Pardon, wem?

13. Dezember 2011

Nachdem das gestern so erfolgreich war, habe ich heute gleich noch mal die faz.net-Startseite überflogen, und siehe da, ich bin wieder fündig geworden. Kein Geringerer als Sigmar Gabriel erklärt uns dort, „Was wir Europa wirklich schulden„. Wahrscheinlich, weil sie keinen Geringeren finden konnten. Egal. Ich will uns hier nicht mit niveaulosen Späßen über die Person Sigmar Gabriel aufhalten, sondern die Gelegenheit nutzen, mal was über die so genannte Eurokrise zu schreiben, was ich in Anbetracht der aktuellen zumindest scheinbaren Bedeutung derselben viel zu selten tue. Was auch immer man sonst über Gabriel und seinen Aufsatz sagen könnte, zumindest bietet er dafür eine ganz brauchbare Vorlage.

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Lange nicht mehr auf faz.net rumgehackt

13. Dezember 2011

Deswegen bin ich mir für nichts zu schade und greife nach jedem Strohhalm, so zum Beispiel diesem putzigen kleinen Kommentar zur Wüstenrot-Affäre (von der ich seit ungefähr zehn Minuten Kenntnis habe, aber das soll mich nicht davon abhalten, fundiert Stellung zu beziehen):

Auf einer Belohnungsreise der Bausparkasse Wüstenrot haben sich einige Mitarbeiter mit Prostituierten vergnügt. „Außerhalb des offiziellen Besuchsprogramms“, wie der Konzern betont. Das aber ist ganz unerheblich.

Recht hat er, möchte man sagen, aber nein. So meint Herr Krohn das nicht. Er meint, dass es keine Rolle spielt, ob der Sex mit Prostituierten Bestandteil der Belohnungsreise war oder nicht.

Wenn die Vertreter auf Konzernkosten unterwegs sind, stehen sie damit unter Beobachtung der Kollegen und der Öffentlichkeit. […] Wer mit dem Geld von Kunden spielt, muss sich insgesamt besser verhalten, um Vertrauen zu gewinnen.

Als ich anfing, diesen Post zu schreiben, schien mir der Anlass wirklich ein sehr mickriger. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto ärgerlicher erscheint mir die Dummdreistigkeit dieser Forderung. Liegt das daran, dass ich mich sinnlos in Stimmung schreibe, oder versteht ihr, was ich meine? Ich versuche mal, zu erklären:

Wir gehen mal davon aus, dass die Prostituierten nicht vergewaltigt wurden und auch sonst keine Straftat vorlag und dass das Vergnügen in gegenseitigem Einvernehmen stattfand. Herr Krohn hätte anderenfalls mutmaßlich darauf hingewiesen, falls er das nicht auch unerheblich findet. Aber ich schweife ab. Sex zwischen einvernehmlich handelnden geschäftsfähigen Personen geht niemanden etwas an, außer diesen Personen selbst. Ob er nun heterosexuell, homosexuell, sadomasochistisch, kostenpflichtig oder in pelzigen Tierkostümen stattfindet. Wenn jemand sich bereit erklärt, mit einem anderen Menschen gegen Zahlung zu koitieren, sehe ich darin kein moralisches Problem. Herr Krohn offenbar schon. Er findet Sex mit Prostituierten offenbar nicht gut. Er nennt es ein „Fehlverhalten“. Und er findet, dass andere Leute sich danach zu richten haben, was er gut findet.

Und damit habe ich ein Problem. Es geht ihn nichts an, und es geht uns alle nichts an. Wie albern ist denn das, hier im Bariton großer Besorgnis darüber zu referieren, welche Vorbildwirkung das Verhalten der betroffenen Wüstenrotmitarbeiter hat und dass man sich „besser verhalten“ muss, um Vertrauen zu gewinnen?

Ja wo kämen wir denn hin, wenn Konzernangestellte außerhalb der Arbeitszeit einfach machen könnten, worauf sie Lust haben, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, dass sie „unter Beobachtung der Kollegen und der Öffentlichkeit“ stehen? Was wäre das denn für eine Welt, in der es uns zeitweise einfach mal egal sein könnte, welches Verhalten wohl am ehesten den Vorstellungen unserer Kunden und der Journalisten von faz.net entspricht?

