Bright Outlook (5)

Lange musstet ihr warten, aber dafür bekommt ihr heute auch eine Bright-Outlook-Folge von aktueller Brisanz, mit weltpolitischen Bezügen von Trinkwasserknappheit über Parteispenden bis hin zur Demontage von Überwachungskameras, und das alles kostet euch keinen Cent, sondern einfach nur ein paar Minuten unwiderbringlich verlorener Lebenszeit, die ihr niemals die Chance haben werdet, für etwas Besseres zu benutzen als für die Lektüre dieses Blogs.

Viel Spaß.

Was bisher geschah

Im ersten Kapitel erwacht Claire und lernt die erste der anderen Versuchspersonen fürchten.
Im zweiten Kapitel  erwachen auch alle anderen. Die Tür zum zweiten Raum öffnet sich (wieder), und Claire beginnt eine Vorstellungsrunde.
Im dritten Kapitel setzen die Versuchsteilnehmer die Vorstellungsrunde fort öffnen die Tür zum dritten Raum, und Mark wird von einer Polizistin angehalten.
Im vierten Kapitel holt Mark einen Republikaner und seinen Callboy, Branco nimmt Lora den Revolver weg, und die Versuchsteilnehmer öffnen eine weitere Tür.
Was heute geschieht

„Was machen die Leute da, Daddy?“

„Sie demonstrieren, Liebling.“

„Warum?“

„Sie finden es unfair, dass ganz wenige Leute ganz viel haben, und ganz viele nur ganz wenig.“

„Findest du das auch unfair, Daddy?“

„Ich kann damit leben.“

„Warum, Daddy?“

„Weil wir zu denen gehören, die ganz viel haben, Liebling.“

„Das ist schön.“

„Nicht wahr?“

„Hey, hallo, guten Abend, haben Sie fünf Minuten Zeit für mich?“

„Selbstverständlich, ich hab‘ sogar elf. Nicht wahr, Liebling?“

„Stimmt, Daddy.“

„Wir haben ganz viel Zeit, weil es zu den Leitlinien der Bright Outlook Laboratorien gehört, sich immer viel Zeit für ihre Kunden zu nehmen.“

„Ähm…“ Der junge Mann mit der kantigen Brille und den akkurat frisierten Haaren, die gar nicht zu seinem zerknautschten Wollpullover und der fleckigen Jeans passen wollten, blinzelte unsicher zu Mark auf, während er sich fragte, ob er sich vielleicht lieber jemand anders zum Informieren suchen solle.

Mark klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter.

„Nur zu, klären Sie mich auf. Schaffen wir gemeinsam die Grundlage für eine Verständigung über die soziale Natur unserer eigenen Prekarität. Oder Ihrer. Ich gehöre wohl nach keiner denkbaren Definition zum Prekariat…“

Mark konnte deutlich sehen, wie die Muskeln im Gesicht des jungen Mannes sich anspannten und er in seine gewohnte Rolle schlüpfte.

„Sie glauben vielleicht, dass Sie zu den Gewinnern des Systems gehören, aber Sie irren sich. Sie werden ausgenutzt, und sogar, wenn Sie materiell gut versorgt sind, tragen Sie im Gegenzug dazu bei, dass auch Ihre Tochter hier in einer unmenschlichen Welt aufwachsen muss, in der 1% auf Kosten der anderen im Luxus lebt, in der Pharmakonzerne Patienten zur Ware machen und in der die schweigende Mehrheit ein System mitträgt, das sie körperlich und seelisch zerstört.“

„Und die schweigende Mehrheit, das sind Sie?“

„Ich gehöre zu den 99%, aber ich gehöre zu denen, die nicht länger schweigen. Wir glauben, dass eine bessere Welt möglich ist, und wir wollen etwas verändern. Da brauchen Sie gar nicht so doof zu grinsen!“

Marks Grinsen wurde noch ein bisschen breiter.

„Bitte verzeihen Sie, falls ich den Eindruck erweckt habe, Sie nicht ernst zu nehmen. Ihre Meinung ist mir sehr wichtig. Vielleicht gibt es hier einen Ort, an dem wir uns ungestört unterhalten können?“

„Wenn Sie wollen, kommen Sie mit in das Info-Zelt.“

„Was meinst du, Jacky? Willst du das Info-Zelt sehen?“

„Klar!“

Mark verneigte sich ein Stück und deutete mit seiner Hand nach vorne.

