? Auch das weißt du schon. Ich beneide dich manchmal ein bisschen.

Andererseits… Wie fühlt sich das an, mit fast 50? Erinnerst du dich noch an die Zeit, als dir im Normalzustand absolut nichts wehtat? Als du noch keine chronischen Krankheiten hattest und dir deshalb um solchen Unsinn wie deinen Beruf oder dein Blog Gedanken machen konntest? Oder ist die Medizin schon so weit, dass es dir sogar besser geht als mir?

Was ist überhaupt aus der Welt geworden, in der du lebst? Ist die Aufklärung vorangeschritten, oder hat die Dunkelheit wieder Boden gewonnen? Haben sie endlich die versprochenen Jetpacks geliefert? Hat die Gentechnologie völlig neue Möglichkeiten eröffnet, oder ist ein Ende von Altern, Krebs und Erbkrankheiten immer noch in so weiter Ferne wie heute? Haben Spezialisten Karl Lagerfelds Kopf auf einen Jockeykörper transplantiert? Waren Menschen auf dem Mars, oder vielleicht sogar auf anderen Planeten? Ist Apple endlich tot, und hat die Unterhaltungsindustrie schon eingesehen, dass sie ihr Geschäftsmodell nicht rettet, indem sie ihre Kunden triezt und ihnen den Genuss ihrer Produkte vergällt?

Jetzt habe ich schon wieder angefangen, Fragen zu stellen.

Mir fällt aber auch nicht mehr viel ein, was ich noch über mich erzählen könnte. Weißt du noch, wie sehr du Keoni geliebt hast und wie sehr ich mich freue, sie zu haben? Ich hoffe, das geht dir immer noch so. Das ist wichtig. Aber das muss ich dir so oder so wohl nicht erzählen.

Mach’s gut, Muriel. Schade, dass ich dich niemals kennenlernen werde. Wenn du hier bist, bin ich schon lange weg.

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27 Responses to Letter to my future self

  1. Guinan sagt:

    Vor 20 Jahren – das war doch erst gestern. Ich stand mitten im Leben, genau wie jetzt. Veränderungen kamen und gingen, mal mehr Geld und mal weniger, mal mehr Verantwortung und auch mal weniger, aber so wirklich geändert hat sich nichts.
    20 Jahre in die Zukunft – möchte ich lieber nicht denken.

  2. spitzzunge sagt:

    @Muriel

    Falls du das an dich selber geschrieben hast, was ich vermute,
    ist es mit Abstand das Beste was ich bislang von dir gelesen habe!!

  3. malefue sagt:

    ihr streber mit euren diplomen und titeln und bla, als studienabbrecher hat man wirklich dauernd ein schlechtes gewissen…

    achso, dein text. ja, der gefällt mir.

  4. Dietmar sagt:

    *diplomwedelnd-zunge-richtung-malefue-raussteck* 😉

    Der Text trifft „es“. Aber jedenfalls bei mir ist aus vor 20 Jahren so viel präsent, dass der von damals noch nicht wirklich weg ist, wo ich hier bin.

  5. spitzzunge sagt:

    Aus meiner langjährigen Erfahrung kann ich nur sagen, je älter

    du wirst, desto mehr werden dir deine „Prägungen“, woher auch

    immer sie kommen , bewußt…..das kann sehr schmerzhaft sein,

    die Chance zum „Schalter umlegen“ steigt aber, vorausgesetzt

    du bist mental fit , körperlich einigermaßen gesund und lernfähig.

    Ein spannendes Thema für den Blog, finde ich, vor allem

    sollte man dringend mal über die „Pharmaindustrie “ reden, die

    eine immer noch ziemlich unangreifbare kriminelle Vereinigung

    ist!!! Wird neben Banken und Religion leider zu sehr vergessen!

    Ich bin übrigens 63 und mein Motto zum Gesundbleiben:

    Lieber bös als nervös!

  6. Muriel sagt:

    @Guinan: Aber es gibt Jetpacks!!!!!!hundertelf
    @Spitzzunge: Danke sehr. Ich bin mir meiner Prägungen eigentlich ziemlich bewusst, aber vielleicht liegt es ja nur in der Natur der Sache, dass ich das glaube.
    Über die Pharmaindustrie hingegen werde ich sobald nicht reden, und über die Banken wohl auch nicht. Jedenfalls werde ich beide nicht als kriminelle Vereinigung bezeichnen, und ich werde im Allgemeinen auch nicht unwidersprochen hinnehmen, wenn andere das tun, aber hier mache ich mal eine halbe Ausnahme, denn das ist nun wirklich völlig ohne Bezug zum eigentlichen Thema.
    @malefue: Mach dir nichts draus. Ich wünsche mir auch öfter, ich hätte was Vernünftiges gelernt.
    @Dietmar: Wir werden sehen. Schön übrigens, dass du doch noch hin und wieder was schreibst.

  7. Dietmar sagt:

    @Muriel: Naja, ich habe einen Infekt und arbeite nicht so viel, wie ich ursprünglich vor hatte …

    Man schont sich im Alter *hüstel*

  8. DasSan sagt:

    Also mich hat ja die Liebeserklärung am Ende sehr gerührt, schieben wir das mal auf die Hormone.
    Hat Keoni mitgelesen?

  9. Guinan sagt:

    @Muriel: Jetpacks? Dann ist es an dir, eine praktikable Halterung für den Rollator zu erfinden.

