Bright Outlook (4)

nothingelse89 hat es vorgeschlagen, und da habe ich gedacht, ich könnte ja wirklich mal das neue Bright-Outlook-Kapitel veröffentlichen.

Bitteschön.

Was bisher geschah

Im ersten Kapitel erwacht Claire und lernt die erste der anderen Versuchspersonen fürchten.
Im zweiten Kapitel  erwachen auch alle anderen. Die Tür zum zweiten Raum öffnet sich (wieder), und Claire beginnt eine Vorstellungsrunde.
Im dritten Kapitel setzen die Versuchsteilnehmer die Vorstellungsrunde fort öffnen die Tür zum dritten Raum, und Mark wird von einer Polizistin angehalten.
Was heute geschieht

„Ja, klar hab ich mich für die Subventionen ausgesprochen. Was denkst du denn? Ich bin hier in Iowa!“

„Ja, ich weiß, aber“

„Ja, aber das ist immer noch ein christliches Land, und das hier sind die Republikanischen Primaries. Was kümmert mich das, wenn ich ein paar“

„Ach komm, so schlimm war es auch wieder nicht!“

…“

„Wir wissen beide, dass ich sowieso niemals… Oh, ich muss dann jetzt. Zimmerservice.“

Miles Agneaux beendete das Telefonat, stemmte sich aus der weichen Matratze seines Hotelzimmers, richtete mit einem kurzen Blick in den Spiegel den Sitz seiner Krawatte und seines Jacketts und öffnete seine Zimmertür.

„Hallo, stellen Sie’s einfach… Hm?“

Er lehnte sich ein Stück vor und spähte in den Flur, erst nach links, dann nach rechts, dann auf den Rolltisch mit der weißen Tischdecke und den fünf Tellern mit silbern glänzenden Kuppeln darüber.

Brauchten die keine Unterschrift von ihm? Wollten die kein Trinkgeld? Hatte er so lange gebraucht, um zur Tür zu kommen? Egal. Falls es so beschissen schmeckte wie der Drecksfraß letzte Woche in New Hampshire, konnte er immerhin behaupten, er hätte es gar nicht gekriegt.

Miles zuckte die Schultern und rollte den Wagen in sein Zimmer. Kurz hinter der Tür hielt er einmal kurz an, beugte sich ein Stück hinunter und betrachtete die Räder. Irgendwas stimmte mit dem Wagen nicht, der ließ sich so schwer rollen. Vielleicht war der Typ vom Zimmerservice nur gegangen, um Werkzeug zu holen, oder Öl. Vielleicht war das gar nicht sein Essen. Egal, geschenkt ist geschenkt.

Er schob den Wagen mühsam so weit, bis er sich daran vorbei ins Zimmer quetschen konnte, schloss die Tür hinter sich und schob den linken Ärmel seines Hemdes hoch, um seine Uhr abzulesen.

Nicht, dass er gewusst hätte, wie viel Zeit verstrichen war. Es war eher eine Geste, um seine Ungeduld zu demonstrieren. Nicht, dass jemand sie hätte sehen können.

Etwas heftiger als nötig klopfte er an die Badezimmertür.

„Hey, bist du bald so weit, oder soll ich nachhelfen?“

„Verzeihen Sie, nur noch fünf Minuten!“ rief der kleine Asiate aus der Dusche.

Miles bestand aus gutem Grund darauf, dass sie sich erst gründlich wuschen, aber verdammt noch mal, kein Grund, so ein Fest draus zu machen. Zehn Minuten sollten doch nun wirklich reichen, und der Schinitze war da jetzt bestimmt schon dreißig drin. Das war hier kein bezahlter Wellnessurlaub.

Er stieß die Tür zum Bad auf und klopfte noch mal kräftig dagegen.

„In sechs schmeiß ich dich raus, ess alleine und bestell mir nen neuen, klar?“

„Klar“, antwortete der Schinitze hinter seinem Duschvorhang.

Es war wichtig, denen zu zeigen, wer der Boss war, sonst kamen sie auf dumme Ideen, und irgendwann wachte man dann ohne Portemonnaie und Autoschlüssel auf.