„Bitte zeigen Sie uns den Weg.“

Die Augen des Occupyers verengten sich wieder ein wenig, sein Blick wanderte von Mark zu Jacky, die huckepack auf seinen Schultern saß. Mark lächelte, nicht nur, um das Misstrauen seins Gegenübers weiter zu zerstreuen, sondern auch, weil er genau wusste, was er dachte.

Wer ein fünfjähriges Mädchen auf den Schultern trägt, kann unmöglich ein gefährlicher Wahnsinniger sein.

Es funktionierte jedes Mal. Wie ein Zauberspruch.

Der junge Mann führte sie in eines der etwas größeren Zelte, in dem gerade zwei andere Occupyer miteinander plauderten, die Hände um dampfende Kaffeetassen geschlungen.

Mark musste Jacky absetzen und sich ein wenig bücken, um hineinzugelangen. Er nahm sie an die Hand.

An selbst zusammengenagelten Infotafeln hingen selbst gemalte Pappschilder („We are the 99%!“, „The real terrorists are holed up in Washington!“, „THEY don’t care about US!“) und ein paar gedruckte Plakate mit hungernden Kindern oder farbigen Grafiken.

„Wussten Sie, dass Nestlé gerade dabei ist, Wasserquellen in der Dritten Welt aufzukaufen, um so ein Monopol zu schaffen und sich an dem Durst der Menschen zu bereichern?“

„Tatsächlich?“ sagte Mark. „Nein, das wusste ich nicht. Wusstest du das, Jacky?“

„Nee.“

Mark schob sein Kinn ein wenig vor und nickte gewichtig. „Wir wussten das anscheinend beide nicht.“

„Also, wenn Sie sich bloß über mich lustig machen wollen, können Sie auch wieder gehen, finde ich.“

„Kommt das so rüber? Tut mir leid! Das höre ich öfter, aber ich arbeite dran. Scheint irgendwas an meiner Mimik zu sein. Nein, ich würde wirklich gerne wissen, warum Sie sich hier in Zelten mit der Kälte herumschlagen.“

Zumindest so lange, bis die beiden Frauen ihren Kaffee getrunken und das Zelt verlassen hatten. Von da an würde Marks Interesse rapide nachlassen.

Der junge Mann atmete durch und begann noch einmal.

„Nestlé Waters ist ein Beispiel für einen Konzern, der sich nach außen gerne verantwortungsbewusst und nachhaltig gibt, der aber in Wahrheit gar nicht so altruistisch arbeitet, sondern viel profitorientierter. Jedes Jahr werden hunderte Milliarden Liter Wasser in Flaschen abgefüllt und verkauft, und die Konzerne haben praktisch keine Herstellkosten, denn das Wasser bekommen sie natürlich gratis. Diese hohen Margen führen zu einem starken Anreiz, Wasserreservoirs auf nicht nachhaltige Weise auszubeuten, und sogar in Industrieländern spielen sich schon richtige Wasserkriege ab …“

Mark blendete das Gefasel des Occupyers aus und konzentrierte sich auf seine Umgebung und die Bedingungen, unter denen er würde arbeiten müssen.

Die beiden Frauen hatten ihren Kaffee anscheinend getrunken und schienen dabei, das Gespräch zu beenden. Gut. Wenn gleich jemand Neues hereinkam, hatte er natürlich ein Problem. Zwar war der Rest seines Nachmittags frei, aber er konnte sich trotzdem Schöneres vorstellen, als sich bis zum Sonnenuntergang erklären zu lassen, warum die Welt den Menschen gehören sollte, nicht den Lobbys. Außerdem mochte Regina es sowieso schon nicht, wenn er Jacky zur Arbeit mitnahm, und wenn er sie dann außerdem zu spät zum Abendessen nach Hause brachte, musste er mit Vergeltungsmaßnahmen rechnen. Regina konnte sehr einfallsreich sein, was das anging.

