Taschentuch? (5)

Okay. Queer.de hat also völlig korrekt darüber berichtet, dass das Steak mit der Aufschrift „Tofu ist schwules Fleisch“ nicht im Rahmen einer Maredo-Kampagne erschienen ist, und Maredo drohte daraufhin mit einer Klage, falls Queer.de das Motiv weiterhin abbildet. Das war wahrscheinlich doof von Maredo. So viel dazu.

Mir soll es statt um diesen albernen Streisand-Fauxpas  eher um das Motiv als solches gehen, denn es trifft ziemlich genau den Aspekt von Humor, in dem ich mich auch desöfteren mal angreifbar mache, nämlich das Spiel mit stupiden Vorurteilen. Dazu aber gleich mehr, nachdem wir was anderes Offensichtliches abgekaspert haben: Volker Beck redet natürlich dummes Zeug.

„Das Motiv ist homophob und spielt mit antihomosexuellen Vorurteilen. Schwule seien keine richtigen Männer, Lesben keine richtigen Frauen, Tofu kein richtiges Fleisch und wer so etwas denkt ist demokratisch nicht ganz bei Trost.“ So eine Entgleisung dürfe einer der führenden Marketing-Agenturen in Deutschland nicht unterlaufen, so Beck. „Ich erwarte eine aktive Wiedergutmachung, etwa in Form einer Spende an die Hirschfeld-Eddy-Stiftung oder durch eine kostenlose Beteiligung an einer Kampagne gegen Homophobie und Ausgrenzung.“

  1. Ich weiß nicht genau, ob es was anderes ist als sonst, demokratisch nicht ganz bei Trost zu sein, aber jedenfalls kann jemand, der glaubt, Tofu sei kein richtiges Fleisch, durchaus bei Trost sein, und sogar Recht haben, denn Tofu ist kein richtiges Fleisch.
  2. Ist „so eine Entgleisung“ Scholz & Friends überhaupt unterlaufen? Das Motiv wurde nicht verwendet, es wurde verworfen und geleakt.
  3. Es steht Herrn Beck zu, den Spruch doof und homophob zu finden, und Scholz & Friends dafür zu kritisieren, dass sie ihn entworfen haben. Für einen dummen Spruch eine „aktive Wiedergutmachung“ zu fordern, finde ich aber schon wieder dreist, und dann auch noch vorzugeben, wie die Wiedergutmachung stattzufinden hat, nämlich durch Ablasskauf Spende, ist in einer Form dummdreist, für die sich auch jemand schämen sollte, der nicht aufgrund seiner Position eine besondere Verantwortung für seine Äußerungen innehat.

Das war lustig milde amüsant. Kommen wir zur sachlichen Auseinandersetzung: Das Motiv spielt ohne jede Frage mit antihomosexuellen Vorurteilen, da hat er Recht. Aber ist es homophob? Ist es eine Entgleisung? Ich weiß nicht. Aber ich bin da vielleicht nur nicht sensibel genug. Aus einer unvoreingenommenen Perspektive ist „Tofu ist schwules Fleisch“ für niemanden eine Beleidigung und diskriminiert auch niemanden, sondern ist einfach nur Blödsinn.

Das bringt uns aber freilich nicht weiter, denn kein Mensch sieht dieses Motiv unvoreingenommen. Wir leben in einer Gesellschaft, in der „schwul“ immer noch als Schimpfwort gebraucht wird, und dafür sollten wir uns schämen. Der Anzeigentext ist deshalb für jeden Leser, der nicht einsam in einer Hütte auf der Alm lebt, sofort als Diss gegen Tofu erkennbar, der einfach als gemeinsamen Konsens voraussetzt, dass „schwul“ sowas wie „schwach“, „minderwertig“ oder „verweichlicht“ bedeutet. Und also solcher wäre er natürlich nicht nur dumm, sondern richtig widerlich.

Aber muss man das so verstehen?

