Auf des toten Mannes Kiste

Und dann habe ich dank Felix Schwenzel ein Interview mit dem Piraten Christopher Lauer gelesen. Felix sieht die Gefahr, zum Lauer-Fan zu werden, und ich verstehe das einerseits, weil Lauer wirklich eminent sympathisch rüberkommt, und das ganze Interview sich so gefällig liest, dass man beinahe wieder anfangen möchte, n-tv zu mögen. Andererseits sehe ich die Gefahr bei mir selbst derzeit gar nicht. Das hat einerseits eher irrationale Gründe:

Der Zyniker in mir kauft Lauer sein unkonventionelles Gehabe nicht ab und stört sich daran, dass jemand permanent in der Öffentlichkeit auf unheimlich sympathische Weise verkündet, dass es in der Politik nicht darum gehen sollte, in der Öffentlichkeit sympathisch zu wirken, und dass eine Partei forwährend durch alle Kanäle in die Welt bläst, dass Parteien nicht permanent ihre leeren Worthülsen durch alle Kanäle in die Welt blasen sollten. Ich weiß wenig über die Piraten und irre mich deshalb vielleicht, aber es kommt mir so vor, als hätten die vor lauter Begeisterung darüber, wie unkonventionell, unideologisch und inhaltsorientiert sie doch sind, noch keine ausreichende Gelegenheit gefunden, irgendwelche inhaltlichen Positionen zu entwickeln. Solltet ihr das besser wissen, belehrt mich bitte.

Und dieses Problem führt uns nahtlos zu den eher rationalen Gründen:

Ich habe keine Ahnung, wofür die Piraten stehen, und die paar inhaltlichen Äußerungen, die ich von den immer immens sympathischen und liebenswert unkonventionellen Vertretern der Piraten höre, gefallen mir eigentlich nie. Nehmen wir mal die Selbstbeschreibung von Christopher Lauer aus dem Interview:

Ich sage seit der Bundestagswahl, dass es sich bei der Piratenpartei um eine sozialliberale Partei handelt. Sozial im Sinne von: Wir leben in einer Gesellschaft, wo wir uns umeinander kümmern müssen, sonst funktioniert es halt nicht. Und liberal im Sinne von: Wir brauchen eine Partei, die sich für Bürgerrechte einsetzt, die sich dafür einsetzt, dass wir in einer freiheitlichen Demokratie leben, in der der Staat eben nicht alle Bürger überwacht, sondern die von Vertrauen geprägt ist, Vertrauen des Staates in seine Bürger. Das ist ja schon mal ein klares Profil.

Zuallererst: Können wir uns darauf einigen, dass das überhaupt kein Profil ist, erst recht kein klares? (s. Punkt 1) Welche Partei würde denn wohl nicht zustimmen, wenn man sie fragt, ob die Menschen sich umeinander kümmern müssen und ob es besser wäre, wenn der Staat nicht alle seine Bürger überwachte?

Und zweitens: Natürlich gefällt mir erstens schon der Teil „sozial“ nicht. Das liegt nicht daran, dass wir uns nicht umeinander kümmern sollten, sondern dass ich mir ziemlich sicher bin, dass Lauer eigentlich meint: „[…] einer Gesellschaft, wo wir die Bürger zwingen müssen, dem Staat ihr Geld zu geben, damit er sich um sie kümmert“. Er hat das etwas freundlicher formuliert, aber so muss er es gemeint haben, denn sonst bräuchte er den Zusatz „sozial“ nicht, denn das Soziale wäre dann keine politische Frage, sondern eine private Entscheidung des einzelnen Bürgers.