Der Eingang des Zelts bestand aus nicht mehr als zwei lose herabhängenden Planen. Niemand konnte ohne weiteres von draußen hineinsehen, es sei denn, der Wind wehte direkt in den Eingang. Natürlich gab es keine Möglichkeit, ihn zu versperren. Mark würde sich beeilen müssen. Die Bright Outlook Laboratorien hatten gewisse Möglichkeiten, aber wenn er auf einem öffentlichen Platz inmitten einer kameraüberwachten Massenveranstaltung in flagrante delicto ertappt wurde, war für ihn das Spiel genauso vorbei wie für jeden einsamen Psychopathen.

Natürlich hätte er im Gegensatz zu einem Einzeltäter die theoretische Möglichkeit, einen Deal zu schließen und Immunität zu erhalten, wenn er dem FBI im Gegenzug Informationen über Bright Outlook lieferte. Aber sein Arbeitgeber war ihm gegenüber immer fair und loyal gewesen. Er hatte nicht die Absicht, etwas anderes als Fairness und Loyalität zu erwidern.

„Insbesondere seit der Supreme Court die Parteispenden wieder völlig freigegeben hat“, erläuterte der Occupyer, während die beiden Frauen sich durch den Zeltausgang bückten, „ist die Politik zum reinen Spielball der Lobbys und Interessengruppen geworden. Jeder Konzern kann sich jetzt seinen eigenen Abgeordneten kaufen, oder seinen eigenen Kandidaten, und wir dürfen nur noch wählen, ob wir den Exxon-Präsidenten wollen, oder den Google-Präsidenten.“

Mark nickte und tat so, als würde ihn die Info-Tafel direkt neben dem jungen Mann ganz besonders interessieren.

„Wie heißen Sie eigentlich?“ fragte er.

„Ich bin Abdiel.“

„Mark. Wie stehen Sie zur Wissenschaft, Abdiel?“

„Wie meinen Sie das?“

„Hätten Sie Lust, an einem Versuch teilzunehmen?“

„Was für ein Versuch?“

Abdiel trat einen Schritt zurück und blickte wieder zu Jacky, die ihn freundlich anstrahlte. Seine Gesichtszüge entspannten sich wieder ein wenig.

Wie ein Zauberspruch.

„Die Bright Outlook Laboratorien laden Sie ein, an einem Versuch teilzunehmen. Sie werden dafür nicht nur angemessen vergütet werden, sondern haben außerdem noch das Privileg, zur Weiterentwicklung der menschlichen Erkenntnis beizutragen und unser Wissen über diese Welt zu revolutionieren. Es gibt auch glutenfreie Kekse.“

„Was meinen Sie? Sie wollen, dass ich mit Ihnen zu irgendsoeinem komischen Experiment gehe? Nee, lassen Sie mal. Schon gut, ich hab hier zu tun.“

Mark seufzte.

„Ich dachte mir, dass Sie das sagen würden.“ Mark folgte Abdiel, bemüht darum, nicht bedrohlich zu wirken, während der andere Mann sich in Richtung des Ausgangs zurückzog, bemüht darum, nicht verängstigt zu wirken.

„Die Bright Outlook Laboratorien legen großen Wert darauf, nur Versuchspersonen aufzunehmen, die sich freiwillig und umfassend informiert zur Teilnahme bereit erklärt haben.“

„Das ist… eine gute Politik, schätze ich“, antwortete Abdiel.

„Deswegen haben wir ein Psychopharmakon entwickelt, das nicht nur gewährleistet, dass Sie konzentriert zuhören, während wir Sie umfassend informieren, sondern auch Ihre freiwillige Zustimmung garantiert.“

Mark achtete darauf, Abdiel nicht mehr als ein Drittel der Ampulle zu injizieren. Es war einfacher, wenn der Occupyer noch auf eigenen Beinen laufen konnte.

Er zog seine Jacke aus und zog die Ärmel nach innen durch, um sie zu wenden. Auf der Innenseite war sie orangerot, mit einem weißen Kreuz auf dem Rücken.

„Liebling, ich kann dich jetzt auf dem Weg zurück zum Auto nicht mehr an der Hand führen. Achte bitte darauf, immer in meiner Nähe zu bleiben, und falls wir uns doch verlieren, bleib bitte genau da stehen, wo du bist, und warte, bis ich dich hole. In Ordnung?“

„In Ordnung, Daddy.“

Er legte Abdiels rechten Arm über seine eigenen Schultern und führte den jungen Mann aus dem Zelt, sorgsam darauf bedacht, ihn zu stützen, wenn er das Gleichgewicht verlor.