Und jetzt sind wir bei dem Punkt, den ich am Anfang erwähnte: Ich mach sowas auch manchmal. Gerade habe ich keine Lust, ein Beispiel rauszusuchen, aber ich wette, dass ihr in den Philoso4-Podcasts mindestens ein Beispiel für einen homophoben, rassistischen, antisemitischen oder vergleichbar dummen Spruch findet, über den wir alle gemeinsam ganz sorglos lachen, weil wir uns damit nicht über Schwule, Ausländer oder Juden lustig machen, sonder über homophobe, rassistische und antisemitische Idioten, die so etwas im Ernst sagen. In diesem Sinne bin ich mir ziemlich sicher, dass ich das „Tofu ist schwules Fleisch“-Motiv mit einem wohlwollenden Schmunzeln zur Kenntnis genommen und nicht weiter drüber nachgedacht hätte, wäre es mir irgendwo in einem unverdächtigen Zusammenhang untergekommen.

Das Problem mit dieser Haltung ist offensichtlich: Ob ich meinen Spruch „Typisch Jude“ nun clever elegant und aufgeklärt ironisch meine oder stumpf stupide und borniert antisemitisch, ist bestenfalls aus dem Kontext erkennbar, und eventuell noch für Leute zu erahnen, die mich ein bisschen besser kennen. Es ist aber derselbe Spruch, und solange es noch genug Idioten in unserer Gesellschaft gibt, um derartige Vorurteile zu einem ernsten Problem zu machen, kann er sogar dann Schaden anrichten, wenn ich in Wahrheit gar nichts gegen Juden habe.

Insofern muss ich vielleicht zugeben, dass meine Wahrnehmung von „Tofu ist schwules Fleisch“ als putziges Spiel mit homophoben Vorurteilen, die wir aufgeklärten Rezipienten der Anzeige natürlich alle sofort als saudumm und unsinnig erkennen und über die wir deshalb wissend lachen, während wir unsere Pfeifen ausklopfen und unsere Cognac-Schwenker nachfüllen, eher die falsche sein könnte. Insofern muss ich vielleicht eingestehen, dass ich da auf denselben Leim gegangen wäre wie die Leute, die ironisch die Bildzeitung lesen.

Und wie seht ihr das?

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34 Responses to Taschentuch? (5)

  1. Alien sagt:

    Das ist das Problem mit Ironie. Einige Menschen verstehen sie schon im direkten Gespräch nicht. In der Schriftsprache verstehen sie noch weniger. Und ohne etwas über den Autor/Urheber zu wissen, kann man es auch gar nicht richtig interpretieren.

    Wenn ich wüsste, dass die Werbefirma homophob ist, wüsste ich, dass es ein ziemlich dämlicher Spruch ist. Wüsste ich, dass sie etwas gegen Homophobie hat, würde ich die Ironie suchen.

  2. Muriel sagt:

    Wir könnten natürlich alternativ auch noch mit dem Gedanken spielen, dass „schwul=homosexuell“ zwar gleich geschrieben wird wie „schwul=weich, schwach, lahm, armselig, minderwertig“, aber eigentlich ein anderes Wort ist. So wie Stuhl ein Möbelstück sein kann, oder ein Stoffwechselendprodukt.
    Darauf passt dann aber ansonsten die gleiche Argumentation.

  3. Alien sagt:

    Interessante Idee, ich denke aber, dass die Herkunft von „schwul=minderwertig“ dann Schwule diskriminieren würde. Denn zuerst war ja schwul=homosexuell da. Und nur durch die Nebeneigenschaften die Schwulen per Vorurteil zugeschrieben werden hätte sich dann das schwul2 entwickelt.

  4. MH sagt:

    Hat es doch auch. Soviel ich weiß, hat sich „schwul“ durch geschickte Kaperung und Neu-Konotation vom Schimpfwort zum „Stolzwort“ entwickelt.
    Oder verstehe ich jetzt Eure Ironie nicht?

