Die Illusion von Kontinuität

Es ist schon einige Jahre her, dass ich mit großer Hoffnung einen etwas albernen Science-Fiction-Roman anfing, der dann aber leider nach rund zwanzig Seiten im Sand verlief und von einer anderen vielversprechenden Geschichte abgelöst wurde. Ich weiß nicht mehr, welche das war, aber sie war ganz bestimmt vielversprechend.

Und weil es doch irgendwie traurig ist, wenn so ein Fragment nur in der Schublade liegt, nehme ich die Beschämung in Kauf und stelle die ersten zwei Szenen einfach mal für euch zur Verfügung, so wie sie eben gerade sind. Vielleicht vertreibt sich der eine oder die andere ja ein paar langweilige Minuten damit, und dann hat es sich schon gelohnt.

Muss ja eh weg.

Dort

Die Flamme der mittleren Antriebsgondel flackerte für einen Bruchteil einer tausendstel Sekunde, bevor das Begrenzungsfeld kollabierte. Mutter unterbrach die Einspeisung nach Verstreichen eines noch etwas kleineren Bruchteils, doch diese winzige Spanne genügte, um eine Explosion auszulösen, die einen durchschnittlichen Mond – was auch immer das heißt – vollständig vernichtet hätte. Die gesamte Antriebsgondel verschwand in einem sonnenhellen Lichtblitz, der zusätzlich ein gutes Drittel der Illusion von Kontinuität pulverisierte. Zwei Kilometer matt schimmernder Hyperwaben-Hülle, dreieinhalb Quadratkilometer idyllischen Mischwaldes, zigtausende Kilometer Rohrleitungen, Gänge, Kabel, Drähte und Transmitterspulen sowie über viertausend größere und kleinere mobile Automaten aller denkbaren Funktionen und Formen – natürlich nur eine willkürliche und bei Weitem nicht vollständige Auswahl – hörten in diesem kosmischen Wimpernschlag auf zu existieren. Hätte die Katastrophe sich auf einem bewohnten Planeten ereignet, hätte sie mit hoher Wahrscheinlichkeit dessen gesamte Biosphäre ausgelöscht.

„Ha!“ rief Yanoo, der den Zwischenfall auf einer virtuellen Anzeige beobachtet hatte. „Da hast du‘s! Siehst du? Ich habe dir gesagt, dass wir die Generatoren austauschen müssen! Ich habe es nicht einmal gesagt, und ich habe es nicht zehnmal gesagt, ich habe es mindestens elfmal gesagt.“

Eine lange Zeit verging. Auf der Erde wären es beinahe acht Stunden gewesen.

„Wa?“ fragte eine verwirrte, nuschelige Stimme aus dem Kommunikationssystem der Illusion von Kontinuität, „Meinsu mich?“

„Natürlich meine ich dich!“ rief Yanoo, „Mit wem könnte ich wohl sonst reden?“

Diesmal musste er nur knappe neunundsiebzig Erdminuten auf seine Antwort warten.

„Mutter?“ fragte die Stimme.

„Als ob ich Mutter Vorwürfe machen würde!“

„Du haddes trotzdem Unrecht“, erwiderte die Stimme der Kapitänin nach beinahe akzeptablen vierundzwanzig Minuten mit schon etwas klarerer Artikulation, aber noch ohne Anzeichen des leichten Tremolo, das Kaleebs Stimme seit der Rückkehr von Zaabs Welt bewohnte, wenn sie völlig klaren Geistes war. Was seit ihrer Rückkehr von Zaabs Welt nicht mehr oft vorkam. Yanoo konnte nie ganz sicher sein, wie viel von Kaleebs Zustand dem zuzuschreiben war, was Kedir mit ihrem Gehirn machte, und wie viel ihrer Verschmelzung mit dem Schiff. Er konnte sich auch nicht sicher sein, dass sie in den letzten Jahrzehnten wirklich kontinuierlich degeneriert war, aber er sorgte sich um sie.

Und er konnte Kedir nicht ausstehen.

