Davos weh tut (1)

Skeptizismus und Liebe zur Wahrheit hin oder her, es gibt Themen, von denen ich mich besser fern halten sollte. Dinge, von denen ich eigentlich nichts wissen will. Die Berichterstattung zum Gipfel in Davos gehört dazu, aber wie so oft wusste ich nicht, was gut für mich ist und habe trotzdem ein bisschen drüber gelesen. Und jetzt will ich jemanden würgen, aber Keoni steht nicht auf sowas. Na gut. Muss ich eben schreiben.

Zuerst: Ich habe mich ja auf eine wütend vor mich hin grummelnde, halb resignierte, passiv-aggressive Art damit abgefunden, dass ich in einer Gesellschaft lebe, in der ich bestraft werde, wenn ich bestimmte Pflanzen mit mir herumtrage, wenn ich am falschen Wochentag arbeite, oder an einem Tag eine Tanzveranstaltung (Das Wort schon.) abhalte, an dem andere beschlossen haben, dass sie nicht tanzen wollen. Ich lebe damit, dass ich in dieser Gesellschaft als Verbraucher so weit entmündigt bin, dass ich keinen Gewährleistungsausschluss vereinbaren kann, wenn ich ein gebrauchtes Auto kaufe, und dass nicht wirksam auf mein vierzehntägiges Rückgaberecht verzichten kann. Ich habe mich an den Gedanken gewöhnt, dass wir Arbeitnehmer für so dumm und unreif halten, dass wir ihnen nicht zutrauen, selbst zu entscheiden, wie viel Urlaub sie pro Jahr brauchen, wie viele Stunden sie pro Tag, pro Woche, pro Monat arbeiten wollen, dass wir insbesondere weibliche Arbeitnehmer durch staatliche Zwangsmaßnahmen zu so unkalkulierbaren Risiken gemacht haben, dass es als Beleg für ihre bewundernswerte Leistungsfähigkeit zu gelten hat, dass überhaupt noch jemand sie einstellt, und dass wir unserer eigenen Zurechnungsfähigkeit so wenig vertrauen, dass wir Unternehmen vorschreiben, wie, wann, wie lange und auf welche Weise sie andere über ihre Produkte und Dienstleisungen informieren dürfen. Ich ärgere mich schon kaum noch drüber, dass ich für nahezu jeden Handschlag irgendeine Genehmigung brauche, irgendwo Pläne und Anträge und Formulare einreichen und mich von irgendeinem Prüfer oder Auditor oder… Naja, ihr wisst schon, das alles nehme ich mit einem Lächeln hin, das macht mir gar nichts aus… Ähem.

Aber wie müssen denn die Denkprozesse im Gehirn eines Menschen von statten gehen, der in derselben Gesellschaft lebt wie ich und deren Probleme dann im Ernst als Versagen des Kapitalismus oder der Marktwirtschaft anprangert? Welcher Kapitalismus denn, welche Marktwirtschaft? Wie muss man denn die Welt sehen, um eine Krise, die durch staatlichen Zwang und staatliche Regulierung, staatliche Fehlanreize und staatliche Misswirtschaft möglich wurde und perpetuiert wird, als einen Beleg für das Versagen „entfesselter Märkte“ anzuführen? Ich benutze doch auch nicht die Dekadenz des späten Römischen Reiches als Argument dafür, dass Sozialismus nicht funktioniert.

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11 Responses to Davos weh tut (1)

  1. Ich weiss ja auch nicht, wie man glauben kann, dass wir in einer freien Marktwirtschaft leben, aber bei der Anzahl Menschen, die dies glauben, kann es kein Kunststück sein.

    P.S. „Davos weh tut“ oder „Davos weht tut“?

  2. […] der Rant ist fertig, jetzt sehe ich mich in der Lage, über das Interview der FAZ mit Herrn Appel von der […]

  3. Muriel sagt:

    @ars libertatis: Ähm… Das ist… eine sehr subtile Anspielung auf… den englischen Zeichentrickfilm „Wenn der Wind weht“, der die möglichen Folgen eines Angriffs mit Nuklearwaffen thematisiert und so indirekt aufzeigt, wie gefährlich die Macht von Regierungen und Staaten…
    Ach fuck me, ich hab mich vertippt und es nicht gemerkt.

  4. Muriel sagt:

    Es scheint eine gewisse Korrelation zwischen Artikeln über meine Perspektive auf Wirtschaft und Staatsform und grottenschlechten Bewertungen zu geben. Ich sollte unbedingt mehr davon veröffentlichen, um das genauer zu untersuchen…

  5. Tim sagt:

    Du solltest Dich einfach nicht als eiskalter, neoliberaler Proto-Kapitalist präsentieren, der kleine Kinder am liebsten verhungern lassen würden, damit er seinen Profit maximieren kann – und ihnen dann noch nicht einmal die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod gönnt. Sowas kommt beim Publikum oft nicht gut an.

  6. Muriel sagt:

    @Tim: Ich verwahre mich gegen diese abstrusen Unterstellungen. Niemals würde ich ein Kind verhungern lassen.
    Fett ist schließlich ein Geschmacksträger.

  7. Robroy sagt:

    Ich lese meistens nur mit und bewerte nicht, mir war die Bewertungsmöglichkeit bisher nicht mal bewusst – nach dem Hinweis könnte ich das jetzt zwar ändern, nachdem ich dem Eintrag vollkommen zustimme, aber ich will ja deine Untersuchungen nicht verzerren. 😉

  8. Muriel sagt:

    @Robroy: Fühl dich zu nichts verpflichtet. Das war nur so eine Beobachtung.
    Trotzdem vielen Dank für den Zuspruch.

  9. Yeti sagt:

    Auch wenn ich in vielen Punkten anscheinend eine ähnliche Meinung/Position vertrete wie Du, in ein paar Punkten Deine Position nachvollziehen, wenn auch nicht gut heissen kann.
    Dein absoluter Wirtschafts- und Kapitalismus-Liberalismus (sagt man das so?) geht mir gehörig auf den Sack. Die meisten Leute sind einfach zu bescheuert für so viel Freiheit!

  10. Muriel sagt:

    @Yeti: Zum Glück gibt es ja weise Menschen wie Gabriel, Rösler und Merkel, die uns bescheuertes Pack vor unserer Dummheit schützen.

  11. Dietmar sagt:

    Ich habe jetzt diverse Anläufe hinter mir, meine Gedanken zu diesen Artikeln klug und wohlgeordnet vorzutragen. Gelingt mir seit Tagen nicht.

    Jetzt überlege ich, ob die Gedanken selbst vielleicht nicht so klug und wohlgeordnet sind und sich dadurch dem Vortrag entziehen.

    Hmm…

    Ich warte noch ein wenig, vielleicht dann …

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