„ja, eh…“-Woche: Nichts für das doppelte D

Nur wenige Menschen fühlen sich dieser Tage berufen, Christian Wulff in Schutz zu nehmen. Wer es so zielstrebig und effizient schafft, sich jeglicher öffentlicher Sympathie zu entledigen, sollte sich darüber auch nicht wundern, und ich war ja auch wild entschlossen, die ganze Sache weitgehend zu ignorieren, aber nun ist Herr Broder unserem Bundespräsidenten zu Hilfe gekommen, indem er einen seiner typisch dummdreisten Artikel über das gestrige Interview geschrieben hat. Und beim Lesen dieses Artikels (auf den Daniel Drungels bei Facebook hinwies und von dem er gar nicht wissen wollte, was mir daran nicht gefällt, daher die Überschrift) fiel mir auf, dass Henryk Broder in diesem Blog bisher schmählich wenig Beachtung erfahren hat. Das möchte ich hiermit ändern:

Wulff will Präsident von einem Land sein, in dem man sich Geld von Freunden leihen darf. Aber die, die dieses Land tragen, haben selten Freunde mit einer halben Million Euro.

Joah, ne? Man ahnt schon das Muster der folgenden Argumentation. Aber dafür sind solche Anreißer ja auch da.

Broder konstatiert:

Ganz gleich, wie die Causa Wulff ausgehen wird, eines kann man jetzt schon sagen: Auch Christian Wulff gehört zu Deutschland. Fragt sich nur, zu welchem.

Fragt sich das? Wozu denn? Wer bisher der Meinung war, spätestens seit 1990 gäbe es nur noch eins, wird eines besseren belehrt:

Denn Deutschland ist ein tief gespaltenes Land. Nicht nur zwischen Arm und Reich, Bio-Deutschen und Deutschen mit Migrationshintergrund, Ost und West, sondern vor allem zwischen jenen, die arbeiten und denjenigen, die ihr Geld arbeiten lassen.

„Vor allem“ heißt wahrscheinlich, dass diese Spaltung aus seiner Sicht größer und wichtiger ist als die anderen drei. Broder wird wissen, woher diese Erkenntnis stammt, aber uns verrät er es nicht. Nach einem kurzen Seitenhieb auf die „Gutmenschen“ – was wäre ein Broder-Artikel ohne? – kommt schon die nächste solche frei Hand geschöpfte Erkenntnis:

Dass dieses Land noch so erstaunlich gut funktioniert, hat es nicht den „Freunden“ von Christian Wulff zu verdanken, sondern den Müllmännern und den Feuerwehrleuten, den Polizisten und den Krankenschwestern, den Handwerkern und den Malochern auf dem Bau, den Arbeitern bei Ford und den Kassiererinnen bei Aldi.

Christian Wulff hat also nur „Freunde“, was wohl heißen soll: keine echten, und von denen wiederum trägt keiner dazu bei, dass unser Land funktioniert. Dafür sind nur Müllmänner, Kassiererinnen und sonstige „Malocher“ verantwortlich. Zu welcher der beiden Gruppen zählt eigentlich Broder selbst?

Ich will jetzt nicht die Ayn Rand in mir wecken und spare uns den kindischen Vergleich, welcher Art von Menschen dieses Land nun mehr zu verdanken hat, sondern beschränke mich auf die Kritik an Broders sonderbaren Stil: Woher weiß er, dass sich unter Wulffs „Freunden“ keine Malocher befänden? Woher weiß er, dass Wulffs „Freunde“ nichts für dieses Land leisten, und was in aller Welt tut das überhaupt zur Sache?

Also „den Menschen, da draußen“, wie es die Politiker „da drinnen“ sagen, die es für ein verbrieftes Menschenrecht halten, bei ihren reichen Freunden übernachten zu dürfen.

Hä? Was? Herr Broder? Halten Sie es etwa nicht für ein Menschenrecht, bei Freunden übernachten zu dürfen, solange die damit einverstanden sind? Und noch mal: Reden wir eigentlich noch über Christian Wulff, oder regen wir uns jetzt nur noch drüber auf, dass es in Deutschland Leute gibt, die keine reichen Freunde haben? Ich meine, ich find’s auch doof, dass mir keiner sechsstellige Kredite aufdrängt, aber wollen wir nicht mal versuchen, bei der Sache zu bleiben?

Und diese „Menschen, da draußen“, die niemand haben, der ihnen schnell mal eine halbe Million leiht, müssen sich verarscht fühlen, wenn sie Christian Wulff sagen hören, er „möchte nicht Präsident in einem Land sein, in dem man sich nicht von Freunden Geld leihen kann“.

Müssen sie das? Keineswegs. Oder genauer: Ja, klar müssen sie das, aber aus einem völlig anderem Grund als dem, über den Herr Broder hier schreibt. Natürlich ist Verarsche, wenn Christian Wulff so etwas sagt. Das liegt aber nicht daran, dass manche Leute niemanden haben, der ihnen eine halbe Million leiht, sonder daran, dass es darum überhaupt nicht geht. Niemand will verbieten, dass man sich von Freunden Geld leiht. Dass Herr Broder unserem Bundespräsidenten auf diese falsche Fährte folgt, um sich dann genüsslich im Honig des Wullffschen Fliegenfängers zu suhlen, ist natürlich nur eine von vielen intellektuellen Fehlzündungen dieses Artikels, aber für mich die ärgerlichste. Und ich hoffe, dass all diese „Menschen, da draußen“, die Broders Bullshit lesen müssen, sich endlich mal ausreichend verarscht fühlen, um beim nächsten Mal die Welt einfach nicht mehr zu kaufen.