„Die Generatoren hätten noch hunnertzwanzig Jahre gut sein müssen“, lallte sie. Sie meinte natürlich Standardjahre, nicht Erdjahre. „Es ist schierer, böswilliger, bedeutungll… bedau… bedeutungsloser Zufall, dass deine Prognose eingetroffen ist, obwohl sie falsch war.“

„Gewiss“, sagte Yanoo, „So wie es auch das letzte Mal schierer, böswilliger, bedeutungsloser Zufall war, und das Mal davor. Und davor auch.“

Die Kapitänin war nun beinahe vollkommen gegenwärtig, wenn auch nicht bei klarem Bewusstsein, und antwortete ihm nach nicht einmal zwölf Sekunden.

„Ja.“

„Du bist eine selbstherrliche, pflichtvergessene, verantwortungslose, realitätsflüchtige Schlampe, Kaleeb.“

„Kann sein“, lallte die Kapitänin, „Obwohl ich mit dem Vorwurf der Pflichtvergessenheit nich ganz einverstanden bin. Obwohl. Naja. Doch, eigentlich hassu Recht. Es ist trotzdem mein Schiff.“

„Das, was noch davon übrig ist“, murrte Yanoo, obwohl er auf seiner virtuellen Anzeige erkennen konnte, dass der Schaden bereits weitgehend behoben war, abgesehen von der verlorenen Gondel natürlich. Die Illusion von Kontinuität konnte ihr Antriebssystem nicht so mühelos regenerieren wie ihre Hülle, weil ein Trans-Superpositions-Quanten-Hyperrealitätsantrieb zu komplex ist, um von den simplen multifunktionellen Nanowerkstätten produziert werden zu können, über die das Schiff verfügte.

Im Prinzip war dies der einzige Grund, aus dem die Illusion von Kontinuität drei Antriebsgondeln führte.

Yanoo war beinahe ein wenig enttäuscht, dass die Explosion nicht einmal die Ladung beschädigt hatte. Es hätte ihm weitaus mehr Genugtuung bereitet, in Bezug auf irgendeine relevante Frage Recht behalten zu haben.

*******************************

Hier

Jack kniff die Augen zusammen, bis sie beinahe völlig von seinen buschigen dunkelgrauen Augenbrauen verdeckt wurden. Dann entschied er sich, das Buch ein wenig weiter von sich fort zu halten. Wieder ein bisschen weiter. Aber er wollte verdammt sein, wenn er hier auf der grob gezimmerten Veranda seines selbstgebauten Blockhaus in völliger Einöde, in seinen abgetragenen Jeans, einem verwaschenen Holzfällerhemd und rissigen Cowboystiefeln mit einer gottverlassenen Lesebrille auf der Nase sitzen musste. Lesebrillen waren für Bücherwürmer und alte Männer, und Jack Sterling war ganz sicher keins von beidem. Oder jedenfalls ganz sicher nicht das erste, und das zweite auch für eine lange Zeit noch nicht. Wahrscheinlich.

Er spie einen Klumpen Phlegma in den Spucknapf am Fuße seines selbstgezimmerten Verandastuhls. Der Klumpen landete mit einem sehr befriedigenden Ping, und Jack lehnte sich wieder zurück, kaute weiter seinen Kautabak und las weiter in seinem Buch, das er heute Abend wieder etwas weiter von seinem Gesicht halten musste. Im Moor um seine kleine Lichtung herum quakten Frösche, sangen Vögel und knackte hier und da ein Zweig unter den Füßen eines furchterregenden aber ungeschickten Raubtieres, oder was eben sonst so Zweige im Moor in der Nacht zum Knacken brachte. Ihm gefiel die Vorstellung, dass die sumpfigen Wälder von heimlichen Jägern durchstrichen wurden, aber er hatte wirklich keine Ahnung.

Jack Sterling war zwar gekleidet, als hätte er sein gesamte Leben in der Wildnis verbracht, und er erweckte diesen Eindruck auch gewiss nicht völlig unabsichtlich, aber sich selbst gegenüber gestand er durchaus ein, dass er von dem Land, in dem er lebte, im Grunde nichts wusste. Jedenfalls nichts, was bei einem gelegentlichen Spaziergang nicht sofort ins Auge fiel. Es störte ihn nicht weiter. Jack war nicht in die Wildnis gezogen, weil er sie so sehr liebte, sondern weil all die anderen Menschen außerhalb der Wildnis so gottverdammte Hämorrhoiden waren.

