Schluss mit der Geschmacklosigkeit

Es gibt so Leute, zu deren Beschreibung eigentlich nur eine bestimmte Kategorie von Begriffen passt, die ich aber aus verschiedenen Gründen nicht gerne benutzen möchte, zum Beispiel, weil sie Anlass zu rechtlichen Maßnahmen bieten könnten. Jakob Strobel Y Serra scheint so einer zu sein, falls dieser Artikel auf FAZ.net Rückschlüsse auf seinen Charakter zulässt, was nicht zwangsläufig der Fall sein muss.

Wir essen zu billig und denken zu wenig über unser Essen nach.

schreibt Herr Strobel Y Serra. Da ist was dran, mag man sagen, und vielleicht ließe sich mit einem solchen Satz sogar ein Artikel beginnen, der mich nicht dazu bringt, seinen Verfasser mit Begriffen zu bedenken, mit deren Aussprache oder Niederschrift ich mich strafbar machen könnte. Aber der Fortgang dieses … Textes lässt einen solchen Spielraum beim besten Willen nicht mehr erkennen:

Es ist schlimm genug, dass wir massenhaft Fastfood in uns hineinstopfen. Noch schlimmer ist, dass wir behaupten, es schmecke uns

An dieser Stelle weiß ich, dass dieser Mann beseelt sein muss von einer Hybris, die sogar mich, der ich ja ohne Zweifel auch manchmal zu diesem Charakterfehler neige, weniger vor Neid als vor Ekel erblassen lässt. Anderen Leuten zu erzählen, was sie essen sollten, ist schon am Rande des guten Geschmacks. Anderen Leuten zu erzählen, was ihnen schmeckt, ist so unsympathisch, dass … Aber das hatte ich ja eingangs schon geschrieben.

Jeder, der gerne reist und gerne isst, kann Geschichten erzählen von kulinarischen Erweckungserlebnissen am Straßenrand […]  Hier hockt man in Feinschmeckers Himmelreich, das seine Pforten niemals schließen möge, knackt unter Sternen und Tamarinden Krebse und Langusten, zahlt lächerliche fünf, sechs Euro, die man für ein Spottgeld hält. Und dann kommt man nach Hause zurück, sieht im Vorbeigehen, was wirklich billig ist: Döner für 2,80 Euro, Currywurst für 2,20 oder McDonald’s-Plastikpampe für 1,99

Ich weiß nicht, wie eure Erfahrungen sind, aber für mich funktioniert es als Faustregel ganz gut, Leute in die Kategorie „Muss ich nicht kennen.“ einzuteilen, wenn sie sich mit völlig unangemessen überzogener Überheblichkeit darüber erregen, wie schlecht das Essen bei McDonald’s ist. Das hat nicht unbedingt damit zu tun, dass ich selbst da sehr gerne hin und wieder esse und auch jederzeit gerne nachdrücklich behaupte, es schmecke mir, sondern eben vor allem damit, dass Leute, die andere über deren eigenen Geschmack zu belehren versuchen, einfach keine vielversprechenden Gesprächspartner sind. Ähnliches gilt für haltlose Pauschalisierungen darüber, dass Leute, die einem nicht zustimmen, die Wahrheit nur nicht sehen oder hören wollen. Und wen wundert’s? Natürlich werden wir auch hier in Herrn Strobel Y Serras Text fündig:

Denn wir sehen nicht, dass wir uns von Ramsch ernähren. Wir wollen nicht hören, welcher Dreck in unserer Nahrung steckt.

Und nach diesen Sätzen habe ich dann endgültig aufgehört zu lesen, was euch vielleicht auch ganz recht ist, weil ihr womöglich Besseres zu tun habt als mir noch ein paar Stunden lang zuzuhören, wie ich über diesen FAZ-Autoren schimpfe:

[In Deutschland] haben ganze Bevölkerungsschichten, ganze Generationen es in ihrer Geizgeilheit und ihrem Küchenanalphabetismus fast verlernt, dass gutes Essen gutes Geld kostet und billiges Essen niemals gut sein kann […] Sie sind bereit, für das Fünfundsechzig-Minuten-Konzert eines kapriziösen Popsternchens dreistellige Summen auszugeben. […] Es sind dieselben Menschen, die dafür sorgen, dass eine Firma wie Apple dank ihrer iPhones und iPads in einem einzigen Quartal einen Gewinn von dreizehn Milliarden Dollar macht.

