Ich wollte nie ein iPad

Tatsächlich ist ein Tablet-PC das möglicherweise einzige hippe Gadget, das mich nie auch nur ein Stück interessiert hat. Aber nachdem ich gerade über diesen unsäglich dummen New-York-Times-Artikel zu E-Books auf Tablets gestolpert bin, möchte ich mir schon aus Protest trotzdem eines kaufen. Am besten gleich zwei.

Ich begreife das nicht, ganz aufrichtig. Was ist dran an E-Books, das die Gehirne von Menschen völlig aussetzen lässt, wenn sie über das Thema schreiben?

Der Artikel heißt:

Finding Your Book Interrupted … By the Tablet You Read It On

Und es geht darum, dass Tablets einen manchmal von dem Buch ablenken können, das man darauf zu lesen versucht. Ich weiß, ihr hängt jetzt wahrscheinlich fassungslos auf der Vorderkante eures Sitzes und könnt kaum erwarten, was Julie Rosman und Matt Richtel (Ja, ein Redakteur hätte dafür auch wirklich nicht gereicht.) für die Frontseite der möglicherweise besten Zeitung der Welt darüber herausgefunden haben. Es beginnt mit einer provokanten, einer gewagten, einer tabulos pikant beunruhigend bestürzenden Frage:

Can you concentrate on Flaubert when Facebook is only a swipe away, or give your true devotion to Mr. Darcy while Twitter beckons?

Also, ich kann (Ich weiß das, weil ich zwar kein iPad habe (und deshalb kein iPad habe (denn wenn du kein iPad hast, hast du kein iPad)), aber öfter mal auf meinem PC mit der Kindle-Software E-Books lese.).  Aber das muss natürlich jeder für sich beantworten.

People who read e-books on tablets like the iPad are realizing that while a book in print or on a black-and-white Kindle is straightforward and immersive, a tablet offers a menu of distractions

Echt jetzt? Das Internet kann einen ablenken? Unfassbar. Was diese verrückten Amis wohl als nächstes entdecken.

(Und nebenbei, ist euch aufgefallen, was passiert ist? Es ist jetzt nicht mehr Kindle gegen Papier, es ist jetzt Tablet gegen Kindle und Papier. Denn so richtig gefährlich für den Fortbestand des Abendlandes ist natürlich immer nur das aktuellste neumodische Ding. Alle Stufen davor kennt man jetzt schon und hält man deshalb mit der Zeit unweigerlich für harmlos. Wollen wir vielleicht einen kleinen Wettbewerb veranstalten, wer errät, welches neue Gerät dann den Genuss von Büchern wirklich endgültig ein für alle mal diesmal aber wirklich ganz im Ernst unwiderbringlich zerstören wird, weil es einen noch mehr ablenkt als die traditionellen Papierbücher, Kindles und Tablets.)

E-mail lurks tantalizingly within reach. […] And if a book starts to drag, giving up on it to stream a movie over Netflix or scroll through your Twitter feed is only a few taps away.

Schrecklich. Bloß gut, dass wir hochwertige Qualitätsmedien haben, die uns über solche Bedrohungen informieren, und über ihre Konsequenzen:

That adds up to a reading experience that is more like a 21st-century cacophony than a traditional solitary activity.

Und das ist schlimm, mkay? Ich verstehe schon an diesem Ansatz mindestens zwei Dinge nicht. Wenn ich Twitter und Facebook und Netflix viel interessanter finde als Flaubert und Darcy, warum verbringe ich meine Zeit dann nicht einfach lieber mit Twitter und Facebook und Netflix statt mich mit Flaubert und Darcy zu langweilen? Und warum ist es eigentlich per se schlecht, wenn ein Tablet meine Leseerfahrung verändert?

Und wie das bei solchen Artikeln immer ist, haben sie dazu noch ein paar Leute interviewt, die offenbar ernsthafte pathologische Tablet-Probleme haben:

“It’s like trying to cook when there are little children around,” said David Myers

Ja, der Vergleich drängt sich auch geradezu auf.

“These apps beg you to review them all the time,”

David…

David…

David?

Komm und spiel mit uns, David!

Wir schweben alle hier unten.

“The tablet is like a temptress,” said James McQuivey, the Forrester Research analyst who led the survey. “It’s constantly saying, ‘You could be on YouTube now.’

Ich bin sicher, dass es so eine App gibt. Aber ich bin auch sicher, dass man diese Funktion irgendwie abschalten kann…

Aber David und James sind nicht die einzigen Opfer des Tablet-Wahns, deren Leben vom iPad zerstört wurden:

Allison Kutz […] says her reading experience has not been the same […] She is constantly fending off the urge to check other media, making it tough to finish books. […] “I’ve tried to sit down and read it in Starbucks or the apartment, but I end up on Facebook or Googling something she said, and then the next thing you know I’ve been surfing for 25 minutes,” Ms. Kutz said.

Kann es sein, dass diese Leute professionelle Hilfe brauchen?