**********************************************

6, 30, 42, 30, 66.

Claire war sich ziemlich sicher, dass es nicht nur daran lag, dass sie sich nach dem Erlebnis an der letzten Tür demotiviert fühlte. Was auch immer die Regel war, die diese fünf Zahlen verband, sie war zu hoch für sie. Erst 30, dann 42, und dann wieder 30? Das konnte nichts sein, was sie lösen konnte.

Immerhin blieb ihr die Genugtuung, dass Lora nicht weniger ratlos auf die Zahlen blickte. Oder doch Gabrielle? Es war ja eigentlich egal, wie sie hieß, aber es ließ Claire keine Ruhe. Sie hatte gewiss aus irgendeinem Grund gelogen, also konnte es nicht ganz egal sein, oder?

„Scheiße, das ist doch jetzt einfach nur ne Zufallsfolge“, sagte Branco.

„Wenn es jemand weiß, dann bestimmt ein Mathematiker“, sagte Lora. Ihre Stimme klang noch ein bisschen leidend, aber ansonsten schien sie sich weitgehend erholt zu haben.

Claire seufzte. „Aber Jeffries spielt nicht mit.“

„Das werden wir sehen“, grollte Branco. „Und sonst fragen wir eben den Jungen. Hep, nain, reconnaîts ces nombres?“

Der Junge kam vorsichtig näher und blickte hoffnungsvoll auf die Zahlenfolge.

„Wie heißt er eigentlich?“ fragte Claire. „Wir wissen immer noch nicht einmal, wie er heißt, oder?“

„Außer mir kann sowieso niemand mit ihm reden“, antwortete Branco, „was interessiert dich sein Name?“

„Können Sie ihn nicht einfach fragen?“

„‘scuses, je ne vois pas.“

„Merde. Okay, wir brauchen also den Nigger.“

„Ich halte es für falsch, dass wir uns unhinterfragt den Regeln dieses Spiels fügen, in das wir gezwungen wurden, und nicht einmal versuchen, uns den Anweisungen dieser abscheulichen jungen Frau zu widersetzen!“ Jeffries sprach sehr schnell und aufgebracht. Claire war sich nicht sicher, ob er wirklich so verärgert über ihre Situation war, oder ob die Angst vor Branco ihn aufregte. „Wir haben noch nicht einmal versucht, zu entkommen!“

Der Junge starrte immer noch auf die Tastatur und das Rätsel darüber.

Branco stemmte seine Hände in die Hüften. „Wie würdest du dir das denn vorstellen? Die Wände in diesem Bunker sind aus Beton, und die Decke auch, und die Türen sind aus Stahl. Wo würdest du denn hier was versuchen, hm? Was glaubst du, was wir noch versuchen könnten, außer dieses Scheißrätsel zu lösen?“

Jeffries blickte zu ihm auf und bemühte sich sichtlich, Blickkontakt zu halten und möglichst ruhig und gleichmäßig weiter zu atmen, während der riesige Russe über ihm aufragte.

„Was ist zum Beispiel mit diesen Tastaturen? Gibt es einen Weg, sie zu öffnen oder… irgendwie zu sabotieren?“

„Hast du einen Bohrhammer dabei, oder einen Trennschleifer? Dachte ich mir. Noch mehr bescheuerte Ideen, oder willst du dann jetzt so langsam mal anfangen, was Nützliches zu der Sache hier beizusteuern?“

„Die Kamera vielleicht?“ schlug Claire vor. Es war nicht so sehr, dass sie auf Jeffries Seite stand. Branco hatte Recht, aber er war ein Riesenarmleuchter, deswegen wollte sie das nicht zugeben. „Wir könnten schauen, ob wir die da runter kriegen. Im besten Fall finden wir so was Genaueres über die Sache hier raus. Zum Beispiel wüsste ich gerne, ob da auch ein Mikrophon dran ist, oder ob sie uns wirklich nicht hören kann. Und im schlechtesten Fall haben wir immerhin einen Raum, in dem wir unbeobachtet sind.“

Branco drehte sich langsam zu ihr um. „Das ist der schlechteste Fall für dich? Du kannst dir nichts Schlimmeres vorstellen, was uns passieren könnte, wenn wir diese Kamera da oben abreißen?“ Er beugte sich herab zu ihr, bis seine Augen auf Höhe ihrer waren, und zischte: „hm?