Mit einem lauten Klatschen und einem leisen Fluch erschlug Jack die erste Mücke, die sich auf seiner Wange niederließ. Zeit, das Buch zuzuklappen. Er war nicht weit gekommen heute, aber er hatte auch keine Eile. Jeden Abend zu einer festen Zeit begannen die Mücken aus dem Schleim, in dem sie lebten, emporzusteigen wie eine Meute von Cocktailpartygästen, und über Jack herzufallen, weil er offenbar der einzige brauchbare Blutsack hier in der Umgebung war. Dies war die Zeit, in der Jack jeden Abend sein Buch zuschnappte, aufstand und in seine Blockhütte stapfte, um sich eine Dose Corned Beef auf ein paar Scheiben Brot zu schmieren, eine Flasche Importbier zu trinken und dann schlafen zu gehen. Das amerikanische Zeug trank er nicht, und das beste, was er jemals über amerikanisches Bier gesagt hatte, war nach seiner Erinnerung, dass es immer noch besser war als ein großer Furunkel am Arsch, und sogar da war er sich heute nicht mehr so sicher.

„Man wird eben wählerischer“, murmelte er, während er sein Hemd aufknöpfte, und er stieß ein tiefes, rasselndes Lachen aus.

Er stieg aus seinen Stiefeln und seiner Hose, stellte beides zu Füßen seines Bettes an die Wand und nahm sich vor, das mit den Selbstgesprächen im Auge zu behalten, bevor er sich auf die selbst genähte und mit Stroh gefüllte Matratze fallen ließ. Er war ein Einsiedler und ein Sonderling, aber er hatte nicht die Absicht, einer von diesen komischen alten Säcken zu werden, die die ganze Zeit vor sich hin brabbeln und jeden anständigen Menschen in ihrer Nähe dazu zwingen, beschämt die Augen niederzuschlagen. Nicht, dass er Menschen in seiner Nähe wollte, anständige oder andere.

Natürlich vermisste er manchmal einzelne Dinge. Von Zeit zu Zeit ertappte er sich bei dem Wunsch, ein Baseballspiel zu sehen oder etwas zu essen, das wirklich zubereitet worden war, und ja, ab und an dachte er auch an Frauen. Zur Hölle, dachte er, das ist es aber nicht wert. Das ist es einfach nicht wert. Manchmal vermisste er auch die Western mit John Wayne, auf der großen Leinwand, mit salzigem Popcorn und dem leisen Surren der Projektionsmaschine hinter sich. Aber was soll‘s, sie zeigen den Duke sowieso nicht mehr im Kino. Schon lange nicht mehr, dachte er. Es war sein letzter Gedanke, bevor der tiefe, dickflüssige Schlaf, in dem er langsam versank, seine Unterlippe erreichte, um dann schnell bis über die Nasenspitze emporzusteigen und über seinem Kopf zusammenzuschlagen.

Er träumte von John Wayne. Er ritt neben ihm durch eine staubige Landschaft voller Kakteen und Windhexen und wusste nicht genau, warum. Er hatte ein vages Gefühl, dass sie jemanden verfolgten, aber es war ihm auch egal. Er genoss den Traum, so lange er andauerte, so sehr, dass er es zuerst gar nicht wahr haben wollte, als er zu Ende war.

Es war aber auch zu verlockend, die unartikulierten schrillen Schreie einer Frau in den Traum einzufügen, plötzlich zu erkennen, dass Jack und der Duke natürlich ritten, um eine unschuldige großbusige Maid in einem knappen Nachthemd aus großer Not zu befreien. Doch als seine klebrigen Augenlieder immer weiter auseinander drängten und ihm der Druck der Strohmatratze in seinem Rücken immer bewusster wurde, verflog der Traum, und hinterließ nichts als den trocken bitteren Nachgeschmack unerfüllbarer Wünsche.

