Was ich nicht verstehe (2)

Das hat jetzt doch ein bisschen länger gedauert, als ich ursprünglich geplant hatte, aber ihr wisst ja, was wir von überschaubare Relevanz anfangen, das bringen wir auch zu Ende, und ja, das schließt ausdrücklich auch Serien über Traumberufe mit ein, und deshalb erscheint heute… Naja, immerhin schon die Fortsetzung zu dem überraschend kontrovers diskutierten „Was ich nicht verstehe (1)„. Nee, eigentlich stimmt das nicht. Über den Post haben wir eigentlich gar nicht diskutiert. Aber er hat jedenfalls eine überraschend kontroverse Diskussion ausgelöst. Egal. Wo war ich?

Richtig. Ich wollte die Kommentare im Theoblog noch zu Ende besprechen und war mit diesen hier noch nicht ganz fertig:

Es ist zumindest so etwas ähnliches wie ET logisch notwendig für den Naturalismus, da sich Leben irgendwie durch natürliche Prozesse aus geistloser Materie entwickelt haben muss.

und

wenn die Welt nicht geschaffen wurde durch ein höheres Wesen, muss man ein Alternativmodell vorlegen. Bislang ist die Evolutionstheorie das einzige nennenswerte Modell.

Das epistemologische Problem in diesen Scheinargumenten habe ich im ersten Teil bereits erklärt. Darüberhinaus demonstrieren diese Kommentare aber noch eine weitere ulkige Neigung von religiösen Kritikern der Evolutionstheorie: die völlige Überdehnung ihres Anwendungsbereichs. Die Evolutionstheorie sei das einzige nennenswerte Modell dafür, wie die Welt entstanden ist? Nein. Die Evolutionstheorie sagt nichts über die Entstehung des Universums, unseres Sonnensystems, oder der Erde. Sie schweigt sogar dazu, wie das Leben als solches entstanden ist. Sie befasst sich nur mit der Entstehung der Arten. Dieses Missverständnis ist mir übrigens ziemlich rätselhaft. Während die anderen Missverständnisse hier immerhin nützlich sind, um einen irrationalen Glauben zu rechtfertigen, ist diese Missrepräsentation des Anwendungsbereichs der Evolutionstheorie einfach nur merkwürdig, soweit ich das erkennen kann. Wenn man sie wenigstens wie Prof. Dr. Scherer benutzt, um die Evolutionstheorie dann als „unvollständig“ zu kritisieren, weil sie nichts über eine Frage aussagt, mit der sie sich gar nicht befasst, dann kann ich es wieder verstehen. Also, verstehen im Sinne von „sich vorstellen, warum es jemandem vorteilhaft erscheinen könnte, so zu argumentieren“. Nicht im Sinne von „begreifen, wie jemand im Ernst so denken kann“. (Er schrieb mir auf meine Nachfrage per Mail übrigens, dass „Evolution als Welterklärungsansatz“ sich in drei Bereiche gliedere: „Kosmische Evolution, chemische Evolution und biologische Evolution.“ Ähm. Ja…) Erschütternd.

Aber wir wollen uns nicht zu lange mit solcherlei Feinheiten aufhalten und lieber noch auf Roderichs Scheinargumente für eine göttliche Schöpfung eingehen, die meines Erachtens schön mustergültig demonstrieren, wo die Fehler in der kreationistischen Apologetik fast immer zu finden sind: [Die Nummerierung ist von mir.]