Aber – und das ist für mich beinahe ein bisschen enttäuschend, denn mein Post könnte sonst viel pointierter und unterhaltsamer zu Ende gehen – die NYT wäre nicht die wahrscheinlich beste Zeitung der Welt, wenn sie nicht sogar dieses Thema einigermaßen ausgewogen behandeln würde. Der Artikel enthält auch ein paar Informationen zur Entwicklung des Marktes und dazu, dass Tablets früher oder später wohl die Schwarzweiß-Reader ersetzen werden, und endet mit dieser durchaus treffenden Bemerkung einer anderen Leserin, die offenbar irgendwie ihren Frieden mit dem teuflischen Tablet gemacht hat:

“With so many distractions, my taste in books has really leveled up,” Ms. Faulk said. “Recently, I gravitate to books that make me forget I have a world of entertainment at my fingertips. If the book’s not good enough to do that, I guess my time is better spent.”

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13 Responses to Ich wollte nie ein iPad

  1. Ron sagt:

    Eigentlich kann ich auch noch nicht so viel dazu sagen, da ich erst ab Freitag ein Tablet besitzen werde. Ich habe mir aber schon mal ein Buch ausgesucht, dass ich dann versuchen werde auf dem Gerät zu lesen. Vielleicht mag ich das und kann mich daran gewöhnen, vielleicht greife ich aber auch zukünftig wieder auf die gedruckte Ausgabe zurück. Ich bin da völlig ergebnisoffen …

    Grundsätzlich frage auch ich mich v.a. zwei Dinge, die Du schon im Beitrag erwähnt hast:
    1. Ist es denn so schlimm, einer drohenden Ablenkung ausgesetzt zu sein? Kann ich mein Buch nicht auch weglegen und die Glotze anmachen oder per PC ins Internet gehen? Was hat das mit der Technologie zu tun?

    Kurzer Exkurs: Ich habe dies sogar ganz bewusst gemacht, als ich die Biographie von Steve Jobs gelesen habe. Sofern möglich habe ich mir zu den jeweiligen Abschnitten auf YouTube Videos gesucht und diese dann nach dem Lesen des entsprechenden Abschnittes angeschaut. Für mich hat dieses Vorgehen das Lesevergnügen definitiv deutlich gesteigert!!

    2. Ms. Faulk hat recht! Wenn der Inhalt nicht spannenden/gut genug ist, warum sollte ich mich dann damit beschäftigen? Meine Zeit ist mir zu kostbar, um mich mit langweiligen, unnützen Dingen aufzuhalten. Und auch hier wieder: das mache ich auch mit einem gedruckten Buch.

    Letzter Punkt: Sind denn die Maßstäbe überhaupt noch die Richtigen, die die NYC-Autoren da anlegen? Für mich liegen hier noch Denkmuster zugrunde, die einfach mittlerweile durch die moderne Medienwelt (die nunmal mehr umfasst als gedrucktes Wort, Radio und TV) überholt wurden. Und da es sich schon immer gezeigt hat, dass sich der Mensch wunderbar an sich ändernde Bedingungen anpassen kann, wird sich im gleichen Maße auch die Art des Medienkonsums ändern. Wo ist das Problem?

  2. Tim sagt:

    Alles Übel fing mit dem elektronischen Strom an. Dadurch konnten erstmals dunkle Tageszeiten rezeptiv nutzbar gemacht werden. Die Leute lasen mehr Bücher, fingen an zu grübeln, goutierten ketzerische Argumente und wurden schließlich zu den gottlosen Hedonisten, die wir heute sind.

    Und Muriel: Natürlich brauchst Du ein iPad. Es gibt kein anderes unnötiges Gadget mit derart großem Nutzwert. Für die rund 500 europäischen Währungseinheiten bekommst Du ein Gerät, mit dem Du unerreicht effizient Zeit verschwenden kannst.

  3. malefue sagt:

    ach tim, und was ist mit dem rad? niemand trägt heute noch seine beute auf dem rücken nach hause, wie gute anbeter der sonne und der erde das tun.

  4. madove sagt:

    Ich kann es nicht mehr hören.
    Dieses beknackte Gelaber – Die wunderbare Eindimensionalität (und die Haptik, haben sie die Haptik erwähnt?) von Büchern. Heute schreibt keiner mehr Briefe mit der Hand. Früher war alles besser, als man noch 3km zum Laden laufen mußte, um die Milch zu holen und der hatte dann die Öffnungszeiten geändert. Ach, waren das noch Zeiten, als man mit in der Schule mit Rechenschiebern umgehen lernte.
    Niemand hindert diese Menschen daran, Bücher aus Papier zu kaufen und zu lesen (ich als allerallerletzte 😉 ), niemand hindert sie daran, Briefe von Hand zu schreiben, uninformiert in der Gegend rumzulaufen und sich Rechenschieber irgendwohinzustecken, und bis auf die Sache mit den Rechenschiebern mach ich das alles auch ziemlich gerne, aber wo der moralische Nutzen in der Verdammung von informations- und Kommunikationsgeräten liegt, ist mir schleierhaft.
    Wer nicht damit umgehen kann, solls lassen. Oder jemanden fragen, der sich damit auskennt. Wir helfen gerne.
    Echt. Ich kanns nicht mehr hören.

