How not to save a life

[Warnende Bemerkung: Dieser Beitrag beginnt nicht nur sehr persönlich, es kommt auch bis zum Schluss nichts mehr, was von allgemeinem Interesse sein könnte. Außerdem ist er zu lang. Es scheint empfehlenswert, ihn einfach auszulassen und auf bessere Zeiten zu warten.]

Ich schraube seit längerer Zeit immer mal wieder an einem Beitrag über meinen verstorbenen Vater, aber das ist gar nicht so einfach. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich jedenfalls hatte eine recht enge, wenn auch zu oberflächliche Beziehung zu ihm, und habe naturgemäß sehr viel Zeit mit ihm verbracht und viel mit ihm erlebt. Einerseits hätte ich deshalb sehr viel über ihn zu sagen, andererseits ist das meiste davon für andere völlig uninteressant.

Außerdem ist es schwer, einerseits ehrlich über ihn zu sprechen, und andererseits trotzdem rüberzubringen, warum er gar nicht so ein fürchterlicher Armleuchter war, und meine Kindheit gar nicht so schlimm, wie man womöglich den Eindruck haben könnte.

Vielleicht ist es hier wie so oft am besten, direkt zur Sache zu kommen: Mein Vater war ein Antisemit, ein Rassist, ein Holocaustleugner, er schimpfte wahnsinnig gerne über „Political Correctness“, und er hatte sogar gewisse Sympathien für die Ideen Erich von Dänikens. Anders als viele andere solche schlimmen Menschen – und ich kann verstehen, wenn ihr glaubt, dass ich ihn mir da nur schön reden will, aber hier geht es ja nun mal um meine Sicht, um welche denn sonst? – war er das aber vor allem mit dem Mund und eigentlich kaum in der Praxis. Er war so ein Antisemit und ein Rassist, wie die meisten Deutschen heute Christen sind: Wenn man sie fragt, dann bejahen sie es natürlich, und sie gehen ein bis zweimal pro Jahr in die Kirche, und wenn es thematisch passt, reden sie auch gerne ausführlich darüber, wie wichtig christliche Moral und die Bibel doch sind, aber davon abgesehen merkt man es ihnen nicht an. Sie glauben, dass sie es glauben, aber sie handeln nicht danach. So habe ich meinen Vater auch erlebt. Er sprach gerne in geeigneter Runde darüber, dass alles von voll asozialen Ausländern sei, aber andererseits waren einige seiner besten Freunde … Oh. Ich glaube, ich tue meinem Anliegen hier gerade überhaupt keinen Gefallen.

Also, jedenfalls hatte ich nie den Eindruck, dass er in der Praxis irgendwie anders mit individuellen Juden oder Migranten oder sonstigen Leuten, die er eigentlich nicht mochte, umgegangen wäre. Und das lag ganz bestimmt nicht daran, dass er den Konflikt gescheut hätte oder ein Problem damit gehabt hätte, seine Meinung zu sagen. Er hat mal eine Nacht in einer Zelle verbracht, weil er ein Zwangsgeld bezahlen sollte, sich aber im Recht wähnte. Er bestand eigentlich schon immer auf seinen Prinzipien und hatte eher Freude daran, wenn er damit einen Streit auslösen konnte. Nur der Familie meiner Mutter ist er immer ausgewichen, aber das ist was anderes.

Wenn man es positiv sehen will, könnte man vielleicht sagen, dass er eigentlich wusste, dass er im Unrecht ist, und das nur aus Dickköpfigkeit und krankhaftem Nonkonformismus nicht offen zugeben wollte. Was daran positiv sein soll? Hm. Muss ich noch mal drüber nachdenken.

So. Ich glaube, jetzt habe ich hinreichend erklärt, wie man auf die Idee kommen könnte, mein Vater sei ein unerträglicher Idiot gewesen. War er auch manchmal. Aber – und das ist vielleicht das wichtigste, was ich von ihm gelernt habe, womit ich die vielen anderen Dinge, die er mir beigebracht hat, nicht geringschätzen will – niemand ist immer nur ein unerträglicher Idiot.