  5. Muriel sagt:

    @MH: Naja. Der eine benutzt es so, der andere so. Darum geht es ja im Beitrag.

  6. DasSan sagt:

    Also nenn mich verstockt, aber ohne Rücksicht auf eventuelle superduper Ironie klingt das für mich einfach abwertend. Ich bin der Meinung, dass schwul kein Schimpfwort sein sollte und basta.
    Wie Alien schon sagte, wenn man die Werbefirma und deren Einstellung kennen würde, könnte man das ganze entsprechend bewerten, ansonsten finde ich es einfach daneben.

  7. fichtenstein sagt:

    Da gab’s doch auch ne Southpark Episode zu, wo es um „fag“ ging, da wurde ja auch so argumentiert, dass es mittlerweile gar nicht mehr als Beleidung für Schwule verwendet wird, sondern als generelles Schimpfwort. Ich sehe das allerdings nicht so, das kann man erst dann geltend machen, wenn Schwule und Lesben die gleichen Rechte wie alle anderen auch haben und keiner mehr aus Hass irgendwelche homosexuellen Pärchen verprügelt. Bis dahin wird es eine immer noch beträchtliche Menge an Menschen geben, die es eben als Schimpfwort gegen Schwule verwenden.
    Da muss man dann einfach mal auf das Wort verzichten, zumindest, wenn man nicht im ironisch eingeweihten Kreis von Freunden in der Kneipe sitzt, sondern einen Werbespruch fabriziert. Man mag ja hoffen, dass sie kreativ genug sind, sich was anderes auszudenken.

  8. madove sagt:

    Ein schöner Text. Gibt eigentlich sehr exakt die Entwicklung wider, die auch meine Gedanken zu potentiell minderheitenbeleidigenden „Witzen“ und Sprachwendungen genommen haben.
    Von „Stellt Euch nicht so an.“ über „Aber ICH mein es doch nicht so.“ nach „Hm. Vielleicht muss es aber auch nicht sein?!“

  9. Eipa sagt:

    Lustigerweise ist nicht nur die Übertreibung von Andersartigkeit Diskriminierung, sondern auch das Ignorieren derjenigen. Will heissen: Du weisst nicht wie sich ein Jude fühlst wenn du ihn für einen Metawitz über Rassismus benutzt, irgendwie ist er halt doch anders als du.
    „Typisch Jude!“ ist objektiv antisemitisch und hat das Potenzial sogar dann verletzend zu sein wenn man die Ironie dahinter versteht. Da hilft auch stundenlanges schwenken deines Cognacs nichts.
    Ausserdem wird man nicht unhomophob (philhomopistisch? homophil?) nur weil man in einer Werbeagentur arbeitet, ob die Typen das ironisch gemeint haben würde ich zumindest in Frage stellen.
    Als weisser Hetero mann würde ich generell Vorsicht walten lassen.

  10. Muriel sagt:

    @Eipa: Das ist diskriminierend, und du weißt nicht, wie ich mich fühle, wenn du hier sowas schreibst.
    Irgendwie bin ich halt doch anders als du.

  11. Guinan sagt:

    Aus Marketinggesichtspunkten wäre das eine geniale Strategie gewesen. Maredo? Hab ich vor diesem Theater noch nie gehört. Den Namen vergesse ich aber nie wieder. Benetton-Werbung, irgendwer?
    Ich gehe auch nicht gerade zimperlich mit meinen Mitmenschen um, so ein Spruch, im passenden Kreis angebracht, der könnte auch von mir sein. Zumindest bemühe ich mich, meine kleinen Bosheiten nur so anzubringen, dass ich notfalls sofort reagieren kann, wenn die Ironie nicht erkannt wird. Schriftlich also eher selten, da muss ich mir schon sehr sicher sein, wieviel der andere einstecken kann.
    Ich darf mich also eigentlich gar nicht beschweren, wenn es mich selbst oder mir nahe Stehende erwischt. Trotzdem schmerzt es, wenn jemand einen meiner wunden Punkte trifft. Da hilft mir der Gedanke ‚Ach, er meint es ja gar nicht so‘ nicht sonderlich.
    Nicht, dass das an meinem Verhalten irgendwas ändern würde, der nächste saublöde Spruch kommt mit Sicherheit.