Broder schreibt nun noch darüber, dass ein Bundespräsident genug verdient, um nicht auf „Tipps und Gefälligkeiten angewiesen“ zu sein (Meine Damen und Herren, solche Rechercheergebnisse liefern eben nur kostenpflichtige Qualitätsmedien.) und schließt mit der Feststellung:

Ja, Christian Wulff gehört zu Deutschland, zu dem Deutschland der Partygänger und Schnäppchenjäger, dem Deutschland der Eventmanager und Spesenritter, dem Deutschland der Aufsteiger, die voller Bewunderung zu Aufsteigern hinauf schauen, die es noch weiter gebracht haben.

Und das war für Herrn Broder anscheinend der springende Punkt. Was kümmert es ihn schon, ob und in welcher Form Herr Wulff sich falsch verhalten hat? Entscheidend ist doch am Ende, dass er zu einer Gruppe von Menschen gehört, die Broder nicht leiden kann. Schön, dass wir das geklärt hätten.

Wer es sogar dann noch schafft, sich meinen Widerspruch einzutragen, wenn er einen Rant gegen Christian Wulff schreibt, der muss wirklich ein ganz besonderer Mensch sein. Broder ist so einer. Aber das wissen wir natürlich alle sowieso schon lange.

Ja, eh.

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11 Responses to „ja, eh…“-Woche: Nichts für das doppelte D

  1. Muriel sagt:

    Bevor Guinan mir wieder Vorwürfe macht: Bright Outlook 3 ist schon geschrieben. Muss nur noch ein bisschen reifen.

  2. malefue sagt:

    >>Das liegt aber nicht daran, dass manche Leute niemanden haben, der ihnen eine halbe Million leiht, sonder daran, dass es darum überhaupt nicht geht. Niemand will verbieten, dass man sich von Freunden Geld leiht. Dass Herr Broder unserem Bundespräsidenten auf diese falsche Fährte folgt, um sich dann genüsslich im Honig des Wullffschen Fliegenfängers zu suhlen, ist natürlich nur eine von vielen intellektuellen Fehlzündungen dieses Artikels, aber für mich die ärgerlichste.<<

    verärgert? ja. überrascht? nein.
    broder ist einer dieser geistigen minimalhüpfer, die das perfekte opfer für wiesel-taktiken wie die von wulff gestern darstellen.
    jede nebelkerze angenommen, jeden strohmann angenommen, und dabei nicht gemerkt dass es wulff genau darum ging. schauplatz verlagert, broder (und viele andere) angebissen, interview erfolgreich.
    so offensichtlich wie das für manche ist, dass wulff jetzt in der scheiße sitzt, kommt in der breiten medienöffentlichkeit, glaube ich, nicht an.

  3. malefue sagt:

    der letzte satz ist ein bisschen wirr, aber ich glaube man verstehts.
    sorry.

  4. Muriel sagt:

    der letzte satz ist ein bisschen wirr, aber ich glaube man verstehts.
    sorry.

    Also, ich habs begriffen.

    überrascht? nein.

    So, und du dachtest also, das müsstest du wirklich noch dazu sagen?

  5. Florian sagt:

    Christian Wulff, Katholik, der mit Evangelikalen kungelt

    Alleine deswegen ist er für mich noch nie tragbar gewesen.

    Was die aktuelle Sache betrifft: sein Problem ist doch nicht die Sache an sich sondern wie er bislang damit umgegangen ist.
    Er soll aber ruhig seine volle Amtszeit ausschöpfen als Merkels präsidiale Problembärchenwurst, das Ehrensold bekommt er ja sowieso und der nächste möchte ja auch beschenkt werden. Was das kostet!

  6. Muriel sagt:

    Ich fand eigentlich von Anfang an, dass er die Idealbesetzung für dieses Amt ist.

  7. malefue sagt:

    >>So, und du dachtest also, das müsstest du wirklich noch dazu sagen?<<

    ich arbeite an der redundanzkatastrophe.

  8. Guinan sagt:

    @Muriel „Bevor Guinan mir wieder Vorwürfe macht: Bright Outlook 3 ist schon geschrieben.“
    Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert.

  9. Dietmar sagt:

    „Ich fand eigentlich von Anfang an, dass er die Idealbesetzung für dieses Amt ist.“

    Aber doch nur, weil Du von dem Amt nichts hälst. Ertappt!

    Broder war für mich immer eine beiläufige Randnotiz. Ich habe mich mit dem, was er so von sich gibt, nie wirklich auseinandergesetzt. Und jetzt sehe ich: Ich muss das auch gar nicht, weil´s nicht wert ist. Danke für diese Erkenntnis!

  10. Muriel sagt:

    Aber doch nur, weil Du von dem Amt nichts hälst. Ertappt!

    Aber ich wäre damit durchgekommen, wenn ihr naseweisen Gören mit eurem verdammten Köter nicht dazwischengefunkt hättet!

  11. Hessenhenker sagt:

    Ich wäre sehr erfreut, mir mit dem Hinrichten der 10.000 Majestätsbeleidiger in allen Medien ein paar Euro verdienen zu können.
    Umgekehrt könnte ich von dem Henkerslohn nämlich nur gerade mal ne Pizza essen gehen, bei den Preisen die wir seit dem Euro so haben.

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