  10. Muriel sagt:

    @DasSan: Ich vermute, noch nicht. Generell schaut sie hier schon ab und zu mal rein.
    @Guinan: Halterung? Wie? Was genau brauchst du denn? Vielleicht gibt es das schon lange.

  11. Muriel sagt:

    Ach so, du meinst am Jetpack. Naja. Einfach festhalten.

  12. Guinan sagt:

    Äh, ja. Meinte ich. Noch brauche ich keinen.

  13. Muriel sagt:

    Hätte ja auch für deine Urgroßmutter sein können.

  14. madove sagt:

    Okay, ich gebs auf, ich finde in diesen Tagen nie den Moment, um einen längeren schönen COmment zu schreiben. Eh ich gar nix schreib, nur kurz: Was ein schönes und inspirierendes Textgenre, Danke.
    und yours to keep lese ich mit Muße, wenn ich mal wieder ein paar Minuten luftholen kann. *vorfreu*

  15. Muriel sagt:

    @madove: Schön, vielen Dank. Hab mir schon Sorgen um dich gemacht.

  16. spitzzunge sagt:

    @Muriel

    auch wenn du mich immer abschmetterst, nochmal:die Pharmaindustrie sowie die Banken haben mit dem Thema zu tun!
    Das merkst du spätestens dann, wenn du von den verordneten
    Altersmedikamenten bezl. Blutdruckoder Zucker die nächste
    Krankheit“ bekommst.Die Werte werden von der Pharmaindustrie
    nach Verkaufslage bestimmt!Auch deine Bank wird dir, wenn du
    in Not bist keinen Kredit mehr bewilligen, du bist zu alt!
    Man wird allerhöchstens versuchen dir ein „Spar oder Anlegeangebot“ zu machen, was dich endgülig ruiniert!
    Ich finde das ein höchstbrisantes Thema, auch für uns alle
    bedeutender als irgendwelche Religionsdiskussionen.
    Beziehungsweise: Konto und Arzt als „Religion“???
    Daran glaubst du???????

  17. Muriel sagt:

    @spitzzunge:

    auch wenn du mich immer abschmetterst

    Wie immer, so auch hier wieder.
    Ich werde diese Diskussion mit dir nicht führen.
    Ich werde bis auf Weiteres gar keine Diskussion mit dir führen, weil du wieder und wieder demonstriert hast, dass deine Epistemologie mit meiner nicht kompatibel ist, und eine sinnvolle Verständigung zwischen uns offenbar ausgeschlossen.

  18. spitzzunge sagt:

    so ist es !

  19. Dietmar sagt:

    Ich verdanke dem pharmakologischen Fortschritt mein Leben, mein Sohn verdankt dem pharmakologischen Fortschritt sein Leben und relativ unbeschwerte Kindheit, meine Mutter verdankt dem pharmakologischen Fortschritt ihr hohes Alter bei relativem Wohlbefinden … etc. etc.

    … und Spitzzunge redet Quark.

  20. Muriel sagt:

    @Dietmar: Word.

  21. fichtenstein sagt:

    sehr schön.

  22. Pater Creo sagt:

    Das ist alles so unendlich banal, was hier an sein Ich 20 Jahre in der Zukunft verzapft wird. Spam, Karriere, andere Leute sind doof, Haustiere, ach ja und ich habe eine Dissertation geschrieben. Glücklicherweise wird das Ich in 20 Jahren genauso oberflächlich und selbstfixiert sein und sich nicht darüber beschweren, dass sein Ur-Ich nur kommoden Brei zusammengefaselt hat. Falls das 20 Jahre in der Zukunft Ich überhaupt existiert, weil ja Leute wie Muriel heute das Sagen haben und uns die Zukunft schon irgendwie kaputt kriegen werden. Trotz QM-Audit.

    @Dietmar

    Schade, dass der pharmakologische Fortschritt es nicht geschafft hat, Dir ein paar funktionierende Hirnzellen zu erhalten. Aber, wie ich sehe, funktioniert der Speichelfluss noch einwandfrei.

  23. Muriel sagt:

    @Pater Creo: Gute Preise.Gute Besserung.
    @Dietmar: Wenn du möchtest, streiche ich den Spruch an dich. Meinetwegen kann Creos Selbstentblößung so stehenbleiben, aber du musst dir sowas natürlich nicht gefallen lassen.
    @fichtenstein: Danke!

  24. Dietmar sagt:

    @Muriel: Das hat „Pater Creo“ doch sicher nur nächstenliebend gemeint. So als Pater …

  25. Muriel sagt:

    Ich hab ihn ja auch irgendwie richtig lieb.

  26. whynotveroni sagt:

    @Pater Creo: Das mag alles „banal“ sein, aber das sind Dinge, die eigentlich jeden Menschen irgendwie beschaeftigen. Ein richtiger „Pater“ wuesste das auch… Was wuerdest du denn deinem Ich in 20 Jahren sagen?

    @Muriel: Toller Text, wirklich! Was haette wohl dein Ich aus der zehnten Klasse dazu gesagt? (Wenn ich mich richtig entsinne, warst du da totaler Fan von Data aus Raumschiff Enterprise und fandest Emotionen was fuer Anfaenger…:) )

  27. Muriel sagt:

    @whynotveroni: An dieser Einschaetzung hat sich so gut wie nichts geaendert. Ich denke eigentlich, dass mein damaliges Ich vor allem sehr enttaeuscht davon gewesen waere, was mein heutiges Ich in der Zwischenzeit erreicht hat…
    Danke fuer das Lob!

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