 

Du bist nicht mehr in Kansas, Dorothy. Wir spielen hier nicht um Rosinen und Erdnüsse, verstehst du das?“

Ihre Augen zuckten unwillkürlich zu Lora, aber das schwarzhaarige Mädchen tat so, als würde es gar nicht mitbekommen, was geschah. Es blickte nachdenklich zu der Kamera hinauf, die dort knapp unter der Decke an einem metallenen Arm an der Wand befestigt war.

Branco legte eine Hand auf Claires Schulter. Nicht grob; er fasste nicht einmal richtig zu, aber die Hand lag doch sehr schwer dort auf ihr, und es war unmissverständlich, was er damit andeuten wollte.

„Wirklich?“ fragte er leise.

„J-ja!“ antwortete sie, und hätte sich treten könnten, weil ihre Stimme so zitterte. „Aber trotzdem könnten wir es ja zumindest versuchen, oder?“

Jeffries kam ihr zu Hilfe: „Und Sie glauben ganz bestimmt nicht im Ernst, dass alles gut endet, wenn wir nur immer weiter die Rätsel lösen, die uns vorgesetzt werden, oder?“

Branco stöhnte.

„Einer von euch holt die Scheißkamera da runter, aber nicht du, dich brauchen wir noch, und dann gibst du die richtige Lösung ein. Und ihr beeilt euch.“

Branco stellte sich in die Ecke des Raumes, die am weitesten von der Kamera entfernt war, lehnte sich an die Wand und sah ihnen mit vor der Brust verschränkten Armen zu.

„Da kommen wir so nicht einfach dran, oder?“ fragte Claire, und kam sich dabei gleich furchtbar dumm vor, denn es war offensichtlich. „Die ist zu hoch.“

Lora schnaubte und schüttelte ihren Kopf.

„Machst du für mich eine Räuberleiter, dann klettere ich hoch und hol das Ding.“

Claire zögerte. „Wollen wir nicht… erst einmal wenigstens nachsehen, ob es irgendwie gefährlich werden könnte?“

„Qu’est-ce que vous ferez?“ fragte der Junge, der langsam zu ihnen herüber geschlichen war.

Claire beschloss, ihn endlich nach seinem Namen zu fragen. Sie kniete sich vor ihm auf den Boden und zeigte auf sich selbst.

„Claire“, sagte sie.

Dann zeigte sie mit fragendem Gesichtsausdruck auf seine Brust.

Er überlegte kurz und antwortete dann mit einem schüchternen Lächeln: „J’suis Pascal. Pascal Nemours, et j’habite dans la rue Victor de à Nancy.“

“Ähm… Pascal?” fragte sie sicherheitshalber noch einmal nach.

Er nickte. Sie streckte ihm ihre Hand entgegen, und er schüttelte sie vorsichtig.

„Können wir dann jetzt weiter machen?“ fragte Lora.

„Ich finde, ich sollte die Kamera abreißen“, sagte Jeffries. „Es war meine Idee, und ich halte es für falsch, wenn Sie …“

„Bitte machen Sie es nicht noch komplizierter, okay?“ bat ihn Lora. „Der Riese kann Sie sowieso schon nicht leiden, und wenn er Ihnen den Kopf abreißt, sind wir alle im Eimer. Bleiben Sie einfach da stehen und denken Sie über das Rätsel nach, wenn Sie die Lösung nicht sowieso schon haben.“

„Qu’est-ce que vous ferez?“ fragte Pascal noch einmal.

Claire zeigte auf die Kamera und vollführte eine Geste, von der sie hoffte, dass sie nach gewaltsamem Abreißen aussah. Seine Augen weiteten sich erschrocken.

„Voulez bousiller la caméra?“ fragte er. „ Pourquoi?“

Sie hob die Hände und zuckte mit den Schultern, um ihm zu zeigen, dass sie ihn nicht verstand, und sogar wenn sie verstanden hätte, nicht antworten konnte.