1. „Schönheit in der Natur

ist offensichtlich kein Argument für oder gegen irgendwas. Das wird schon klar, wenn man sich bewusst macht, dass „Schönheit“ nicht objektiv existiert, sondern es sich dabei nur um eine handlichere Kurzfassung ungefähr für „Etwas, das ich in der Wahrnehmung als angenehm empfinde“ handelt. Und dass wir manche Dinge als angenehmer empfinden als andere, ist sicher interessant, aber erstens kein Hinweis auf einen göttlichen Schöpfer, und zweitens durch die Evolutionstheorie ganz leicht erklärbar: Es gibt Dinge, denen nachzulaufen evolutionstechnisch vorteilhaft ist (Starke Frauen, schöne Männer, …), und Dinge, bei denen das weniger der Fall ist.
Das hatten wir ja schon. Selbst wenn ich keine bessere Erklärung hätte (wie die Evolutionstheorie etwa eine ist), dann ist der Mangel an guten Erklärungen kein Argument für eine schlechte.
Ähm. Nein. DNA ist nicht intelligent. Jeder, der mal versucht hat, mit einer Doppelhelix über Kierkegaards Existenzphilosophie zu diskutieren, wird das bestätigen können. Was Roderich wahrscheinlich meint, ist, dass DNA sozusagen den Bauplan von Lebewesen kodiert. Das ist in der Tat bemerkenswert, aber wiederum erstens erklärt, und zweitens… Ihr wisst schon. (Ja, ich weiß, die Argumente sind alle dumm. Ich würde mich gerne mit klugen Argumenten gegen Evolution auseinandersetzen, aber es gibt keine. Da müssen wir jetzt also durch. Also, ich zumindest. Ihr könnt einfach aufhören zu lesen und was Sinnvolles machen, weil ihr nicht unter derselben Zwangsstörung leidet wie ich. Ihr habt’s gut.)
Das ist jetzt das erste Scheinargument, über das sich ein bisschen länger zu reden lohnt. Die intuitive Erklärung geht so: Ich habe kürzlich einen umgeknickten Baumstamm gefunden, auf dem ich sitzen konnte. Da war also ein „Stuhl“ im Wald, in Analogie zu echten Stühlen. Da echte Stühle in Fabriken gefertigt  und in Möbelhäusern verkauft werden, macht es also durchaus Sinn zu schlussfolgern, dass dieser umgeknickte Baumstamm wohl auch in einer Fabrik gefertigt und in einem Möbelhaus verkauft wurde (Analogieschluss).
Etwas gründlicher: Es handelt sich hier meines Erachtens um eine wilde Mischung aus einem Mehrdeutigkeitstrugschluss, einem Zirkelschluss und einem schlichten non sequitur. Was genau ist eine Maschine? Wenn wir eine enge Definition zu Grunde legen (ungefähr: „Von Menschen gefertigtes Werkzeug mit selbstbeweglichen Teilen“), dann handelt es sich bei unseren Zellen offensichtlich nicht um Maschinen. Wenn wir eine weite Definition verwenden (ungefähr: „Jedes Gerät mit selbstbeweglichen Teilen“), dann sind unsere Zellen Maschinen, aber dann ist auch ein Leopard eine Maschine, eine Blume, und die Sonne. Wenn wir hier nun per Analogie schließen wollen, geht das nur, wenn wir unser Ergebnis schon vorwegnehmen (petitio principii), nämlich, dass all diese Maschinen einen intelligenten Ingenieur haben.
Oh weh, Behe. Bloß gut, dass ich unter einer Zwangsstörung leide, sonst wäre ich versucht, hinzuschmeißen. Aber Geisteskrankheit hin oder her, ich fasse mich kurz. Muss ich auch, denn ich bin kein Biologe und kann das nicht bis ins letzte Detail erklären. Es handelt sich hier ebenfalls um ein außerordentlich beliebtes Kreationistenargument, das auf unterschiedliche Körperteile (Augen, Beine, oder eben das Flagellum) angewandt wird, und immer auf dasselbe hinausläuft: Dieses Ding muss komplett auf einmal entstanden sein, denn ein halbes Auge/Bein/Flagellum/… ist nutzlos. Dabei ignorieren die Kreationisten sowohl, dass auch ein rudimentäres Auge/Bein/Flagellum nützlich sein kann, als auch, dass z.B. das Flagellum nicht zwangsläufig von vornherein dieselbe Funktion gehabt haben muss, die es heute hat. Es kann sich ursprünglich zum Beispiel als ein Exportsystem für Proteine entwickelt haben, das später zweckentfremdet wurde. Ausführlich erklärt euch das gerne talkorigins, wenn ihr wollt.
Boah. Nee. Da muss ich nichts zu sagen, oder?
Jaaa… Douglas Adams schreibt in einem seiner Bücher – mir fällt gerade nicht ein, in welchem – von einer Pfütze, die völlig begeistert ist, wie fein das Loch im Boden, in dem sie sich gesammelt hat, auf ihre Form abgestimmt ist. Und wie diese Pfütze denken auch Kreationisten gerne. Schaut, wie gut das Universum zu uns passt. Und was für ein Glück, dass wir genau fünf Finger haben, denn mit sechs würden wir in keinen Handschuh passen.
Im Ernst: Natürlich würden sich in jedem Universum Lebewesen entwickeln, die in diesem Universum überleben können. Und in Universen, in denen keinerlei Leben möglich ist, gibt es keine Atheisten, die sagen könnten: Siehste!
Nachtrag: Natürlich wissen wir in Wahrheit auch gar nicht, ob die von Roderich so bezeichneten Variablen überhaupt welche sind. Vielleicht kann ein Universum aus irgendwelchen Gründen nur so sein wie unseres.
Außerdem wollen wir vielleicht nicht vergessen, dass unser Universum zu einem Anteil, der sich gar nicht mehr vernünftig in Prozenten ausdrücken lässt, leer ist. Von allen Planeten, die wir bisher kennen, scheint nur einer Leben zu beherbergen, und die anderen sind – soweit wir bis jetzt wissen – beinahe genauso lebensfeindlich wie deine Mudder. Wenn dass Jahwes Feintuning ist, dann will ich seine Grobkalibrierung nicht sehen.
Er kann damit nur die objektive Gültigkeit dieser Gesetze meinen. Die ist aber logisch schon nicht möglich. Nuff said.
Funktioniert natürlich nur, wenn man sowieso schon glaubt, dass diese Dinge einen Schöpfer voraussetzen. Und ein Argument, das voraussetzt, was es zu belegen versucht, ist keins. That’s a Q to the E to the motherfuckin‘ D.
Und damit wäre ich jetzt eigentlich fertig und könnte mich wieder fruchtbareren Kontroversen zuwenden als der um eine längst etablierte wissenschaftliche Tatsache. Aber vielleicht seht ihr ja gerne und mit einer gewissen freundlichen Belustigung zu, wenn ich mich so sinnlos abstrample und wollt gerne, dass ich mich noch mit zehn saublöden Argumenten für die christliche Religion auseinandersetze? Lasst es mich wissen!

