Ach ja, Atlas Shrugged 100%, und alle so: „Meh.“

Es ist eigentlich schon lange her, dass ich das verfemte Ding zu Ende gelesen habe. Wochen. Monate, glaube ich. Aber ich konnte mich einfach nicht durchringen, was dazu zu schreiben, weil ich nicht wusste, was.

Lange dachte ich, ich könnte eine Parodie schreiben wie damals zu Twilight, aber allmählich wurde mir klar, dass keine jemals die Albernheit des Originals übertreffen könnte. Und dann dachte ich, irgendwas würde mir schon noch einfallen. Aber nichts.

Ganz ehrlich, und bewusst formuliert: Ich glaube nicht, dass ich jemals ein so unreifes, peinliches, lächerliches Buch gelesen habe wie Atlas Shrugged. Es kommt zu keiner Zeit sowas wie Spannung auf, es gibt keinen Humor, es gibt keine Charakterentwicklung, es gibt eigentlich nichts, außer ein paar ganz brauchbaren Zitaten. Rand selbst nimmt ihre Antagonisten zu keiner Zeit ernst, genau wie die Charaktere selbst, und da hat man als Leser natürlich keine Wahl, sich anzuschließen.

Naja, „kein Humor“ stimmt nicht ganz. Es gibt Humor, aber nur unfreiwilligen. Das beste Beispiel für mich war John Galts große Radioansprache. Die libertäre Volksfront kapert nämlich zeitweise die Radiosender der USA, damit Galt sein Anliegen erklären kann. Ich war zunächst sehr aufgeschlossen, denn Rand hat wie erwähnt durchaus ein Talent dafür, libertäre Positionen eloquent in Worte zu fassen.

„Mr Thompson will not speak to you tonight. His time is up. I have taken it over. You were here to hear a report on the world crisis. That is what you are going to hear.“

Aber dann stellte ich mit schnell nachlassender Fassung fest, dass diese Ansprache kein Ende nimmt. In der Kindle-Ausgabe, die ich gelesen habe, geht sie über 52 Seiten. Zweiundfünfzig! Galt erwähnt später, dass sie 3 Stunden gedauert hat. Ich kann mir kaum vorstellen, dass Rand das ernst meinte. Und natürlich enthält diese Ansprache so schicke Soundbites wie „Morality ends where a gun begins„, aber man kann ja auch kaum so eine gewaltige Textwand verfassen, ohne ein paar schicke Soundbites reinzuschreiben. Affen und Schreibmaschinen, ihr wisst schon.

Aber sie enthält auch den typischen Rand-Blödsinn wie

„My morality, the morality of reason, is contained in a single axiom: Existence exists“

oder

„Happyness is possible only to a rational man.“

Mir drängt sich gerade der Verdacht auf, dass Thomas in Ayn Rand den Strohmann finden könnte, den er in seinem relativistischen Manifest stellenweise anzugreifen scheint. Aber das ernsthaft zu behaupten, wäre wahrscheinlich beiden gegenüber unfair, deswegen wenden wir uns schnell wieder Atlas Shrugged zu und bringen diesen diese unsägliche Schnarchtour zu Ende:

Wenn der Anführer der üblen Kommunisten zum Ende hin selbst John Galt anfleht, ihm zu sagen, was er tun soll, und ihm alles verspricht im Gegenzu dafür, dass Galt einen Befehl erteilt;

(„We want you to take over! … We want you to rule! … We order you to give orders! … We demand that you dictate!“)

wenn ein bewaffneter Wachtposten am Ende so nachdrücklich darauf besteht, keine eigene Entscheidung treffen zu müssen, dass er sich lieber von Dagny erschießen lässt;

(Calmly and impersonally, she, who would have hesitated to fire at an animal, pulled the trigger and fired straight at the heart of a man who had wanted to exist without the responsibility of consciousness.)

dann zeigt das Buch damit eine Ideen- und Bedeutungslosigkeit, die diesen Abschluss meiner Rezensionsserie dann doch wieder irgendwie passend erscheinen lässt.

„I swear – by my life and my love of it – that I will never live for the sake of another man, nor ask another man to live for mine.“

Am Fuß.

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11 Responses to Ach ja, Atlas Shrugged 100%, und alle so: „Meh.“

  1. Joan sagt:

    Ich hatte mich tatsächlich gelegentlich gefragt, was aus der Sache geworden ist. Danke, dass du das auf dich genommen hast. (Unter anderem, weil ich es dann nicht mehr tun muss. Spätestens bei 52 Seiten Ansprache wäre das Buch bei mir in die Ecke geflogen. Und dort liegen geblieben.)

  2. Muriel sagt:

    @Joan: Es tut mir vor allem leid, dass ich das Ende so lange verschleppt hab. Ich dachte eben bis zum Schluss, dass noch eine tolle Idee kommt, wenn ich nur ein bisschen länger warte.

  3. perci p sagt:

    Und hast Du eine Erklärung oder Ahnung dafür, warum es dennoch so populär geworden ist?
    Oder haben es die meisten einfach nicht gelesen?

  4. Eipa sagt:

    Murielseidank, ein anderes Buch das ich nicht lesen muss.

  5. Eipa sagt:

    Anglizissmus… Ich wollte natürlich von einem _weiteren_ Buch schreiben.

  6. Muriel sagt:

    @perci p: Naja… Ich bin nun wahrlich kein Experte für den Geschmack der Mehrheit, aber ich denke, die Popularität bezieht das Buch daraus, dass es eine radikal libertäre Philosophie sehr offensiv vertritt. Wer es radikal libertär mag und sich nicht daran stört, wenn ein Werk einem seine Botschaft mit der Bratpfanne in den Schädel zu prügeln versucht, hat womöglich seine helle Freude an Atlas Shrugged, wenn er nicht zu sehr über die Grundlagen des Objektivismus nachdenkt.
    Hinzu kommt, dass das Buch ja tatsächlich einige sehr sympathische Sprüche enthält, die auch mir gefallen haben. Avatar hat ja auch vielen gefallen, die wegen des schönen Scheins einfach über die lahmen Dialoge, die einfältige Handlung und die bedeutungslosen Charaktere hinweggesehen haben.
    @Eipa: Gern geschehen.

  7. Muriel sagt:

    @whynotveroni: Ja… Der ist brillant.

  8. […] ich nicht beurteilen, aber ihr Hauptwerk “Atlas wirft die Welt ab” ist es anscheinend schon). Joans grundsätzliche Sicht der Dinge hat viele Ähnlichkeiten mit meiner – abgesehen […]

  9. […] ich sagen, dass ihr natürlich recht habt, aber hey, es schrieb sich so schön schwungvoll, und wer meine mehrteilige Atlas-Shrugged-Rezension verfolgt hat, weiß, dass ich durchaus auch mal für einen zu pointierten Soundbite empfänglich […]

  10. […] albernen Karikaturwelt waren die Schmarotzer nicht dummdreister und widerlicher, und obwohl ich nur das eine Buch von ihr gelesen habe, will ich wetten, dass sich in ihrem gesamten Werk kein erbärmlicheres […]

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