Und wenn Krohn selbst die Verbindung zur Finanzkrise zieht,

Deutsche Verbraucher sind in Sorge. In der Finanzkrise tun sie sich schwer, passende Anlageprodukte zu finden, die ihnen zumindest einen Inflationsausgleich sicherstellen. Ihnen gegenüber sitzen zum Teil leider Ratgeber, die das Vertrauen der geplagten Anleger nicht verdient haben.

dann könnte er in meinen Augen an dieser Stelle vielleicht erkennen, dass diese Krise auch von Anfang an ein beklagenswertes Versagen der Medien war, und dass es vielleicht kein Schritt in die richtige Richtung ist, öffentlich zu diskutieren, was „Ratgeber“ (Verdammt noch mal, diese Leute nennen sich vielleicht aus offensichtlichen Gründen selbst Ratgeber, aber warum bitte sollte ein Journalist diesen bescheuerten Titel übernehmen? Ich kaufe mein Auto doch auch nicht vom Kraftfahrzeugberater!) in ihrer Freizeit mit wem wo veranstalten und wie er zu ihren Freizeitaktivitäten steht, statt die besorgten Verbraucher tatsächlich zu informieren.

[Ein Nachtrag, den ich untypischerweise schon vor der Veröffentlichung einfüge: Gerade lese ich, dass die Reise nach Brasilien ging, wo Prostitution offenbar strafbar ist. Na gut. Auch dumme Gesetze sollte man als Tourist tendenziell einhalten. Ändert aber meines Erachtens nichts an meinen Ausführungen, außer dass der Begriff „Fehlverhalten“ dann wohl doch gerechtfertigt ist.]


Bright Outlook (1)

10. Dezember 2011

Oh Jungejunge.

Vielleicht habe ich das schon mal gesagt, aber dann sag ich’s eben wieder: Ich glaube, ich war noch nie so unsicher mit einem Projekt hier im Blog. Das liegt gar nicht so sehr daran, dass dies mein erste interaktiver Fortsetzungsroman wird. Das macht mir keine Sorgen. Erstens, weil ich damit rechne, dass eure Anweisungen die Sache eher interessanter und unterhaltsamer machen als wirklich anstrengender und zweitens (Wir sind ja schließlich Skeptiker hier, deswegen versuche ich gar nicht, euch da was vorzumachen.), weil ich natürlich die Fragen so stellen kann und werde, dass mir keine zu unangenehmen Überraschungen ins Haus stehen. Ich denke, Letzteres ist in unser aller gemeinsamem Interesse, auch wenn es das Experiment vielleicht ein paar Avantgarde-Punkte kostet.

Nein, meine Nervosität liegt eher darin, dass ich bisher bei jedem Fortsetzungsroman wenigstens eine ungefähre Vorstellung vom Plot hatte, und davon, wohin er uns führen soll, und wie lang er wird. Die habe ich manchmal beim Schreiben über Bord geworfen, nicht immer mit besten Resultaten (*Räusper*Menschenähnlich*Hust*), aber ich hatte sie immerhin. Diesmal nicht. (Sollte ich das gleiche schon mal behauptet haben, war das wahrscheinlich gelogen. Oder ich lüge jetzt. Weiß ich selbst nicht mal so genau.) Und so führt der Pfad der Zweifel dann vielleicht doch wieder zurück zur Interaktivität, denn wenn die nicht wäre, würde es sich ja lohnen, eine solche ungefähre Vorstellung zu entwickeln. Ich habe mich aber dagegen entschieden, um uns allen ein bisschen mehr von der offensichtlichen Illusion von Freiheit zu lassen, ungefähr wie im richtigen Leben. Aber es nützt ja nichts, das Ergebnis der Leserbefragung ist diesmal wirklich eindeutig, und ich will auch nicht behaupten, ich würde die Geschichte bisher nicht gerne schreiben. Im Gegenteil.

Viel Spaß mit dem ersten Kapitel von „Bright Outlook“. Einige von euch kennen ja den Anfang schon, aber erstens haben sich, denke ich, einige Details geändert, außerdem ist dieses erste Kapitel länger als der Teaser. Es lohnt sich also für alle, es ganz zu lesen.

Los geht’s.

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