  12. perci p sagt:

    auf einer Grillparty – mit so einem Spruch – hätte man eventuell die Lacher auf seiner Seite. Das Publikum vorausgesetzt.

    Irgendwo einfach ein Spruch.

    Irgendwo einfach ein dummer Spruch.

    Irgendwo ziemlich unprofessionell von Scholz & Friends.

    Irgendwo ziemlich unprofessionell gehandhabt von Maredo. (Denn das Motiv kann man jetzt überall finden -> da hilft es nicht, queer.de abzumahnen.)

  13. Muriel sagt:

    @Guinan: Ich kannte Maredo, das war für mich immer die sympathischere Alternative zu Block-House, was nicht viel heißt, weil mir Steakhäuser generell unsympathisch sind.
    Mangels eigener wunder Punkte fehlt es mir in dieser Angelegenheit sogar an dem bisschen Korrektiv, das du hast, insofern müsste ich eigentlich wirklich vorsichtig mit dem sein, was ich sage.
    Andererseits ist mir das Leben dafür auch einfach zu kurz, generell gesprochen.

  14. Hagen sagt:

    Ich denke bei solchen Werbekampagnen liefert man entweder den Kontext gleich mit oder man lässt es. Meine Theorie: Maredo liefert in diesem Fall den Kontext: Die Werbung „leakt“ „versehentlich“ und Maredo hat die Chance, sich vom Klischee der grobschlächtigen Fleischesser (stark, maskulin, heterosexuell) zu distanzieren, welches viele wahrscheinlich mit einem dicken Steak assoziieren. Mit dem nun kommunizierten Selbstverständnis vom „zivilisierten Fleischkonsum“ kann man auch die hohen Preise rechtfertigen.

  15. Muriel sagt:

    @Hagen: Gewagte These. Ich denke, Maredos kopflose Reaktion spricht eher dagegen, dass es sich um einen geplanten Leak handelt.
    Natürlich ist aber auch möglich, dass die gerade wollen, dass wir genau das denken…

  16. freiheitistunteilbar sagt:

    Insofern muss ich vielleicht zugeben, dass meine Wahrnehmung von “Tofu ist schwules Fleisch” als putziges Spiel mit homophoben Vorurteilen, die wir aufgeklärten Rezipienten der Anzeige natürlich alle sofort als saudumm und unsinnig erkennen und über die wir deshalb wissend lachen, während wir unsere Pfeifen ausklopfen und unsere Cognac-Schwenker nachfüllen, eher die falsche sein könnte. Insofern muss ich vielleicht eingestehen, dass ich da auf denselben Leim gegangen wäre wie die Leute, die ironisch die Bildzeitung lesen.

    Homphob? Ist das dieses neumodische, latent kommunistische, Neugeschwurbel, das diejenige, die Schwuchteln ablehnen – warum auch immer, in den Dunstkreis der Phobien, Kranheiten wähnt?

    Dieser niedliche Pejorativ ist etwa so ausdifferenziert, als wollte man einem Schinkenliebhaber „Tofufeindlichkeit“ vorwerfen, als würfe er jedes Stück Tofu in den Abfall, sobald es sich ihm näherte. 😉

    So ergibt sich ein interessanter Zirkelschluss. Ein Schwulen(Homo-)hasser Vorurteil unterstellt zweierlei Dinge:

    1. das derjenige alle Gays hasse
    2. das es sich um ein Vorurteil handele

    Die Assoziation schwul = verweichlicht, macht im Vergleich der Konsistenz von Tofu gegenüber Fleisch wieder Sinn.