Im zweiten Teil finde ich auch sein Verständnis von „liberal“ etwas abwegig. „liberal“ ist ein Staat, der „eben nicht alle Bürger überwacht“, sondern ihnen vertraut? Nein. Nennt mich einen Fundamentalisten, aber schon die bloße Forderung, dass der Staat „Vertrauen in seine Bürger“ haben soll, hat etwas Antiliberales.   Diese Formulierung impliziert nämlich, dass dieses Vertrauen erforderlich wäre, damit der Staat seine Bürger nicht überwacht, was Blödsinn ist, weil ein Staat seinen Bürgern von mir aus gerne misstrauen darf, das gibt ihm trotzdem nicht das Recht, sie alle permanent zu überwachen. Ein liberaler Staat braucht kein Vertrauen. Er tut, was er unbedingt muss, und alles andere lässt er bleiben. Vertrauen hat aus meiner Sicht in politischen Fragen nichts zu suchen.

Und schließlich kommt noch hinzu, dass mir persönlich nun ausgerechnet die Überwachung wirklich überhaupt gar nicht wichtig ist. Überwachung empfinde ich als den so ziemlich geringsten Eingriff in meine Freiheit, den der Staat sich herausnimmt. Ich wäre gerne bereit, permanent überwacht zu werden, wenn der Staat mich ansonsten in Ruhe ließe und nur da eingriffe, wo es erforderlich ist, um die Rechte seiner Bürger zu schützen. Noch besser wäre natürlich keins von beidem, aber wenn ich mich zwischen aktiver Gängelei und Überwachung entscheiden muss, dann nehme ich die Überwachung, ohne auch nur nachdenken zu müssen. (Ja, ich weiß natürlich, dass die Überwachungsgegner die Gefahr eben darin sehen, dass die Überwachung die Macht des Staates erweitert und letzten Endes in härtere Eingriffe in Grundrechte mündet, aber für mich sind das zwei verschiedene Fragen.)

Insofern geht es mir mit den Piraten so ähnlich wie mit Donuts. Ich stehe total auf diese kringelige Form und muss immer ganz glücklich grinsen, wenn ich so einen süßen Teigring sehe, mit Zuckerguss verziert, und vielleicht noch mit diesem putzigen bunten Krümeln obendrauf. Ich finde Donuts enorm sympathisch, und ich mag die Idee von Donuts. Ein Donut ist so ziemlich das netteste Gebäck, das ich mir vorstellen kann. Aber er schmeckt trotzdem nicht, enthält viel zu viel Fett und Zucker, und in seiner Mitte hat er ein großes Loch.

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17 Responses to Auf des toten Mannes Kiste

  1. Alien sagt:

    „Welche Partei würde denn wohl nicht zustimmen, wenn man sie fragt, ob die Menschen sich umeinander kümmern müssen und ob es besser wäre, wenn der Staat nicht alle seine Bürger überwachte?“

    Also zumindest den zweiten Teil würde ich den „sympathischen“ C-Parteien zuschreiben. Uhl, Friedrich und wie sie alle heißen machen doch nichts anderes, als jedes Verbrechen für die Vorratsdatenspeicherung zu instrumentalisieren.

  2. Muriel sagt:

    @Alien: Nee.
    Die wollen sicherlich mehr Überwachung als die Piraten.
    Aber wenn man die fragt, ob sie gerne wollen, dass der Staat nicht alle seine Bürger überwacht, dann nicken die ganz enthusiastisch.

  3. Joan sagt:

    Das mit der Sympathie ist in der Tat so ein Ding – man möchte ihnen gern ein, zwei, drei Chancen geben, und dann erzählt wieder irgendein Piratenvertreter, dass die Privatsphäre ein Auslaufmodell ist, außer ihnen niemand Ahnung vom Internet hat und dass es ein bedingungsloses Grundeinkommen geben müsste. Darauf ´ne Buddel voll Rum.

  4. madove sagt:

    Irgendwie hast Du völlig recht.

    Aber das hilft nichts. Beziehungweise kann ich einfach kein einziges der Argumente gegen die Piratenpartei (Fett, Zucker, Loch, fader Geschmack etc.) lesen, ohne sofort zu denken, daß das alles inzwischen bei den anderen Parteien mindestens genauso schlimm ist. Nur daß die nicht mal lecker duften.

