La ballade des gents acharnés

Es ist weniger Joans bemerkenswerter Comic als vielmehr ihre gar nicht so passende Überschrift, die mich darauf brachte, was die epische Story von den beiden Erzfeinden Thomas und Muriel noch braucht: Eine epische Ballade. (Und wer die Vorlage, „Die Vergeltung“ von Annette von Droste-Hülshoff, noch nicht kennen sollte, der hat das schleunigst zu ändern. Das ist eines der verdammt besten Gedichte, die jemals in deutscher Sprache geschrieben wurden.)

Bitte sehr:

I
Der Muriel tippt seine Suche,
Tastatur in blasser Hand,
Dem Schrank mit dem gebund’nen Buche
Hat er den Rücken zugewandt.
Den Silberstreif in seinem Sinnen
Unterbricht ein Epic Fail.
Keoni fragt: „Was braut da drinnen?“
„Moorwackler“, brummt der Muriel.

Es hebt bei Jesus.de, wehe,
Ein Christ seine verwirrte Stirn.
Evolution, der Schwulen Ehe,
Ach, alles quält sein fiebernd‘ Hirn.
Er lässt die Blicke, schwer und düster,
Entlangs der alten Bibel gehn,
Die eingegrabnen Worte liest er:
3. Mose, Vers 18.

Muriel tippt, zu später Stunde,
Die Maus ächzt auf des Tisches Höhn,
Gezisch, Geheul aus wüstem Grunde,
Er wird jetzt noch nicht schlafen gehn.
„Jesus, Marie! wir sind verloren!
Das Abendland geht unter nun!“
Ein dumpfer Krach in allen Ohren,
Hat er nichts Besseres zu tun?

Noch schreibt der Christ ihm Kommentare,
Um seine Bibel, fest geklemmt,
Und Muriel rauft sich die Haare,
Die sind sowieso nicht gekämmt.
Was nicht gelang dem Ingersol,
Das leistet ihm der Dawkins hier,
Der Christ nennt ihn einen Troll,
Und zitiert Johannes 4.

Wie lange so? Er weiß es nimmer,
Dann trifft ein Strahl des Auges Ball.
Sonne scheint in sein Arbeitszimmer,
Es ist schon Morgen, klarer Fall.
Die vielen Stunden nur verschwendet?
Er sieht auf seinem Monitor:
Die Diskussion, sie ist beendet,
Alle so klug als wie zuvor.

Armsel’ges Forum! Alles Loser,
Er strengt sein eig’nes Blog nun an:
„Seht her!“ bittet er seine User,
Und erklärt, so gut er kann,
Der Moorwackler ist so gemein.
Warum will keiner ihn verstehn?
Es könnt‘ alles so einfach sein.
Man muss das realistisch sehn.

Nun rühren sich die Kommentare,
Er sieht fremder Gedanken Blitz,
Doch plötzlich sträuben sich die Haare,
Und er fällt beinah vom Sitz.
„Barmherzigkeit! Du sollst nicht kämpfen!
Wer kennt die wahre Wahrheit schon?“
Ein heisrer Schrei, den Hände dämpfen,
Thomas beginnt die Diskussion.

Nun hat er kräftig was geschrieben,
„Vom Glauben an die Wissenschaft“,
Muriel ahnt, er fischt im Trüben,
Doch fehlt zum Lesen ihm die Kraft.
Als Gastbeitrag darf er erscheinen,
Umflattert von des Dietmars Schrei,
Muriel ist mit sich im Reinen.
Viktoria! nun ist er frei!

II
Drei kurze Stunden sind verronnen,
Und Muriel liest Thomas‘ Post,
Statt sich bequem am Strand zu sonnen,
Murmelt er vor sich hin, erbost.
Den Lesern ist’s ein Abenteuer,
Someone’s wrong on the internet,
Und Muriel hält sich für schläuer,
Und geht noch lange nicht zu Bett.

Und vor dem Fenster ist’s schon Morgen,
Die Sonne scheint durch kaltes Glas,
Doch Muriel hat andre Sorgen,
Seit er des Gastes Beitrag las.
Scheinargumente, morsch, zertrümmert,
Nichts anderes erkennet er,
In wüster Eile aufgezimmert,
Dräut es von Thomas‘ Weblog her.

Die Nasen lassen nicht das Zanken.
Malefue – der Florian jetzt!
Thomas kommt niemals ins Wanken –
Relativistisch bis zuletzt.
„Widersprüche nicht so schlimm“,
Höhnt der Muriel, „Ei, wie kühn!“
„Verkopfter Hegelkram“, schreibt Tim.
Die ganze Bande gegen ihn.

Thomas vor den Trollen stehend,
Er kann das alles nicht mehr sehn,
traurig und verzweifelt flehend:
„Kannst oder willst du nicht verstehn?
Barmherzigkeit! So leckt mich doch!
Liest denn hier niemand, was ich schreibe?
Es reicht, mir geht der Hut nun hoch!
Denkt bloß nicht, dass ich hier noch bleibe.“

Muriel sieht ihn fluchend scheiden,
Er hat ein ungutes Gefühl.
Nun weiß er, dass, in letzten Zeiten,
Es Thomas hier nicht sehr gefiel.
Und als er in des Stolzes Hohne
Fragt: Kann er es wirklich nicht verstehn?
Denkt er, nicht ganz des Kummers ohne:
Man muss das realistisch sehn.

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11 Responses to La ballade des gents acharnés

  1. Muriel sagt:

    Danke. Ich freue mich.

  2. madove sagt:

    Phantastisch. Made my day!!

  3. madove sagt:

    Nachtrag: Ich empfehle explizit, es sich selber (oder einem Saal voller Zuhörer, so vorhanden) laut vorzulesen, das steigert den Genuß nochmal erheblich…
    (Ich sag nur: Die Maus ächzt auf des Tisches Höhn)

  4. Joan sagt:

    You made my Wochenbeginn.

  5. Guinan sagt:

    *pruuuuust*

  6. malefue sagt:

    vielleicht tatsächlich die gesündeste variante solche diskussionen zu verarbeiten. abgesehen von ausdruckstanz natürlich.

  7. Dietmar sagt:

    Boah!

  8. […] Tim und Thomas gehören nicht zu diesen gewissen Leuten, und deshalb gibt es mir zu denken, dass mit Tim hier gerade zum zweiten Mal jemand mit großem Nachdruck behauptet hat, wir müssten irgendwas unüberprüfbar voraussetzen, um die Welt empirisch beschreiben zu können, und dass diese Diskussion zum zweiten Mal wie auch schon zur beiderseitigen Unzufriedenheit genervt abgebrochen wurde, wie auch schon die mit Thomas. […]

  9. […] keine Sorge, es geht nicht schon wieder um Epistemologie. Es geht um was ganz Anderes, nämlich um die Thesen des Bundesinnenministers zur Leitkultur. Und […]

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