Zum Beispiel hatten wir ein paar ganz gute Running Gags, die jetzt keiner mehr versteht, wenn ich auf sie anspiele. Da wird er mir als Partner schon sehr fehlen. Er hatte von Harald Schmidt die Bemerkung gestohlen „Meine größte Angst ist, dass ich eines Tages zu subtil werde.“. Um den Gag daran zu verstehen, sollte man vielleicht wissen, dass mein Vater den (in der Tat reichlich unverschämten) Drohbrief eines Anwalts mal mit dem Hinweis beantwortet hat, er pflege mit sowas seinen Arsch abzuwischen und füge das entsprechend behandelte Schreiben als Anlage bei. Die Anlage war zwar nicht wirklich mit menschlichen Fäkalien beschmiert, sondern nur mit hündischen, aber die größte Angst schien doch bis auf Weiteres unbegründet. (Der Anwalt zeigte ihn übrigens wegen Beleidigung an, hatte damit aber keinen Erfolg. „Ich glaub, der Vogel hat keinen Humor“, sagte mein Vater dazu. Noch so ein Gag, den jetzt keiner mehr versteht, wenn ich ihn bringe. Der ist aus einem Rüdiger-Hoffmann-Auftritt. Egal.)

Seine Einstellung zur Kindererziehung war übrigens angesichts seiner ansonsten eher … sagen wir mal konservativen Gesinnung überraschend modern, was es mir natürlich leichter machte, ihn zu mögen: Zum Thema Züchtigung sagte er immer, er sei als Kind viel und regelmäßig geschlagen worden und wisse daher, was für ein Blödsinn dieser Brauch sei. „Ich wusste genau, wenn ich beim Nachbarn übern Zaun klettere und Kirschen klaue, gibt’s ’n Arsch voll. Da musste ich dann eben kalkulieren, wann genug reife Kirschen da hingen, damit es das wert war. Und ich wusste auch, wenn ich dazu noch ’ne Scheibe einschmeiße, gibt’s genauso den Arsch voll, also hab ich auch noch ’ne Scheibe eingeschmissen, damit sich’s auch richtig lohnt.“

Eigentlich müsste ich natürlich auch hier einwenden, dass Anekdoten keine Daten sind und diese Geschichte vielleicht kein Argument, aber ich finde, er hatte im Ergebnis Recht und seine Argumentation war nicht ganz falsch. Und so gesehen war er kein schlechter Vater, zumindest für mich. Er hatte einen sehr libertären Erziehungsstil und mischte sich in nichts ein, solange es keine Probleme gab. Ich glaube, meine Eltern haben mein ganzes Leben lang nie eine meiner Schulen von innen gesehen, bis auf das eine Mal, als meine Mutter zu einer Versammlung musste, um über die Einführung (oder Abschaffung? Ich könnte sie fragen, aber wen interessiert’s.) der Samstagsschule abzustimmen. Er hat mir nicht gesagt, was ich lesen oder fernsehen darf, er hat nicht gefragt, was für Computerspiele ich spiele, und ich kann mich auch nicht erinnern, dass er mir jemals irgendwas sinnlos verboten hätte. Das lag nicht, wie man vielleicht jetzt böswillig vermuten könnte, nur daran, dass es ihm egal gewesen wäre. Er hat mir durchaus Buch- und Filmempfehlungen gegeben und sich mit mir über diverse Medien unterhalten, wenn er auch mit Computern nie was anfangen konnte. Eigentlich hat er mich ziemlich rundum wie einen mündigen Menschen behandelt und es mir immer zugestanden, meine eigenen Entscheidungen zu treffen, auch wenn er mir schon sehr deutlich sagte, wenn sie ihm nicht gefielen. Ich fand und finde das vollkommen richtig so.

Er las selbst gerne und viel und hatte eine recht umfangreiche Bibliothek in seinem Wohnzimmer. Formale Bildung hatte er praktisch gar nicht genossen, aber er hatte sich vieles angeeignet, auch wenn er sonderbarerweise immer Probleme mit dem Schreiben hatte. Vielleicht eine leichte Form von Legasthenie, vielleicht auch Gleichgültigkeit, aber wenn er mal was schrieb, fanden sich darin die abenteuerlichsten Fehler, die ihm durchaus auch selbst auffielen und Anlass zu allseitiger Erheiterung boten.

Die vielleicht angenehmste Seite meines Vaters kann ich am Beispiel dieser Karikatur von ihm erklären: Ich glaube, er hat sich selbst ungefähr so gesehen. Er trug diese Brille in dem Wissen, dass er albern damit aussah. Er hatte eine Toilettenrolle mit gehäkelter Mütze drüber auf der Hutablage seiner S-Klasse und freute sich königlich darüber, wenn seine Freunde (bzw. Freundinnen. Meine Mutter und er lebten ziemlich getrennt.) sich deshalb weigerten, einzusteigen, oder eine Papiertüte über den Kopf ziehen wollten, wenn sie mit ihm irgendwohin fahren mussten. Er nahm sich selbst nicht besonders ernst, und das ist ein Zug, der mir nahezu jeden Menschen sympathisch machen kann. Er erzählte manchmal Geschichten von früher – er war 1940 geboren und hat den Krieg deshalb kaum noch bewusst erlebt, aber die Zeit kurz danach -, und nahezu jede endete mit „Wir hatten ja nichts. Es gab ja nichts. War ja nach’m Krieg.“ Ich weiß nicht mal mehr, von welchem Komiker er das hatte, aber er fand den Spruch toll.