21 Responses to Was ich nicht verstehe (2)

  1. Stefan sagt:

    Zu den zehn saublöden Argumenten: Nicht fragen, einfach machen.

  2. Muriel sagt:

    @Stefan: Oh, du bist noch da?
    Wie schön.
    Ich war fest davon ausgegangen, dass du dich nach meinen jüngsten libertären Entgleisungen mit Grausen abgewandt hast.
    Übrigens trage ich mich seit ein paar Tagen mit einer Idee für einen satirischen Beitrag und schwanke zwischen der Angst, ihn zu schreiben, bevor mir was wirklich Witziges dazu eingefallen ist, und der, dass du mir zuvorkommst.
    Ich bin gespannt, wie das ausgeht. (sc.: Es hat was mit E-Zigaretten zu tun.)

  3. Dietmar sagt:

    „Ihr könnt einfach aufhören zu lesen und was Sinnvolles machen, weil ihr nicht unter derselben Zwangsstörung leidet wie ich.“

    Offenbar doch.

    „Ihr habt’s gut.“

    Offenbar nicht.

  4. Dietmar sagt:

    „Dieses Ding muss komplett auf einmal entstanden sein, denn ein halbes Auge/Bein/Flagellum/… ist nutzlos.“

    Die Entwicklung des Auges hat Dawkins in den 80ern, denke ich, mal im Fernsehen sehr schön illustriert und gezeigt, dass jede Form, die dem „modernen Auge“ zeitlich vorausgeht, einen evolutiven Vorteil bietet. Ebenso ist die Existenz verschiedener Augenformen mit unterschiedlichen Stammbäumen ein schöner Beleg für die Richtigkeit der Evolution dieser. Es ist ja auch naheliegend, dass Organismen Licht dafür nutzen, wie es naheliegend ist, dass sie damit Energie gewinnen.

  5. Dietmar sagt:

    „Wenn dass Jahwes Feintuning ist, dann will ich seine Grobkalibrierung nicht sehen.“

    😀

  6. Muriel sagt:

    @Dietmar: Das mit dem Auge hat naheliegenderweise sogar Darwin selbst schon in seinem Origin of Species vorweggenommen und ganz gut erklärt. Kreationisten zitieren gerne den ersten Teil des entsprechenden Absatzes (Sinngemäß: „Dass etwas so Komplexes und fein Abgestimmtes wie das Auge durch Evolution entstehen könnte, scheint absurd“), lassen dann aber den zweiten weg (Sinngemäß: „Allerdings ist es leicht zu erklären, wenn man bedenkt…“).

  7. Dietmar sagt:

    Das sind willentliche „Missverständnisse“. Wie die angebliche Abstammung von Affen. Strohmänner. Das macht die Debatten mit diesen Leuten einerseits nervig andererseits auch so unterhaltsam.

    Muss tatsächlich eine Zwangsstörung sein … 😉

  8. Tim sagt:

    Komisch: Normalerweise gucke ich keine Boxkämpfe, aber Deine Artikel über Gott & seine Welt lese ich trotzdem immer gern. Ist das schon pathologisch?

  9. 4: Wir wissen, dass Uhren einen Schöpfer voraussetzen, weil wir gesehen haben, dass Menschen Uhren produzieren. Das ist eine reine Erfahrungsaussage. Eine empirische Beobachtung. Doch was die Entstehung des Menschen anbelangt, haben wir eben gerade keine direkten, empirischen Beobachtungen. Deshalb können wir nicht von den Uhren auf den Menschen schliessen.