    Ich habe jetzt etwa 20 Jahre lang Tagespolitik ungemein ernst genommen, und tu das immer noch, weil sie leider meine Welt gestaltet, aber diese Art Parteiendemokratie, wie sie im Moment läuft, ist irgendwie defekt, und hochgradig albern geworden.
    Von den Piraten gehen in dieser Richtung immerhin Impulse aus, die einerseits diese Albernheit deutlich machen (dieses zauberhafte Interview ist ein prima Bespiel), und andererseits zumindest Alternativen andenken (Liquid Democracy etc.). Das kommt mir schon mal wie eine Steigerung und ein nützlicher Beitrag vor.

  5. Muriel sagt:

    @madove: Ja, das könnte so sein.
    Insbesondere im Bereich Politik fällt es mir aber schwer, einfach die am wenigsten schlimme Partei zu unterstützen.
    Ich knoble gerade noch aus, ob das vernünftig von mir ist.

  6. malefue sagt:

    ist es nicht eine äußerst erfreuliche sache endlich mal was anderes als die immer gleichen 50-jährigen sesselkleber wählen zu können. wenn die dann nicht 100%-ig mit dir übereinstimmen, so what? das tut niemand, und darum gehts ja bei der repräsentativen demokratie auch gar nicht.
    diese art von perspektiven haben andere gar nicht erst. (ich zum beispiel, als im „alpenparadies“ lebender)
    du musst das als verschiebung des overton-fensters sehen. in kleinen schritten von den realkabarettisten wegwählen. deswegen gibt es doch legislaturperioden und keine lebenszeit-regenten.

  7. madove sagt:

    @Muriel
    Ja, ich knoble genauso.
    Deshalb „unterstütze“ ich auch (noch?) nicht wirklich, sondern sitze einfach nur manchmal mit einem bekifften Lächeln vor dem Bildschirm und genieße den Duft (um im Bild zu bleiben).

  8. Muriel sagt:

    @malefue: Ich sehe einfach noch nicht die Verbesserung. Und einfach nur was anderes zu machen, weil es nicht ganz das gleiche ist, finde ich als Strategie auch nicht so überzeugend.
    Vielleicht weißt du ja mehr als ich und kannst mir sagen, was an der Piraten-Partei in deinen Augen unterstützenswert ist?

  9. Muriel sagt:

    Nebenbei, um hier keinen falschen Eindruck von meinem Engagement zu erwecken: Wenn ich „unterstützen“ schreibe, meine ich damit im Wesentlichen „Hier im Blog und womöglich auch sonst hin und wieder mal erwähnen, dass ich die gut finde.“
    Bis auf Weiteres dürfte das erschöpfend das Ausmaß an Unterstützung beschreiben, das ich einer Partei zukommen lassen würde, die realistischerweise existieren könnte.

  10. malefue sagt:

    ein paar sachen, nicht alles. was für dich unterstützenswert ist, kann ich auch nicht beantworten, aber einiges wird wohl dabei sein. zumal das credo der piraten ja ist, ihre positionen flüssig (liquid) zu gestalten, also immer vom meinungsbild ihrer mitglieder anhängig zu machen. deswegen hört man die ja auch immer so ausweichend werden, wenns um parteipositionen geht, die noch nicht diskutiert wurden. als freund der mitbestimmung und gegner der mikroplutokratien konventioneller parteien wäre das für mich zum beispiel ein pluspunkt.
    aber wie ich schon sagte, ich kann mich auch mit der neugier des außenstehenden damit beschäftigen, das nimmt mir viel druck bei der meinungsbildung.
    mein zweiter punkt, bezüglich der verschiebung des politischen klimas, war mir aber eigentlich eh wichtiger.

    p.s.: schön mal wieder hier reinzukommentieren. hab deinen blog direkt vermisst.

  11. Muriel sagt:

    @malefue:

    zumal das credo der piraten ja ist, ihre positionen flüssig (liquid) zu gestalten, also immer vom meinungsbild ihrer mitglieder anhängig zu machen.