Miles warf einen verärgerten Blick auf den Tisch mit den Silberkuppeln, bevor er sich wieder auf das Bett war. Er tastete nach der Fernbedienung auf dem Nachttisch, um den Fernseher einzuschalten.

Auf CNN lief ein Bericht über die Primaries. Er schaltete schnell weiter. Fox News. Eine Diskussionsrunde über diesen ganzen Treibhausbullshit. Das war okay, das ließ er laufen.

Irgendwann – O’Reilly erzählte gerade vom aktuellen Frontverlauf des Kriegs gegen Weihnachten – wurde ihm klar, dass schon vor einer ganzen Weile das Wasser in der Dusche zu pladdern aufgehört hatte, aber sonst nichts weiter passiert war. Die sechs Minuten warum um, wahrscheinlich eher schon zwanzig, weil er nicht aufgepasst hatte.

Was dachte sich dieser Rotzlöffel denn? Jetzt hatte der bald eine Stunde in der Dusche vertrödelt. Eine Stunde von Miles‘ Zeit, für die Miles bezahlt hatte.

Und das Essen war jetzt wahrscheinlich auch kalt.

Das würde der Schinitze irgendwie wieder gut machen.

Miles‘ breite Lippen verzogen sich zu einem Grinsen, während er darüber nachdachte, wie das Schinitze das wieder gut machen konnte.

Er rollte sich aus dem Bett, schob sich an dem Servierwagen vorbei und stapfte in das Badezimmer.

Der Duschvorhang war immer noch vorgezogen, obwohl die Dusche nicht mehr lief. Was machte der Spinner denn da drin?

Miles stieß ein abfälliges Grunzen aus, während er den Vorhang zur Seite zog – und taumelte keuchend zurück. Er schrie vor Schmerz auf, als er sein linkes Schulterblatt hart gegen eine Kante des Handtuchhalters an der Wand stieß.

In der Duschwanne stand ein Mann in einem Cord-Anzug über den nackten Körper des jungen Asiaten gebeugt, einen seiner Arme in den Händen. Er trug seine Haare in einer dieser neumodischen Frisuren, die man in aufwändiger Arbeit kunstvoll so formte, dass sie aussahen, als hätte ihr Träger schlecht geschlafen und keine Zeit gehabt, sich zu kämmen, bevor er das Haus verließ. Die linke Schulter seines Jacketts wies einen dunklen Fleck auf, aber nicht dunkel genug für Blut.

Er blickte zu Miles auf, nicht unbedingt erschrocken oder verärgert, sondern eher ein bisschen verlegen.

„Oh“, sagte er. „Verzeihen Sie bitte, ich hatte noch gar nicht mit Ihnen gerechnet. Bitte warten Sie noch kurz, ich bin gleich für Sie da. Die Bright Outlook Laboratorien bitten um Ihr Verständnis für die Verzögerung.“

„Wa-was? Was machen Sie in meinem…?“ stammelte Miles. „Ich werde die Polizei rufen!“

Der Mann in dem braunen Cord-Anzug lachte auf, hielt dann aber inne, verwirrt blinzelnd, als wäre er überrascht, dass Miles nicht mitlachte.

„Oh“, sagte er, „Haben Sie das ernst gemeint? Entschuldigung. Sie glauben doch aber nicht wirklich, dass Sie die Polizei rufen werden, oder sonst irgendjemanden. Ich meine…“

Er warf mit gehobenen Augenbrauen einen bedeutungsschwangeren Blick auf den bewusstlosen asiatischen Callboy, der nackt neben ihm in der Wanne lag.

„Ich meine, wenn Sie drauf bestehen“, er zuckte die Schultern, „Ich schätze, ich kann das Ganze hier ganz gut erklären. Ich bin immerhin Arzt, und der junge Mann hier scheint Hilfe zu brauchen. Wie sieht’s bei Ihnen aus? Was würden Sie den Reportern sagen?“

Miles spürte die Hitze in sein Gesicht schießen. Aufgebracht öffnete er seinen Mund, aber es kamen keine Worte heraus, nur entrüstetes Gestotter.