„Na kommen Sie“, sagte Lora. „Bringen wir’s hinter uns. So schlimm kann’s wohl nicht werden, oder?“

„N’est-ce pas interdit?“

„Wir wissen nur, dass diese Leute nichts Gutes mit uns vorhaben, sagte Jeffries. „Sie haben uns betäubt und entführt und wollen uns für ihre Experimente benutzen. Es kann nicht die richtige Entscheidung sein, einfach zu tun, was sie von uns erwarten!“

Was, wenn wir jetzt gerade genau das tun? dachte Claire, aber sie sprach es nicht aus. Lora hatte Recht. Es war keine gute Idee, die Sache noch weiter zu verkomplizieren.

Sie stellte sich unter die Kamera und verschränkte ihre Hände, und Lora stieg auf. Claire staunte wieder, wie leicht sie war. Bestimmt litt sie unter irgendeiner Essstörung. Claire wünschte manchmal, sie hätte das gleiche Problem.

Das Knacken des Lautsprechers kündigte eine neue Ansage der gut gelaunten jungen Frau an, die sie überwachte: „Die Bright Outlook Laboratorien weisen Sie darauf hin, dass alle Geräte in dieser Versuchseinrichtung nicht nur für ein erfolgreiche Durchführung der avisierten Tests erforderlich sind, sondern auch der Optimierung Ihrer eigenen Testerfahrung und Ihrer eigenen Sicherheit dienen. Die Beschädigung oder Entfernung von Eigentum der Bright Outlook Laboratorien durch Versuchsteilnehmer kann in extremen Fällen zum vollständigen Abbruch des Versuchs führen und wird deshalb auch in Ihrem eigenen Interesse von uns sehr ernst genommen. Wir erinnern Sie daran, dass Sie mit Unterzeichnung Ihres Teilnahmeformulars eingewilligt haben, getötet zu werden, wenn der Versuch aufgrund Ihres eigenen Verschuldens nicht entsprechend den von den Bright Outlook Laboratorien vorgegebenen Parametern durchgeführt werden kann. Sie wurden ebenfalls bereits darauf hingewiesen, dass eine Gutschrift von Versuchspersonenzeit an Sie in diesem Fall entfällt.“

Natürlich hatte Claire das nicht vergessen, aber der Hinweis hatte ihr doch Angst gemacht. Jeffries starrte auf den Fußboden, offensichtlich entschlossen, sich nicht umstimmen zu lassen, aber nicht mutig genug, offen dazu zu stehen. Branco sah zu, als ginge ihn das alles gar nichts an.

„Lora“, begann sie, „ich glaube, wir sollten vielleicht doch noch mal …“

Mit einem erstaunlich unauffälligen Geräusch löste sich die Kamera von der Halterung, als Lora an ihr zog. Vorsichtig stieg sie ab und hielt sich danach noch ostentativ die Gegend, in die Branco sie getreten hatte, aber Claire kaufte ihr das nicht ganz ab.

„Wir haben sie“, sagte Lora, und hielt die kantige hellgraue Überwachungskamera empor. „Das war … überraschend einfach.“

Der Lautsprecher knackte wieder.

Lesegruppenfragen

  1. Ich weiß, einige der letzten Abstimmungsergebnisse haben sch noch nicht ausgewirkt. Das ist nicht, weil ich sie vergessen habe, sondern nur, weil sie hier nicht in den Flow passten. Das läuft hier wie bei Gebeten, es gibt immer eine Antwort, man muss nur lange genug warten. Und ja, das ist natürlich keine Frage. Ich könnte jetzt noch eine einfügen, wenn es mir wichtig wäre, sowas wie: Stört euch das? Oder: War euch das sowieso klar? Oder sowas, aber ich glaube kaum, dass ich es nötig habe, meine eigenen Regeln zu beugen.
  2. Weiß jemand schon die Lösung, um die Tür zu öffnen? (Es ist ein bisschen unfair, also versucht bitte nicht, durch bloßes Nachdenken draufzukommen, das klappt nicht. Man muss das wissen.)
  3. Wie findet ihr meine Darstellung des Occupyers? Ist sie einigermaßen fair und glaubwürdig, oder habe ich eine gehässige Karikatur abgeliefert?
  4. Würdet ihr Mark an Reginas Stelle Jacky mit zur Arbeit nehmen lassen? Warum oder warum nicht?

Interaktivitätsfragen:

A. Wen soll Mark in der nächsten Folge holen? (Möglicherweise solltet ihr euch da ein bisschen absprechen, um eine vernünftige Mehrheit zu bilden, aber ihr kriegt das schon irgendwie hin.)