  5. madove sagt:

    Hups. Sorry.
    3 Gläser Nero d’Avola erwecken irgenwie den Troll in mir. *kicher*

  6. Muriel sagt:

    @Ron: Du sagst es.
    @Tim: Aber es hat keine Tastatur.
    @madove: Bei mir musst du dich nicht entschuldigen. Nimm ruhig noch das vierte.

  7. Florian sagt:

    Dafür (bzw. dagegen) gibt es doch Ritalin.

  8. Marty sagt:

    Lesen auf dem iPad funktioniert erstaunlich gut. Man sollte aber eine Folie aufbringen, die die Reflexionen des Displays verhindern.

    Das iPad dient ganz gut zum konsumieren von Texten, Videos und für ein Spielchen (bisweilen in ansehnlicher 3D-Grafik) zwichendurch. Da ich weder Fernseher noch Spielekonsole oder PC habe, ist dieses Gerät für mich schon von Nutzen.

  9. […] Ich wollte nie ein iPad „[…]Was ist dran an E-Books, das die Gehirne von Menschen völlig aussetzen lässt, wenn sie über das Thema schreiben?[…]“ […]

  10. Dietmar sagt:

    „Alles Übel fing mit dem elektronischen Strom an.“

    HAHAHA! 😀

    Tag gerettet, danke dafür!

  11. ichbindaswortistich sagt:

    Zunächst einmal – das habe ich schon vor Tagen schreiben wollen – vielen Dank für die Aufnahme in Dein Blogroll sowie das Lob über mein Weblog, Muriel.

    Sodann: Ja, die bösen neuen elektronischen Geräte werden früher oder später den Weltuntergang heraufbeschwören, genauso wie das inzwischen in die Jahre gekommne Fernsehen und das auch nicht mehr ganz so junge Internet.
    Eigentlich sollte es sich von selbst verstehen, daß es zur Ablenkung zweierlei bedarf: zum einen einer ablenkenden Sache oder Person, zum andren jemandes, der oder die sich ablenken läßt. Mein iPhone lenkt mich zum Beispiel nicht ohne weitres ab. Es gibt nämlich – o Wunder! – die Möglichkeit, sämtliche Pushnachrichten (unmittelbare Aktualisierung, sobald neue Nachrichten in irgendeiner Form eintreffen: Twitter, E-Mail, WhatsApp und so fort) zu deaktivieren. Deshalb kann ich meine iBooks auch in Ruhe lesen, sei es im Bus, im Café oder im Bett, ohne in meiner Lektüre ständig unterbrochen zu werden.
    Abgesehen davon begegnet dies auch dem Problem, daß ich mittlerweile nicht mehr wirklich weiß, wo ich meine stetig wachsende Büchersammlung noch unterbringen soll. Ich besitze ungefähr 1000 Bücher, von denen ich schon die Hälfte bei meinen Eltern unterbringen mußte, und es ist kein Ende in Sicht. Einige Bücher, insonderheit Klassiker wie Thomas Paines The Rights of Man auf dem iPhone und in iTunes unterbringen zu können, wo sie lediglich einige Kilobyte (!) einnehmen, kommt mir deshalb sehr entgegen.

    Ein iPad ist für mich indes nicht interessant. Ich habe einen Laptop und ein iPhone, womit meine Bedürfnisse vollkommen gedeckt sind.

  12. Wenn ich manchmal Papierbücher lese dann versucht meine Freundin mit mir zu kommunizieren (so unnütze Fragen wie „Was essen wir heute Abend“ oder „Wohin fahren wir zum einkaufen“). Manchmal rede ich sogar ganz gerne von mir aus mit ihr (also während ich eigentlich lese, aber sie zufälligerweise im gleichen Raum ist). Muss ich die jetzt auch abschaffen weil sie mich vom lesen ablenken könnte? Oder reicht es wenn ich sie in ein anderes Zimmer verbanne?

    Ich lese eigentlich gerne am Tablet, das ist halt eine recht einfache Art Bücher (egal welcher Größe) zu konsumieren und dabei auch noch ein Gerät zu haben um im Internet zu surfen etc. Man kann da auch – jedenfalls bei meinem – WLAN ausstellen, dann empfängt man auch kein Facebook und Co. Wenn man sich irgendwie ablenken lässt. Ansonsten ließt man ja auch Literatur auf totem Baum in der Regel nicht in völlig leeren Raum.

  13. Günter sagt:

    Um mal ganz ehrlich zu sein, wer sich von Facebook oder anderen Internet-Angeboten auf dem Kindle oder iPad ablenken lässt, der würde auch sein Buch aus der Hand legen und den Fernseher anmachen, telefonieren oder im Internet surfen.
    Wer sich nicht auf eine Sache konzentrieren kann, hat mit einem Tablet natürlich viele Möglichkeiten, die Zeit totzuschlagen.

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