Natürlich waren nicht alle seine Geschichten lustig. Eine, die mir heute noch Tränen in die Augen treibt ist die von seiner ersten Ehefrau, der Mutter meines Bruders. Sie war Anfang zwanzig, und sie fühlte sich nicht gut und ließ sich von einem Arzt untersuchen, und der sagte zu meinem Vater, es würde ungefähr sechs Monate dauern.

„Bis sie wieder gesund ist.“

„Nein, bis sie tot ist.“

Und ungefähr so kam es auch. Offenbar war das damals eine Zeit, in der Ärzte das nicht den Patientinnen, sondern deren Ehemännern erzählten. Sie hatte Krebs. Die weiteren Details erspare ich euch mal. Danach erzählte er meistens, wie er den Priester aus ihrem Zimmer verscheuchte, was dann wieder einigermaßen lustig war, aber man merkte ihm doch immer deutlich an, wie schwer dieses Erlebnis ihn getroffen hatte.

Und außerdem war mein Vater Alkoholiker. Mit dem Rauchen hatte er von einem Tag auf den anderen aufgehört (Natürlich nicht wegen der Gesundheit. An Gesundheit glaubte er nicht. Wegen des Gestanks und des Drecks.), aber vom Alkohol kam er nicht los. Das ist vielleicht die tragischste Facette an ihm. Das passte nicht in sein Weltbild, und folgerichtig fand er auch nie einen vernünftigen Weg, damit umzugehen. Probleme, mit denen sie nicht klarkamen, hatten andere. Er war der Wogenbezwinger, der Macher, der Unternehmer, sein ganzes Leben lang. Therapie und Hilfe brauchte er nicht. „Es ist, wie es ist“, sagte er immer, wenn meine Mutter und ich versuchten mit ihm darüber zu reden, und es war die Hölle für ihn. Natürlich war es auch für uns oft nicht schön, und ich werde nicht so tun, als hätte ich ihm das nicht übel genommen, aber ich glaube wirklich, dass er am meisten darunter gelitten hat. Zumindest von dem Zeitpunkt an, als es ihm bewusst wurde, was relativ spät war. Er schimpfte immer über die Ärzte, die ihm versprochen hatten, dass er mit seiner Leberzirrhose höchstens noch ein Jahr durchhält. „Das ist jetzt fünf Jahre her, und mir geht’s immer noch blendend. Drecksäcke.“

Ich weine immer noch manchmal, wenn ich über meinen Vater nachdenke. Nicht unbedingt, weil er tot ist, denn das steht uns ja allen bevor. Auch nicht, weil er zu früh gestorben ist, denn auch das wird uns allen passieren. Sondern vor allem, weil ich mir sicher bin (und er wusste das auch), dass er so viel mehr hätte sein können, so viel größer, und auch so viel glücklicher, wenn er es nur irgendwie geschafft hätte, den Weg aus seinem eigenen Arsch  seiner selbstgeschaffenen Beschränktheit zu finden, oder wenn es ihm gelungen wäre, einen anderen Menschen zu finden, der ihm diesen Weg zeigt. Und natürlich, weil ich mich dagegen entschieden habe, dieser Mensch für ihn zu sein.

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18 Responses to How not to save a life

  1. Henk sagt:

    Hätte sich dein Vater diesen Weg zeigen lassen? Wenn ja: Auch von dir? Nicht jeder kann Hilfestellungen annehmen – aus Angst, falsch verstandenem Stolz etc.

    Im Übrigen kommt dein Vater im Text tatsächlich ganz und gar nicht wie ein Armleuchter rüber, unabhängig von den geschilderten Schwächen. Ich mag keine Rassisten und/oder Antisemiten, aber dein Vater erscheint eigentlich ganz sympathisch.

  2. Muriel sagt:

    @Henk: Erstmal vielen Dank. Ich versichere zwar, dass er durchaus oft genug ein Armleuchter war, aber es ist schön, dass die verschiedenen Facetten rüberkommen.
    Zur Hilfe: Tja. Das ist einer dieser Fälle, in denen man nie erfährt, wie es gekommen wäre, wenn man sich anders entschieden hätte. Ich weiß, ich hätte mehr tun können. Ob das was genützt hätte, und falls ja, ob es genug gewesen wäre, kann ich nicht sagen. Zumindest entbehrt es nicht einer gewissen Tragik, dass seine Erziehung maßgeblich dazu beigetragen hat, dass ich auch nie einen Weg gefunden habe, offener und auf einer tieferen Ebene mit ihm zu reden, und dass ich lange Zeit auch gar nicht erkannt habe, dass er wirklich in ernsten Schwierigkeiten war.