B. Soll die Demontage der Kamera direkt geahndet werden, oder lassen die Bright Outlook Laboratorien es diesmal noch bei einer Warnung?

C. Soll Claire in der nächsten Folge mal wirklich eine Konfrontation mit Branco annehmen, oder soll sie eher vorsichtig bleiben?

D. Soll hinter der Tür jetzt wieder eine Belohnung warten?

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10 Responses to Bright Outlook (5)

  1. madove sagt:

    Oh, die Woche fängt ja gut an *freu*

    1. Ich leg ja eh nicht explizit Wert auf den Abstimmungskram, sondern will „nur“ die Geschichte…

    2. Sagt mir nichts.

    3. Ich habe die ganze Zeit beim Lesen Angst gehabt, ich muß Dich jetzt wieder ein paar Tage hassen (das mach ich so ungern), aber es war okay, echt. 😉

    4. Hmpf. Abgesehen davon, daß ich nicht denke, daß sie dazu mehr zu sagen hat als er, halt ich es für nicht sooo eine gute Idee. Obwohl Kinder sowas denk ich ganz gut abkönnen. Aber wer mit so einem Typen ein Kind kriegt, hat vielleicht eh etwas eigene Wertmaßstäbe…

    Ich glaube, ich zieh mich aus den Interaktivitätsfragen zurück und beschränke mich in diesem Punkt auf reine Konsumieren. *zurücklehn*. Mir fehlt einfach diese Schiene der Kreativität völlig.
    irgendwann muß ich Dich (oder einen anderen Autor) auch mal dazu ausfragen. Fremde Welten.

  2. Guinan sagt:

    „Es gibt auch glutenfreie Kekse.“ *kicher*
    Gute Folge diesmal.

    1. Es eilt nicht mit der Umbringerei.
    2. Wissen – nein. Geraten habe ich, dass das so eine Finde-den-Fehler-Aufgabe ist: Welches Alter der Versuchspersonen ist falsch? Lösung wäre dann das Alter von Lora.
    3. Ich kenne keine Aktivisten persönlich, da verlasse ich mich ganz auf deine Klischees.
    4. Siehe Madove.

    A. Ich verstehe die Frage nicht. Meinst du von den bis jetzt aufgetreten Personen? Oder sollen wir uns neue ausdenken?
    B. Das Unternehmen neigt nicht so zu Warnungen. Und ich halte auch nichts von leeren Drohungen.
    C. Konfrontation.
    D. Ja. Vielleicht mal eine echte, zumindest für Einige.

  3. Joan sagt:

    1. Eine sehr schöne Folge, finde ich.
    2. Nicht, dass mir jemals zu einer Zahlreihe was Gescheites einfiele. Allerdings hat Guinans Idee ne Menge für sich.
    3. Dass ich keine Occupyer persönlich kenne und der Typ in etwa so ist, wie ich mir einen vorstellen würde, spricht eigentlich eher für eine gehässige Karikatur. Nicht, dass mir persönlich das was ausmachen würde, ich hab´s nicht so mit den „99%“.
    4. Nein. Gar nicht mal so sehr wegen dem, was sie eventuell mitkriegen könnte, aber dass das Kind sich während des Abtransports des frisch rekrutierten Freiwilligen mehr oder minder um sich selbst kümmern muss, fände ich gar nicht gut.

    A. Vielleicht mal jemanden, der sich wehrt. Und es ihm schwer macht, bislang konnte er die Leute ja einfach einsammeln.
    B. Sehe ich wie Guinan. Leere Drohungen machen Brigth Outlook etwas… unglaubwürdig.
    C. Konfrontation.
    D. Glutenfreie Kekse? Wenn sie schon so drauf hinweisen…

  4. Muriel sagt:

    @madove: Ich freue mich ausreichend darüber, dass du mich nicht hasst, dass mich kaum stört, dass du nicht mehr interaktiv sein willst.
    @Guinan: A. Das war in der Tat nicht ganz eindeutig. Ich meinte neue Versuchsteilnehmer, die noch auf freiem Fuß sind.
    B. Nur der Vollständigkeit halber: Es steht keine direkte Drohung im Raum.
    @Joan: D. The Kekse is a lie.