„Ich bin froh, dass wir uns verstehen. Die Bright Outlook Laboratorien legen großen Wert auf die Zufriedenheit ihrer Kunden.“ Er schlug kurz seine Augen nieder und begann, in der Innentasche seines Jacketts herumzukramen. „Warum nehmen Sie nicht dieses Evaluationsformular mit und nutzen die Wartezeit, um es in Ruhe auszufüllen, bis ich für Sie da sein kann?“

Er zog einen länglichen Zettel mit mehreren Multiple-Choice-Fragen und einigen ankreuzbaren Smileys in verschiedenen Gemütszuständen hervor und hielt ihn Miles hin.

„Den grau hinterlegten Abschnitt brauchen Sie nicht auszufüllen, das mache ich für Sie. Haben Sie einen Stift?“

Ohne sich bewusst dafür entschieden zu haben, nahm Miles den Zettel.

„Was… Wer sind Sie?“

Das Lächeln des Mannes wurde ein wenig breiter, und er richtete sich ein bisschen gerader auf, soweit seine Position unter dem Duschkopf das erlaubte.

„Mein Name ist Mark, und ich bin Ihr Gastgeber für heute Abend. Bitte lassen Sie es mich unbedingt wissen, wenn ich etwas für Sie tun kann. Die Bright Outlook Laboratorien verpflichten sich, allen Versuchsteilnehmern stets die höchstmögliche Servicequalität zu bieten und das Risiko tödlicher Verletzungen so gering zu halten, wie die Versuchsparameter es gestatten.“

Miles fragte sich, ob er träumte, oder halluzinierte. Hatte der verdammte kleine Schinitze ihm irgendwas verabreicht? Aber bei allem Gefühl von Irrealität waren da doch zwei Worte gewesen, die er nicht einfach übergehen konnte.

„Tödliche… Verletzungen? Wovon reden Sie? Was passiert hier?“

Marks freundliches Lächeln ließ nicht nach, aber ihm entrang sich doch ein leises Seufzen.

„Mr. Agneaux, ich erkläre Ihnen das sehr gerne. Die Bright Outlook Laboratorien haben sich verpflichtet, alle Transparenzrichtlinien einzuhalten, die die Bright Outlook Transparenzinitiative verabschiedet, um eine möglichst reibungslose Zusammenarbeit mit allen Stakeholdern unseres Unterfangens zu garantieren, aber ich muss um Ihr Verständnis bitten, dass ich mich gerade noch mit Mr Nguyen hier im Dialog befinde und Sie sich noch einige Minuten gedulden müssen.“

„Sie… Sie sind wahnsinnig!“

Jetzt wurde das Lächeln doch ein bisschen angestrengt, und der Mann in dem Cord-Anzug stieg vorsichtig aus der Badewanne.

„Dieser Vor… Oh, hoppla!“ Er wäre beinahe ausgerutscht, konnte sich aber gerade noch am Duschvorhang festhalten. Einer der Ringe riss auf, und die beiden Hälften fielen mit erstaunlich lauten metallenem Plingen auf die Bodenfliesen. „Verzeihung. Dieser Vorwurf wird oft gegen unsere Mitarbeiter erhoben, Mr. Agneaux. Die Bright Outlook Laboratorien sind davon überzeugt, dass jeder unserer Angestellten das Recht hat, in einer auch verbal gewaltfreien Umgebung zu arbeiten, und tolerieren deshalb keine Angriffe oder Beschimpfungen gegen unser Personal. Ich muss deshalb um Ihr Verständnis bitten, dass ich Sie nun vorläufig ruhigstellen muss.“

Er streckte eine Hand in Miles‘ Richtung aus.

„Bitte geben Sie mir das Evaluationsformular zurück.“

Der Kerl war wirklich vollkommen wahnsinnig. Aber er wirkte nicht bedrohlich, er schien unbewaffnet, und Miles war ein großer, schwerer Mann. Er hatte es überhaupt nicht nötig, um Hilfe zu rufen und irgendwelchen Fremden zu erklären, warum ein bewusstloser Callboy in seiner Dusche lag. Er würde diese Sache selbst in den Griff kriegen.

„Hören Sie mal, Sie geistesgestörtes Würstchen, wenn Sie nicht sofort – Au, wa…“

Whoa. Miles taumelte. Seine Hände und Füße fühlten sich taub an, wie seine Arme und Beine, und sein Kopf. Stand er noch aufrecht?