Mit einem tief gebrummten Fluch schlug Jack seine Augen gänzlich auf, stöhnte, und rollte sich von der Strohmatratze. Er stand auf und griff nach seiner Hose – und stockte. Erst jetzt wurde ihm bewusst, was er da hörte. Es war tatsächlich und ohne jeden Zweifel schrilles, sich überschlagendes Frauengeschrei, und es kam aus dem Sumpf. Die Schreie klangen zudem nicht, wie Jack sich in seinem seligen Traum vorgestellt hatte, nach einer holden Maid in Not, sondern mehr wie die böse Hexe im Ofen; soll heißen, nicht furchtsam und verzweifelt, sondern eher wütend, vielleicht noch mit ein bisschen beigemischtem Schmerz.

Jack stöhnte, setzte sich auf seine Bettkante, beugte sich über seine Knie vor und rieb seine Augen. Er konnte keine einzelnen Worte verstehen, aber die Stimme aus dem Moor klang wirklich nicht, als würde sie um Hilfe rufen. Er blickte auf, das Gesicht auf seine Hände gestützt. Seine Finger strichen durch den struppigen schwarzgrauen Vollbart, der fast bis auf seine Brust herab hing. Nachsehen oder weiter schlafen? Er war neugierig, aber nicht sehr. Er war müde, aber jetzt sowieso schon halb aufgestanden. Es war halb drei Uhr morgens, sagte seine Armbanduhr auf dem Boden neben dem Bett. Er stöhnte noch einmal und wollte gerade seine haarigen Beine wieder auf die Matratze hieven, als ihm die Veränderung in der Frauenstimme auffiel. Langsam aber unverkennbar ging dem Zorn die Puste aus, und Schmerz und Hilflosigkeit traten in den Vordergrund.

„Aaach Scheiße.“

Er stand auf und zog sich an. Jack Sterling war ein Misanthrop, aber er war niemand, der einen anderen Menschen in Not einfach ignorierte. Hätte der Duke auch nie getan, ha ha. Vor allem, wenn es eine Frau war. Ha ha.

Das Geschrei und Geschimpfe war nun eindeutig in Gejammer und Geheul übergegangen.

Jack schloss den zweiten Knopf von oben an seinem Hemd, entschied, dass das genug war, und stapfte zur Tür. Er zögerte nur kurz und fragte sich, ob jemand ihn in eine Falle locken wollte, wies den Gedanken dann aber als lächerlich zurück. Er hatte im Laufe der Zeit eine gewisse Geschicklichkeit darin erworben, seine eigenen Möbel zu schnitzen, konnte sich aber nicht vorstellen, dass sein Ruhm schon so weit in die Welt hinaus gedrungen war, dass jemand sich die Mühe machen würde, ihn ins Moor hinaus zu locken, um ihn dann auszurauben.

Jack schob den Türriegel zurück und trat auf seine Veranda. Er zögerte noch einmal kurz und kehrte dann in die Hütte zurück, um eine Taschenlampe und seine Schrotflinte zu holen. Besser vorsichtig als und so weiter.

Die Quelle der zunehmend unglücklichen und abnehmend lauten Frauenstimme war weiter entfernt, als er zunächst angenommen hatte. Schall breitete sich merkwürdig aus im Moor, und das Gehör spielte einem manchmal sonderbare Streiche. Er irrte beinahe eine halbe Stunde zwischen den Bäumen, im Schlamm und am Rand schmutziger Teiche umher, bis er sie schließlich fand.

Auch wenn seine Spaziergänge nicht viel dazu beigetragen hatten, sein Verständnis für die sicher faszinierende Ökologie des Sumpfes zu verbessern, hatten sie ihm doch zumindest einen guten Überblick über das Gelände um seine Hütte herum verschafft. Wäre das nicht so gewesen, hätte er sie ohne weiteres auch zwei oder drei Mal so lange suchen können.

Jack war sich nicht sicher, was er zu finden erwartet hatte, aber nun, da er sie sah, kam ihm die Szene so unwirklich vor, dass er sich ernsthaft fragte, ob er träumte.