Herr Strobel Y Serra, auch wenn Sie dies mutmaßlich niemals lesen werden, ist mir in meiner kapriziösen Art gerade danach, Sie zum Abschluss direkt anzusprechen: Es gibt Menschen, die in ihrem Leben andere Prioritäten setzen als Sie und denen manche Konzerte und ihr iPhone wichtiger sind als sich so zu ernähren, wie es Ihnen schmeckt. Das ist genausowenig dumm oder klug oder richtig oder falsch wie Ihre Entscheidung, statt in ein iPhone und Konzerte in ein Degustationsmenü zu investieren. Dumm und falsch ist es hingegen, das Essen anderer Leute als Dreck zu bezeichnen und sich über jemanden zu erheben, weil er einen anderen Geschmack hat als man selbst. Als jemand, der durchaus selbst auch mal dazu neigt, auf andere Menschen herabzublicken, weil sie die Welt anders sehen als ich selbst, möchte ich Ihnen sagen, dass mir lange niemand mehr auf so schmerzhafte und damit anschauliche Weise vorgeführt hat, wie ekelhaft und borniert und dumm und rundum widerlich diese Neigung ist. Dafür vielen Dank.

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14 Responses to Schluss mit der Geschmacklosigkeit

  1. groteskeader sagt:

    Das find‘ ich gut.
    (Mir passiert das auch ab und an, dass ich auf andere Menschen „runterschaue“ und sobald ich das selbst bemerke, wird mir auch ein wenig übel…von mir selbst.)

  2. Joan sagt:

    Solche Rants funktionieren nur, wenn man direkt danach mit einem mindestens sechsgängigen Menü den Beweis antreten kann, dass Nicht-Fastfood (oder was auch immer er meint) wirklich besser schmeckt. Ich gebe ja zu, dass ich ein bisschen mit dem Grundgedanken sympathisiere (ich für meinen Teil aber genieße lieber und halte die Klappe). Aber ich hab im Ausland auch schon das Gegenstück zu kulinarischen Erweckungserlebnissen gehabt – der hat mit gutem Grund das ukrainische Frühstück nicht erwähnt.

  3. madove sagt:

    Wie nennt man denn diese seltsame Art von Leuten, die Geschmack (also nicht nur kulinarischen) mit Moral verwechseln?
    Kulturnazi? Und werden das immer mehr oder gehn sie mir nur mehr auf den Senkel? Ich bin wirklich die erste, die begeistert eine mehrseitige, moraltriefende Gesellschaftskritik aus dem Ärmel schütteln könnte, aber ich hab die gelernt, jedes Medium sofort abzuschalten oder wegzulegen, wenn darin jemand „wir [verb]en ja heutzutage“ oder „Die Gesellschaft ist [adjektiv] geworden“ in diesem jammernden Tonfall sagt/schreibt. Da kommt nichts nützliches raus. Warum liest Du denn sowas? Argh.
    Und heute nicht mal Wein als Ausrede. Oder Trost.

  4. Hagen sagt:

    Ich habe mich auch schon gefragt, warum ich schlechter Mensch standhaft behaupte, dass es nicht mein ultimativer Traum ist, unter Sternen inmitten von stechenden Insekten (OK, das ist eine böse Unterstellung, aber sicherlich keine unrealistische) Därme aus flutschigem Meeresgetier zu ziehen, um diese dann zu verspeisen (also das Meeresgetier, nicht die Därme). Ich weiß einfach nicht, was gut für mich ist, dafür ist ab jetzt Herr Strobel Y Serra zuständig.

  5. Wer der Meinung ist, dass gutes Essen teuer sein muss, der kann nicht kochen. (Oder hat einen sehr speziellen Geschmack.)