  5. Muriel sagt:

    Ach so, @Joan: 3. Vier Bonussympathiepunkte für dich.

  6. Günther sagt:

    2. Mein erster Schuss ins Blaue war 30. Dann hat mich Google belehrt, dass die Lösung eine andere ist und ich sie nie im Leben gefunden hätte.

    3. Man merkt allein an der Art, wie du in einbaust, dass seine Meinung nicht unbedingt deiner Meinung entspricht. Aber das stört nicht.

    4. Was denkt Regina denn überhaupt, dass Mark beruflich macht?

    A. Ich fänd es ja lustig, wenn er (mehr als bisher) durchdreht, und jemanden holt, der ihm privat in die Quere kommt/ihn provoziert. Vielleicht Regina, als sie ihn endlich zur Rede stellt, womit er überhaupt sein Geld verdient? Ja, ich glaub das könnte mir gefallen.

    B. Nicht direkt ahnden, um die Teilnehmer in Sicherheit zu wiegen.

    C. Bitte endlich eine Konfrontation! 🙂

    D. Nein. Höchstens noch ein paar Kekskrümel, schließlich haben sie nicht gehorcht und die Kamera abgerissen.

  7. Guinan sagt:

    2. Gelöst. Dank Günther. Das ist interessant! Und damit kommt jetzt wohl nur Jeffries in Frage.
    A. Mit der Idee Regina könnte ich mich anfreunden.
    @Muriel: Keine direkte Drohung? Was war dann die letzte Lautsprecherdurchsage?

  8. Muriel sagt:

    @Günther: 4. So wie es im Moment aussieht, werdet ihr das bald erfahren.
    A. Interessante Idee.
    @Guinan: Ich will gar nicht abstreiten, dass ich hier Haare spalte, aber die Versuchsleiterin hat keine Wenn-dann-Beziehung hergestellt. Sie hat nur gesagt, dass die Beschädigung oder Entfernung von Bright-Outlook-Eigentum zum Abbruch des Versuchs führen könnte, und dass die Teilnehmer eingewilligt haben, im Abbruchfall getötet zu werden.
    Das ist natürlich irgendwie eine Drohung, aber keine eindeutige, die zum Handeln verpflichtet.

  9. 1. Ich finds sogar ganz gut so, man weiß zwar bei gewissen Sachen, dass sie passieren werden, aber nicht wann.

    2. Nö. Bin jetzt auch zu faul zum Googeln und lasse mich überraschen.

    3. Ich kenne auch keine Occupyer – da du es bist, ist es wahrscheinlich eine gehässige Karikatur. Ist aber in Ordnung so 😉

    4. Keine Ahnung, ich kenne Regina nicht. Ich würde es nicht tun, aber ich würde auch keinen Psychopathen heiraten, der irre schwafelnd Menschen betäubt.

    A. Ich bin für nen Scientologen, weil ich mich schon auf die Karikatur freue 😉 Wobei Regina auch ne gute Idee ist.

    B. Direkt ahnden, wenn auch nicht unbedingt mit Tötung. Alles andere fände ich unglaubwürdig, schließlich wurden sie jetzt schon mehrfach gewarnt.

    C. Konfrontation, aber vorsichtig – schließlich haben wir gesehen, dass er mit anderen nicht gerade zimperlich umgeht.

    D. Auch hier lasse ich mich überraschen^^

  10. Muriel sagt:

    Ach ja. Jetzt hätte ich fast das neue Kapitel veröffentlicht, bevor ich das Wahlergebnis verkündet habe. Das wäre ein eklatanter Verstoß gegen unser demokratisches Prozedere gewesen, denn ihr müsst ja auch noch Zeit für Rechtsbehelfe haben. Dann also jetzt das Ergebnis, und morgen das neue Kapitel:
    A: 1 Jemanden, der sich wehrt, 2 Regina, 1 Scientologe oder Regina.
    B: 3 direkte Konsequenz, 1 abwarten.
    C: Einstimmig Konfrontation.
    D: 2 Ja, 1 Nein.
    Freut euch ruhig schon mal. Ich glaube, die neue Ausgabe ist ziemlich… interessant geworden. Und mit ein bisschen Glück mache ich sie bis morgen Abend auch handwerklich noch ein bisschen runder.

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