Sie lag auf ihrem Bauch am Rand eines der vielen Teiche. Ihre Finger waren tief in den Schlamm gegraben. Schlamm bedeckte ihren ganzen Körper einschließlich der scheinbar über schulterlangen Haare, als hätte sie sich stundenlang darin herumgewälzt. Das Licht seiner Taschenlampe wanderte ihren Rücken entlang, verweilte für einen Augenblick auf der sehr angenehmen Form ihrer Taille und ihres Hinterteils, die sich unter dem Schlamm abzeichneten, beleuchtete ihre schlammverschmierten Beine und ihre nackten schlammigen Füße. Es schient, als trüge sie unter dem Schlamm noch Kleidung, aber Jack konnte beim besten Willen nichts von deren Beschaffenheit erkennen. Das anfangs wütende Gekreische der Frau war zu einem gotterbärmlichen Weinen und Wimmern und Schluchzen abgeebbt, gelegentlich unterbrochen von einigen völlig unverständlich in den Schlamm gemurmelten Worten. Sie bewegte sich kaum, nur hier und da zuckte mal ein Finger oder streckte sich ein Knie. Soweit Jack das erkennen konnte – was er eigentlich gar nicht konnte – war sie unverletzt. Es war natürlich nicht leicht, ihr Alter zu schätzen, aber aus ihrem Körperbau schloss Jack, dass sie eine erwachsene Frau war.

Er blieb noch kurz stehen, betrachtete die merkwürdige Frau im Schlamm und fragte sich, was zu tun war. Und was hier geschehen war. War sie die Verliererin eines Underground-Schlammringkampfes? Oder die Gewinnerin? Jack stieß ein kurzes Lachen durch seine Nase aus, wischte sich mit dem Handrücken versonnen über seinen bärtigen Mund und watete dann schließlich durch den Schlamm zu ihr hin, schon, um nicht bloß wie irgendein Spanner da zu stehen und sie anzugaffen. Er lehnte die Schrotflinte gegen einen Baum – der Kolben stand natürlich zur Hälfte im Wasser, aber das schadete nicht – und kniete neben der Frau nieder. Er legte eine Hand auf ihre Schulter und sagte:

„Hallo? Brauchen Sie Hilfe?“

Einfach, um irgendetwas zu sagen.

Sie reagierte nicht auf ihn. Aber er war jetzt nah genug, um einzelne Worte verstehen zu können.

„Mutter…“ sagte sie, „wa… wo…?“ und dann lachte sie plötzlich, bevor sie sich verschluckte und zu husten und zu würgen begann. Das Würgen und Husten ging irgendwann in etwas über, das ein Schluchzen sein mochte, oder vielleicht auch nur noch ein bisschen leiseres Husten.

Jack beschlich der Verdacht, dass ihr Zustand nicht nur ihrer Erschöpfung nach einem langen anstrengenden Ringkampf zuzuschreiben sein konnte. Ihm wurde klar, dass dieses Mädchen hier offensichtlich so völlig zugedröhnt war, dass sie nicht mehr wusste, wo oben und unten war, und auch wenn das seine Fragen nicht direkt beantwortete, machte es die ganze Situation doch gleich viel weniger rätselhaft.

Wahrscheinlich hatte sie mit ein paar Freunden Pot geraucht oder Acid eingeworfen oder Heroin gespritzt oder was die Leute eben zurzeit so nahmen, um high zu werden, und dann war sie aus irgendeinem echten oder eingebildeten Grund hier in den Sumpf getaumelt und irgendwann umgefallen. Vielleicht lagen ihre Freunde immer noch irgendwo hier in der Nähe, genauso stoned wie sie. Aber das war nun wirklich nicht Jacks Problem. Er würde gewiss nicht die ganze Nacht damit zubringen, seinen Sumpf nach einem Trupp bescheuerter Junkies zu durchsuchen. Er hatte seine gute Tat für heute getan. Der Frau würde er helfen. Weil sie gerufen hatte, und weil er sie nun einmal gefunden hatte. Und natürlich – zum Teufel, wem wollte er hier was vormachen? – weil ihm ihr Arsch gefiel. Es war eine Sache, ein hübsches Mädchen mit in seine Hütte zu nehmen und sich ausschlafen zu lassen. Es war eine völlig andere Sache, eine ganze Bande wildfremder Taugenichtse zum Katerfrühstück einzuladen.