Was auch immer in dieser kleinen Spritze gewesen war, es musste verdammt hartes Zeug sein.

****************************************************

Branco, Claire, Jeffries und der Junge standen einfach nur da und betrachteten ihre Belohnung. Claire und Jeffries mit furchtsam geweiteten Augen, der Junge verblüfft und ratlos, und Branco mit senkrechten Falten auf der Stirn, und einem versonnenen Lächeln, das überhaupt nicht zu seinem kantig grobschlächtigen Gesicht passen wollte.

Lora nahm sich als einzige keine Zeit, um die Waffe zu betrachten. Als hätte jemand mit dem Öffnen der Tür einen Startschuss abgegeben, rannte sie auf den kleinen schwarzen Revolver zu und stürzte sich mit einem triumphierenden Schrei darauf. Claire musste ihr zugestehen, dass ihre Geistesgegenwart beeindruckend war, aber das Ganze wirkte doch ein bisschen lächerlich, weil niemand sonst auch nur versucht hatte, an die Waffe zu gelangen.

Schnell richtete Lora sich wieder auf, den Revolver trotz seiner geringen Größe mit beiden Händen in Richtung der Tür haltend. Es sah aus, als hielte sie nicht zum ersten Mal eine Schusswaffe.

„So“, sagte sie, und seufzte zufrieden. „Okay. Jetzt kommt alle hier rein, schön langsam, nacheinander. Vor allem du benimmst dich ganz unauffällig, Gorilla. Du willst mich nicht nervös machen, glaub mir.“

Brancos trug immer noch dieses untypische Lächeln, während sie alle gehorsam in den nächsten Raum trotteten. Was hätten sie auch sonst getan?

Lora atmete tief durch, senkte ihren Blick kurz zu dem kleinen Revolver in ihren Händen, und blickt dann wieder zu den anderen auf.

„Ihr müsst euch keine Sorgen machen“, sagte sie grinsend. „Wir werden weiter gemeinsam versuchen hier rauszukommen, alle zusammen; aber von jetzt an passe ich auf, dass es dabei fair zugeht, und dass keiner irgendwelchen Quatsch macht. Und die nächste Lösung wird unser Wandschrank hier eingeben, das ist schon mal sicher.“

Loras Grinsen begann zu flackern, als ihr Blick auf Brancos Gesicht fiel. Er tat einen Schritt auf sie zu.

„Bleib stehen“, sagte sie in sehr bemüht ruhigem Tonfall.

Er tat einen weiteren Schritt.

„Keine Bewegung mehr!“ rief sie, und trat selbst einen Schritt zurück.

Er lachte leise. Der Lautsprecher knackte.

„Die Bright Outlook Laboratorien beglückwünschen Gabrielle Womack zum Erwerb der ersten Belohnung, eines wenig gebrauchten wiederaufbereiteten Colt Detective Special. Wir ermutigen unsere Versuchsteilnehmer, auch in unklaren Situationen die Initiative zu ergreifen und entschlossen zu handeln. Wir wünschen Ihnen von Herzen viel Erfolg im weiteren Verlauf des Experiments sowie insbesondere bei der Suche nach der dazu gehörigen Munition.“

„Was?“ Das eine Wort aus Loras – Gabrielles? – Mund war nicht einmal mehr ein Schrei, sondern mehr ein Kreischen, weniger ein Wort als ein Ausdruck nackter Frustration und Wut.

Mit zitternden Fingern klappte sie die Trommel der Waffe hervor und ließ sie einmal rotieren, ihre Augen nun ähnlich erschrocken aufgerissen wie Claires vorhin, ihr Gesicht blass.

Mit einem merkwürdig dumpfen Klatschen traf sie Brancos Faust ins Gesicht, und sie fiel zu Boden. Während sie sich benommen auf alle Viere aufrichtete, versetzte er ihr noch einen lustlosen Tritt in die Magengrube, bevor er sich zu den anderem umdrehte. Ihren jämmerlichen Schmerzensschrei schien er gar nicht zu hören.

Lora lag auf der Seite, die Arme um ihren Unterleib geschlungen. Tränen liefen aus ihren Augen, ihr Atem ging flach und unregelmäßig.