  3. Guinan sagt:

    Ich habe meinen Vater nie wirklich kennengelernt. Er hat mir vieles beigebracht, alle möglichen handwerkliche Dinge, aber ich weiß zu keinem sonstigen Thema seine Meinung, habe keine Ahnung, wie er tickte. Die ersten 20 Jahre wollte er nicht, die nächsten 20 Jahre wollte ich nicht, weil ich zu beschäftigt mit Übelnehmen war, und die restliche Zeit war er dann zu dement, um noch zu ihm durchzudringen.

  4. Muriel sagt:

    @Guinan: Klingt auch nicht schön.
    Ich weiß zu jedem Thema die Meinung meines Vaters. Aber das war bei ihm auch leicht zu erschließen, wenn man mal zehn Minuten mit ihm geredet hatte…
    Handwerklich hat er mir erstaunlicherweise nie was beigebracht. Er hat mal in meiner Gegenwart einen (einfachen) Dietrich gebaut, aber das war auch nur, weil meine Mutter den Schlüssel hatte und wir ins Haus wollten.

  5. madove sagt:

    Was ein toller Text.
    Ich hatte ja gesagt, Vatersachen sind immer gut, aber das hier ist echt schön.
    [Sechs oder sieben gelöschte Versuche eines konkreteren Kommentars gelöscht. Klingt alles doof und plump im Vergleich zu Deinem Eintrag. Lass ich es halt einfach so stehen.]

  6. Muriel sagt:

    @madove: Danke. Und falls du dich doch noch dazu durchringen kannst, was Ausführlicheres zu schreiben, freue ich mich ganz bestimmt.

  7. Ron sagt:

    Hm, schwieriges Thema. Bei mir ist es eher so, dass ich 30 Jahre lang geglaubt habe einen Mann zu kennen, der sich vor ein paar Jahren aber als eine ganz andere Person rausgestellt hat. Der u.a. mir über viele, viele Jahre nur etwas vorgespielt hat und mir so in der Rückschau in gewisser Weise auch einen Teil meiner Vergangenheit genommen hat. Von einer Verarbeitung bin ich noch weit entfernt (die vielleicht aber auch erst in vielen Jahren beginnen wird).

    Du bist da schon – das zeigt für mich der letzte Satz – einen großen Schritt weiter, und das ist gut. Du kannst immerhin neben den wohl vorhandenen Defiziten aber auch das Ein oder Andere sehen, was einen Vater zu einem Vater macht.

    Übrigens finde ich es interessant, wie Du das Selbstbild deines Vaters beschreibst („Wogenbezwinger, Macher, …“). Auch das habe ich erlebt – und später erkannt, wie wenig dieses Bild doch eigentlich zutrifft.

  8. madove sagt:

    Ich glaub, es hat mich gleichzeitig berührt und unterhalten, und irgendwie ein sehr nettes Gefühl hinterlassen, einfach die Art, wie du über ihn schreibst.
    Ich würd mir wünschen, so über meinen Vater schreiben zu können, aber der ist so intensiv präsent (auch in Abwesenheit), daß es mich noch emotional ständig im Achteck rumhaut vor Liebe und Abgrenzung und Enttäuschung und Stolz und weißderHenker.
    Ich glaub, das Schöne an Deinem Text ist, daß es so wirkt, als könntest Du ihn einfach so sehen, wie er war (soweit Du’s weißt), ohne zu sehr zu werten. Das fiele mir (noch?) total schwer.