    7: Wir wissen nicht, ob die Variablen überhaupt variabel sind. Wir wissen nicht einmal genügend über das Universum und das Leben, um sagen zu können, dass Leben nur dann möglich ist, wenn die Variablen exakt diese und diese Werte annehmen.

  10. Henk sagt:

    Aber die „10 saublöden Gründe“ sind doch satirisch und nicht etwa nur im Entferntesten ernst gemeint, oder? Zitat: „Er hilft mir meinen Egoismus zu überwinden (…) Ohne Gott wäre ich sicher ein noch größerer Egoist.“ Sprich: Den egoistischen Teil des Menschen hat Gott nicht erschaffen? Alles Gute kommt von Gott, alles Schlechte von mir selbst oder sonst wo her? Woher denn bloß?

    Das kann doch nicht ernst … oder doch?? Nein! *grübel*

    Um deine Frage zu beantworten: Das ist Zeitverschwendung. Kümmere dich um etwas Sinnvolleres und Subtileres! Dieser offenkundige Blödsinn entlarvt sich selbst und ist argumentativ ncht satisfaktionsfähig. Man schießt einfach nicht mit Kanonen auf Mückenlarven.

  11. Guinan sagt:

    Ich lasse hiermit wissen.

  12. madove sagt:

    Dietmar und Guinan haben mir schon wieder alles weggenommen, was ich schreiben wollte. Offenbar doch, offenbar nicht. Jahwes Feintuning *brüll*. Ich lasse wissen…
    Dann kann ich nur noch neu hinzufügen, daß ich mich (in meiner unglaublich platten Vorhersehbarkeit) über „Starke Frauen, schöne Männer,…“ gefreut hab 🙂

  13. Guinan sagt:

    “Starke Frauen, schöne Männer,…” Hm. Diese Aussage erschien mir jetzt so normal, die ist mir gar nicht aufgefallen.

  14. madove sagt:

    @Guinan Noch besser 🙂

  15. madove sagt:

    @Guinan
    Ich habe bei „Dinge, denen nachzulaufen evolutionstechnisch vorteilhaft ist“ schon gewohnheitsäßig den Kopf eingezogen vor dem tausendmal gelesenen gebärfreudigen Becken oder dem familienbeschützenden kräftigen Alphaaffen, da fällt mir der Unterschied durchaus auf.

  16. Guinan sagt:

    @madove: Mit ausreichend Übung schaltet das Hirn bei solch unerfreulichen Bildern automatisch um auf die matriachalische Herrin der Sippe, die sich die attraktivsten Männchen für’s heimische Feuer aussucht 😉

  17. MH sagt:

    Recht alt, aber immer wieder schön: Neil deGrasse Tyson zum Finetuning: http://www.youtube.com/watch?v=oEl9kVl6KPc

  18. chriwi sagt:

    Schön argumentiert. Kreatonisten können sich, wie eigentlich alle Menschen, eine Zeitspanne von 3-4 Milliarden Jahren nicht vorstellen. In dieser Spanne kann so unendlich viel Zufall passieren, das am Ende eben Leben steht.

    Harald Lesch hat die Evolutionstheorie sehr treffend beschrieben. Man hat eine tausende Zielscheiben und wirft jedes mal einen Dartpfeil perfekt in die Mitte. Derjenige der das kann muss überirdisch sein.

    Der andere Weg ist der, das ich die Pfeile werfe und hinterher die Zielscheibe um den Pfeil male.

    Der erste Gedanke beschreibt die Kreatonisten und der zweite die Evolutionslehre.

  19. Muriel sagt:

    @chriwi: Da komme ich jetzt nicht um den Hinweis herum, dass Harald Lesch leider auch den Schuss nicht gehört hat, was Epistemologie allgemein angeht.
    Aber in diesem Punkt bin ich natürlich einigermaßen einverstanden mit ihm.

  20. chriwi sagt:

    Ich denke ihm geht es nur darum darzustellen, dass das gleiche Resultat auf sehr unterschiedliche Weisen erreicht werden kann.

  21. Muriel sagt:

    @chriwi: Vielleicht reden wir jetzt über unterschiedliche Dinge. Ich meinte ganz allgemein, dass er selbst religiös ist und das (natürlich) auf unhaltbare Weise begründet.
    Das hat mit seiner Position in dieser Sache nichts zu tun, ich fand es aber erwähnenswert, wenn wir ihn als gutes Beispiel in diesem Zusammenhang nehmen wollen.

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