„War das wirklich nötig?“ fragte Claire, und schämte sich gleichzeitig dafür, dass sie diesem Kerl nicht mehr entgegenzusetzen hatte als die Frage, ob er das eigentlich gut fand, was er da machte.

Sie beschloss, dass sie wenigstens für Lora tun wollte, was sie konnte, und lief zu ihr.

„Ist alles…“ begann sie, bevor sie erkannte, wie unnötig und dumm diese Frage jetzt war. Aber was konnte sie sonst sagen, was konnte sie tun?

Lora blickte wimmernd und hilfesuchend zu ihr auf, als würde sie nur darauf warten, dass Claire eine Hand auflegte und sie heilte.

Natürlich. Sie war ja schließlich Ärztin.

Loras Mund war so blutverschmiert, dass Claire nicht einmal ahnen konnte, ob nur die Lippe aufgeplatzt war, oder ob sie ihre Zunge abgebissen hatte, und welchen Schaden der Tritt angerichtet haben mochte, konnte sie nicht einmal ahnen. Branco trug wie alle anderen keine Schuhe, aber er war ein Riese von einem Mann, und Lora wog nass mit Kleidung höchstens fünfzig Kilo. Wenn er wirklich gewollt hätte, hätte er sie wahrscheinlich mit seinem kleinen Finger töten können.

Shitshitshitshit. Claire, du bist so dumm wie ein Sack Hämmer.

„Wo genau tut es weh?“ fragte sie, um wenigstens oberflächlich den Eindruck zu erwecken, sie wüsste, was sie tat.

Lora zeigte in die Gegend, in der ihre Leber sein musste; so viel wusste Claire immerhin schon. Und dass die Leber Gewebe regenerieren konnte, solange noch mehr als 50% da war. Das machte doch Hoffnung.

„Kannst du den Schmerz näher beschreiben?“

Was konnte eine Verletzung der Leber bewirken? Claire versuchte, sich an die Symptome erinnern, von denen sie gelesen hatte. Gelbsucht, Juckreiz, Bauchwassersucht, Konzentrationsstörungen, Ausfall der Regelblutung… Aber was davon war ein Zeichen für eine traumatische Schädigung?

„Es fühlt sich an, als hätte mir irgendsoein Vollidiot in den Bauch getreten.“

Ihren Humor hatte sie immerhin nicht verloren. Das war doch was.

Claire betrachtete Loras Bauch. Soweit sie das beurteilen konnte, fühlte sich alles normal an. Was ziemlich genau gar nichts bedeutete.

„Ich glaube, er hat keinen bleibenden Schaden angerichtet.“ Super, Claire. Jetzt vielleicht noch mal ohne das „Ich glaube“, und ein bisschen mehr so, als würdest du es ehrlich meinen.

Jeffries kniete sich leise stöhnend sich zu ihr und Lora.

„Alles in Ordnung?“ raunte er.

Claire zuckte die Schultern. „Geht so.“

Mit einer betont unauffälligen Bewegung hob er den kleinen Revolver auf und schob ihn in seine linke Hosentasche. Er warf einen verstohlenen Blick in Brancos Richtung, aber der riesige Russe kümmerte sich nicht weiter um den Schaden, den er angerichtet hatte. Er hatte sich dem Tastenfeld neben der nächsten Tür zugewandt.

„1 3 6 10“, las er, und dann noch einmal: „Un, trois, six, dix. Aucune idée?“

Claire drehte sich zu dem Jungen um, der unmittelbar neben der Tür an der Wand stand und seine nackten Füße betrachtete.

Branco stöhnte. „Na gut, dann musst du wohl ran, Onkel Tom. Wie geht’s weiter?“

Nelson Jeffries stand auf und erwiderte Brancos Blick.

„Ich werde nicht mit unseren Entführern kooperieren“, sagte er ruhig, aber bestimmt. „Und mit Ihnen auch nicht.“

„Ach ja? Wollen wir wetten?“

Er trat ein paar Schritte näher an Jeffries heran und baute sich bedrohlich vor ihm auf. Der ältere Mann tat sein Bestes, furchtlos seine Stellung zu halten. Mit durchwachsenem Erfolg.