    Das finde ich zum Beispiel nicht vorteilhaft. Es ist deswegen kaum ein Nachteil, weil mir die Positionen der anderen Parteien ja auch nicht gefallen, aber „Wähl mich, dann mach ich, was die Mehrheit richtig findet“ spricht mich nicht an.

    mein zweiter punkt, bezüglich der verschiebung des politischen klimas, war mir aber eigentlich eh wichtiger.

    Ich ahne, was du meinst. Aber ich bin derzeit noch nicht mal überzeugt, dass die Partei überhaupt geeignet ist, das politische Klima zu verändern, geschweige denn zum Besseren.

    hab deinen blog direkt vermisst.

    Das freut mich natürlich außerordentlich.

  12. malefue sagt:

    ja? ich finde das zu vertreten was die mehrheit der mitlgieder will, den einzigen vertretbaren ansatz in einem parteiensystem.

    und ob sie das politische klima verändern, weiß man auch erst wenn sie es getan haben. aber wenn man erstmal feststellt, dass veränderung not tut, sollte man schon kleine impulse positiv sehen. oder immer weiter „alles scheiße“ grummeln und nichts tun. und auf die perfekte partei warten…
    nicht dass das deine position ist, ich spreche hier über alle die die jetzt nichts besseres zu tun haben als eben diesen scheußlichen fatalismus zu zeigen. die scheinen mr auf jeden fall mehr schaden anzurichten als die piraten.

  13. Dietmar sagt:

    Eieiei …

    ich trau´ mich gar nicht …

    Ach, doch:

    Lauer ist mir ganz und gar nicht sympathisch! Das Bild, das sich mir eingeprägt hat, ist das eines arroganten, vorlauten, selbstverliebten, seine Inkompetenz, fehlendes Fachwissen und sprachlich/gedankliche Unschärfen (Stichwort „klares Profil“) als unangepasst und von frischer Ehrlichkeit umweht darzustellen. Geh mir wech!

    „Jetzt bin ich aber mal gespannt.“ Soso. Blödmann, der.

  14. malefue sagt:

    was diese jungen leute für starke emotionen hervorrufen. allein dafür haben sie bei mir schon mal einen goldstern im heft.

    und dietmar, wasn mit dir los. bin ich gar nicht gewohnt, so eine echauffage. (hab ich glaub ich grad erfunden)

  15. […] den Piraten hat auch Muriel geschrieben. […]

  16. Dietmar sagt:

    @malefue: Echauffage! Das ist ja wieder mal schön! Klau´ ich.

    Sieht nur so aus, weil ich meinen ganzen Mut zum Widerspruch zusammennehmen musste. Da schieße ich gerne mal über das Ziel hinaus.

    Aber abgesehen davon hat sich mir bei Lauer das Bild eines arroganten, vorlauten, selbst …

    Ups …

  17. fichtenstein sagt:

    Bis jetzt bin ich noch optimistisch, wobei ich starke Probleme darin sehe, jeden – also nicht nur Parteimitglieder und das sind schon viele – an jeder Diskussion teil haben zu lassen. Bei ganz konkreten Themen mag das evt. zu ausgewogenen Ergebnissen kommen, aber sobald es an die großen Themen wie Bildungspolitik, Hartz IV, Mindestlohn und wasweißich geht, sehe ich die Gefahr, dass das alles vom hunderdsten ins tausendste diskutiert wird und zu keinem Ergebnis führt. Und vielleicht haben sie deshalb auch noch keine klare Linie, weil die wirklich umfassenden Bereiche nicht so leicht in einer Gruppe zu entscheiden sind, was man ja auch an Occupy irgendwas sehen konnte, wo sich das alles auch irgendwann zerlief und keinen Konsens brachte außer „die 1% sind doof“.
    Und bei dem Thema Lauer stimme ich zu: ich werde das Gefühl nicht los, dass er sich selbst für intelligenter hält und deshalb denkt, er kommt mit leerer Rhetorik durch. Klappt ja bis jetzt auch ganz gut.

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