    Dazu möchte ich Serra Scheinheiligkeit vorwerfen. Ich kann mir gut vorstellen, dass er einer von jenen Leuten ist, die gerne den Fast-Food-Produzenten vorwerfen, sie würden Fett und Zucker zur Herstellung ihrer Produkte verwenden und so das Fast Food absichtlich wohlschmeckend machen. Dieselben Leute sind paradoxerweise aber oft der Meinung, dass Fast Food gar nicht gut schmecke.

    Ach ja, wer die Folgen von Penn & Teller: Bullshit zum Thema Ernährung noch nicht gesehen hat, sollte dies nachholen.

  6. Dietmar sagt:

    @ars libertatis: Ich unterschreibe einfach mal frech Deinen Kommentar mit. 😉

  7. Muriel sagt:

    Ich finde ja, die Grenze ist da auch oft ein bisschen unscharf. Beispiel: Wenn mir jemand sagt, dass ihm Avatar gefallen hat, weil er die Bilder so mochte und die Musik toll fand und weil er einen sexuellen Fetisch für große blaue Außerirdische mit USB-Schnitstelle hat, dann kann ich ihm das nicht streitig machen.
    Wenn jemand Avatar hingegen wegen der komplexen Sotry, den originellen Plottwists, den facettenreichen Charakteren und den tiefsinnigen Dialogen mochte, dann hat derjeniger schon irgendwie ein Rad ab, finde ich, und darf zumindest in leicht süffisantem Tonfall gefragt werden, aus welchem sonderbaren Universum seine Definition von „facettenreich“ kommt (falls das nicht einer dieser Begriffe ist, die man nicht definieren, sondern einfach intuitiv verstehen sollte…).
    Also, was ich damit sagen will: Bloß weil ich es Herrn Strobel Y Serra vorgeworfen habe, höre ich selbst jetzt nicht damit auf. Mkay?
    @madove:

    Warum liest Du denn sowas

    Naja, mein Jesus.de-Account wurde gesperrt. Man muss nehmen, was man kriegt.

  8. Dietmar sagt:

    @Muriel: „Naja, mein Jesus.de-Account wurde gesperrt. Man muss nehmen, was man kriegt.“

    Beschwer Dich nicht, Du hast Christina (ich bin ein bisschen traurig, dass ich da aus Zeitgründen nicht mitmachen kann; aber das kommt schon noch wieder.)

  9. Henk sagt:

    Wer der Meinung ist, dass gutes Essen teuer sein muss, der kann nicht kochen.

    Mist! Beim dreifachen Unterstreichen dieses Satzes auf meinem Bildschirm ist der Bleistift abgebrochen…

  10. Henk sagt:

    @Muriel: Ich habe gerade den FAZ-Artikel gelesen und würde dir gerne mit einem angemessenen, aber rechtlich wohl unangreifbaren Begriff für den Verfasser aus der regionalen Wortküche aushelfen:

    Wat’n blasierten Schnösel!

  11. Muriel sagt:

    @Henk: Ich danke dir für den Vorschlag, und du hast meinen Respekt, wenn dir dieser Begriff ausreicht.
    Für mich ist er nicht genug.

  12. MH sagt:

    Mein absoluter Funfact der letzten Wochen in dieser Beziehung: Parmesan besteht zu ca. 7% aus Glutamat.

  13. freiheitistunteilbar sagt:

    Das kollektivistische WIR deklassiert besagten Herrn schon als ernsthaften Gesprächspartner.

    Charakterisierend für Fastfood ist, dass man es schnell genießen kann. Ein $25,00 Burger, dessen Patty aus hochwertigem Steakfleisch besteht, welches frisch verarbeitet worde ist, nennt man auch Fastfood.

    Für die Bio-Gutmenschen-Gourmet-Dünkel hingegen, ist Fastfood gleichbedeutend mit Junkfood.

  14. freiheitistunteilbar sagt:

    Ach so, bevor ich es vergesse. Geiz ist nicht geil, sondern krankhaft, was besagten Herrn nicht davon abhält, den dümmsten Werbespruch aller Zeiten, in Form eines Pejorativs weiterleben zu lassen. 😀

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