  9. Dietmar sagt:

    Mein Vater meinte, Jungen müssten hart erzogen werden. Davon habe ich nicht viel mitbekommen, weil er starb, als ich ein Jahr alt war. Den Lebensgefährten meiner Mutter, den ich dann ab meinem dritten Lebensjahr als Vater bekam und ansah, war wortkarg und rauh im Auftreten. Arbeiter und hart im Einstecken und Austeilen. Uns Kinder hat er nicht angerührt. Weder geschlagen noch in den Arm genommen. Als sich bei Dachausbauarbeiten einmal die laufende Trennscheibe in die Hand jagte, hörten wir nichts. Das Ding war auf einmal aus, er kam runter, sah in´s Wohnzimmer und sagte ganz ruhig, dass meine Mutter mal zum Helfen kommen solle. Unter ihrem hektischen Schreien entfernten sie die Maschine aus seiner Hand, er blutete das Badezimmer voll, verband sich notdürftig, setzte sich in´s Auto und fuhr 20 km in das Krankenhaus. Es wurde sofort operiert. Als er wieder klar war, fuhr er nach Hause. Es gibt noch weitere illustrierende Geschichten, die ihn aussehen lassen wie Clint Eastwood oder Bruce Willis in den Filmen, und so habe ich ihn auch gesehen. Ich habe ihn bewundert und respektiert, war irgendwie stolz auf ihn aber meistens gemerkt, dass ich nicht wirklich sein Sohn bin. Als er dann an Krebs erkrankt war, war er immer wieder überrascht, dass ich ihn besuchte und er mir wichtig war. Ausgesprochen haben wir uns nie über irgendetwas. Er knurrte kurze Statements hervor oder provozierte so lange, bis man das Zimmer verließ. Er hielt gar nichts von der Kirche, ich vermute, dass er nicht an Gott glaubte. Als ich ihn mal danach fragte, kam eine sehr alberne Antwort, bei der klar war, das er sie albern meinte, um der Antwort auszuweichen. Er nahm sein zuerst rapides körperliches und dann geistiges Abbauen wütend wahr, was man aber nur merkte, wenn man ihn kannte, weil er äußerlich ruhig blieb. Als er starb, war meine Mutter bei ihm. Wir Kinder kamen zu spät.

    madove findet hier Worte, denen ich mich anschließen möchte: „Ich glaub, es hat mich gleichzeitig berührt und unterhalten, und irgendwie ein sehr nettes Gefühl hinterlassen, einfach die Art, wie du über ihn schreibst.“

  10. Dietmar sagt:

    (Mir fällt gerade auf, dass ich immer dazu neige, Sätze anders anzufangen als ich sie enden lasse. Wollte ich nicht in Word vorschreiben? Hmmm …)

  11. Muriel sagt:

    Wow. Vielen Dank noch mal an alle für das Lob.

  12. DasSan sagt:

    Väter sind schon kompliziert, oder? Ich habe zum Glück noch keinen verloren und habe gleich 2, den „Erzeuger“ und den „Papa“.
    Beide sind sehr sehr unterschiedlich, aber ich komme mit beiden gut aus, obwohl sie beide durchaus negative Seiten haben.
    Ich kann es deshalb auch verstehen, dass man jemanden trotzdem als Vater liebt/mag, obwohl er sich rassistisch äußert und auch mal seine Nachbarn ohne mit der Wimper zu zucken als „Molukken“ bezeichnet (was mich echt auf die Palme bringt), oder obwohl er andere unschöne Dinge getan hat. Dann ist so ein unerträglicher Idiot eben der unerträgliche Idiot, der mich gemacht/aufgezogen/geprägt hat und mir deshalb wichtig ist.

  13. madove sagt:

    @DasSan Puh, ja. Väter sind echt kompliziert.

  14. spitzzunge sagt:

    @ Muriel.
    Jetzt aber mal ein dickes Kompliment. Dein Beitrag ist mutig und

    ehrlich und berührt etwas, mit dem wir uns Alle eines Tages

    mehr oder weniger schmerzhaft auseinandersetzen müssen,

    auch um uns und unsere „Schattenseiten“ besser kennenzulernen

    und an uns arbeiten zu können.

    Der Blog gewinnt dadurch an Tiefe, die ihm guttut.

  15. rebhuhn sagt:

    @DasSan und @madove
    ich glaube, daß die vaterrolle [auch eltern-/mutter-] eine recht schwer konsistent zu füllende rolle ist, und somit nicht väter oder mütter an sich, sondern einfach die position eine komplizierte oder besser: komplexe ist.

  16. Joan sagt:

    Deine Ratschläge oben sind nicht so gut, Muriel – hätte ich sie eben befolgt und den Beitrag ausgelassen, hätte ich wirklich was verpasst. Vermutlich bin ich auch deswegen von dem Text so geflasht, weil ich mit meinem Großvater etwas Ähnliches verbinde – gerade als ich anfangen wollte, wirklich auf ihn zuzugehen, und wertzuschätzen, was ich an ihm habe, ist er gestorben. Gerade dadurch, dass du so sachlich schreibst, ist das Gefühl auf einmal wieder sehr präsent.

  17. Vielen Dank für deine Offenheit und deinen Mut, Muriel, wirklich ergreifender Beitrag. Insofern kann ich mich nur meinen Vorkommentatoren anschließen…

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