Claire versuchte Brancos ehrenwerte Bemühungen um den Titel des monumentalen Riesenarschs des Jahres zu ignorieren und stattdessen über das Rätsel nachzudenken.

Drei war drei mal eins, sechs war zwei mal drei, zehn war… einzweidrittel mal sechs? So ging es schon mal nicht.

Eins und zwei sind drei, drei und drei sind sechs, sechs und vier sind zehn … Moment!

Claire konnte sich trotz der unerfreulichen Gesamtsituation ein breites Grinsen nicht verkneifen.

„Ich hab’s!“ sagte sie, ein bisschen zu laut, und mit peinlich heller Stimme. „Ich hab’s!“

„Ist ja auch nicht so schwer, ne?“ sagte Lora.

Dumme Pute. Und sie hatte sich solche Mühe mit ihr gegeben.

Nicht nur, dass Claire enttäuscht war, weil sie doch nicht als erste die Lösung gefunden hatte, jetzt schämte sie sich auch noch für ihre Freude darüber.

„Dann lös du’s doch“, sagte sie, und schämte sich gleich noch mehr für ihre kindische Reaktion.

Sie spürte, wie Hitze in ihr Gesicht stieg, und dieses juckende Gefühl einsetzte, als würde sie bald zu schwitzen beginnen.

„15“, sagte Lora.

„Okay“, knurrte Branco. „Dann gib’s ein.“

„Sie stehen doch direkt neben der Tastatur!“ widersprach Claire.

„Hör mal, ich bin vielleicht kein Mathematikprof, aber ich bin nicht so dumm, dass ich die Lösung von einer Frau ausprobiere, die ich gerade zusammengeschlagen habe. Wenn sie nicht aufstehen kann, mach du’s eben. Die fängt sich schon wieder. Ich hab‘ sie doch kaum berührt.“

Claire seufzte, stand auf und schlurfte zu der Tastatur. Branco trat vorsichtshalber nicht nur zur Seite, sondern begab sich auf die andere Seite des Raumes, während Claire „15“ und die Eingabetaste drückte.

Es klickte, und die nächste Tür schwang auf.

„Herzlichen Glückwunsch, Sie haben das Tutorial beendet!“ sagte die fröhliche Stimme aus dem Lautsprecher. „Die Bright Outlook Laboratorien bedauern, dass sie sich nicht in der Lage sehen, Ihnen sanitäre Anlagen zugänglich zu machen. Sollten Sie sanitäre Anlagen benötigen, empfehlen die Bright Outlook Laboratorien die Verwendung eines der Räume, die Sie in dem Versuch bereits durchquert haben. Sie werden sie nicht mehr benötigen, und die Reinigungseinrichtungen der Bright Outlook Laboratorien beseitigen problemlos auch Urin, Fäkalien und alle anderen Rückstände menschlichen Lebens.“

 

Lesegruppenfragen:

  1. Nachdem nun für alle klar sein dürfte, was die Szenen außerhalb der Anlage bezwecken: Haltet ihr sie für eine gute Idee, oder wärt ihr lieber im ganz kleinen Kreis geblieben?
  2. War Miles zu klischeeig, oder fandet ihr ihn gut?
  3. Und war Mark euch zu albern?
  4. Habt ihr die Lösung gleich gesehen, oder musstet ihr nachdenken?
  5. Diese Formulierung „nass mit Kleidung“ ist auf Deutsch völlig unüblich, soweit ich weiß, aber ich mag die irgendwie. Habt ihr sie verstanden? hat sie euch gestört?

Interaktivitätsfragen:

A. Soll es beim nächsten Mal wieder Mark sein?

B. Wer in der Gruppe soll zuerst sterben?

C. Soll Claire versuchen, die Wahrheit über Lora herauszufinden?

D. Soll im nächsten Raum jemand versuchen, die Kamera zu zerstören?

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10 Responses to Bright Outlook (4)

  1. Juhu… hätte ich mal früher gemeckert 😉

    1. Inzwischen habe ich mich ja daran gewöhnt, dass die Geschichte auch Ausflüge nach draußen macht, und ich mag diese Ausflüge eigentlich ganz gerne. Da wird man noch neugieriger, was da eigentlich gespielt wird.