    Das stellvertretende Gejaule der Gut- und Bessermenschen ist bei solchen Aktionen natürlich gewiss. Es könnte natürlich sein, dass sich jemand wichtig machen wollte, als er seine pawloschen Hunde von der Leine lies. 😉

  17. Muriel sagt:

    @freiheitistunteilbar: Danke für die Vorführung, war sehr anschaulich.

  18. Dietmar sagt:

    Ich habe oft den Eindruck, dass political correctness von Nichtbetroffenen in besonderem Übereifer eingefordert wird. Bei „Elevator-Gate“ etwa fiel mir das besonders ins Auge. Jetzt ist das offenbar „jemand“, der sich wohl zurecht als Repräsentant von Betroffenen fühlt. Das relativiert nun meinen Eindruck: Political correctness wird auch von Betroffenen mit besonderem Übereifer eingefordert.

  19. WordPress sagt:

    @Dietmar:
    Komisch, ich finde viel beeindruckender, mit was für einer Energie political incorrectness von Nichtbetroffenen verteidigt wird. Als würde es mehr kosten, als Privilegierter einmal zuviel Rücksicht zu nehmen, als einmal zuviel abwertend bewitzelt zu werden, wenn man eh schon in der Ecke steht.

  20. Dietmar sagt:

    @WordPress: Diese Energie habe ich tatsächlich nicht beobachtet; solltest du mich damit meinen, kann ich nur sagen, dass, zwei Sätze einzutippen, so viel Energie nicht braucht. (Jetzt wäre der nächste Pauschalvorwurf fällig: dass man unbedacht und im Vorbeigehen als Priviligierte political incorrectness verteidige).

    Zudem: Inwiefern ist jemand priviliegiert, wenn er über jemanden Witze macht? Ich finde jedenfalls nicht, dass ich als Heterosexueller in irgendeiner Weise gegenüber Homosexuellen priviliegiert wäre, als Mann gegenüber Frauen, als Angehöriger einer leider christlich durchwirkten Gesellschaft gegenüber Juden etc.

    Grundsätzlich ist Humor wohl eher eine Waffe oder ein Ventil für Unterpriviligierte oder Unterdrückte (allgemein gesagt, denn das trifft hier je nicht zu). Und Humor ist ebenfalls grundsätzlich immer political incorrect: man lacht zumeist über jemanden. Selbst Loriots feinsinniger Humor könnte mit dem Ruf nach political correctness angeklagt werden, weil man beispielsweise über einen senilen, marschliebenden Opa lachen soll.

    OT: Sag mal, WordPress, warum ärgerst du Muriel mit diesen Pingbacks? Jetzt, wo wir dich schon mal da haben, können wir das ja mal fragen.

  21. Muriel sagt:

    @Dietmar:

    Ich finde jedenfalls nicht, dass ich als Heterosexueller in irgendeiner Weise gegenüber Homosexuellen priviliegiert wäre, als Mann gegenüber Frauen

    Oha.
    Da übersiehst du dann aber etwas, oder du meinst mit „privilegiert“ was völlig anderes als ich.
    Dir ist nicht aufgefallen, dass Homosexuelle und Frauen es in unserer Gesellschaft vieler Hinsicht schwerer haben und gegen diverse Vorurteile zu kämpfen haben?

  22. Dietmar sagt:

    @

  23. Dietmar sagt:

    @Muriel: Gut, ich müsste zuerst sagen, ich fühle mich nicht priviligiert. Dass Frauen weiterhin benachteiligt werden (beispielsweise bei der Einkommenshöhe), ist mir schon klar. Solche Dinge halten sich in der Gesellschaft. Aber ich muss auch sagen, dass ich im persönlichen Umfeld alle Frauen, die ich kenne, erheblich besser verdienen als ich und in „stärkeren“ Positionen arbeiten. Die offen homosexuellen Männer, die ich kenne, haben mir über solche Benachteiligungen nicht berichtet und stehen in ihren Berufen und ihrem Bekanntenkreis sehr sicher da.

