Lange nicht mehr auf faz.net rumgehackt

Deswegen bin ich mir für nichts zu schade und greife nach jedem Strohhalm, so zum Beispiel diesem putzigen kleinen Kommentar zur Wüstenrot-Affäre (von der ich seit ungefähr zehn Minuten Kenntnis habe, aber das soll mich nicht davon abhalten, fundiert Stellung zu beziehen):

Auf einer Belohnungsreise der Bausparkasse Wüstenrot haben sich einige Mitarbeiter mit Prostituierten vergnügt. „Außerhalb des offiziellen Besuchsprogramms“, wie der Konzern betont. Das aber ist ganz unerheblich.

Recht hat er, möchte man sagen, aber nein. So meint Herr Krohn das nicht. Er meint, dass es keine Rolle spielt, ob der Sex mit Prostituierten Bestandteil der Belohnungsreise war oder nicht.

Wenn die Vertreter auf Konzernkosten unterwegs sind, stehen sie damit unter Beobachtung der Kollegen und der Öffentlichkeit. […] Wer mit dem Geld von Kunden spielt, muss sich insgesamt besser verhalten, um Vertrauen zu gewinnen.

Als ich anfing, diesen Post zu schreiben, schien mir der Anlass wirklich ein sehr mickriger. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto ärgerlicher erscheint mir die Dummdreistigkeit dieser Forderung. Liegt das daran, dass ich mich sinnlos in Stimmung schreibe, oder versteht ihr, was ich meine? Ich versuche mal, zu erklären:

Wir gehen mal davon aus, dass die Prostituierten nicht vergewaltigt wurden und auch sonst keine Straftat vorlag und dass das Vergnügen in gegenseitigem Einvernehmen stattfand. Herr Krohn hätte anderenfalls mutmaßlich darauf hingewiesen, falls er das nicht auch unerheblich findet. Aber ich schweife ab. Sex zwischen einvernehmlich handelnden geschäftsfähigen Personen geht niemanden etwas an, außer diesen Personen selbst. Ob er nun heterosexuell, homosexuell, sadomasochistisch, kostenpflichtig oder in pelzigen Tierkostümen stattfindet. Wenn jemand sich bereit erklärt, mit einem anderen Menschen gegen Zahlung zu koitieren, sehe ich darin kein moralisches Problem. Herr Krohn offenbar schon. Er findet Sex mit Prostituierten offenbar nicht gut. Er nennt es ein „Fehlverhalten“. Und er findet, dass andere Leute sich danach zu richten haben, was er gut findet.

Und damit habe ich ein Problem. Es geht ihn nichts an, und es geht uns alle nichts an. Wie albern ist denn das, hier im Bariton großer Besorgnis darüber zu referieren, welche Vorbildwirkung das Verhalten der betroffenen Wüstenrotmitarbeiter hat und dass man sich „besser verhalten“ muss, um Vertrauen zu gewinnen?

Ja wo kämen wir denn hin, wenn Konzernangestellte außerhalb der Arbeitszeit einfach machen könnten, worauf sie Lust haben, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, dass sie „unter Beobachtung der Kollegen und der Öffentlichkeit“ stehen? Was wäre das denn für eine Welt, in der es uns zeitweise einfach mal egal sein könnte, welches Verhalten wohl am ehesten den Vorstellungen unserer Kunden und der Journalisten von faz.net entspricht?

Und wenn Krohn selbst die Verbindung zur Finanzkrise zieht,

Deutsche Verbraucher sind in Sorge. In der Finanzkrise tun sie sich schwer, passende Anlageprodukte zu finden, die ihnen zumindest einen Inflationsausgleich sicherstellen. Ihnen gegenüber sitzen zum Teil leider Ratgeber, die das Vertrauen der geplagten Anleger nicht verdient haben.

dann könnte er in meinen Augen an dieser Stelle vielleicht erkennen, dass diese Krise auch von Anfang an ein beklagenswertes Versagen der Medien war, und dass es vielleicht kein Schritt in die richtige Richtung ist, öffentlich zu diskutieren, was „Ratgeber“ (Verdammt noch mal, diese Leute nennen sich vielleicht aus offensichtlichen Gründen selbst Ratgeber, aber warum bitte sollte ein Journalist diesen bescheuerten Titel übernehmen? Ich kaufe mein Auto doch auch nicht vom Kraftfahrzeugberater!) in ihrer Freizeit mit wem wo veranstalten und wie er zu ihren Freizeitaktivitäten steht, statt die besorgten Verbraucher tatsächlich zu informieren.

[Ein Nachtrag, den ich untypischerweise schon vor der Veröffentlichung einfüge: Gerade lese ich, dass die Reise nach Brasilien ging, wo Prostitution offenbar strafbar ist. Na gut. Auch dumme Gesetze sollte man als Tourist tendenziell einhalten. Ändert aber meines Erachtens nichts an meinen Ausführungen, außer dass der Begriff „Fehlverhalten“ dann wohl doch gerechtfertigt ist.]

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9 Responses to Lange nicht mehr auf faz.net rumgehackt

  1. Dietmar sagt:

    Herr Krohn hat absolut Recht. Die Wüstenrot-Mitarbeiter sind meine moralische Richtschnur im Leben. Das waren sie immer. Und wenn jetzt jemand bei Wüstenrot Geld verdient, dann hat er immer noch nicht das Recht, damit privat zu machen, was er will. Schließlich habe ich dessen Einkommen mitfinanziert. Unser Gas-Wasser-Installateur darf sich übringens auch nicht einfach ein neues Auto kaufen; das war ja immerhin mal mein Geld, was der da ausgibt.

    Und außerdem ist Sex, zumal gekaufter, Sünde, wenn er nicht der Fortpflanzung dient.

  2. malefue sagt:

    damn you dietmar! was soll ich jetzt schreiben?

  3. Muriel sagt:

    Und warum habe ich das nicht geschrieben?

  4. Guinan sagt:

    Herr Krohn war schon sehr lange nicht mehr auf einer betrieblichen Weihnachtsteier, sonst könnte er sich noch erinnern, wie das so ist mit dem Benehmen unter Beobachtung der Kollegen.

  5. Muriel sagt:

    Ich habe jetzt stundenlang überlegt, aber mir fällt einfach kein passendes Star-Wars-Zitat dazu ein…

  6. Guinan sagt:

    Tja, dann war die Macht wohl nicht mit dir, heute.

  7. Muriel sagt:

    Ach… Das ist doch billig!

  8. fichtenstein sagt:

    Wie wäre es mit: „These are not the Wüstenrot-Mitarbeiter you are looking for“

  9. Muriel sagt:

    Netter Versuch.

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