    2. Najaaaa… doch, ein bisschen zu klischeehaft. Der erzkonservative Republikaner, der sich asiatische Callboys aufs Zimmer bestellt, ist dann doch irgendwie… gna. Genau das, was man sich vorstellt, wenn es um einen scheinheiligen Republikaner geht.

    3. Ich finde Mark gut, sein Verhalten passt gut ins Bild – ich bin mal gespannt, ob die betreffenden wirklich irgendwie Bescheid wissen/wussten/wissen müssten.

    4. Zahlenreihen und -muster sind mein Steckenpferd und das ist wirklich extrem einfach gewesen. Ich habs sofort gesehen. Irgendwie fand ich es deshalb ziemlich unglaubwürdig, dass der Junge es nicht gesehen hat – ich meine, die Reihe mit den Primzahlen hat er gesehen (und das war auch noch mit Symbolen verschlüsselt), aber eine so einfache Folge hat er nicht erkannt?

    5. Ist ja nicht so schwer zu verstehen – und ich mag den Ausdruck, ich glaube, den werde ich in meinen Wortschatz aufnehmen 😉

    A) Was sein? Dabei sein? Derjenige sein, der Leute betäubt? Egal, Mark als Mann mit der Spritze hat sich inzwischen halbwegs etabliert – ich würde also ja sagen.

    B) Der Junge. Irgendwie finde ich ihn einfach nur überflüssig für den Fortgang der Geschichte.

    C) Klar. Aber Erfolg sollte sie vorerst nicht haben.

    D) Ja.

  2. Muriel sagt:

    @nothingelse89:

    Juhu… hätte ich mal früher gemeckert

    Vielleicht lernst du was draus für’s nächste Mal.
    Hm.
    Ähm.
    Täusch ich mich, oder hab ich gerade was Dummes geschrieben?

    Irgendwie fand ich es deshalb ziemlich unglaubwürdig, dass der Junge es nicht gesehen hat

    Es macht natürlich die Geschichte nicht besser, wenn ich es im Nachhinein erkläre, aber vielleicht interessiert es ja wen: Ich hatte mir das so gedacht, dass der Junge überhaupt nicht aufgepasst hat.

  3. Joan sagt:

    1. Biebe der Fokus immer nur auf der Versuchsgruppe, bekäme ich beim Lesen nen Lagerkoller. Insofern: gut.
    2. „Schinitze“? Miles ist schon seeeeehr… berechenbar. Wiedersehen muss ich ihn nicht unbedingt. Außerdem ändert er beim Schinitzen zwischendrin den Artikel: „…wie das Schinitze das wieder gut machen konnte.“ Oder ist das Absicht?
    3. Ich finde Mark eher beklemmend. Vermutlich gerade wegen der leichten Albernheit.
    4. Ich gebe gerne zu, ich musste nachdenken. Allerdings hatte ich es auch noch nie mit Zahlenreihen.
    5. Problemlos verständlich. Allerdings kam sie mir auch irgendwie bekannt vor.

    A. Ja, bitte.
    B. Vielleicht hat Branco doch Loras Leber getroffen…
    C. Solange sie noch kann.
    D. Ja. Ich schlage Jeffries vor.

  4. Ähm… naja, du hast schon intelligentere Sachen geschrieben 😉 Aber ich merks mir, wenn ich nicht meine wöchentlichen Updates bekomme, laufe ich Sturm.

    Klingt irgendwie konstruiert… im letzten Kapitel achtet keiner auf ihn und er löst plötzlich das Rätsel im Alleingang und hier wird er extra gefragt und hat nicht aufgepasst? Glaubwürdiger wärs gewesen, wenn der Kleine verängstigt in der Ecke gehockt und nicht ansprechbar gewesen wäre – aber einfach nur unbeteiligt auf die Schuhe schauen…. naja, davon lass ich mir die Geschichte natürlich nicht vermiesen^^

  5. 1. Sehr gute Idee. Ich war am Anfang unschlüssig, wohin das führen sollte. Aber so ’ne Parallelhandlung lockert das Ganze ein bisschen auf.