    Also, ich weiß um die Intoleranz, beobachte sie persönlich ehrlich gesagt eher nicht und fühle mich nicht priviliegiert. Vielleicht macht dies meinen Kommentar verständlicher.

  24. Dietmar sagt:

    Ich habe eine „priviligiert“-Schreibschwäche!

    (Ha! Ein politisch inkorrekter Scherz über Legastheniker!)

  25. Muriel sagt:

    @Dietmar: Okay. Das kann ich verstehen, und ich glaube auch, dass es viele Frauen und Homosexuelle gibt, die trotz der Nachteile sehr erfolgreich sind.
    Aber solange beide Gruppen noch nicht nur gesellschaftlich, sondern sogar gesetzlich diskriminiert werden, hat es meines Erachtens wenig Sinn, darüber zu diskutieren, ob sie benachteiligt werden.
    Darüberhinaus glaube ich (der ich ja nun einmal auch ein weißer heterosexueller Mann bin), dass wir manche Dinge auch kaum wahrnehmen und für selbstverständlich halten, die eigentlich eine Privilegierung darstellen, ob diese sich nun in beruflichen oder finanziellen Vorteilen niederschlagen oder nicht.

  26. Dietmar sagt:

    „Privileg“! *kopfpatsch*

    Das überzeugt mich. Insbesondere, dass man wohl als Nichtbetroffener einiges nicht wahrnimmt, ist ein gutes Argument.

  27. Muriel sagt:

    Und um mich jetzt gleich auch noch bei der anderen Seite unbeliebt zu machen: Trotzdem bin ich nicht sicher, ob ich das Patriarchat sehe, von den bemühungen um gegenderte Sprache bin ich alles andere als überzeugt, und „War Against Women“ ist einfach nur lächerlich.

  28. Dietmar sagt:

    @Muriel: Wir gehen in den Wald, rechts ein Baum, links eine Bäumin. 🙂

  29. Günther sagt:

    @Muriel: Zu der gesetzlichen Benachteiligung: Ich nehme an die besteht bei Homosexuellen wohl darin, dass sie nicht genauso heiraten können wie Heterosexuelle oder Kinder nicht gemeinsam adoptieren können. Ist klar. Aber wo besteht denn eine gesetzmäßige Benachteiligung von Frauen? Habe ich was nicht mitbekommen? Ungerechte Einkommensverteilung etc. ist unbestritten, aber wo findet denn eine gesetzliche Diskriminierung statt?

  30. Muriel sagt:

    @Günther: Ich habe befürchtet, dass jemand das fragen würde.
    Die Antwort ist ein bisschen kompliziert.
    Es ist zwar ganz leicht, Beispiele für Fälle zu nennen, in denen Frauen rechtlich anders gestellt sind als Männer (Sie können zum Beispiel den Straftatbestand der exhibitionistischen Handlung nicht erfüllen, sie unterliegen nicht der Wehrpflicht (Gut, das ist jetzt eh Makulatur, aber du weißt schon.), …), aber dabei handelt es sich zumindest meistens zumindest augenscheinlich um Bevorzugungen, so auch bei der Frauenquote, die zwar zurzeit noch nicht vorgeschrieben ist, aber machen wir uns nichts vor, das ist eine Frage der Zeit.
    Insofern ist Diskriminierung dem Wortsinne nach zwar zweifellos gegeben, aber ob sie für Frauen nachteilig ist, wäre noch zu klären.
    Ich dachte vor allem an den nicht zuletzt vom EuGH bis ins Unsägliche ausgeweiteten Mutterschutz, der das Einstellen einer Frau im fortpflanzungsfähigen Alter für jeden Arbeitgeber zu einem erheblichen Risiko macht und damit tatsächlich einen rationalen Grund schafft, lieber Männer einstellen zu wollen als Frauen.
    Darüberhinaus könnte ich eventuell noch unsere Regelungen zur Fortpflanzung selbst (PID, Schwangerschaftsabrruch etc.) in den Ring werfen.
    Beide Themen haben natürlich gemein, dass sie schon deshalb ausschließlich Frauen betreffen, weil Männer nun einmal nicht schwanger werden.
    Im Ergebnis kann ich gut verstehen, wenn jemand meine Formulierung oben für irreführend hält, hoffe aber, zumindest verdeuchtlicht zu haben, was ich mir dabei dachte.