Sie hob ihren Kopf, aber sie sah Jack nicht an. Sie sah nicht einmal in seine Richtung.

„Mutter?“ jammerte sie, ihre Stimme verzerrt von jämmerlichem Selbstmitleid und von dem Zeug, dass sie offensichtlich genommen hatte. Ihre Hände griffen abwechselnd ziellos in den Schlamm vor ihr und in ihre schlammverschmierten Haare. „Ich will… Bitte, ich muss … Ich will sie doch … Sie gehört mir!“

„Ist schon gut“, brummte Jack. „Lass gut sein, ich bin sicher, dass du deine Mama bald wieder hast…“

Er klemmte sie nicht besonders vorsichtig unter seinen Arm, hob mit der Taschenlampenhand seine Schrotflinte wieder auf und stapfte in Richtung der Blockhütte. Sie stöhnte und wand sich ein bisschen, wehrte sich aber nicht ernsthaft.

„Was… Was machsu da? Lass mich! Lassas, ich will … Ich will… Uaaahhh… Mir is schlecht.“

Er würde sie unterwegs ein paar Mal absetzen müssen, sie war schwer. Nicht fett, wirklich nicht, aber jedenfalls auch nicht besonders zierlich. Eher der Typ Darryl Hannah als Cameron Diaz. War sowieso mehr sein Typ. Er stieß ein kurzes einsilbiges Lachen aus, das auch gut ein Husten hätte sein können, und spie einen Klumpen Schleim gegen einen Baumstamm. Wie das Leben so spielt, dachte er, und wie schnell Wünsche manchmal in Erfüllung gehen. Jack war gespannt, ob dies sich als einer dieser Wünsche erweisen würde, die man bereute, sobald sie sich erfüllt hatten.

Lesegruppenfragen

gibt’s diesmal nicht, aber vielleicht könnt ihr mich ja ganz allgemein wissen lassen, was ihr so dachtet, und was ihr generell davon haltet, wenn ich hin und wieder die Fragmentschublade aufmache und meine alten Guilty Pleasures auspacke.

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6 Responses to Die Illusion von Kontinuität

  1. whynotveroni sagt:

    Cool! Ich will jetzt wissen, wie’s weiter geht. Das hast du davon. 😛

  2. Muriel sagt:

    @whynotveroni: Ich auch…

  3. Guinan sagt:

    Gar nicht übel. Ich stell‘ mich gern als Resteverwerter zur Verfügung 😉

    Schade, dass du diese Geschichte aufgegeben hast, daraus hätte was werden können. Ich hab‘ ja eh ein besonderes Faible für Gehirnschiffe.

  4. Muriel sagt:

    @Guinan; So viele Geschichten, so wenig Zeit. Aber ich will euch auch nicht immer die alte Leier vorspielen. Ich arbeite ja auch schon dran.
    Ein Gehirnschiff ist die Illusion von Kontinuität aber trotzdem nicht.
    Ich freue mich jedenfalls, dass euch mein Fragment anscheinend trotz allem einigermaßen unterhalten hat.

  5. madove sagt:

    Waaah. Das ist ja wirklich fies, weil man jetzt wissen will, wie’s weiter geht… ich finds ausgesprochen cool – aber da gibts nicht mehr von? In deinem kopf auch nicht?

  6. Muriel sagt:

    @madove: Das Problem bestand damals darin (und da hat sich nicht viel geändert), dass es sehr viele mögliche Alternativen gibt, von denen mir keine ganz stimmig vorkommt.
    Aber ich denke schon, dass es irgendwann mal weitergehen wird, und spätestens bei der Abstimmung über den nächsten Fortsetzungsroman könnt ihr da auch mitentscheiden.

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