    2. Ich fand ihn gut.

    3. Er verhält sich ähnlich, wie diejenige, die die Lautsprecher bedient. Insofern alles im grünen Bereich.

    4. Got it.

    5. Gestört hat sie mich nicht, auch, wenn ich sie so noch nie gehört habe. Und ich glaube auch verstanden zu haben, was du damit sagen wolltest.

    A. Ja!

    B. Nach der Aktion unser bulliger Russe Branco. Aber dann würde die böse Komponente fehlen. Schwierig. Ich glaub, ich bin für Lora.

    C. Braucht sie nicht, die erzählt sie ihr in ihren letzten Minuten…

    D. Ja. Ein bisschen Provokation kann nie schaden…

  6. Muriel sagt:

    @Joan: 2. Ich fürchte, das war nur ein Versehen, aber ich lasse es trotzdem so. Kann ja auch Absicht sein.
    4. Du glaubst gar nicht, wie mich das freut.
    5. Auf Englisch hab ich das schon öfter gelesen.
    @nothingelse89: Mit dem selben Vorbehalt wie vorhin, ich dachte eigentlich, er verängstigt und eingeschüchtert, aber offenbar hab ich das nicht rübergebracht. Nächstes Mal.
    @attentiveobserver: 2. Danke. Ich mag manchmal auch ein bisschen Klischee. Auch ein bisschen viel.

  7. Guinan sagt:

    1. Mir gefällt’s.
    2. Ja, siehe Nothingelse89
    3. Mark ist nicht albern. Ich finde dieses geschäftsmäßige, unbeteiligte Auftreten eher beängstigend.
    4. Sofort gesehen – weil bekannt.
    5. Noch nie gehört, nur aus dem Zusammenhang gedeutet. Fand ich aber nicht störend.
    – Und das Verhalten des Jungen kam für mich plausibel rüber.

    A: Ja, und auch seine Tochter.
    B: Jeffries, der nervt.
    C: Ja, versuchen darf sie das gern. Sofern beide weiterleben aber auch gern erfolglos.
    D: Ja, jetzt dürfte etwas ziviler Ungehorsam kommen.

  8. madove sagt:

    1. Halt ich für eine gute Idee. Erstens setzt es das Ganze ein bißchen in einen Außenkontext, und zweitens vermeidet es in der Tat Lagerkoller.
    2. Er ist schon ziemlich klischeehaft, aber schön beschrieben. Hat mich nicht gestört in dieser Kürze.
    3. Überhaupt nicht. Ich mag das. Sobald jemand von den Bright Outlook Laboratorien auftaucht, krieg ich so eine sonderbare Mischung aus Lachflash und Todesangst, die ich ziemlich gelungen finde.
    4. Sofort, weil bekannt.
    5. Die hatte mich explizit gefreut und ich hatte sie zur Weiterverwendung gespeichert. Ich wußte nicht, daß es sie überhaupt in irgendeiner Sprache gibt.

    A) Ja, jetzt wo ich kapiert habe, was er macht.
    B) Niemand. Nie. Äh… das kann ich irgendwie nicht. 😉
    C) Ja.
    D) Gute Idee. Schon allein um die Reaktion zu testen. (auch wenn ich fürchte, das steht im Kontrast zu meiner Antwort auf B).

  9. Günther sagt:

    1. Gut.

    2. Er hätte durchaus früher merken können, dass er gerade in Gefahr ist.

    3. Leicht wahnsinnig. Passt gut, finde ich.

    4. Überlegen schon. Aber nicht lange.

    5. Verstanden. War ok 🙂

    A: Ja bitte. Sonst wird das zu kleinteilig.

    B: Hm, schwierig. Der Junge? Oder Lora? Vielleicht am ehesten Lora. Es sei denn, sie wird noch lebend gebraucht.

    C: Bitte! (Als ob hier jemand für weniger Informationen stimmen würde 😉 )

    D: Ja, das wäre mal angebracht.

  10. Muriel sagt:

    Ach, ich hab ja auch noch gar nicht ausgewertet. Denn mal los.
    A. Einstimmig Ja.
    B. 1 Der Junge, 1 Jeffries, 3 Lora.
    C. 5 Ja, 1 Nein
    D. Einstimmig Ja.

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