  31. Günther sagt:

    @Muriel: In Ordnung, ich habe eine Ahnung, was du meinst. Diskriminierung im Sinne von Ungleichbehandlung zu finden ist wie du sagst trivial. Diskriminierung im Sinne von Benachteiligung kann ich im Gesetz dann aber nur bedingt erkennen. Man kann den Mutterschutz ja für falsch halten, aber die Benachteiligung ist doch wohl eher biologischer Natur (ha), weil nunmal nur Frauen schwanger werden können. Auch ohne Mutterschutz könnte die potentielle Schwangerschaft einer Frau ein Grund für einen Arbeitgeber sein, sie nicht einzustellen. Von daher sehe ich im Mutterschutz eher eine Bevorzugung (die ich im Übrigen für grundsätzlich gerechtfertigt halte). Aber naja, das führt jetzt etwas weit vom Thema weg. Ansonsten stimme ich dir in dem zu, was du geschrieben hast.

  32. Muriel sagt:

    @Günther: Ich weiß, was du meinst, und man kann das gut so sehen.
    Ich denke eher, dass man zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmerin Lösungen finden könnte, um das Risiko zu gestalten und einzugrenzen, wenn nicht genau das gesetzlich verboten wäre.
    Insofern ist der Mutterschutz in gewisser Weise eine Bevorzugung, aber eine, zu der der Arbeitgeber gesetzlich gezwungen wird, was wiederum dazu führt, dass für den Arbeitgeber die Personen, die er bevorzugen müsste, weniger attraktive Arbeitnehmer werden. Als würde man verordnen, dass Rothaarige in Zukunft immer 250 Euro netto mehr verdienen müssen als alle anderen Menschen, die
    vergleichbare Arbeiten ausführen. Das wäre oberflächlich erst mal schön für Rothaarige, aber als Arbeitgeber müsste ich mit dem Klammerbeutel gepudert sein, noch so einen einzustellen.
    Aber wie ich das sehe, hast du das auch beim ersten Mal schon verstanden, insofern predige ich gerade für nichts.

  33. Günther sagt:

    @Muriel: Immerhin war es sehr anschaulich 🙂 Ich vermute, dass ich ganz grundsätzlich etwas andere Ansichten als du zum Thema Wirtschaftspolitik und „Freiheitsbeschränkungen“ im weitesten Sinne habe, von daher werden wir wohl keine endgültige Einigkeit erzielen. Aber mich würde schon interessieren, wie du dir so eine Lösung zur Risikoeingrenzung konkret vorstellen würdest.

  34. Muriel sagt:

    @Günther: Eigentlich ganz einfach: Ich würde mir wünschen, dass im Falle einer Täuschung über die Schwangerschaft bei Abschluss des Arbeitsvertrages der Arbeitgeber wie sonst auch zur Anfechtung berechtigt sein sollte, und dass die Vertragsparteien Regelungen für den Fall einer Arbeitsungfähigkeit aufgrund von Schwangerschaft treffen können. Die könnte beispielsweise vorsehen, dass der Arbeitgeber bei einem Ausfall von über x Wochen innerhalb der ersten y Beschäftigungsjahre ein Kündigungsrecht zugestanden bekommt, oder dass die Arbeitnehmerin verpflichtet ist, den Arbeitgeber mit einer Frist von z Monaten im Voraus informieren muss, damit er den Ausfall planen kann.
    Sowas.

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